mini|320px|Ausbreitung der Sal- und Rheinfranken bis zum 5./6. Jahrhundert
mini|320px|Der Rheinische Fächer:1: Nordniederfränkisch (darunter Kleverländisch)2: Südniederfränkisch (darunter Limburgisch)3: Ripuarisch4: nördliches Moselfränkisch5: südliches Moselfränkisch6: Rheinfränkisch
Ripuarisch (von ) – auch Ripwarisch, RibuarischEmil A. Gutjahr: Die Anfänge der neuhochdeutschen Schriftsprache vor Luther. Streifzüge durch die deutsche Siedelungs-, Rechts-, und Sprachgeschichte auf Grund der Urkunden deutscher Sprache. Halle a. S., 1910, S. 110: „Wir überblicken I. im Mutterlande folgende Mundarten: [...] B. In Mitteldeutschland: 4. das Mittelfränkische, a) Nordmittelfränkische oder Ribuarische² (Köln), b) das Südmittelfränkische oder Moselfränkische (Trier); 5. [...].“ mit der Anm. „2) Von „ribe“ (freigebig, frei) d. i. = „Franke“ s. Wilser, S. 929.“ oder Nordmittelfränkisch – ist eine kontinentalwestgermanische Dialektgruppe. Es ist die Eigentliche der drei großen Rheinisch genannten Sprachgruppen, unter denen es räumlich und im Dialektkontinuum des Rheinlandes eine Mittelstellung einnimmt zwischen dem Niederrheinischen am Niederrhein, das wie die niederländische Sprache zum Niederfränkischen zählt, und dem südlich angrenzenden moselfränkischen Dialektraum, welcher wie die ripuarischen Dialekte in manchen Fällen der westmitteldeutschen Sprachengruppe zugerechnet wird. Der ripuarische Sprachraum umfasst die Umgebung der Städte Köln, Bonn und Aachen.
Sprachgeschichtlich wie phonetisch am nächsten verwandt ist das Südniederfränkische, eine in Nordbelgien und der südostniederländischen Provinz Limburg sowie einem schmalen Streifen von Heinsberg bis zum Niederrhein in Deutschland verbreitete niederfränkische Varietät. Diese genießt in den Niederlanden den offiziellen Status als Minderheitensprache nach der EU-Charta.
Herkunft Ab Mitte des 3. Jahrhunderts schlossen sich germanische Stämme am unteren Rheinlauf zu dem neuen Großstamm der Franken zusammen. Der Teilstamm der Salier drang über Toxandrien nach Nordgallien ein. Andere Teilstämme zogen vom Niederrhein zum Mittelrhein. Als Bezeichnung für die Stämme der Rheinfranken, die sich seit dem 4. Jahrhundert an den Flussufern des mittleren Rheins, der oberen Maas, der niederen Sieg sowie an Ahr, Erft und Rur ansiedelten, kam ab dem 6. Jahrhundert der Begriff „Ripuarier“ – das heißt „Uferbewohner“ – auf. Das entsprechende Territorium wurde Ripuarien genannt. Hingegen sind die bereits im Jahre 15 vor Chr. von den Römern in Köln angesiedelten – und später romanisierten – Ubier historisch gesehen nicht zu den „Ripuariern“ zu rechnen.Ulrich Nonn: Die Franken. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2010, S. 11–63, ISBN 978-3-17-017814-4.
Neben den Salfranken wurden die Rheinfranken zum tragenden Teilstamm innerhalb des sich herausbildenden Reichs der Franken.Günther Drosdowski: Das Herkunftswörterbuch – Etymologie der deutschen Sprache. 2. Auflage, Verlag Bibliographisches Institut, Mannheim 1989, S. 183, ISBN 3-411-00907-1.Vergleiche noch im Deutschen: „frank und frei“ oder im Englischen: „“
Die Rheinfranken eroberten im 5. Jahrhundert Köln, das eine Zeit lang ihre Hauptstadt wurde. Zugleich beendeten sie die Vorherrschaft des Lateinischen in diesem Teil Germaniens. Die unterworfene Kölner Bevölkerung – Nachfahren der romanisierten Ubier sowie der Galloromanen – wurde von den Rheinfranken assimiliert.
Wahrscheinlich sprachen die Franken zwischen Frankfurt am Main, Reims und Köln in jener Zeit noch ein relativ einheitliches Altfränkisch. Die Tatsache, dass eine bäuerliche Bevölkerung in diesen Landschaften zunehmend ansässig wurde, brachte es mit sich, dass sich das Altfränkische in der Folgezeit hier regional deutlich ausdifferenzierte.
Historisch gesehen gab es eine Gleichsetzung der Begriffe Rheinfranken und Ripuarier: So galt die im 7. und 8. Jahrhundert erschienene Lex Ripuaria (das Ripuarische Recht) im gesamten rheinfränkischen Raum. Auf die Mundartsprecher ist diese Gleichsetzung aber nicht übertragbar. Als „Ripuarisch“ erscheinen hauptsächlich die rheinübergreifenden Dialekte in den Kerngebieten des ehemaligen Kurköln und Jülich-Berg. Spaltungen der rheinischen Frankenstämme fanden ihren Niederschlag in abweichenden Namen für die Dialekte am Niederrhein (niederrheinisches oder niederfränkisches Platt) sowie die Mundarten an der Mosel und im Rhein-Main-Gebiet, die als „Moselfränkisch“ und „Rheinfränkisch“ bezeichnet werden – entsprechend dem vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) herausgegebenen Rheinischen Fächer.Rheinischer Fächer. In: Landschaftsverband Rheinland, 29. Januar 2024
Verbreitung Die ripuarischen Dialekte sind mit dem Moselfränkischen verwandt, weisen aber auch Gemeinsamkeiten mit niederrheinischen Dialekten auf, was sie zu Übergangsdialekten macht. Die Grenzen des Dialektgebietes reichen entlang der Benrather Linie im Norden und vom Raum des Dreiländerecks im Westen bis Wildberg (Oberberg) im Osten (mit lingualen Einflüssen bis ins nördliche Siegerland). Im Süden stimmt die Dialektgrenze relativ genau mit der Landesgrenze Nordrhein-Westfalens südlich von Bad Honnef (Namensgeber der gewissermaßen signifikanten Bad Honnefer Linie) und Hennef überein. Zwei zum Norden von Rheinland-Pfalz gehörende Gebiete können allerdings noch hinzu gerechnet werden; zum einen die Region Bad Neuenahr-Ahrweiler und zum anderen die Region Linz am Rhein. Aufgrund der jahrhundertelangen Zugehörigkeit dieser Territorien zum Kurfürstentum Köln verliefe die Sprachgrenze hier rechtsrheinisch etwa zwischen Leubsdorf und Bad Hönningen. Im Westen, also linksrheinisch, setzte sie sich sodann südlich von Bad Breisig und nördlich von Brohl-Lützing als Vinxtbachlinie fort. Kennzeichnend ist in diesem von der Volkssprache der beiden großen nordrheinischen Fürstentümer geprägten Raum jedoch nicht zuletzt die ausgebliebene hochdeutsche Entlabialisierung, zumal gerundete Vokale im Nordmittelfränkischen allgegenwärtig sind. Ripuarisch wird auch im nordöstlichen und mittleren Teil des deutschen Sprachgebietes in Belgien gesprochen (das 1920 zu Belgien kam) sowie in einigen südostlimburgischen Grenzgemeinden der Niederlande, wie Kerkrade (Kerkrader Platt), Bocholtz und Vaals und Umgebung.Den Verlauf von Staats- und Sprachgrenze im Süden des Hürtgenwaldes zeigt die Karte Meer over de Benrather taalgrens. auf Op de Grens von Hans Hermans, 2009 (niederländisch)
Die Dialekte zwischen der Benrather Linie und der weiter nördlich verlaufenden Uerdinger Linie (die „niederfränkischen ich-Dialekte“), wie das Düsseldorfer Platt, weisen viele Gemeinsamkeiten mit den ripuarischen Dialekten auf. Auch wenn sie viele niederdeutsche und niederländische Eigenarten besitzen, werden sie gelegentlich, je nach Standpunkt, noch dem Ripuarischen zugeordnet. In manchen Gebieten, wie in und um Mönchengladbach oder in der Stadt VelbertDazu siehe auch Velberder Platt vermischen sich die verschiedenen typischen Unterschiede zwischen Ripuarisch und den Nachbardialekten in einem so breiten, stark bevölkerten Gebiet, dass eine präzise Grenzziehung ohnehin schwierig und relativ willkürlich ist.
Vor allem niederländische Autoren betrachten den niederfränkischen und ripuarischen Sprachraum gemeinsam als eine relativ starke sprachliche Einheit.
Varianten Am bekanntesten sind die kölschen Dialekte des Ripuarischen, einschließlich der landkölschen. Die übrigen Dialektvarianten weisen meist die Bezeichnung „Platt“ im Namen auf, so das Öcher Platt, Hommersch Platt, Dürener Platt und Eischwiele Platt, und so fort.
Der Wortschatz der Unterdialekte wurde im Rheinischen Wörterbuch beschrieben.Rheinisches Wörterbuch. Im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und des Provinzialverbandes der Rheinprovinz auf Grund der von Johannes Franck begonnenen, von allen Kreisen des Rheinischen Volkes unterstützten Sammlung bearbeitet und herausgegeben von Josef Müller, Heinrich Dittmaier, Rudolf Schützeichel und Mattias Zender. 9 Bände. Bonn/Berlin 1928–1971. Volltext online Die lokalen Varietäten unterscheiden sich zum Teil gravierend in der Semantik und Lexik, in der Aussprache und einigen grammatikalischen Eigenheiten. Generell ist dabei zu beobachten, dass benachbarte Varianten meist recht ähnlich klingen und eine gute gegenseitige Verständlichkeit besteht, während dies, typisch für ein Dialektkontinuum, bei räumlich weiter auseinanderliegenden durchaus nicht der Fall sein muss, was bis zur gänzlichen Unverständlichkeit reichen kann. Relativierend sollte dazu gesagt werden, dass im Bedarfsfall die „entfernten“ Dialekte, zumindest passiv-verstehend, meist schnell gelernt werden können.
Die ripuarischen Dialekte werden gelegentlich grob eingeteilt in westripuarische im Großraum Aachen und der südwestlichen Eifel, zentralripuarische im Bereich Köln, Bonn, Neuss sowie die vor allem im südlichen Teil des Bergischen Landes gesprochenen bergischen Dialekte.Man könnte letztere systematischerweise auch „ostripuarisch“ nennen, diese Bezeichnung wird jedoch nicht gebraucht. Mit dieser Einteilung korrespondiert in vielen Fällen die jeweils übliche Partikel, die entsprechend dem hochdeutschen „nicht wahr?“, dem schweizerdeutschen „oder?“, dem hessischen und teilweise oberdeutschen „gell?“, oder dem Englischen „is it?“, „isn't it?“ an Sätze angehängt wird. Im Westripuarischen ist das überwiegend ein „wa!?“ bis „waach?“ mit sehr schwachem „ch“, im Zentralripuarischen geht dieses von einem „ne“ mit kurzem, fast tonlosen „e“ bis zum „neejet“, während im südlichen Bergischen „woll“ bis „wohl“ vorherrscht, wenn eine solche Partikel überhaupt verwendet wird. Das „woll“-Gebiet setzt sich östlich und nach Norden ins Sauerländische und das übrige Südwestfälische hinein fort.
Es sind gut tausend ripuarische Varietäten aus unterschiedlichen Orten oder Ortsteilen bekannt.Georg Cornelissen im Gespräch mit Sebastian Fink, in: Der rheinische Dialekt: "Die Schwaben sind Angsthasen"., In: Bonner Generalanzeiger, 13. März 2015. Abgerufen am 14. März 2015
Dialektgebiete
nördliche Eifel mittleres Erft- und Rurgebiet mit der Umgebung von Köln Aachener Land Bergisches Land
Verwandte Dialektgebiete
ripuarisch-niederfränkisches Übergangsgebiet nordbergischer Raum von Solingen – Remscheid bis Mülheim/Ruhr
Sprechen Allen ripuarischen und den angrenzenden limburgischen Dialekten gemein ist, dass sie in moderatem Umfang tonale Anteile enthalten, was sie zu Tonakzentsprachen macht, und dass sie weitgehend mit einer Art Satzrhythmus gesprochen werden, gekennzeichnet durch stark wechselnde Vokallängen, gelegentlichen winzigen Pausen innerhalb mancher Worte und Silben, dafür starke Liaisonen mit Sandhi, Assimilation über Wortgrenzen, (optionalen) Vokaleinfügungen (meist ein unbetontes e) und/oder Diphthongierungen, echten und unechten Tilgungen. Die ripuarischen Satzmelodien sind deutlich ausgeprägter als die deutschen oder niederländischen und anders als die französischen. Häufig wird die Satzstellung dem „passenden“ Rhythmus und der Satzmelodie untergeordnet, insbesondere, wenn ein Wort mit hohem Tonakzent auf eine unbetonte oder per Satztyp tief zu sprechende Stelle der Satzmelodie treffen würde. In viel stärkerem Umfang als in den benachbarten Hochsprachen werden Satzmelodie, Rhythmus, Tonlage und Betonungen benutzt, um semantische Anteile in der gesprochenen Sprache zu transportieren. Nicht selten existieren von einer Wortfolge bis zu einem Dutzend lediglich unterschiedlich ausgesprochener (intonierter) Varianten, die völlig unterschiedliche Aussagen beinhalten, einschließlich ironischer Gegenteile; diese sind im Hochdeutschen manchmal nur durch zusätzliche Modalpartikeln nachzubilden oder erfordern eine vollkommen andere Wortwahl.
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