Gertrud von Ortenberg (auch Gertrud von Rickeldey / von Rückeldegen) (* zwischen 1275 und 1285; † 23. Februar 1335 in Offenburg) war eine Begine. Eine Gnadenvita berichtet über ihre von mystischer Spiritualität geprägte Lebensführung.

Leben

Gertrud entstammte dem Ministerialengeschlecht derer von Ortenberg (nahe Offenburg).Im Weiteren nach Derkits 1990 (s. u.: Literatur), S. 418–443 u. ö. Sie war die Tochter des Ritters Erkenbold von Ortenberg, der in zweiter Ehe mit einer Freiin von Wildenstein (an der Donau) verheiratet war. Kurz nach Gertruds Geburt starb der Vater, wenige Jahre darauf auch die Mutter. Aus beiden Ehen ihres Vaters hatte Gertrud zahlreiche Geschwister und Halbgeschwister. Von diesen wurde die kleine Waise sehr bald Bauern übergeben, die sie aufzogen; später kam sie auf die Burg zurück, wo sie häufigen Misshandlungen ausgesetzt war.

1297/98 verheiratete man sie mit einem wohlhabenden, aber erheblich älteren Mann, dem Ritter Heinrich Rickeldey / Rückeldegen von Ullenburg, den sie als einen „harten“ Ehemann empfand. Nachdem Gertrud fast jedes Jahr ein Kind geboren hatte, starb ihr Mann 1301/02 noch während ihrer vierten Schwangerschaft. Gertrud, die schon früh geistige und religiöse Interessen entwickelt hatte, zog nun sofort in die Stadt Offenburg, wo sie bei einer Begine Unterkunft fand und dort auch ihr viertes Kind gebar. Als bald alle ihre Kinder gestorben waren, die sie zum Teil an Verwandte weggegeben hatte, trat sie 1303/04 endgültig in eine Beginengemeinschaft ein, nachdem sie die Gelübde des Dritten Ordens der Franziskaner abgelegt hatte.

Als Begine pflegte Gertrud von Ortenberg Kranke, kümmerte sich um Kinder, bemühte sich um Aussöhnung von Feinden und wurde auch bei hochstehenden Personen seelsorgerisch tätig. Ihre eigenen Seelsorger wählte sie sich selbst und stand in geistigem Austausch mit Dominikanern und Franziskanern. Zugleich kümmerte sie sich auch immer wieder um die Regelung ihrer eigenen Vermögensangelegenheiten. Seit 1304 war sie eng befreundet mit Heilke von Staufenberg, die nach dem Tod ihres Vaters, des Ritters Andres von Staufenberg, ihrer Familie entflohen und ebenfalls Begine geworden war. Die beiden Frauen gingen mehrfach nach Straßburg, u. a. um dort bekannte Prediger zu hören, wahrscheinlich auch Meister Eckhart. 1317/18 zogen sie dorthin, nachdem sie in einem von vielen Beginen bewohnten Stadtviertel ein Haus erworben hatten. Trotz der damals einsetzenden repressiven Maßnahmen gegen die Beginen (1317–1320) blieben sie dort bis 1327; erst als ihr Haus einem Stadtbrand zum Opfer fiel, kehrten sie nach Offenburg zurück. Gertrud starb 1335 und erhielt ihr Grab auf dem Friedhof der Franziskaner; es gab Ansätze, sie als Lokalheilige zu verehren.

Gnadenvita

Kurz nach Gertruds Tod (spätestens wohl vor 1350) verfasste eine weibliche Person, die Gertrud noch persönlich gekannt hatte, eine Vita, zu der Gertruds Freundin Heilke die wichtigsten Informationen lieferte. Trotz einer ganzen Anzahl offensichtlich zuverlässiger biographischer Einzelheiten ist dieses Werk alles andere als eine Biographie. Während die Vorgeschichte (die mit dem Tod des Ehemanns endet) noch weitgehend historisch vorgeht, ist die folgende Darstellung mit großer Konsequenz nach den Aufbauprinzipien einer Gnadenvita komponiert. Übung in den Tugenden führt hin bis zur Todessehnsucht, „da sie gern unmittelbar bei Gott gewesen wäre“. Mit dem Aufgeben des Eigenwillens beginnt dann ein neues Leben, das nunmehr einzig von der Gnade bestimmt ist und schließlich, auch nach der Erfahrung der Entfremdung (der mystischen „Trockenheit“), hinführt bis zur Entrückung in die Gottheit und dem Erleben der Einung (Unio) mit Gott. Im seelsorgerischen Wirken, geprägt von vollkommener geistlicher und materieller Armut, wird dieses Gnadenleben dann auch für andere fruchtbar. Durch die Wiedergabe zweier mystischer Predigten wird sodann das Geschehene abschließend reflektiert. Ein legendarisch überhöhender Schluss unterbleibt.Im Einzelnen siehe Derkits 1990 (s. u.: Ausgaben), S. 293–302, mit Parallelen zu Ringler: Friedrich Sunder. Ihren spirituellen Schwerpunkt hat die Vita in „Armut“ und Abegescheidenheit, wobei Gedanken Meister Eckharts und franziskanische Spiritualität nahezu ununterscheidbar ineinander übergehen. Besonders der Höhepunkt der Vita, gipfelnd im „Sinken in die Gottheit“, zeigt auch auffallende Parallelen zu Marguerite Porète.Vgl. Ringler 2017 (s. u.: Ausgaben), S. 103, Anm. 58; 181, Anm. 112; 182, Anm. 114, 115; 184, Anm. 118; u. ö.

Bedeutung Die Gnadenvita der Gertrud von Ortenberg gehört nach Meinung des Mystikforschers Kurt RuhMündliche und briefliche (16. April 1991) Äußerung gegenüber Siegfried Ringler. zu den wichtigsten neugefundenen Texten auf dem Gebiet der Frauenmystik des 14. Jahrhunderts.

Unter historischem Aspekt ist diese Vita ein einzigartiges Dokument zum Beginentum, von Details der Kleiderordnung und sozialen Tätigkeiten bis hin zur Regelung des Gemeinschaftslebens und zu erbrechtlichen Angelegenheiten einer Adeligen. Zugleich beleuchtet sie das Verhältnis der Beginen zu Dominikanern und Franziskanern und verdeutlicht, wie Straßburg durch die Tätigkeit der Bettelorden geradezu als Magnet auf religiös bewegte Frauen wirkte. Für die Offenburger Stadtgeschichte ist der Text das umfangreichste Zeugnis aus dem späteren Mittelalter.Derkits 1991 (s. u.: Ausgaben), S. 77.

Gertruds Vita ist relevant für die heutige Frauenforschung. Sie zeigt eine Frau, die in größter Selbständigkeit ihr Leben gestaltete, nüchtern komplizierte ökonomische Angelegenheiten regelte und Alltagsprobleme ebenso wie religiöse Fragen im Gespräch mit ihrer Freundin anging. Ihre männlichen geistlichen Berater wählte sie sich selbst, ohne von ihnen abhängig zu werden. Zugleich ist die Vita ein Beleg für die These, dass Viten von Frauen über Frauen weniger hagiographisch überhöht sind, als wenn sie von männlichen Autoren redigiert wurden.Vgl. Karen Glente: Mystikerinnenviten aus männlicher und weiblicher Sicht. Ein Vergleich zwischen Thomas von Cantimpré und Katherina von Unterlinden. In: Peter Dinzelbacher, Dieter R. Bauer (Hrsg.): Religiöse Frauenbewegung und mystische Frömmigkeit im Mittelalter. Böhlau, Köln / Wien 1988 (= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 28). S. 251–264.

Dieser Vitentext des 14. Jahrhunderts beschreibt unmittelbar das sinnliche Wahrnehmungsvermögen, beispielsweise eines Gesichtsausdrucks. Theologische Fragestellungen werden nicht in Form von Visionen, sondern narrativ im Dialog der beiden Freundinnen abgehandelt. Auffallendes Stilmittel ist eine häufig zu beobachtende Leitmotivtechnik.

Überliefert ist die Vita einzig in einer heute in Brüssel aufbewahrten HandschriftBibliothèque royale de Belgique, Ms 8507-09 (Kat.-Nr. 3407), f. 133r-239v.; sie steht hier zwischen einer deutschsprachigen Fassung des Legatus divinae pietatis Gertruds von Helfta und der deutschsprachigen Fassung von Raimunds von Capua Leben der heiligen Katharina von Siena. Rezeptionsgeschichtlich ist der Text, der so wie auch zahlreiche andere Mystikerhandschriften im Straßburger Kloster St. Nicolaus in undis kurz nach Mitte des 15. Jahrhunderts abgeschrieben und aufbewahrt wurdeSiehe Balázs J. Nemes: Der 'entstellte' Eckhart. Eckhart-Handschriften im Straßburger Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in undis. In: Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Straßburg. Hrsg. von Stephen Mossman, Nigel F. Palmer und Felix Heinzer (Kulturtopographie des alemannischen Raums 4), Berlin/Boston 2012, S. 39–98, hier S. 59f., ein weiteres Zeugnis für die Bedeutung der Reformklöster des 15. Jahrhunderts; später kam er in das Archiv der Bollandisten. Zugleich ist der Text durch die Wiedergabe der zwei Predigttexte selbst ein Beispiel der Mystik-Rezeption und belegt, wie Predigten auch mündlich tradiert werden konnten. Die beiden Texte verweisen auf Meister Eckhart und Richard von St. Viktor, wahrscheinlich auch auf Rudolf von Biberach.Siehe Ringler 2004 (s. u.: Sekundärliteratur), Sp. 524. Zu überprüfen ist auch ein Überlieferungsweg Marguerite Porète – Meister Eckhart – Straßburg / Gertrud.

Zur Textgestalt Der Text der Gertrud-Vita ist von einer Unmittelbarkeit und Wirklichkeitsnähe, wie sie sowohl für das 14. Jahrhundert wie auch für die Gattung einer Vita gänzlich ungewöhnlich sind. Die Autorin der Endfassung „war zweifellos belesen und literarisch begabt, sie hat das vorhandene Material gesichtet und konsequent in Form einer Gnadenvita strukturiert. Beachtlich ist auch ihr stilistisches Können. Mag der Erzählton der Vita zuerst auch recht schlicht erscheinen, so zeigt die nähere Betrachtung, dass dies durchaus gewollt ist, bis hin zu umgangssprachlich gebrochenen Satzkonstruktionen. Ein geradezu an Leitmotive erinnernder Gebrauch zentraler Wörter, eine höchst anschauliche, sinnenhaft realistische Erfassung von Situationen und Gemütszuständen, und dazu auch die Kenntnis wichtiger Motive der mystischen Tradition: dies alles zeugt von durchaus beachtlicher literarischer Qualität.“.Siegfried Ringler 2017 (s. u. : Ausgaben) S. 15. Besonders im Schlussteil kommen direkt zentrale Themen der Mystik zur Sprache.Die folgenden Belegstellen sollen wenigstens an einigen Beispielen die Besonderheit dieses Textes aufzeigen; sie sind zitiert nach der Zeilenzählung der Brüsseler Handschrift, in Übersetzung von Siegfried Ringler.

(1) Eine Kindheit auf der Ritterburg (f.133v)

Nachdem die kleine Gertrud nach dem Tod ihrer Eltern zuerst bei Bauern aufgezogen worden ist, holen die Stiefgeschwister sie wieder auf die Burg, wo sie aber gar hart behandelt wird. Wenn das Kind weinte oder ihm etwas fehlte, da packte die Magd es von hinten am Kleidchen, oder sie erwischte es an einem Arm und schlenkerte es gegen die Tür zur Erde, dass ihm gar weh geschah. Und wenn es nicht sofort still war, oder es sich vor Schwäche oder weil es noch so jung war nicht ruhig verhalten konnte, da lief die Magd herbei, machte einen kräftigen harten Strohwisch und gab dem Kind eine tüchtige Abreibung und misshandelte sein Körperchen. Ein einziger Stiefbruder hat dann Mitleid mit dem Kind und setzt durch, dass es besser behandelt wird.

(2) In Gesellschaft von Bettelkindern (f.135r) Und kaum hatte man gegessen, so war das Kind (die junge Gertrud) froh, dass es herausgehen konnte, um zu den armen Kindern zu gehen, die auf der Burg kamen, um Brot zu erbetteln. Und es setzte sich hin unter sie und sah sich dann um und spürte dann, wie ihm gar wohl war bei der Gesellschaft der armen Kinder. Und es lachte bei sich selbst und es war ihm, wie es spürte, gar wohl mit seinen armen Gespielen, und es stahl Brot und was ihm sonst noch heimlich zuteil werden konnte, und gab es ihnen. Und sie brachten ihm dafür Blumen.

(3) Aufbruch in die Stadt (f.138v/139r)

Nach dem Tod ihres Ehemannes will Gertrud, die zum vierten Male schwanger ist, nach Offenburg ziehen. Zuerst aber bleibt sie noch bei ihren Angehörigen auf der Burg.