Das Rotkehlchen (Erithacus rubecula) ist eine Vogelart aus der Familie der Fliegenschnäpper (Muscicapidae). Es besiedelt Nordafrika, Europa und Kleinasien sowie die Mittelmeerinseln. Seine Nahrung besteht vor allem aus Insekten, kleinen Spinnen, Würmern und Schnecken. Sein Gesang beginnt etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang und ist bis in die Dämmerung fast das ganze Jahr über zu hören. Die Art gilt derzeit als ungefährdet.
Das Rotkehlchen war in Deutschland 1992 und 2021 und in der Schweiz 2025 „Vogel des Jahres“.
Wegen seiner oft geringen Fluchtdistanz, seines Erscheinungsbilds und seiner Häufigkeit ist das Rotkehlchen ein besonderer Sympathieträger. In Christuslegenden steht es Jesus in besonderen Momenten und im Sterben tröstend bei. Zudem wird es als inoffizieller Nationalvogel Großbritanniens mit Weihnachten in Verbindung gebracht. Es hat bei der Entdeckung und wissenschaftlichen Anerkennung des Magnetsinns eine wichtige Rolle gespielt.
Beschreibung Das Rotkehlchen ist von rundlicher Gestalt mit langen, dünnen Beinen. Die orangerote Kehle, Stirn und Vorderbrust sind leicht zu erkennen und erlauben eine einfache Bestimmung. Füße und Iris sind dunkelbraun, der Schnabel ist schwarzgrau bis braunschwarz. Über den Schnabelwinkeln stehen je drei bis vier Bartborsten. Die Größe liegt bei etwa 13,5 bis 14 Zentimetern. Die Flügelspannweite beträgt 20 bis 22 Zentimeter, und das Körpergewicht liegt meist bei 15 bis 18 Gramm.
Merkmale miniatur|Durch Aufplustern wirkt das Rotkehlchen viel rundlicher. Die orangerote Färbung der adulten Vögel reicht von Vorderstirn und Kehle bis zur Vorderbrust und umfasst auch die Kopf- und Halsseiten, am ausgeprägtesten zeigt sich der Fleck auf der Brust. An der Stirn ist die Orangefärbung weniger deutlich und aschgrau gesäumt. Die Oberseite ist olivbraun, im Frühjahr jedoch durch Abnutzung der äußeren Federsäume gräulich gefärbt. Die weiße Unterseite wird von den hellolivbraunen Körperseiten eingefasst. Während die Oberschwanzdecken eine gelbbraune Färbung haben, sind die Unterschwanzdecken rahmfarben. Die Steuerfedern sind dunkelbraun mit gelbgrauem Außenfahnensaum. Hand- und Armdecken sind groß mit rostbraunen Spitzen. Die Unterflügeldecken sind gräulichweiß bis hellbraun gefärbt.
Bei etwa der Hälfte der Altvögel tragen die zentralen großen Armdecken auf der Außenfahne einen kleinen gelben Spitzenfleck, der sich auf die Aufhellung der Schaftspitze beschränken kann. Weder stellen diese gelben Spitzenflecken Reste des Jugendkleides dar noch lässt sich mit ihnen auf einen Alters- oder Geschlechtsunterschied schließen. Sie werden sowohl bei der Nominatform als auch bei anderen geographischen Unterarten des Rotkehlchens festgestellt.P. R. Rogge: Ein Beitrag zur Mauser des Rotkehlchens (Erithacus rubecula rubecula L.). In: Beitrag zur Vogelkunde. 12, 1966, S. 162–188. Beim Rotkehlchen gibt es keinen Geschlechtsdimorphismus.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 11/1: Passeriformes. 2. Teil: Turdidae. Aula-Verlag, Wiesbaden 1988, S. 43.Gemäß Dost in Bub 1985 zeigen die Männchen eine größere Ausdehnung des roten Brustlatzes, die nicht grau, sondern blaugrün sei. Der Rücken sei moosgrün, beim Weibchen oft bräunlichgrau. Im Frühjahr seien die Männchen am Gesang und dem hervorstehenden Steißzäpfchen zu erkennen. Im Frühjahr ist der Schnabel einfarbig schwärzlich-grau, im Winter zeigt er jedoch eine eher braunschwarze Färbung. Im Sommer und im Herbst hat die Innenseite des Oberschnabels eine schwärzlichgraue Endhälfte. Über den Schnabelwinkeln stehen drei bis vier Bartborsten auf jeder Seite. Nach Heinroth 1965 ist das Weibchen in der Regel kleiner, jedoch wie das Männchen gefärbt. mini|hochkant|Rotkehlchen mit besonders ausgeprägter keilförmiger Stirn-Musterung Das dunkelbraune, rahmfarben gefleckte Gefieder der Jungvögel ist ohne Rot. Die olivbraune Oberseite weist hellockergelbe Flecken und schwärzliche Endsäume auf. Die rötlich rahmgelbe Unterseite zeigt auch schwarze Federsäume. An der Außenfahne finden sich die gelben Spitzenflecken. Die Füße sind rosagelblich. Innerhalb von vier Monaten, also ab Anfang September, erfolgt bei Jungvögeln die Pneumatisierung der Knochen, das heißt, die Bildung hohler luftgefüllter Knochen. Das Jahreskleid der Jungvögel ist bei Männchen und Weibchen gleich. Der Nestling ist blassrot gefärbt. Die Unterseite ist dunkelrot, die Daunen auf Scheitel und Schulter sind schwarz. Sie sind 10 bis 11 mm lang. Der kugelige, schwarze Augapfel ist 4,3 mm groß. Der Schnabel ist hell fleischfarben und die Schnabelwülste gelblich. Das Schnabelinnere und der Rachenraum sind zitronengelb und ohne Zungenpunkte. Die Füße sind fleischfarben.
Mauser Die gesamte Vollmauser beansprucht einen Zeitraum von 80 bis 90 Tagen. Setzt die Mauser spät ein, dauert sie 60 bis 70 Tage. Die Vollmauser der ein- bis mehrjährigen Vögel findet von Anfang Juni/Anfang August bis Ende Juli/Ende September statt. Die Vermauserung sämtlicher Federn vollzieht sich annähernd zwischen dem Wechsel der ersten und der zehnten Handschwinge, so dass der Mauserzustand der Handschwingen als Bezugswert für die Beurteilung der Vermauserung der übrigen Federpartien dienen kann. Die Jugendmauser, eine Teilmauser, setzt ab der sechsten bis siebten Lebenswoche ein und dauert etwa 55 Tage. In Abhängigkeit vom Schlupfdatum findet sie von Mitte Juni bis Ende September statt.
Das Rotkehlchen neigt bei Gefahr oder Erschrecken durch Tiere zur Schreckmauser. Dabei werden meistens die Steuerfedern abgeworfen, die während der regulären Mauser eine Wachstumsdauer von 25 Tagen haben.
Ähnliche Arten Das Rotkehlchen unterscheidet sich vom Männchen des Zwergschnäppers vor allem durch seine Größe, die orangerote Stirn und das Fehlen einer weißen Zeichnung an der Schwanzwurzel. Von jungen Hausrotschwänzen unterscheiden sich die Jungvögel durch den dunkelbraunen statt rostroten Schwanz. Von jungen Nachtigallen unterscheiden sie sich durch eine hellere Unterseite und einen rotbraunen Schwanz sowie durch geringere Größe und kleineres Volumen.
Stimme und Gesang Rufe und Kommunikation miniatur|Rotkehlchen auf einer Singwarte Das Rotkehlchen fällt am häufigsten durch seinen Alarm- und Störungsruf, das „Schnickern“ oder „Ticksen“,Klangbeispiel (WAV; 283 kB), Spektrogramm auf. Es handelt sich um eine Reihe von kräftigen, schnell wiederholten „Zik“-Elementen. Vor Luftfeinden warnt der Vogel mit einem gedehnten „Ziih“, bei einem Angriff auch mit dem trillernden Schreckruf „Zib“. Erkennt er eine Eule in seiner Nähe, ertönt der Warnruf „Ziib“. Ausgewachsene Vögel erhalten die Kommunikation untereinander mit dem Stimmfühlungsruf „Dib“ aufrecht, auf dem Zug auch mit einem Laut, der wie „Trietsch“ klingt. Aggressionen werden durch Schnabelklappen (Instrumentallaut) ausgedrückt.
Auch bei der Jungenaufzucht spielen Rufe eine wichtige Rolle. Da die Nestlinge sich bei Erschütterungen des Nestes nicht rühren, löst erst ein leise schnatternder Fütterruf des Altvogels das Aufsperren der Schnäbel aus. Ab dem siebten Tag geben die Jungvögel zwitschernde Bettellaute von sich. Flügge Junge betteln mit einem lauten „Zit“.
Gesang und Gesangsverhalten mini|hochkant|Gesang in der Morgendämmerung mini|hochkant|Rotkehlchen singt Der Gesang des Rotkehlchens ist mit 275 nachgewiesenen, sich fortlaufend ändernden Motiven äußerst variabel.Klangbeispiel, Vogelwarte Sempach Er wird mit vorgestreckter, das Rot betonender Brust, in der Regel von einer hohen Singwarte aus, vorgetragen. Er beginnt etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang und ist noch eine gute Zeit nach Sonnenuntergang zu hören, hauptsächlich jedoch während der Dämmerung. Rotkehlchen singen mit Ausnahme der Mauserzeit das ganze Jahr über. Bei den mitteleuropäischen Vögeln nimmt im Frühjahr die Gesangsaktivität zu; im Winter lässt sie bei den überwinternden Exemplaren merklich nach. Im Gegensatz dazu singen nord- und nordosteuropäische Vögel selbst im mitteleuropäischen Hochwinter intensiv, wenn es nicht zu kalt wird. Während das Weibchen in der Brutzeit seltener singt, steigt die Gesangskurve des Männchens gleichzeitig signifikant mit der Suche nach einer Partnerin an. Hat sich ein Paar gefunden, hört das Männchen vorübergehend fast völlig zu singen auf.
Der Revieranzeigegesang wird normalerweise mit perlenden reinen Tönen und Trillern eingeleitet und fällt gegen Ende langsam ab; hohe metallische Töne werden oft dazwischen eingeschoben. Häufig sind in die 2,5 Sekunden langen Strophen auch undeutliche Imitationsphrasen eingelegt. Auf den Menschen wirkt der Reviergesang lieblich und schwermütig melodiös. Ist das Rotkehlchen hochgradig erregt, verdeutlicht es seinen Willen zur Eskalation durch übertönendes oder störendes Singen.Torben Dabelsteen, Peter K. McGregor, Jo Holland, Joe A. Tobias, Simon Boel Pedersen: The signal function of overlapping singing in male robins. In: Animal Behaviour. 53, 1997, S. 249–256. (PDF; 385 kB) Dabei wechselt das Gesangsmuster zu einer fast durchgängigen, niedrigen Gesangsamplitude, die als „Zwitschern“ bezeichnet wird. Dieser Antwortgesang zwischen revierbesitzenden Nachbarn ändert sich mit der Zeit gewöhnlich dahingehend, dass dem Zwitschergesang zunehmend weniger Aufmerksamkeit beigemessen wird. Der Balzgesang richtet sich an Weibchen, die möglicherweise am Revier vorüberziehen. Er lässt jedoch abrupt nach, wenn eine Verpaarung zustande kommt. Erfolgt jedoch gleich darauf wieder die Trennung, kann er innerhalb von Stunden in alter Stärke wieder ertönen.
Insbesondere wenn das Risiko einer Kopulation durch ein fremdes Männchen am höchsten ist, verstärkt der verpaarte Revierbesitzer den Gesang, um Eindringlingen seine Präsenz, Aufmerksamkeit und Aggression zu zeigen.Joe Tobias, Nat Seddon: Territoriality as a paternity guard in the European robin, Erithacus rubecula. In: Animal Behaviour. 60, 2000, S. 165–173. (, PDF; 150 kB) Nochmals steigert es das Singen, wenn das Nest fertig und das Gelege komplett ist. Bleibt der Eindringling dennoch im Revier des Sängers, können die Kontrahenten mitunter eine Lautstärke von 100 Dezibel erreichen. Meist hört der Unterlegene mit dem Singen auf, hält sich noch eine kurze Zeit lang stumm in dem Gebiet auf und zieht schließlich ab.
Fremde Stimmen werden häufiger als der Gesang des Nachbarn gestört und übertönt.Emma Brindley: Response of European robins to playback of song: neighbor recognition and overlapping. In: Animal Behaviour. 41, 1991, S. 503–512. Die nach Niederschlägen angestiegene Luftfeuchtigkeit und Nebel fördern die Gesangsaktivität, starker Regen lässt die Vögel jedoch verstummen. Das Rotkehlchen singt manchmal mitten in der Nacht, insbesondere wenn der Mond hell scheint oder sich eine Beleuchtungsquelle (Straßenlampen, Fenster) in der Nähe befindet. Es singt auch, wenn es bei der Beringungsprozedur in einen dunklen Beutel gesteckt wird oder eine Sonnenfinsternis erlebt.Rudolf Pätzold: Das Rotkehlchen. Erithacus rubecula. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 520). Westarp Wissenschaften, Aula Verlag, ISBN 3-89432-423-6. Nächtliches Singen urbaner Rotkehlchen auf Plätzen, die während des Tages laut sind, legt nahe, dass sie zu dieser stilleren Zeit singen, damit ihre Botschaft von der Umgebung klarer aufgenommen werden kann.R. A. Fuller, P. H. Warren, K. J. Gaston: Daytime noise predicts nocturnal singing in urban robins. In: Biology Letters. 3, 2007, S. 368–370, doi:10.1098/rsbl.2007.0134.
Das Weibchen singt während der Brutzeit leiser und seltener als das Männchen, verteidigt sein Winterrevier jedoch auch mit heftigem Gesang. Das Rotkehlchen kann die Stimmen seiner Artgenossen individuell erkennen. Bereits Jungvögel können die Stimmen anderer Vögel imitieren. Als gute Spötter können sie in ihrem Lied unter anderem Nachahmungen von folgenden Vögeln hören lassen: Kohlmeise, Amsel, Trauerschnäpper, Blau-, Tannen-, Hauben- und Weidenmeise, Buchfink, Zilpzalp, Fitis, Heckenbraunelle, Goldammer, Feldlerche und Mönchsgrasmücke.