Das Francisceum ist eine unter verschiedenen Namen seit dem 16. Jahrhundert in Zerbst/Anhalt betriebene höhere Lehranstalt. Von 1582 bis 1798 war es ein Gymnasium Illustre (Anhaltische Landesuniversität mit Lateinschule). Heute ist die Schule ein staatliches Gymnasium.

Die 1526 gegründete Schule wurde nach dem Patron des sie beherbergenden ehemaligen Franziskanerklosters, dem heiligen Johannes dem Täufer, bis 1803 Johannisschule genannt. Sie gilt als die älteste weiterführende Schule Sachsen-Anhalts.

Geschichte Vom Kloster zum Schulgebäude mini|Francisceum mit Stadtmauerturm, Chor der Kirche (Aula-Fenster im Norden und Osten) und östliches Klostergebäude (Alumnenzimmer)

Die Geschichte der Schule geht zurück auf ein Kloster des 1210 gegründeten Franziskanerordens, das um 1235/45 erbaut und 1246 erstmals urkundlich erwähnt wurde.Achim Todenhöfer: Kirchen der Bettelorden. Die Baukunst der Dominikaner und Franziskaner in Sachsen-Anhalt. Berlin 2010, S. 188.190.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 45. Es gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia); 1450 tagte das Provinzkapitel der Saxonia im Zerbster Konvent, der somit eine dafür ausreichende Größe gehabt haben muss.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 169. Nach 1485 übernahm der Konvent wie zahlreiche andere Klöster der Franziskanerprovinz Saxonia die Martinianischen Konstitutionen, eine gemäßigte Form der Observanzbewegung im Orden, die auf einen Vermittlungsversuch des Papstes Martin V. 1430 zurückging.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 185, 205.

Am 1. September 1526 wurde im Zuge der Reformation das Franziskanerkloster in Zerbst erstürmt, die Ordensmänner wurden vertrieben.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 265. 1532 war nur noch einer von ihnen im Kloster, der dieses 1534 verließ und sich nach Berlin begab.Mönche im Franziskanerkloster Von 1776Die ersten Missionare berief der Fürst. In: Tag des Herrn. Ausgabe 14/1996 vom 7. April 1996, S. 12. bis 1813Rudolf Joppen: Das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Band 7, Teil 2, Die Errichtung des mitteldeutschen Kommissariats 1811. St. Benno Verlag, Leipzig 1965, S. 305. waren Franziskaner der Sächsischen Ordensprovinz noch einmal vorübergehend in Zerbst tätig, wo sie eine Missionsstation für die Seelsorge an den wenigen im Fürstentum Anhalt-Zerbst lebenden Katholiken betrieben.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 443.

Die erste Kirche des Klosters hatte kleine Fenster, wovon eins (zugemauert) an der Nordwestseite zwischen dem ersten und zweiten Fenster in halber Höhe der Kirche sichtbar ist. Darunter befindet sich ein zugemauertes frühgotisches Portal der Erbauungszeit, das 1912 freigelegt worden ist und zu dem Stufen nach unten führen. Das Gelände war zum Zeitpunkt der Anlage des Klosters nicht so hoch. Südlich der Kirche gab es zunächst nur einen großen Klosterhof, umgeben von einem Kreuzgang. Später entstand ein zweiter kleiner Klosterhof. Im 14. Jahrhundert, um 1300/10, wurde die Kirche erhöht. Zudem wurden hohe gotische Fenster eingebaut, im Langhaus fünf Fenster auf der Nordseite und im Chor noch größere Fenster. Den Giebel der alten Backsteinkirche, der sich von dem bei der Erhöhung verwendeten Gemisch aus Hausteinen und Backsteinen abhebt, kann man am westlichen Giebel der Kirche noch deutlich erkennen. Das Gebäude südlich des kleinen Hofes, in dem sich u. a. das Refektorium und darüber ein Festraum (seit 1803 Bibliothek) mit kreuzgewölbter Decke befinden, stammt aus der Zeit um 1470.

Johannisschule 1532–1644 Die Gründung der Nikolaischule, eine Lateinschule, erfolgte im Jahre 1526 (früher ?Sickel: Geschichte des herzöglichen Gymnasiums Francisceum Zerbst 1803–1903, Zerbst 1903. S. 2) und befand sich zunächst bei der Nikolaikirche, der größten Kirche von Zerbst, der damals größten Stadt Anhalts. Sie zog 1532 in das Franziskanerkloster und nutzte dessen Gebäude bis auf die Klosterkirche, die in der Reformationszeit als Kornmagazin und Aufbewahrungsort von Geschützen Verwendung fand. Damit u. a. die Geschütze eingefahren werden konnten, erhielt die Westseite der Kirche eine große Rundbogentür. Da das Kloster das Patrozinium Johannes des Täufers trug, erhielt die Schule bald den Namen „Johannisschule“. Sie hatte vier Klassen.

In Zerbst bestanden zwei Trivialschulen, die Bartholomäischule und die Nikolaischule (später Johannisschule), die 1582 zur neuen Johannisschule vereinigt wurden. Sie hatte zunächst sieben Klassen. Fürst Wolfgang von Anhalt-Köthen hatte für den Fall der Zusammenfügung beider Schulen eine hohe Summe in seinem Testament vorgesehen.

Das Erlernen der lateinischen Sprache war das Ziel der Trivialschule/Lateinschule. Auch Musikunterricht spielte eine große Rolle. Man lernte nicht deutsch lesen und schreiben, ja es war sogar verboten sich in der Schule der deutschen Sprache zu bedienen. Vor 1582 standen in Zerbst auch keine Realien auf dem Stundenplan. 1600 gibt es Arithmetik im Stundenplan der Prima. 1625 hat in den untersten drei Klassen der zehnklassigen Schule neben dem Latein auch die deutsche Muttersprache Einzug gehalten um den Winkelschulen entgegenzuwirken.

Anhaltische Landesuniversität (Gymnasium Illustre) 1582–1798 mit Auditoriengebäude von 1585 Die Gründung der Landesuniversität erfolgte unter dem damals Anhalt allein regierenden Fürsten Joachim Ernst von Anhalt, dem es ein Anliegen war, Beamte, Lehrer und Theologen im Sinne des Philippismus zu erziehen und so ein Gegengewicht zu den streng lutherisch geprägten Universitäten Wittenberg und Leipzig zu bilden. Die Hohe Schule Zerbst besaß daher in der frühen Neuzeit eine große Bedeutung für die philippistisch-calvinistisch geprägten höheren Schichten in ganz Mitteleuropa. Die Hohe Schule bildete 2701Reinhold Specht: Die Matrikel des Gymnasiums Illustre zu Zerbst 1582–1798. Leipzig 1930, S. 15 Studenten aus. Ohne die Gelder des Fürsten Wolfgang hätte das Gymnasium Illustre nie ins Leben gerufen werden können. Auch hat es bis zum Inflationsjahr 1923 ein Wolfgangsstipendium gegeben.

1603 wurde Anhalt wieder geteilt. Von 1603 bis 1793 war Zerbst Residenz des Fürstentums Anhalt-Zerbst, zunächst unter Fürst Rudolf von Anhalt-Zerbst (1576–1621). Nach der Teilung Anhalts hatten die Senioren des Hauses Anhalt jeweils das Patronat der Hohen Schule inne gemäß Rezess vom 7. August 1606.

In der Zeit des Bestehens der Universität gab es zwei unheilvolle Ereignisse: Gleich im ersten Jahr 1582 war in Zerbst die Pest ausgebrochen, die Vorlesungen wurden erst zu Ende des Jahres 1582 fortgesetzt. Dann zog der Dreißigjährige Krieg die Universität und Zerbst ab 1626 in Mitleidenschaft. In der Nähe der Universität erstiegen Ernsts von Mansfeld Truppen am 16. März 1626 die Mauer und nahmen die Stadt ein. Eine Tafel neben dem Wehrturm erinnert daran.

Die Universität hatte wie eine damalige Volluniversität die Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. In der medizinischen Fakultät wurde durch einen Prof. Limmer bereits 1690 die Anatomie des menschlichen Körpers anhand von Sezierübungen gelehrt. Zur Erlangung eines akademischen Grades wurde das Studium an einer anderen Volluniversität fortgesetzt. Die Juristen gingen zur Universität Marburg, Universität Heidelberg und Universität Genf, die Theologen zur Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und die Mediziner gingen zur Universität Leiden, Universität Groningen, Universität UtrechtCastan, Joachim: Das Gymnasium Illustre des Fürstentums Anhalt in Zerbst 1582–1652, Halle 1999; S. 194 – Werdegang einzelner Studenten bzw. zur Universität Wittenberg, Universität Halle, Universität Frankfurt (Oder) und Universität Jena.Ars medica Servestana 1582–1803 von Kaiser/Völker, 1980 – S. 51, 58 – biograf. Ang. zu 22 Medizinstudenten, Imm. in Zerbst 1688–1794

1584/85 entstand westlich der Kirche ein Anbau im Renaissancestil mit achteckigem Treppenturm, einem Auditorium im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss die Wohnung des Rektors. 1589 wurde eine Kommunität (Mensa) eröffnet, die bis 1770 bestand.

Das Gymnasium Illustre hatte von 1582 an eine eigene Buchdruckerei, die sich von 1680Franz Münnich: Geschichte des Francisceums zu Zerbst 1526–1928. Zerbst 1928, S. 31 bis 1798 im Refektorium befand, die einhundert Jahre davor neben dem Kloster in einem eigenen Gebäude, das wegen Baufälligkeit nicht mehr nutzbar war.

Der Bestand der Bibliothek des Gymnasiums Illustre wuchs Dank zahlreicher Schenkungen und Nachlässe während der ersten zwei Jahrhunderte kontinuierlich an. Eine wirkliche Universalbibliothek, die ca. 2500 Bände umfasste, gab es erst ab 1714/15 durch die Raumerschen Schenkungen (Johann Georg von Raumer (1671–1747), 1000 Bände vermutl. insbesondere Bücher seines Großvaters Georg Raumer (1610–1691) und die gesamte Büchersammlung von Friedrich Amadeus Gottlieb von Raumer (1643–1728)).Bestand der heutigen FrancisceumsbibliothekFrancisceumsbibliothek Die Universitätsbibliothek befand sich im Auditoriengebäude.

Johannisschule 1644–1803 Das Fürstentum Anhalt-Zerbst kehrte 1644 zum lutherischen Bekenntnis zurück. So kam es wieder zu einer Teilung der Schule, es gab nun die evangelische St.-Bartholomai-Schule und die reformierte (calvinistisch geprägte) Johannisschule. Das änderte sich erst 1803, als wieder beide Schulen zusammengefügt wurden.

Nach 1644 sank die Schule von zehn Klassen auf acht, dann sieben und zuletzt fünf Klassen herab. 1685 waren an der Johannisschule nur 7 Primaner, dagegen waren es an der Bartholomäischule 22 (darunter allerdings 17 auswärtige Schüler).

1797 wurde Zerbst nach der Zerbster Teilung Bestandteil des Fürstentums Anhalt-Dessau unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz, der als „Vater Franz“ segensreich in Zerbst wirkte und die Johannisschule nach dem Vorbild des von ihm 1774 gegründeten Dessauer Philanthropinums reformierte. Während die Hohe Schule Zerbst aus finanziellen Gründen 1798 schloss, wurde die Johannisschule weitergeführt.

Ausbau des Langhauses der Kirche zum Hauptklassengebäude, Hauptschule zu Zerbst 1803–1836, Francisceum 1836–1945 mini|Blick in den Hauptflur (ehemalige Klosterkirche) mini|Denkmal für Leopold III.Friedrich Franz am Eingang