Die Role and Reference Grammar (RRG) ist eine strukturalistische und funktionale Grammatiktheorie, die von den beiden US-amerikanischen Sprachwissenschaftlern Robert D. Van Valin, Jr. und William A. Foley in den 1980er Jahren entwickelt wurde.

Allgemeine Charakterisierung

Die RRG ist eine der in Europa und den USA bekanntesten Grammatiktheorien der Gegenwart. Dies liegt nicht nur an der Vielzahl der von ihr beschriebenen Phänomene des einfachen und zusammengesetzten Satzes. Es liegt auch an dem Geschick, die drei Großbereiche der Grammatik Syntax, Semantik und Pragmatik in einer Theorie schlüssig zu verbinden. Nicht zuletzt hängt dies aber mit der Universalität bzw. der typologischen Adäquatheit dieser Theorie zusammen, die einen Beschreibungsapparat für möglichst viele, im Idealfall alle Sprachen weltweit bereitzustellen versucht.

Nach Van Valin ist die RRG eine struktural-funktionale Theorie („a ‚structural-functionalist theory of grammar‘“, Van Valin 1993:1). Damit liegt sie auf einem Kontinuum mitten zwischen extrem formalen und extrem funktionalen Theorien. Nach einer extrem formalen Theorie wie derjenigen, die den verschiedenen Versionen N. Chomskys zugrunde liegt, ist Sprache ein Inventar struktureller Beschreibungen von Sätzen, die die Lautgestalt und Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks bezeichnen. Sprache wird so auf Grammatik reduziert, wobei kein Platz mehr für kommunikative Funktionen und substantielle Semantik ist und Syntax als ein davon abgesetzter, autonomer Bereich gilt. Die radikale funktionale Konzeption etwa einer „emergent grammar“, die vor allem P. J. Hopper vertritt, liegt am anderen Ende des Kontinuums, indem sie die Saussure’sche Konzeption der Sprache als eines strukturellen Zeichensystems verleugnet und versucht, Grammatik auf Diskurs zu reduzieren. Sprache ist dann letztlich nur eine Ansammlung von fixierten Phrasen und formelhaften Ausdrücken, die durch verschiedene Informationsstrategien und Diskurs-Patterns kodiert werden. Zwischen beiden Extremen liegt die RRG. Gegenüber formalen Theorien betont die RRG, dass die grammatische Struktur nur in Bezug auf ihre semantischen und pragmatisch-kommunikativen Funktionen verstanden und erklärt werden kann: „Syntax is not autonomous“ (Van Valin 1993:2). Gegenüber dem rigiden Funktionalismus verwirft die RRG die Position, dass Grammatik zufällig und daher unlernbar sei, und behauptet demgegenüber, dass die Grammatik semantisch und pragmatisch bestimmt wird.

William A. Foley und Robert D. Van Valin, Jr. hatten gerade ihre Dissertationen über exotische Sprachen in Berkeley abgeschlossen, wobei eine eurozentrische Grammatik oft wenig weiterhalf (Foley 1976; Van Valin 1977), als sie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre die Vorüberlegungen zu einer neuen Grammatiktheorie anstellten. Das erste Dokument war ein gemeinsam verfasster Aufsatz von 1977. Die RRG wurde also bei der Beschreibung der austronesischen, australischen und der Indianersprachen entwickelt. Systematische Konsistenz erlangte diese Theorie erst in der ersten Hälfte der 1980er Jahre. Bis zu dieser Zeit arbeiteten beide Linguisten zusammen. Später trat nur noch Van Valin mit Veröffentlichungen in Erscheinung, während Foley zu einem führenden Feldforscher und Typologen wurdevgl. z. B. Foley 1986.

An diesen Anfängen wird deutlich, was die RRG kennzeichnet: einerseits die Suche nach einer linguistischen Theorie, die eine Erklärungskraft auch für außereuropäische Sprachen besitzt wie besonders das nordamerikanische Lak(h)ota, das austronesische Tagalog und das australische Dyirbal, andererseits die Frage, wie das Verhältnis und Zusammenspiel von Syntax, Semantik und Pragmatik adäquat beschrieben werden könne.

Der Name dieser Theorie, Role and Reference Grammar oder deutsch: Rollen- und Referenz-Grammatik, geht auf die beiden großen Untersuchungsbereiche zurück: die Ebene der semantischen (Kasus-)Rollen und die Ebene der referentiellen oder pragmatischen Eigenschaften von Nominalphrasen, d. h. die Ebene der Reference Grammar, wie die Pragmatic Grammar in der Anfangsphase auch genannt wurde.

Quellen zu dieser Grammatiktheorie

Die früheste Veröffentlichung zur RRG ist ein gemeinsam von Foley und Van Valin verfasster Aufsatz zum Subjektsbegriff in der Universalgrammatik, der 1977 erschien. Außer drei Darstellungen der Theorie von normalem Umfang (Foley & Van Valin 1980; Van Valin 2001, Van Valin ca. 2009) und einer längeren Exposition der Theorie (Van Valin 1993) ist die erste größere Zusammenfassung der RRG ein gemeinsam von W. Foley und R. Van Valin verfasstes Buch (Foley & Van Valin 1984), das allerdings in manchen Punkten noch einen älteren Stand widerspiegelt und daher stets zusammen mit neueren Publikationen benutzt werden sollte. Den Entwurf einer so genannten typologischen Grammatik bildet ein späteres Buch (Van Valin & LaPolla 1997), zweifellos die wichtigste, weil umfassendste Veröffentlichung zur RRG. Eine aktualisierte Version ist das 2005 veröffentlichte Buch von Van Valin. Den folgenden Abschnitten 3 bis 6 liegen die beiden Darstellungen von Foley & LaPolla 1997, Van Valin 2001 und Van Valin 2009 zugrunde. Einige englische Termini wurden nicht übersetzt, um möglichst keine terminologische Verwirrung zu stiften.

Die semantische Analyse der Satzstruktur

In der RRG ist die Semantik die wichtigste Beschreibungsebene des Satzes, auch wenn die Syntax eine gewisse Eigenständigkeit behält und nicht völlig auf die Satzebene wie in der Generativen Semantik reduziert werden kann. U.a. gilt es, semantische Inkompatibilitäten (Sätze wie „Der Mond zündete sich mit dem Frieden eine Überraschung an“) analytisch als unakzeptabel zu erweisen und umgekehrt die semantische Akzeptabilität eines sinnvollen Satzes zu sichern.

Grundlegend ist für eine semantische Satzanalyse eine auf Z. Vendler (1967) und D. Dowty (1979) zurückgehende Typologie von vier Arten von Sachverhalten (States of affairs) nach den semantischen Parametern von Dynamik und Kontrolle:

a. Situationb. Eventc. Processd. Action

Diesen Sachverhaltstypen entsprechen Aktionsarten, die um „semelfactives“ und „active accomplishments“ erweitert wurden. Aktionsarten sind die inhärenten temporalen Eigenschaften von Verben und insofern linguistische Eigenschaften, während sich die Sachverhalte auf Außersprachliches beziehen. Zu jeder dieser sechs Aktionsarten-Typen gibt es ein kausatives Gegenstück. Dadurch entstehen zwölf semantisch definierte Aktionsartenvgl. Van Valin 2009: 10:

Die zwölf Aktionsarten (Englische Beispiele)

a. State (Zustand): The boy fears the dog. a’. Causative state (kausativer Zustand): The dog frightens/scares the boy.

b. Achievement (Geschehen): The balloon popped. b’. Causative achievement (kaus. Geschehen): The cat popped the balloon.

c. Semelfactive (wiederholtes, punktuelles Geschehen): The light flashed. c’. Causative semelfactive (kaus. wied. punkt. Geschehen): The conductor flashed the light.

d. Accomplishment (Vorgang): The ice melted. d’. Causative accomplishment (kaus. Vorgang): The hot water melted the ice.

e. Activity (Handlung): The dog walked in the park. e’. Causative activity (kaus. Handlung): The girl walked the dog in the park.

f. Active accomplishment (aktiver Vorgang): The dog walked to the park. f’. Causative actives accomplishment(kaus. aktiver Vorgang): The girl walked the dog to the park.

Es gibt (nach Dowty) fünf Tests, um bei einem konkreten Verb zu bestimmen, welche Aktionsart es hat (z. B. kommt/kommt nicht mit einer progressiven Verbform vor (- statisch, – punktuell; nur in Sprachen wie dem Englischen, Spanischen und Isländischen), kommt/kommt nicht mit Adverbien wie schnell, langsam usw. vor (+- dynamisch), kommt/kommt nicht mit X in einer Stunde vor (+- telisch);Van Valin & LaPolla 1997:94).

Angelpunkt dieser Aktionsartenlehre ist das Verb, das so auch in semantischer Hinsicht das wichtigste Satzglied ist. Die semantische Repräsentierung eines Satzes beruht auf der lexikalischen Struktur der Verben. Wichtig ist in der RRG gegenüber anderen Theorien, dass der lexikalische Eintrag eines Verbs keine Liste thematischer Kasusrollen enthält. Die RRG verwendet vielmehr ein System der lexikalischen Dekomposition, um auf der Basis der Aktionsarten die Verbbedeutungen in einer Metasprache auf wenige Prädikate (im logischen Sinne) zurückzuführen und verwandte Bedeutungen auf grammatische Modifikationen der Prädikate im Sinne der Aktionsarten zurückzuführen. So haben sterben und töten die dekompositionelle Struktur: y wird tot (das Prädikat); x verursacht [y wird tot]vgl. Van Valin & LaPolla 1997:90. Diese in metasprachlicher Terminologie vollzogene Analyse ist sprachübergreifend und gilt etwa sowohl für das Englische, das Deutsche und das Lateinische als auch für das Georgische. So stehen grammatische Modifikatoren wie BECOME (‚werden’) für einen temporalen Wechsel und CAUSE (‚verursachen’) für eine kausative Beziehung zwischen zwei Prädikaten. Ein einfacher transitiver Satz würde nach der Darstellung der RRG folgende semantische Struktur haben:

a) Der Junge zerbrach das Glas

b) [do′ (Junge, Ø)] CAUSE [BECOME broken′ (Glas)]

Ein solches System macht die semantische und lexikalische Analyse griffiger, weil nur die primitiven Prädikate definiert werden müssen, nicht aber die grammatischen Elemente der Bedeutungen wie BECOME und CAUSE. So braucht bei den schon zitierten drei Verben desselben Wortfeldes Tod sterben, töten und tot sein (oder im Lateinischen mori, interficere und mortuum esse oder im Georgischen mok’vda u. daixoca vs. movk’ali u. davxoce oder im Althebäischen muth vs. qatal) nur das Prädikat tot definiert zu werden (etwa als (- lebend)), während die übrigen beiden Verben leicht als semantische Derivate beschreibbar sind. Außerdem wird zwischen der Kernbedeutung unterschieden, die Eingang ins Lexikon findet, und ihren kontextuellen Abwandlungen (z. B. essen gegenüber eine Scheibe Pizza essen), die sich aus der konkreten Sachverhaltsanalyse ergibt. Polyseme Verben haben mehrere lexikalische Einträge.

Mit der dekompositionellen Analyse, die einen Kernbereich der semantischen Analyse der RRG bildet, wird auch die Zuordnung der Verben zu den Aktionsarten leichter möglich. Umgekehrt kann diese Typologie mit der lexikalischen Dekomposition analytisch klar beschrieben werden, wie die folgende Tabelle aus Van Valin & LaPolla (1997:109) zeigt:

Verb class – Logical structure

State: predicate′ (x) or (x, y)

Activity: do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Achievement: INGR predicate′ (x) or (x, y), or

INGR do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Accomplishment: BECOME predicate′ (x) or (x, y), or

BECOME do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Active Accomplishment: do′ (x, [predicate1′ (x, (y))] & BECOME predicate2′ (z, x) or (y)

Causative: α CAUSE β, where α, β are LSs of any type

Die Partizipanten oder Argumente der einzelnen Sachverhaltstypen werden sprachlich durch verschiedene Arten von Nominalphrasen wiedergegeben. Diese Rollenstruktur beruht dabei auf dem „inherent lexical content“ (M. Silverstein), d. h. auf Person, Numerus, Menschsein, Belebtheit und Konkretheit. Ferner ist bei dieser Konzeption der Ausdruck der verschiedenen Rollen wichtig, welche die Partizipanten in verschiedenen Situationen spielen können.