mini|Die Lage der Ausgrabungsstätte am rätischen Donaulimes Die Kastelle von Straubing, dem antiken Sorviodurum (auch Servinodurum oder Serviodurum), sind die Sammelbezeichnung für einen mehrperiodigen römischen Garnisonsort auf dem Gebiet der Stadt Straubing in Niederbayern. Der Name ist keltischen Ursprungs, er bezeichnete eine nahegelegene keltische Siedlung aus vorrömischer Zeit, bei der die Römer in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts einen wichtigen Militärstützpunkt der rätischen Donaugrenze errichteten. Der Stützpunkt hatte Bestand bis in die spätrömische Zeit. Er war mit einem Donauhafen versehen und von einem großflächigen Vicus umgeben, der vermutlich als zentraler Marktort für das Umland von großer Bedeutung war.

Lage Die militärischen und zivilen römischen Siedlungsstellen befanden sich etwa zwei Kilometer östlich des heutigen Stadtzentrums von Straubing auf einer Niederterrasse der Donau (Danubius), dem Osterfeld, wo der Allachbach in die Donau fließt. In der mittleren Kaiserzeit wurde das Siedlungsgebiet im Norden durch den Abfall der Donauniederterrasse und im Westen durch den Allachbach natürlich begrenzt, während Ost- und Südausdehnung variierten. Für die zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entsprach die Begrenzung etwa dem Verlauf der heutigen Ittlinger Straße und der Ostpreußischen Straße. Bis in die 1950er Jahre wurde dieses Gebiet hauptsächlich zur Anlage von Gärten und landwirtschaftlich genutzt, heute ist es zum größten Teil überbaut.

Das spätrömische Kastell muss, aufgrund der zahlreichen Kleinfunde, auf dem Kirchhügel der Basilika St. Peter, einem Geländesporn westlich des Allachbachtals, lokalisiert werden.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 6–7, 14–16.Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing – Sorviodurum (= Limesforschungen. 3). Mann, Berlin 1965, S. 9–17.

Forschungsgeschichte mini|links|Johannes Mondschein Der bayerische Historiker und Hofhistoriograph Johannes Aventinus war der erste, der an der Stelle der Straubinger Azlburg ein Castra Augustana vermutete. Simon Schard, der 1566 die deutsche Ausgabe von Aventins Annales Ducum Boiariae besorgte, bezeichnete Straubing als römische Reichsstadt und erwähnt den heute in Passau befindlichen Grabstein des Iulius Primitivus als erstes in Straubing gefundenes Steindenkmal. Danach vergingen über zweihundert Jahre, in denen sich kaum jemand mit der römischen Vergangenheit Straubings beschäftigte.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden durch Ritter Joseph Anton von Mussinan erste Aufzeichnungen über das römische Straubing. Er identifizierte Straubing durch römische Funde wie das Brandgrab im Garten des Klosters Alzburg als das in der Tabula Peutingeriana verzeichnete Sorviodurum. Schon Mussinan vermutete ein römisches Kastell unter der Basilika St. Peter.Joseph von Mussinan in Jahresberichte des Historischen Vereins Straubing, 1898ff.

Mussinans Vermutung und ein erhöhtes Aufkommen von Funden, wie der 1811 auf dem Osterfeld gefundene römische Inschriftenstein mit einer Weihinschrift für Jupiter Dolchenus von einem Veteranen der 1. Canathenerkohorte (heute leider für immer verloren), führten zu weiterer Beschäftigung des Bildungsbürgertums Straubings mit der römischen Vergangenheit des Ortes. 1880 begründete Oberstleutnant Eduard Wimmer auf Grund der zahlreichen Funde in Straubing die „Historische Sammlung der Stadt“, aus der später das Gäubodenmuseum hervorgehen sollte. Wimmer vermutete das römische Straubing auf dem Osterfeld, wo er 1892/93 erste Grabungen durchführte, bei denen er römische Mauerzüge und Reste einer Hypokaustanlage freilegte.

1898 wurden weitere Grabungen durch den neu gegründeten „Historischen Verein für Straubing und Umgebung“,Offizielle Webpräsenz des „Historischen Vereins für Straubing und Umgebung“. unter der Leitung des Realschuldirektors Johannes Mondschein (1852–1909) durchgeführt, der von 1902 bis 1908 die Vorstandsposition bekleidete. Mondschein legte durch Suchschnitte Teile des westlichen Steinkastells und den dazugehörigen Wehrgraben frei. Als 1909 der Vorstand neu durch Landgerichtsrat Franz Ebner (1869–1923) besetzt wurde, nahm dieser die Grabungen Mondscheins wieder auf. Ihm gelang es, die Ausdehnung des Westkastells durch weitere Grabungen festzustellen. Ebenso konnte er nachweisen, dass dem Steinkastell ein Holzkastell vorausgegangen war. Da man sich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit der Erforschung der Kastelle beschäftigte, verloren die Grabungen im Lagerdorf an Bedeutung und gingen immer weiter zurück. Zwischen den Weltkriegen und zu Beginn der Nachkriegszeit beschränkte man sich hauptsächlich auf Notgrabungen und Fundbergung, die unter der Leitung des Oberstudienrates Josef Keim erfolgten. Keim war von 1921 bis 1938 und 1949 bis 1970 Vorstand des „Historischen Vereins für Straubing und Umgebung“ und erreichte 1950, mit der Entdeckung des römischen Schatzfunds von Straubing, den Höhepunkt seiner Karriere.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1.

Erst 1973 wurden die systematischen wissenschaftlichen Grabungen wieder aufgenommen. Im Jahre 1978 wurde eine Planstelle für Archäologie in Straubing eingerichtet, die unter der Aufsicht der Straubinger Stadtarchäologie steht. Seither gibt es jährliche Grabungskampagnen zur Erforschung der Geschichte Straubings. Diese archäologischen Aktivitäten wurden größtenteils in der Schriftenreihe des Vereins, den Jahresberichten des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung, publiziert.Zur Straubinger Stadtarchäologie auf den Seiten des Gäubodenmuseums. Auch: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. 105/2003, Straubing 2004, S. 39–59.Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing – Sorviodurum (= Limesforschungen. 3). Mann, Berlin 1965, S. 9–13.

Militärische Anlagen Insgesamt vier Kastelle, von denen jeweils zwei von der frühflavischen Zeit bis zu den Markomannenkriegen, also rund einhundert Jahre lang, nebeneinander lagen, die daraus resultierende permanente Präsenz von bis zu 1500 Soldaten sowie die sorgfältige Anlage des Hafens sprechen für die strategische Bedeutung des Garnisonsplatzes. Ausschließlich in der Überwachung der Kinsachsenke, durch die ein bequemer alter Handelsweg nach Böhmen hinüber führte, dürfte die Aufgabe der hier stationierten Einheiten wohl kaum bestanden haben.Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing – Sorviodurum (= Limesforschungen. 3) Mann, Berlin 1965, S. 14–17.

Kastelle Die Nummerierung der kaiserzeitlichen Kastelle von „I“ bis „IV“ steht in keinem Zusammenhang mit der Chronologie des Garnisonsplatzes, sondern ist der Reihenfolge der archäologischen Aufdeckung geschuldet.

Frühvespasianisches „Kastell IV“ (Westkastell) Das älteste bekannte römische Militärlager auf Straubinger Boden ist das so genannte Kastell IV, das 1984 entdeckt wurde. Das Kastell war frühflavischen/frühvespasianischen Ursprungs und hatte bis in die Zeit der Markomannenkriege (166–180) Bestand. Seine Besatzung bestand aus der Cohors II Raetorum (2. Kohorte der Räter).: C(ohors) se(cunda) R(a)e(torum) Tul(lius) S[––– f(ecit)].: Au]gustae [–––] / [––– A]ntoniu[s // ]anus prae[fect(us?) –––] / [––– coh(ortis?)] II Raetoru[m].Ebenfalls , , = , = .

Es wies drei Bauphasen auf, in deren ersten beiden es als Holz-Erde-Lager ausgeführt war. In der dritten Phase trat ein Steinkastell an die Stelle der einfacheren Lager.

Den Holzkastellen war ein einfacher, zwölf Meter breiter und 4,6 Meter tiefer Graben vorgelagert. Hinter dem Graben folgte als Umwehrung eine mit Eck- und Zwischentürmen versehene Holz-Erde-Mauer. Das Kastell verfügte vermutlich über vier Tore, von denen das Westtor, die porta principalis dextra (rechtes Seitentor), durch eine Verengung ohne gänzliche Unterbrechung im Verlauf des Grabens lokalisiert werden konnte. Im Innenbereich des Lagers gelang es, die Praetentura (vorderer Teil des Kastells) näher zu untersuchen. Hierbei konnten zu beiden Seiten der Via praetoria (Lagerhauptstraße) jeweils drei Mannschaftsbaracken nachgewiesen werden, von denen die südlichsten als Doppelbaracke ausgeführt waren.

Das Steinkastell war von einem Doppelgraben umgeben. Der innere Graben besaß bei einer Tiefe von zwei Metern eine Breite von zehn Metern, der äußere Graben war fünf Meter breit und 2,7 Meter tief. Von der steinernen Kastellmauer, die nicht mit Wehrtürmen verstärkt war, zeugte noch eine 1,2 Meter breite Fundamentstickung (Rollierschicht). Die Innenbebauung entsprach den Grundrissen der Holzkastelle. Das Steinkastell dürfte in hadrianischer Zeit das ältere Holzkastell ersetzt haben. Sein Ende wird das Kastell IV in den Markomannenkriegen gefunden haben. Brandschichten belegen, dass es nicht planmäßig geräumt, sondern zerstört worden ist.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 16–21, 28.

Spätvespasianisch/frühdomitianisches „Kastell I“ Nicht allzu lange (rund zehn Jahre) nach der Errichtung des Kastells IV wurde keine hundert Meter ostnordöstlich entfernt ein weiteres Kastell errichtet, das so genannte Kastell I. Dieses Lager war durch eine Rasensodenmauer mit vorgelagertem Graben umwehrt. Hiervon konnten Abschnitte der südlichen Umwehrung mit dem Südtor, bei dem es sich um einen simplen Torturm mit annähernd quadratischem Grundriss handelte, archäologisch erfasst werden. Im Inneren des Lagers fanden sich noch die Spuren eines Gebäudes unbestimmter Funktion. Das Kastell I wurde in spätvespasianisch-frühdomitianischer Zeit errichtet und nach nur wenigen Jahren vom Kastell II ersetzt. Die im Kastell I stationierte Truppe ist unbekannt.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 20–22.

Domitianisches „Kastell II“ Noch in domitianischer Zeit wurde das Kastell II anstelle des Kastells I errichtet. Von dieser Fortifikation wurde ein Abschnitt der nördlichen Umwehrung und der Durchfahrt zum Nordtor ausgegraben. Das Lager hatte Bestand bis in die trajanische Zeit und wurde von der Cohors III Batavorum equitata milliaria (3., tausend Mann starke, teilberittene Kohorte der Bataver) = . belegt.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 22f., 29.

Trajanisches „Kastell III“ Etwa um das Jahr 116 wurde die Cohors III Batavorum equitata milliaria von der Cohors I Flavia Canathenorum milliaria sagittariorum (1., tausend Mann starke Bogenschützenkohorte der CanathenerSyrer aus der Gegend um Kanatha.): Coh(ors) I Canat(henorum). = : [I(ovi) O(ptimo) M(aximo)] / [Do]licheno / [pr]o salute / [Im]p(eratoris) n(ostri) vete(rani) / [coh(ortis)] I Cana(thenorum) // III Idus Apr[i]/les L(a)elia/no co(n)s(ule) qui/bus pra[e]e[st. abgelöst und das Kastell II durch das Kastell III ersetzt. Dieses Lager wurde zunächst in Holz-Erde-Bauweise (Kastell IIIa) errichtet und erst später in ein Steinkastell (Kastell IIIb) umgebaut. Die Fortifikation war in beiden Bauphasen von vier Gräben umschlossen.Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum (= Bayerische Museen. 11). Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 23–27, 28.

Donauhafen