mini|Eugène Delacroix: Die Dantebarke. Eines von über 100 erwähnten Kunstwerken und zugleich Sinnbild für den Einfluss von Dantes Divina Commedia
Die Vielzahl der Kunstwerke in der „Ästhetik des Widerstands“, die Peter Weiss in seinen Roman Die Ästhetik des Widerstands eingebunden hat, bilden eine Art musée imaginaire (erdachtes Museum) mit mehr als hundert benannten Künstlern und ebenso vielen Kunstwerken, hauptsächlich der Bildenden Kunst und der Literatur, aber auch der Musik und der Darstellenden Kunst.Nana Badenberg: Die „Ästhetik“ und ihre Kunstwerke. Eine Inventur. In: Alexander Honold, Ulrich Schreiber (Hrsg.): Die Bilderwelt des Peter Weiss. Hamburg 1995, ISBN 3-88619-227-X, S. 115.
Peter Weiss hat den dreibändigen, an die 1000 Seiten umfassenden Roman zwischen 1971 und 1981 geschaffen. Die Handlung ist zwischen 1936 und 1945 angesiedelt, Handlungsorte sind das nationalsozialistische Berlin, Spanien im Bürgerkrieg, Paris vor dem Zweiten Weltkrieg und Stockholm als einer der Zufluchtsorte der deutschen Exilanten. Die Figuren orientieren sich an realen Persönlichkeiten, die Hauptakteure organisieren sich in der Widerstandsgruppe der sogenannten Roten Kapelle. Darstellungen von Künstlern, Kunstwerken, deren Zusammenhänge und Hintergründe sind in den Handlungsstrang einbezogen und bilden ein Netz gegenseitiger Verflechtungen. Die Rezeption erfolgt in vielschichtigen Betrachtungen durch die Protagonisten des Romans, durch den Bezug auf historische und politische Ereignisse, zu mythologischen Versatzstücken, zu Künstlerbiografien, zu Traumbildern oder im kritischen Hinterfragen:
Liste der Kunstwerke Die folgende Aufstellung enthält etwa einhundert Kunstwerke der Bildenden Kunst, der Literatur und der Musik, die in der Ästhetik des Widerstands ausführlich besprochen, benannt, aufgezählt oder einbezogen sind. Zusätzlich sind Motive der Mythologie sowie Ereignisse und Orte, die im direkten Zusammenhang mit Peter Weiss’ Kunstrezeptionen stehen, in die Liste aufgenommen. Die Kunstwerke und Hintergründe sind weitgehend in der Reihenfolge ihres Auftretens im Buch angeordnet. Ausnahmen bilden Motive, die nach einer kurzen Erwähnung auf späteren Seiten eine genauere Beschreibung erfahren. Die im Roman dargestellten etwa einhundert Künstler finden sich in der Liste der Künstler in der „Ästhetik des Widerstands“.
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Abbildung / Chronologie Künstler / Herkunft Werk / Einordnung Im Romanzentriert|170pxAntikePergamonaltarerste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr.Berlin, Pergamonmuseum Bauwerk Der Pergamonaltar ist ein monumentaler Altar, der unter Eumenes II. nahe der kleinasiatischen Stadt Pergamon errichtet wurde. Nach Ausgrabungen durch den deutschen Ingenieur Carl Humann ab 1878 wurde er nach Berlin überführt und dort in einem eigens errichteten Museumsbau ausgestellt. Der Altar ist gut 35 Meter breit und 33 Meter tief, der Sockel wird von einem Hochrelief umlaufen, mit dem der Kampf der Giganten gegen die olympischen Götter dargestellt wird.
AedW I, S. 7–15, 36–53, 316 f., 328;AedW III, S. 20, 171 f., 187, 267 f.ausführlich besprochen: Die Beschreibung des Pergamonaltars und der damit dargestellten Gigantomachie bildet die Einleitung des Romans. Die Protagonisten hinterfragen den Standpunkt des Betrachters: Die siegreichen Götter sehen sie als Sinnbilder der Herrschenden, die das monumentale Kunstwerk durch Ausgebeutete schaffen ließen, Krieg wird zum Mythos stilisiert. Sie selbst identifizieren sich mit den geschlagenen Kindern der Ge und diskutieren die Rolle des Herakles.AedW I, S. 9 ff.Es folgen Reflexionen zur Bedeutung des Pergamonaltars in der Geschichte von Pergamon, der Ausgrabungen des Altars und der Überführung der Kunstschätze nach Deutschland.AedW I, S. 36 f., 46, 50 ff.Ein Fazit des Ich-Erzähler ist, „dass Werke wie jene, die aus Pergamon stammen, immer wieder neu ausgelegt werden müssten, bis eine Umkehrung gewonnen wäre und die Erdgebornen aus Finsternis und Sklaverei erwachten und sich in ihrem wahren Ausehn zeigten.“AedW I, S. 53Weitere Gedankengänge zum Pergamonaltar werden im Verlauf des Romans aufgenommen und schließen das Gesamtwerk mit dem letzten Kapitel ab, so dass dieses Motiv den Roman gleichsam umrahmt.AedW III, S. 267 f.; Nana Badenberg: Kommentiertes Verzeichnis. S. 210 ff.zentriert|170pxGriechische MythologieGigantomachie Mythologie Die Gigantomachie ist der in der griechischen Mythologie durch Homer, Apollodor und andere beschriebene Kampf der Giganten, der Kinder der Erdmutter Ge, gegen die olympischen Götter. Mit Hilfe des sterblichen Helden Herakles siegten die Götter.
AedW I, S. 7 ff.besprochen oder erwähnt: Die Darstellung und Rezeption der Gigantomachie nimmt mit der Beschreibung des Pergamonaltars in der Einleitung einen zentralen Raum ein und wird in Details im Verlauf des Romans mehrfach aufgegriffen. Sie steht als Sinnbild für den Kampf der Widerständigen gegen den Faschismus. „Mit Steinen nur (…) können sie sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren. Sie sah den Kampf in unsrer okkupierten Stadt, unserem besetzten Land, und es half nichts, dass Ge um Erbarmen flehte für ihren Sohn Alkyoneus, er war in Athenas Gewalt, der tötende Biss der Schlange in dessen Brust genügte ihr nicht, sie wollte die restlose Zerfleischung. Zur Vernichtung verurteilt waren die Waffenlosen, die sich zusammenscharten hinter Barrikaden, von den Auserwählten, die sich imponierende Namen zugelegt und ringsum verbreitet hatten, dass sie unschlagbar waren, dass sie höchste Weltordnung im Sinn trugen.“zentriert|170pxGriechische MythologieGe Mythologie Die Göttin Ge oder auch Gaia ist die Erdmutter oder personifizierte Erde der griechischen Mythologie.
AedW I, S. 10 ff.; AedW III, S. 20besprochen oder erwähnt: Das Motiv der Ge wird zur Figur der Identifikation der Protagonisten:„Sie hatte Uranos, den Himmel, Pontos, das Meer, und alle Gebirge hervorgebracht. Sie hatte die Giganten, Titanen, Kyklopen und Erinnyen geboren. Dies war unser Geschlecht. Wir begutachteten die Geschichte des Irdischen.“AedW I, S. 10 Das Bild wird im 3. Buch wieder aufgegriffen, als der Ich-Erzähler an seiner kranken Mutter das Gesicht der Ge wiedererkennt.AedW III, S. 20zentriert|90pxGriechische MythologieHerakles Mythologie Herakles oder auch Herkules ist ein für seine Stärke berühmter Heros der griechischen Mythologie, der als Unsterblicher in den Olymp aufgenommen wurde. Das mit ihm dargestellte Attribut ist, neben Keule, Bogen und Köcher, das Fell des Nemëischen Löwen, den er der Sage nach im Kampf besiegte.
AedW I, S. 18–25, 62, 314 ff.AedW III, S. 169, 267 f. und weitereausführlich besprochen: Das Motiv des Herakles ist ein zentrales, wiederkehrendes Gleichnis und steht als kritisch hinterfragtes Symbol für die Unterdrückten oder die Arbeiterklasse. Das Fehlen seiner Figur im Pergamonaltar führt zu dem wiederkehrenden Element der Suche nach Herakles, die am Ende des Romans ihren Abschluss findet.zentriert|170pxAntikeMarkttor von Miletum 120 v. Chr.Berlin, Pergamonmuseum BauwerkDas Torgebäude ist ein römischer Torbau aus der kleinasiatischen Stadt Milet, das seit 1903 im Besitz der Antikensammlung Berlin ist.
AedW I, S. 15, 324 f., 327besprochen oder erwähnt: Die Protagonisten besichtigen auch dieses Bauwerk bei ihrem Besuch im Pergamonmuseum. Die Geschichte der Stadt Milet wird an anderer Stelle des Romans bei der Darstellung der Antike als Reichtum anhäufende Sklavenhaltergesellschaft noch einmal aufgegriffen.zentriert|170pxAltertumIschtar-Tor6. Jahrhundert v. Chr.Berlin, Pergamonmuseum Bauwerk Das Ischtar-Tor war eines der Tore in der Stadtmauer von Babylon, einer der bedeutendsten Städte des Altertums, und wurde unter Nebukadnezar II. errichtet. Es befindet sich seit 1930 in der Sammlung des Vorderasiatischen Museums im Südflügel des Pergamonmuseums.
AedW I, S. 15besprochen oder erwähnt: Beim Besuch im Pergamonmuseum gehen die Protagonisten an diesem Bauwerk entlang, „noch ein paar Jahrhunderte tiefer geratend.“zentriert|170px Paul OttoWilhelm von Humboldt Denkmal1883, MarmorstatueBerlin, Unter den Linden Bildende Kunst Denkmal für Wilhelm von Humboldt (1765–1835), Universalgelehrter, der insbesondere wegweisend für die Kulturwissenschaft und die Bildung gilt.
AedW I, S. 15besprochen oder erwähnt: Bei ihrem Gang durch Berlin verweisen die Protagonisten mit einem Fingerzeig zu „den hoch in Sesseln mit Greifenfüßen thronenden, über aufgeschlagnen Büchern vor sich hinsinnenden Brüdern Humboldt“.zentriert|170px Reinhold BegasAlexander von Humboldt Denkmal1883, MarmorstatueBerlin, Unter den Linden Bildende Kunst Denkmal für Alexander von Humboldt (1769–1859), Naturforscher, der wegen seiner Gelehrsamkeit auch „Weltwissenschaftler“ genannt wurde.
AedW I, S. 15besprochen oder erwähnt: Bei ihrem Gang durch Berlin verweisen die Protagonisten mit einem Fingerzeig zu „den hoch in Sesseln mit Greifenfüßen thronenden, über aufgeschlagnen Büchern vor sich hinsinnenden Brüdern Humboldt“.zentriert|170px Arthur RimbaudUne saison en enfer(Eine Zeit in der Hölle)1873Gedichtsammlung Literatur Die Gedichtsammlung gilt als hoch poetische Endabrechnung mit der eigenen Philosophie des zum Zeitpunkt der Entstehung 19-jährigen Rimbaud, aber auch als sprachlich dicht und schwer zugänglich. Rimbauds Werk hat die Literatur und die Kunst des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Expressionismus und den Surrealismus, stark beeinflusst.
AedW I, S. 58; AedW II, S. 68besprochen oder erwähnt: In der Fragestellung des Romans, welche Möglichkeiten die wenig gebildete Arbeiterklasse hat, sich Kultur anzueignen, diskutieren die Protagonisten am Beispiel Rimbauds die Verständlichkeit von Sprache im Verhältnis zu ihrer Banalisierung: „Beides ist richtig (…), sowohl der Griff, der uns den Boden wegreiße unter den Füßen, als auch das Bestreben, einen festen Grund herzustellen zur Untersuchung einfacher Tatsachen.“AedW I, S. 58 Ein weiteres Mal findet das Werk Erwähnung im zweiten Band, als der Ich-Erzähler auf den Spuren verschiedener Künstler die Stadt Paris kennenzulernen sucht.zentriert|170px Ilja RepinTreidler an der Wolga1870–1873, Öl auf Leinwand, 131,5 × 281 cmSt. Petersburg, Russisches Museum Bildende Kunst
AedW I, S. 60Motivgruppe: Arbeitbesprochen oder erwähnt: als Beispiel des russischen Realismus:„Die Gesichter der zerlumpten, bärtigen Leibeigenen, die barfuß oder in zerrissnen Sandalen und Halmstiefeln durch den Ufersand stampften, waren erloschen, bar jeder Hoffnung.“zentriert|170px Konstantin SawizkiReparaturarbeiten an der Eisenbahn1874, Öl auf Leinwand, 100 × 175 cmMoskau, Tretjakow-Galerie Bildende Kunst
AedW I, S. 60Motivgruppe: Arbeitbesprochen oder erwähnt: als Beispiel des russischen Realismus:„Es war das Jahr Achtzehnhundert Vierundsiebzig, als die Wegarbeiter an der staubigen Böschung, von Soldaten überwacht, sich über die vollbeladnen Karren stemmten. In der Öde, der Entwertung ihres Lebens hatten sie nie erfahren von den Revolutionen in Frankreich, von der Commune.“zentriert|170px Wassili PerowTroika1866, Öl auf Leinwand, 123,5 × 167,5 cmMoskau, Tretjakow-Galerie Bildende Kunst
AedW I, S. 60Motivgruppe: Arbeitbesprochen oder erwähnt: als Beispiel des russischen Realismus:„Die Kinder vorm Schlitten waren ausgemergelt, ihre Gesichtszüge wächsern, stumpf vor Erschöpfung.“zentriert|170px Nikolai YaroshenkoDer Heizer1878, Öl auf Leinwand, 124 × 89 cmMoskau, Tretjakow-Galerie Bildende Kunst
AedW I, S. 60Motivgruppe: Arbeitbesprochen oder erwähnt: