mini|Das Territorium des antiken Sparta
Die Geschichte Spartas beginnt mit der Entstehung der Siedlung zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr.Lukas Thommen: Sparta. Verfassungs- und Sozialgeschichte einer griechischen Polis. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-04330-6, S. 19. Sie umfasst die Expansion des griechischen Staates der Lakedaimonier über den Südteil der Peloponnes, die Rolle als führende Militärmacht im Ägäisraum in der archaischen und klassischen Zeit und Spartas abnehmende Bedeutung unter nachfolgenden herrschenden Mächten.
Die Geschichte Spartas in klassischer Zeit ist vor allem durch den Dualismus mit Athen geprägt. Das spartanische Geschichtsbild geht wesentlich auf nicht-spartanische Quellen zurück, die schon in der Antike durch einen Fokus auf das Militär, Unterdrückung abhängiger Bevölkerungsteile (v. a. Heloten) durch die Elite (Spartiaten) und ein dominantes Erziehungssystem (Agoge) bestimmt sind. Die moderne Forschung stellt die Einseitigkeit dieses spartanischen Geschichtsbildes zunehmend infrage, darunter auch das Narrativ vom Niedergang Spartas nach der Schlacht von Leuktra (371 v. Chr.).Paul Cartledge / Antony Spawforth: Hellenistic and Roman Sparta: a tale of two cities, 2. Ausg., London 2002 (Erstausgabe 1989). Mit dem Ende der Hellenika Xenophons, das griechische Geschichte bis 362 v. Chr. erzählt, lässt sich Sparta über literarische Quellen nur noch punktuell und oft mit großem zeitlichen Abstand zu den beschriebenen Ereignissen und Strukturen greifen. Konkurrierende Geschichtsdeutungen haben darüber hinaus seit der Antike einen wichtigen Einfluss auf das Bild Spartas.
Die Geschichte Spartas ist eng mit der Geschichte der Landschaft Lakonien verbunden. Ihr Name wird im Deutschen meist im erweiterten Sinn für den Staat der Lakedaimonier gebraucht, obwohl bis kurz nach den Ereignissen von 371 v. Chr. auch die Landschaft Messenien zum spartanischen Herrschaftsgebiet gehörte. Seit hellenistischer Zeit wurde Spartas Herrschaft über Lakonien immer weiter eingeschränkt.
Mythos und Quellen
Die verschiedenen Abschnitte der Geschichte Spartas sind in der Überlieferung unterschiedlich präsent, was sich bis heute auf populäre Darstellungen Spartas auswirkt: Die Vor- und Frühgeschichte lässt sich nur über zeitgenössische archäologische Hinterlassenschaften rekonstruieren; spätere literarische Überlieferung birgt die Herausforderung, dass Vorstellungen der Entstehungszeit der Texte in die spartanische Frühgeschichte rückprojiziert werden. Die vorhandenen literarischen Quellen fallen wiederum in drei Gruppen: zeitgenössische Literatur, die aus Sparta stammt, zeitnahe Literatur, die Sparta von außen betrachtet und beurteilt, sowie spätere Autoren, die heute verlorene Werke benutzten. Inschriften stammen vor allem aus römischer Zeit.Gesammelt in den Inscriptiones Graecae (IG). Bd 5,1.
Literarische Überlieferung Direkt aus Sparta stammten die Dichter Tyrtaios und Alkman (zweite Hälfte des siebten Jahrhunderts v. Chr.), die das militärische und festliche Sparta besangen, deren historischer Aussagewert allerdings begrenzt ist. Darüber hinaus existieren noch Fragmente des hellenistischen Grammatikers Sosibios.Lukas Thommen: Sparta. Verfassungs- und Sozialgeschichte einer griechischen Polis. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-04330-6, S. 6–8.
Zeitgenössische historiographische Darstellungen zur Geschichte Spartas stammten bis in hellenistische Zeit überwiegend von auswärtigen Autoren,Thomas Figueira: Politeia and Lakonika in Spartan historiography. In: Thomas Figueira (Hrsg.): Myth, text, and history at Sparta. London 2016, 7-104, Tafel 1: Übersicht über eine spartaspezifische Historiographie auf Grundlage der Fragmente Griechischer Historiker. wobei solche athenisch geprägter Autoren überwiegen. Das älteste, fast vollständig erhaltene Geschichtswerk stammt von Herodot aus Halikarnassos (ca. 485–424 v. Chr.) und enthält wichtige Informationen zur Geschichte Spartas. In seinem Werk wird deutlich, dass bereits zu dieser Zeit Sparta einer Typisierung und Überzeichnung von außen unterworfen war; dennoch lassen seine Angaben nicht erkennen, dass Sparta ein Sonderfall unter den griechischen Staaten (Poleis) bildete. Die zeitlich nächste literarische Quelle ist die Beschreibung des Peloponnesischen Krieges von Thukydides. Er bemängelte bereits die Schwierigkeit, Informationen über Sparta aufzutreiben. Bei ihm ist ein bereits fest gefügtes Spartabild erkennbar, das vor allem durch negative Topoi charakterisiert ist (Fremdenfeindlichkeit, gegen Innovationen eingestellt, erfindungslos, altväterlich und Unterordnung des Individuums) und das dem Ideal Athen gegenübergestellt wurde. Die von Xenophon geschriebene Verfassung der Spartaner (frühes viertes Jahrhundert) basiert zwar auf eigenen Anschauungen, verbreitet aber ein idealisiertes und daher tendenziöses Bild. Auch von Aristoteles existierte eine Beschreibung der spartanischen Verfassung. Diese ist heute aber weitgehend verloren. Aus späthellenistischer Zeit liegt uns Polybios Bericht vor, der Spartas Auseinandersetzungen mit dem Achaierbund bis zur Aufnahme in das römische Reich 146 selbst miterlebt hatte. Das römische Sparta beschrieb schließlich Pausanias (zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts) in seiner Beschreibung Griechenlands.
Als dritte Gruppe bieten auch solche Autoren Informationen, die heute weitgehend verlorene Quellen und Autoren auswerteten und benutzten. Unter diesen sind Strabon (ca. 63 v. Chr.–23 n. Chr.), Plutarch (Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr.), und nochmals Pausanias zu nennen. Diese Autoren stützen sich weitgehend auf hellenistische Vorgänger, so dass ihre Angaben häufig Anachronismen darstellen.
Mythographie zu den Ursprüngen Spartas Als erster mythischer König der Region gilt Lelex, der eponyme Heros der Landschaft Lelegia, wie Lakonien in ältester Zeit geheißen haben soll.Pausanias 3, 1, 1 ff. (vgl. 4, 1, 2); Apollodor 2, 10, 3; Scholiast zum Orestes des Euripides, V. 626. – Vgl. Johann Kaspar Friedrich Manso: Sparta. Ein Versuch zur Aufklarung der Geschichte und Verfassung dieses Staates. Band 1, Teil 1. In der Dyckischen Buchhandlung, Leipzig 1800, S. 8. Leleger ()Vgl. Fritz Gschnitzer: Leleges. In: Der Neue Pauly. Band 7, Metzler, Stuttgart 1999, Sp. 39 f. sollen auch in verschiedenen griechischen und vor allem kleinasiatischen Landschaften gelebt haben. Lelex war dem Mythos nach der Vater des Myles und des ersten mythischen Königs Messeniens Polykaon. Das klassische Sparta war, zumal im Vorort Limnai, auf altem Sumpfland erbaut; in den frühesten Lelex-Nachfahren hat sich insofern eine Art primitive Kulturgeschichte abgelagert.Vgl. Strabon 8, 363 a; Aristoteles, Meteorologica 1, 14. Vgl. Manso: Sparta. S. 11, Fußnote i.
Enkel des Lelex war Eurotas, mythischer Bändiger und Eponym des gleichnamigen Flusses. Auf König Eurotas folgte Lakedaimon, Sohn des Zeus und der Bergnymphe Taygete und Gatte der Sparte, der Tochter des Eurotas. Lakedaimon ist der mythische Gründer Spartas und Vater des Amyklas und der Eurydike, der Ahnfrau des Perseus. Nach und seit ihm heißt Lakonien auch Lakedaimon. Unter den von Norden her eingewanderten Achaiern sollen sich die Leleger auf Ackerbau und Viehzucht zurückgezogen haben.[F.]: Sparta. In: Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft. Hrsg. August Friedrich Pauly et al. Band 6,1. Verlag der J. B. Metzler’schen Buchhandlung, Stuttgart 1852, S. 1338–1362, hier S. 1338 f. Im achäischen Hauptort Amyklai ließen sich die kadmeischen Aigiden nieder.Herodot 4, 149.
Die letzten Nachfahren des mythischen Urvaters Lelex sind die Tyndariden, also die fünf Kinder des Tyndareos und der Leda, das sind zum einen die Dioskuren Kastor und Polydeukes, zum anderen Klytaimnestra, Helena und Phoibe. Mit Menelaos, der Helena heiratete, installierten sich die Atriden auf dem lakonischen Thron. Durch die Heirat des Agamemnon-Sohns Orestes mit der Menelaos-Tochter Hermione wurden Lakonien und die Argolis vereinigt.Pausanias 2, 18, 4 ff.
Im Zuge der Eroberung der Peloponnes durch die Herakleiden fiel Lakonien dem AristodemosHerodot 6, 52. oder direkt seinen Söhnen Eurysthenes und Prokles zuPausanias 3, 1, 5., die als Gründer des spartanischen Staates gelten. Die Achaier wurden teils durch die Orestes-Söhne Tisamenos und Penthilos nach Achaia und Kleinasien geführtPausanias 3, 2, 1; 7, 1, 3; Strabon 13, 582., den Verbliebenen gestanden die erobernden Dorer laut Ephoros von Kyme Isotimie zu.Strabon 8, 364. Die Herakleiden oder Dorer waren es auch, die das vorher unbedeutende Sparta zur Hauptstadt des Landes erhoben. Eurysthenes und sein Sohn Agis I. begründeten das Königshaus der Agiaden, während sich die Eurypontiden auf Prokles zurückführen.
Der Herakleiden-Mythos gilt als ätiologische Erzählung, die den Anspruch der Dorer auf Lakonien und Sparta seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. begründen soll.Lukas Thommen: Das Territorium des frühen Sparta in Mythos, Epos und Forschung. In: Andreas Luther et al. (Hrsg.): Das frühe Sparta. Franz Steiner, München 2006, S. 15–28, hier S. 17 f. Demnach gehörte Lakonien rechtmäßig den Erben und Nachkommen des Halbgottes Herakles. Diese seien von dort vertrieben worden und hätten Aufnahme bei den Dorern gefunden. Deren Einwanderung wäre nach diesem Mythos also nicht als feindliche Landnahme zu sehen, sondern als Rückeroberung des den Herakleiden geraubten Landes.
Vor- und Frühgeschichte
mini|hochkant=1.5|Karte über die ungefähre Verbreitung der altgriechischen Dialekte nach dem Ereignis oder den Ereignissen, die als „dorische Wanderung“ bezeichnet werden. Es wurde vermutet, dass der im späteren dorischen Verbreitungsgebiet gesprochene Dialekt (mit Ausnahme in der Doris selbst) achäisch war, der von dem Arkadisch-kyprisches Griechischen und Äolischen abstammte. Dorisch verdrängte das Achäische in Südgriechenland.
Funden protogeometrischer Keramik nach besiedelten Proto-Dorer das Gebiet um das spätere Sparta im Zuge der sogenannten Dorischen Wanderung möglicherweise bereits ab dem 10. Jahrhundert v. Chr.Karl-Wilhelm Welwei: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zu Beginn des Hellenismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001, ISBN 978-3-506-77306-7, S. 52 f. Am mittleren Flusslauf des Eurotas wurden vier Dörfer angelegt: Kynosura, Mesoa, Limnai und Pitane, deren Anfänge jedoch nicht genau datiert werden können.Karl-Wilhelm Welwei: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zu Beginn des Hellenismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001, S. 53. Diese vier Siedlungen bildeten den Kern der künftigen Polis Sparta. Der Umstand des für Sparta charakteristischen Doppelkönigtums könnte seinen Ursprung im politischen Zusammengehen der Gründungssiedlungen haben.
Die Lage von Kynosura und Mesoa lässt Spekulationen über eine strategische Konzeption der Besiedlung zu. Beide sind auf erhöhten Plätzen mit natürlichem Schutz Richtung Süden angelegt. Einige Historiker vermuten, sie könnten als Vorposten und zum Schutz der dorischen Einwanderer im Norden gegen die im Süden gelegene Stadt Amyklai gedient haben. Amyklai bildete das letzte vordorische (gemäß der mythischen Tradition: achäische) Zentrum im Flusstal des Eurotas. Im 8. Jahrhundert v. Chr. gelang es den dorischen Zuwanderern, vermutlich unter Teleklos, Amyklai einzunehmen. Amyklai wurde von den Dorern in ihren Stadtstaat integriert und ist vermutlich die erwähnte fünfte Gründungssiedlung Spartas. Ausgrabungen nahe bei Amyklai, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, haben das sogenannte Tholosgrab von Vaphio freigelegt. Die dort gefundenen Kunstschätze bestätigten die Bedeutung des Ortes in mykenischer Zeit. Nach der Besetzung dieses wichtigen Kulturzentrums richtet sich die Erweiterung des spartanischen Herrschaftsbereiches nach Westen.