mini|Länder, die im Wettbewerb um die Goldene Palme für den besten Spielfilm vertreten waren (inkl. Koproduktionsländer, Gold eingefärbt Thailand) Die 63. Internationalen Filmfestspiele von Cannes fanden vom 12. bis 23. Mai 2010 statt. Eröffnet wurde das Festival mit Ridley Scotts außerhalb des Wettbewerbs laufenden Historienfilm Robin Hood. Als Abschlussfilm wurde der ebenfalls außer Konkurrenz laufende Beitrag The Tree der Französin Julie Bertuccelli ausgewählt. Mit der Goldenen Palme, dem Hauptpreis des Festivals, wurde der Spielfilm Lung Boonmee raluek chat des Thailänders Apichatpong Weerasethakul ausgezeichnet.
Mit über 1600 eingesendeten Vorschlägen für den Wettbewerb wurden weniger Filme als in den Vorjahren eingereicht. Kritiker und auch die Festivalorganisation um den künstlerischen Leiter Thierry Frémaux sprachen vor Beginn der Filmfestspiele von einem „dünneren“ Wettbewerb beziehungsweise schwierigeren Auswahlprozess, dem die großen Namen aus dem Vorjahr und US-amerikanische Produktionen fehlen würden.David Germain: Cannes Film Festival makes do with lighter lineup. Associated Press, 11. Mai 2010, Cannes (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft)Justin Chang: Diversity key to unlocking Cannes lineup. In: Variety, 16. Mai 2010 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft)Joan Dupont: For all its glamour, a thinner Cannes. In: The International Herald Tribune, 12. Mai 2010, S. 10 Ebenfalls stieß die Bekanntgabe über die Einschränkung von Videomaterial im Vorfeld auf heftige Kritik bei verschiedenen großen Presseagenturen. Parallel zum Festival fand der Filmmarkt von Cannes (französisch: Marché du film) statt. Dieser stellt das größte Branchentreffen dar, auf dem Filmrechte gekauft und veräußert werden.
Das offizielle Festivalplakat wurde Ende März 2010 vorgestellt. Es zeigte die französische Schauspielerin Juliette Binoche, die mit einem Farbpinsel ein lumineszierendes „Cannes“ malt. Das Bild der Fotografin Brigitte Lacombe wurde von Annick Durban überarbeitet.Rebecca Leffler: hollywoodreporter.com, 29. März 2010
Offizielle Auswahl Internationaler Wettbewerb Wettbewerbsjury mini|150px|Jurypräsident: Tim Burton mini|150px|Ebenfalls Mitglied der Hauptjury: die britische Schauspielerin Kate Beckinsale mini|150px|Im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten: der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu (Biutiful) mini|150px|Ebenfalls im internationalen Wettbewerb vertreten: der britische Regisseur Mike Leigh (Another Year) mini|150px|Mathieu Amalric und das Ensemble seines Films Tournée Als Nachfolger der Jurypräsidentin von 2009, Isabelle Huppert, wurde Ende Januar 2010 Tim Burton in Paris präsentiert. Der US-amerikanische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent hatte 1995 für seine Filmbiografie Ed Wood eine Einladung in den Wettbewerb von Cannes erhalten. Zwei Jahre später zeichnete er als Jurymitglied Shōhei Imamuras Der Aal und Abbas Kiarostamis Der Geschmack der Kirsche mit der Goldenen Palme aus. Burton hat in allen Genres gearbeitet und ist vor allem für düstere aber auch humorvolle Inszenierungen bekannt. Neben Realfilmen wie Sleepy Hollow, Big Fish oder Charlie und die Schokoladenfabrik zählen auch Animationsfilme wie Corpse Bride zu seiner Filmografie. Festivalpräsident Gilles Jacob beschrieb ihn bei der Vorstellung als „Zauberer“ mit „possierlichem Wahnsinn und erschreckendem Humor“.US director Tim Burton to head 2010 Cannes festival jury. Agence France-Presse, 26. Januar 2010, Paris
Burton standen acht Jurymitglieder zur Seite. Es handelte sich ausschließlich um Filmschaffende:
Alberto Barbera – italienischer Filmkritiker (Leiter des Museo nazionale del Cinema in Turin sowie Mitglied der Retrospektive-Jury 2002) Kate Beckinsale – britische Schauspielerin Emmanuel Carrère – französischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur Alexandre Desplat – französischer Filmkomponist Víctor Erice – spanischer Filmregisseur (Preis der Jury 1992) Shekhar Kapur – indischer Filmregisseur Giovanna Mezzogiorno – italienische Schauspielerin Benicio del Toro – puerto-ricanischer Schauspieler (Darstellerpreis 2008)
Die zuvor aus sieben Mitgliedern bestehende Jury um Tim Burton wurde am 23. April 2010 um Desplat ergänzt.Updated Selection Line-up. festival-cannes.com, 23. April 2010; abgerufen am 24. April 2010 Vor der Ernennung Desplats war versucht worden, den im Iran inhaftierten Jafar Panahi zu verpflichten.Christina Nord: Schwenk mit der Gondel. In: taz, 15. Mai 2010, S. 24 Ein leerer Stuhl während der Eröffnungsfeier erinnerte an den iranischen Filmemacher.
Die britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas moderierte als Gastgeberin („maîtresse de cérémonie“) die Auftaktzeremonie am 12. Mai und die Preisgala am 23. Mai. Bereits 1999 hatte sie dieses Amt bekleidet.Kristin Scott Thomas, maîtresse des cérémonies du 63e Festival de Cannes. festival-cannes.com, 12. April 2010; abgerufen am 15. April 2010
Konkurrenten um die Goldene Palme
Die übrigen Jurymitglieder wie auch das offizielle Programm wurden am 15. April 2010 auf einer Pressekonferenz in Paris vorgestellt, die um eine Woche vorverlegt wurde. Das Programm wurde am 23. April 2010 um Rizhao Chongqing von Wang Xiaoshuai und Szelíd Teremtés – A Frankenstein Terv von Kornél Mundruczó ergänzt. Zwei Tage vor Festivalbeginn wurde Ken Loachs Spielfilm Route Irish für den Wettbewerb nachgereicht. Der Film war bei Bekanntgabe des restlichen Programms am 21. April noch nicht fertiggestellt und war wenige Tage vor Eröffnung der Filmfestspiele von der Filmproduzentin Rebecca O’Brien vorgeschlagen worden.Route Irish by Ken Loach, 19th film in the Competition. festival-cannes.fr, 10. Mai 2010; abgerufen am 11. Mai 2010
19 Filmproduktionen aus 15 Ländern, darunter viele Autorenfilmer, konkurrierten um die Goldene Palme, den Hauptpreis des Festivals. In den Vorjahren waren 20 bis 22 Spielfilme in den Wettbewerb eingeladen worden. Werke von deutschsprachigen Regisseuren waren nicht berücksichtigt worden. Überschattet wurde die Konferenz am 15. April durch einen Boykott der Presseagenturen Associated Press, Reuters, Agence France-Presse und der US-amerikanischen Bildagentur Getty Images. Die vier großen Agenturen protestierten damit gegen die Festivalorganisatoren, die den beiden französischen Bezahlfernsehsendern Canal+ und Orange TV vertraglich eingeräumt hatten, die Ausgabe von Videomaterial an Dritte einzuschränken. Das schloss Aufnahmen bei der Ankunft der Filmschaffenden zu den Vorführungen im Festivalpalast und bei Pressekonferenzen mit ein.Filmfestspiele Cannes: Agenturen boykottieren Programmpräsentation. Schweizerische Depeschenagentur, 14. April 2010 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft)
Wie bei der Auflage 2009 kamen die meisten eingeladenen Regisseure aus Europa (10), gefolgt von ihren Kollegen aus Asien (6), Mexiko, den USA und dem Tschad (je 1). Mit vier Beiträgen waren französische Filmemacher am häufigsten vertreten, darunter der als Schauspieler besser bekannte Mathieu Amalric, der in seinem Film Tournée von einer Tournee amerikanischer Burlesque-Tänzerinnen in Frankreich berichtete. Xavier Beauvois dramatisierte mit Von Menschen und Göttern die wahre Geschichte um sieben Zisterziensermönche, die von algerischen Fundamentalisten getötet wurden, cargo-film.de, 15. April 2010; abgerufen am 16. April 2010 während dessen in Algerien geborener Landsmann Rachid Bouchareb sich in Hors-la-loi dem Lebensweg dreier Brüder zur Zeit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg annahm. Bouchareb vertraute dabei wieder auf sein 2006 in Cannes preisgekröntes männliches Darstellerensemble um Sami Bouajila, Jamel Debbouze und Roschdy Zem aus Tage des Ruhms. Französische Politiker kritisierten noch vor Veröffentlichung den Film, da dieser die Geschichte „verfälsche“. Bouchareb nahm sich in Hors la loi zu Anfang des Massakers von Sétif (1945) an, bei dem französische Truppen und Milizen Unruhen blutig niederschlugen.On the Riviera, filmmakers are burnt by the press. In: Variety, 16. Mai 2010, S. 10 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft) Die Aufführung fand unter Polizeischutz statt.
Fünf der 19 Filmemacher (Mathieu Amalric, Doug Liman, Mahamat-Saleh Haroun, Im Sang-soo, Sergei Loznitsa) debütierten im Wettbewerb, während der Iraner Abbas Kiarostami (Copie conforme), der Brite Mike Leigh (Another Year) und der Franzose Bertrand Tavernier (La princesse de Montpensier) zum vierten Mal, Ken Loach (Route Irish) zum neunten Mal um die Goldene Palme konkurrierten. Kiarostami, Leigh und Loach waren die einzigen Filmemacher, die bereits den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes hatten gewinnen können. Während Leigh eine Ensemblekomödie vorlegte, eine Art Fortsetzung von Happy-Go-Lucky (2008),Susanne Ostwald: Cannes bringt Frankreich auf die Palme. In: NZZ, 1. Mai 2010, S. 54 erzählte Kiarostami von einem englischen Schriftsteller (gespielt von dem britischen Opernsänger William Shimell), der nach Italien reist, um sein letztes Buch vorzustellen. Dabei macht dieser die Bekanntschaft einer französischen Galeristin (Juliette Binoche). Loachs Drama, bei dem er erneut mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty und Kameramann Chris Menges zusammengearbeitet hatte, handelte von der englischen Intervention im Irak und berichtete von einem britischen Soldaten, der den mysteriösen Tod seines Freundes hinterfragt. Der Film wurde nach der gleichnamigen gefährlichen Straße benannt, die vom Flughafen in die Innenstadt Bagdads führt.Britain’s Loach bids for Cannes gold with Iraq film. Agence France-Presse, 10. Mai 2010, Cannes
Der russische Regisseur Nikita Michalkow präsentierte mit Utomljonnyje solnzem 2 eine Fortsetzung seines Oscar-gekrönten Films Die Sonne, die uns täuscht (1994), in dem er und Oleg Menschikow erneut die Hauptrollen übernahmen.Croisette menu. In: Screen International, 26. März 2010 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft) abgerufen am 16. April 2010 Der Ende April in den russischen Kinos angelaufene 41 Mio. Euro teure Monumentalfilm wurde jedoch im Vorfeld von der einheimischen Kritik verrissen.Russland Mega-Flop: „Die Sonne, die uns täuscht 2“. diepresse.com, 30. April 2010; abgerufen am 3. Mai 2010 Der Südkoreaner Im Sang-soo widmete sich mit The Housemaid (Ha-nyeo) einer Wiederverfilmung des gleichnamigen Werks seines Landsmanns Kim Ki-young aus dem Jahr 1960. Als Titelheldin konnte er Jeon Do-yeon verpflichten, die 2007 für Milyang den Darstellerpreis in Cannes erhalten hatte.