hochkant=1.5|mini|Stammsitz von Boehringer Ingelheim in Ingelheim
Boehringer Ingelheim ist ein Pharmaunternehmen, das 1885 von Albert Boehringer in Ingelheim am Rhein gegründet wurde. Es ist, gemessen am Umsatz, das größte Pharmaunternehmen in Deutschland. Das Kerngeschäft von Boehringer Ingelheim ist das Erforschen, Entwickeln, Herstellen und Vertreiben von Arzneimitteln für Mensch und Tier.
Das Familienunternehmen erzielte im Jahr 2025 einen Umsatz von 27,8 Milliarden Euro. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung beliefen sich auf 6,4 Milliarden Euro.
Eigentümerverhältnisse und Struktur Das Unternehmen befindet sich ausschließlich in Familienbesitz. Die Gesellschafterfamilie wird in der Unternehmensleitung seit 2009 durch Hubertus von Baumbach, einen Urenkel des Firmengründers Albert Boehringer, vertreten. Von 2016 bis 2025 war von Baumbach Vorsitzender der Unternehmensleitung. Sein Nachfolger wurde der familienfremde Shashank Deshpande. Vorsitzender des Gesellschafterausschusses war von 2007 bis 2025 Christian Boehringer, ebenfalls ein Urenkel von Albert Boehringer. Er übergab den Vorsitz zum 1. Juli 2025 an Hubertus von Baumbach.
Juristische Konzernmutter ist die C. H. Boehringer Sohn AG & Co KG. Das weltweite operative Geschäft wird von deren Tochter Boehringer Ingelheim GmbH geleitet. Die meisten landesweiten Geschäfte werden in Deutschland von der Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG und in Österreich von der Boehringer Ingelheim RCV GesmbH & Co KG geführt.
Boehringer Ingelheim gehört zu den 20 umsatzstärksten Pharmaunternehmen der Welt (2025 Platz 14). Unter den deutschen Anbietern verschreibungspflichtiger Arzneimittel liegt das Unternehmen nach Umsatz an der Spitze, nachdem es 2023 den DAX-Konzern Bayer überholt hatte.
Geschichte Vorläufer und Verhältnis zur namensgleichen Firma in Mannheim Christian Gotthold Engelmann und Christian Friedrich Boehringer eröffneten 1817 die „Drogen- und Materialwarenhandlung Engelmann & Boehringer“ in Stuttgart, die 1859 nach dem Ausscheiden der Erben Engelmanns zur chemischen Fabrik C. F. Boehringer & Söhne wurde. 1867 übernahm sein Sohn Christoph Heinrich Boehringer das Unternehmen und verlegte 1872 den Sitz nach Mannheim.
1882 ging das Unternehmen auf dessen Sohn Ernst Boehringer über, der es bis zu seinem Tod 1892 zusammen mit seinem Kompagnon Friedrich Engelhorn junior führte. Anschließend übernahm Engelhorn das Unternehmen. Der etablierte Firmenname C. F. Boehringer & Söhne blieb bestehen.
Gründung und erste Produkte mini|Albert Boehringer, der Gründer von Boehringer Ingelheim (ca. 1905)
Albert Boehringer, ein weiterer Sohn von Christoph Heinrich Boehringer, gründete 1885 eine chemische Fabrik in Nieder-Ingelheim am Rhein, die er 1893 in C. H. Boehringer Sohn umbenannte. Für ca. 70 Jahre gab es damit zwei Unternehmen mit dem Namen Boehringer. Zur besseren Unterscheidbarkeit benannten sich die Unternehmen Anfang der 1960er Jahre in Boehringer Mannheim und Boehringer Ingelheim um.
mini|Werkseingang von Boehringer Ingelheim um 1890 mini|Werbeplakat von 1895 für Boeson, ein Backpulver auf Milchsäurebasis, das erste patentierte Produkt von Boehringer Ingelheim
1895 machte man bei Boehringer Ingelheim die Entdeckung, dass Milchsäure mit Hilfe von Bakterien in großen Mengen hergestellt werden kann; damit begann die biotechnische Produktion. Die Milchsäure wurde hauptsächlich (mit Natriumhydrogencarbonat) als Backpulver verkauft. 1911 wurde in Mainz die Tochtergesellschaft Chabeso GmbH gegründet, die die Limonadenmarke Chabeso auf der Basis von Milchsäure auf den Markt brachte.
Wichtig für den Erfolg der Milchsäure war auch ihre Verwendung als sogenannte technische Milchsäure in Färbereien, Gerbereien, Druckereien usw. Hierfür schuf Albert Boehringer erst einen Markt, der vorher nicht existiert hatte.
Mit dem auf Opium basierenden Schmerzmittel Laudanon kam 1912 das erste pharmazeutische Produkt von Boehringer Ingelheim auf den Markt. 1917 erfolgte die Gründung der wissenschaftlichen Abteilung, deren Aufsicht zunächst dem Chemiker und späteren Nobelpreisträger Heinrich Wieland übertragen wurde. In der Folge wurde die Produktion von Gallensäure aufgenommen, dem Spezialgebiet Heinrich Wielands.
Aus der Zusammenarbeit mit Heinrich Wieland ging auch das Produkt Lobelin hervor, ein Mittel gegen Atemstillstand, das 1921 auf den Markt kam. Neue Forschungs- und Therapiegebiete erschloss sich das Unternehmen Anfang der 1930er Jahre mit dem Herz-Kreislauf-Medikament Sympatol sowie 1941 mit dem Asthmamittel Aludrin.
Nach dem 1. Weltkrieg Ab 1924 betrieb Boehringer Ingelheim in Hamburg-Moorfleet ein Zweigwerk zur Herstellung von Grundstoffen für Arzneimittel wie Coffein, Morphin und Codein. 1928 übernahm das Unternehmen die Dr. Karl Thomä & Cie. in Winnenden bei Stuttgart, aus der 1943 der heutige Standort Biberach an der Riß hervorging. Nach dem Tod des Firmengründers Albert Boehringer im Jahr 1939 übernahmen seine Söhne Albert (1891–1960) und Ernst Boehringer (1896–1965) sowie sein Schwiegersohn Julius Liebrecht (1891–1974) die Unternehmensleitung.
Nationalsozialismus Der Historiker Michael Kißener untersuchte über mehrere Jahre die Firmengeschichte während des Nationalsozialismus und veröffentlichte 2015 seine Forschungsergebnisse. Demnach passte sich Boehringer Ingelheim als mittelständisches Unternehmen den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Regimes an, ohne eine hervorgehobene Rolle innerhalb des NS-Systems einzunehmen. Mitglieder der Firmenleitung traten – vor allem zur Vermeidung betrieblicher Nachteile – der NSDAP bei, obwohl sie keine Nationalsozialisten gewesen seien. Das Unternehmen profitierte wirtschaftlich von der Einstufung mehrerer Präparate, darunter Sympathol, Lobelin, Aludrin und Coffein, als kriegswichtige Arzneimittel; Teile der Produktion wurden 1943 infolge alliierter Bombardierungen ausgelagert.
Zwischen 1943 und 1945 setzte Boehringer Ingelheim an mehreren Standorten rund 1500 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus zwölf Nationen ein. Die Arbeits- und Lebensbedingungen variierten, es kam jedoch auch zu Misshandlungen sowie zu einzelnen Todesfällen. In mehreren Fällen wurden schwer kranke Zwangsarbeiter an andere Einrichtungen überstellt, wo sie ums Leben kamen. Gleichzeitig sind einzelne Bemühungen dokumentiert, jüdische Mitarbeiter oder Zwangsarbeiter zu unterstützen, wenngleich diese keine grundlegende Distanzierung vom NS-Unrechtssystem darstellten. Nach 1945 setzte sich das Unternehmen mit seiner Rolle im Nationalsozialismus auseinander.
Nachkriegszeit und internationale Expansion 1948 gründete Boehringer Ingelheim in Wien mit der Bender & Co. GmbH seine erste Auslandsgesellschaft. Aus dem 1955 von Pfizer übernommenen Veterinärprogramm entstand 1978 die Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH. Von 1962 bis 1966 gehörte der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker der Geschäftsführung an. 1986 nahm in Biberach das „Biotechnikum“ den Betrieb auf; daraus entwickelte sich die bis heute größte Produktionsanlage für biotechnologisch hergestellte Arzneimittel aus Zellkulturen in Europa.
Weitere Entwicklung 1993 wurden die beiden Standorte Biberach und Ingelheim unter einer einheitlichen Geschäftsführung zusammengefasst; die Forschung wurde in Biberach konzentriert, die Produktion – mit Ausnahme der biopharmazeutischen Produktion – in Ingelheim.
1995 wurde Bioscientia, ein Labordiagnostikdienstleister, durch einen Management-Buy-out aus Boehringer Ingelheim herausgelöst.
2004 wurde das Mikrotechnologie-Unternehmen microParts in Dortmund übernommen, das für das Unternehmen den Respimat entwickelte und produziert.
Wichtige Neueinführungen der letzten Jahre waren Spiriva für chronisch obstruktive Atemwegserkrankung (COPD) und Pradaxa zur Vorbeugung der Bildung von Blutgerinnseln.Michael Sieber (Hrsg.: Gesellschafterfamilie der C.H: Boehringer Sohn AG & Co. KG): Mit Menschen für Menschen. Aus der Geschichte des forschenden Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim. Ingelheim 2010, S. 192–207.
Im Juli 2015 verkaufte Boehringer Ingelheim die US-Generikasparte Roxane mit rund 1300 Mitarbeitern für 2,65 Milliarden US-Dollar an den britischen Konkurrenten Hikma Pharmaceuticals. Von dem Kaufpreis erhielt Boehringer 1,18 Mrd. US-Dollar in bar und den Rest in 40 Millionen Hikma-Aktien. Boehringer Ingelheim ist dadurch mit 16,71 Prozent Anteilseigner an Hikma.
Zum Jahresbeginn 2017 wurde die Sparte für freiverkäufliche Humanpharmazeutika im Zuge eines Tauschgeschäftes an den Pharmakonzern Sanofi abgegeben und dafür die Tiergesundheitssparte von Sanofi (Merial) in Boehringer Ingelheim integriert. Der sog. Spartentausch schloss auch eine Zahlung von 4,7 Milliarden Euro an Sanofi ein. Zu den an Sanofi verkauften bekannten Marken gehörten unter anderem Thomapyrin, Mucosolvan, Silomat und Antistax.
Im April 2017 beschloss Boehringer Ingelheim die bisher größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte: In Wien wurde bis 2021 eine Biotech-Produktionsanlage für 700 Millionen Euro errichtet, wo Arzneimittelwirkstoffe auf der Basis genveränderter Zellen produziert werden.
Am 10. Dezember 2020 wurde bekanntgegeben, dass das Basler Biotechunternehmen NBE-Therapeutics für 1,18 Milliarden Euro übernommen wird.
Standorte Boehringer Ingelheim beschäftigt über 54.000 Mitarbeiter, davon rund 17.000 in Deutschland (Stand 2025). Das Unternehmen unterhält weitere Produktionsstätten unter anderem in Italien, Spanien, Mexiko, Brasilien und den Vereinigten Staaten.
Die Forschung und Entwicklung für Humanpharmazeutika findet aktuell weltweit in 13 Ländern mit Hauptstandorten in Biberach an der Riß, Ridgefield (Connecticut)/USA, Duluth (Georgia)/USA, St. Joseph (Missouri)/USA, Wien/Österreich sowie Lyon/Frankreich und Kōbe/Japan statt.
Zwischen 2005 und 2014 hat Boehringer Ingelheim 1414 Studien mit 115 Substanzen in 95 Ländern aller Regionen der Welt durchgeführt oder finanziert. Weltweit beschäftigt Boehringer Ingelheim mehr als 9500 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung. Die Arzneimittelforschung konzentriert sich weltweit auf vier Forschungsgebiete: Immunologie und Atemwegserkrankungen, Kardio-metabolische Erkrankungen, Onkologie und Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
Seit der Akquisition von großen Teilen des Tiergesundheitsgeschäfts von Pfizer (insbesondere das ehemalige Wyeth-Markengeschäft „Fort Dodge“) im Oktober 2009 verfügt Boehringer Ingelheim über Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen für Tiergesundheit in Fort Dodge im US-Bundesstaat Iowa.
45 Prozent des Umsatzes erzielte das Unternehmen im Jahr 2020 in Nord- und Südamerika, 30 Prozent des Umsatzes entfallen auf die Region Europa und 25 Prozent auf die Region Asien/Australien/Afrika.
Ingelheim am Rhein Stammsitz und Zentrale des Unternehmensverbandes befinden sich in Ingelheim am Rhein. Hier werden Arzneimittel und Wirkstoffe für den gesamten, weltweiten Unternehmensverband produziert. Am Standort sind insgesamt 8605 Mitarbeiter beschäftigt (Durchschnitt 2018). Neben der Pharma-Fertigung findet hier die Produktion von Pharma-Wirkstoffen für den weltweiten Unternehmensverband statt.
Biberach an der Riß In Biberach waren 2020 durchschnittlich knapp 6600 Mitarbeiter angestellt. Hier finden Forschung und Entwicklung für konventionelle chemische Wirkstoffe sowie für Arzneimittel auf biotechnischer Basis statt sowie die Produktion von Biopharmazeutika.
Dortmund Knapp 700 Mitarbeiter von Boehringer Ingelheim microParts in Dortmund beschäftigen sich hauptsächlich mit der Herstellung des Respimat Soft Inhalers, der im Respimat-Betrieb in Ingelheim befüllt und verpackt wird.Profilseite des Standortes Dortmund von Boehringer Ingelheim. Abgerufen am 27. Dezember 2017.
Wien