Der Begriff Geisteswissenschaft ist in der deutschsprachigen Denktradition eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Einzelwissenschaften („Disziplinen“). (PDF; 1,3 MB) Diese Geisteswissenschaften arbeiten, verwenden und untersuchen mit unterschiedlichen Methoden Bereiche, welche mit kulturellen, geistigen, medialen, teils auch sozialen bzw. soziologischen, historischen, politischen und religiösen sowie mystischen Phänomenen zusammenhängen. Die meisten Geisteswissenschaften betreiben dabei also auch in einem gewissen Maße Anthropologie, da in allen Disziplinen der Mensch und seine Werke im Mittelpunkt stehen (→ Anthropologie). Wilhelm Dilthey (1833 bis 1911) formulierte eine Theorie der Geisteswissenschaften und grenzte die Geisteswissenschaften damit vom damals dominierenden Naturalismus ab. Dilthey gilt als Begründer der Theorie der Geisteswissenschaften. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie erheblich weiter.

Geschichte Begriffsgeschichte Das Wort „Geisteswissenschaft“ ist schon in einer 1787 anonym verfassten Schrift mit dem Titel Wer sind die Aufklärer? belegt. Dort steht: „Wenn sage ich, Geistliche, die doch in der Gottesgelehrtheit und Geisteswissenschaft sorgfältigst sind unterrichtet worden …“A. Diemer: Geisteswissenschaften. In: HWPh. Band 3, S. 211. Der Autor bezieht sich also noch auf eine Theorie der „Pneumatologie des Geistes“. Damit ist eine Wissenschaft gemeint, welche Erklärungen gibt, die sich nicht auf natürliche, sondern „geistige“ Ursachen beziehen. In diesem Sinne redet auch z. B. Gottsched von einer „Geisterlehre“.nach A. Diemer: Geisteswissenschaften. In: HWPh. Band 3, S. 211.

Fritz van Calker und Friedrich Schlegel verwenden „Geisteswissenschaft“ als Synonym für Philosophie überhaupt.

Näher am heutigen Wortsinn ist, was David Hume mit „moral philosophy“ meint, was Jeremy Bentham als „Pneumatologie“ von „Somatologie“ abgrenztOeuvres de J. Bentham 1829, Band 3, 311; hier n. Rudolf Eisler: Geisteswissenschaften. In: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Band 1, S. 368. und was Ampère „Noologie“ im Gegensatz zur „Kosmologie“ nennt.Essai sur la philosophie des sciences 1834; n. Eisler, l.c. John Stuart Mill bezeichnet in seinem System der deduktiven und induktiven Logik von 1843 mit „moral sciences“ die Disziplinen Psychologie, Ethologie und Soziologie. Mill bezieht dabei die induktive Logik auf die Datenbeschaffung aus geschichtlichen und gesellschaftlichen Phänomenen, weshalb die moral sciences so ungenau seien wie z. B. die Meteorologie.Vgl. den digitalisierten Volltext von System, § 6.3, bei Zeno.org online Jacob Heinrich Wilhelm Schiel hatte in einer ersten Übersetzung (in der zweiten nicht mehr) für moral sciences „Geisteswissenschaft“ gesetzt. Diese Verwendung dürfte zwar einflussreich gewesen sein, aber der deutsche Ausdruck wurde nicht, wie früher oft angenommen, als Lehnübersetzung aus Mill geprägt, sondern ist, wie angezeigt, schon früher zu finden.Vgl. A. Diemer: Geisteswissenschaften. In: HWPh. Band 3, S. 211.; Hans-Georg Gadamer: Geisteswissenschaften. In: RGG. 3. Auflage. Band 2, S. 1304.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Franz Hillebrand und andere deutschsprachige Autoren sprechen von einer Geisteslehre oder Geisteswissenschaft. Hegels Geist-Begriff bezieht sich dabei nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Gruppen und als objektiver Geist auf die Welt überhaupt.

Etwa im heutigen Sinne tritt das Wort „Geisteswissenschaft“ bei dem sonst unbekannten Ernst Adolf Eduard Calinich (* 25. März 1806 in Bautzen – 1824 stud.phil. in Leipzig, Mitglied in der Lausitzer Predigergesellschaft – 1844 Vizedirektor am Seminar in Dresden) auf, der 1847 zwischen der „naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Methode“ unterscheidet, eine Zweiheit, von der unspezifisch auch schon 1824 bei W. J. A. Werber die Rede ist.

Der Ausdruck „Geisteswissenschaft“ bekommt seine Prägnanz wesentlich durch Wilhelm Dilthey (Einleitung in die Geisteswissenschaften, 1883) und ist eng mit den politischen und universitären Voraussetzungen im deutschen Sprachgebiet verbunden.

Prägend ist dabei u. a. die Ausbildung der historischen Schule im Gefolge u. a. von Friedrich Carl von Savigny, Leopold von Ranke und Johann Gustav Droysen, die in kritischer Absetzung u. a. zu Hegel ein Ideal für Näherbestimmungen des methodischen Propriums von „Geisteswissenschaften“ vorgibt.

Dilthey definierte die Geisteswissenschaften in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften durch die ihnen eigene Methode des Verstehens, wie sie als Hermeneutik seit Friedrich Schleiermacher auch außerhalb der Philologie gebräuchlich geworden war. Dilthey suchte sie als „Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen“ beziehungsweise als „Wissenschaft der geistigen Welt“ zu begründen. Sie sollte eine ursprünglich konzipierte „Kritik der historischen Vernunft“ empirisch erweitern.

Dilthey griff zur Wortbildung „Geisteswissenschaften“ Hegels Begriff des Geistes auf. Hegel bezog den Begriff „Geist“ auf das „Geistesleben“ einer Gruppe, eines Volkes oder einer Kultur. Der Begriff ist daher stark an die deutsche idealistische Tradition und Hegels Konzept des objektiv-objektivierten Geistes gebunden. Dies ist bis heute Grund dafür, dass er sich kaum übersetzen lässt.HWPh. Band 3, S. 212. Übliche Analoga sind humanities, (liberal) arts und human studies. Das französische Analogon ist meist sciences humaines.

Wichtig für die frühe Konzeption der Geisteswissenschaften waren die Gegensatzpaare Geist–Natur, Geschichte–Naturwissenschaft, Verstehen-Erklären. Während die Naturwissenschaft versuchte, die Natur aufgrund ewiger Gesetze zu erklären, sah man es als Aufgabe einer historisch ausgerichteten Geisteswissenschaft, das Geistesleben vergangener Völker in ihrer Einmaligkeit zu verstehen.

Zu Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts orientieren sich außerdem viele Autoren an der kantischen Erkenntnistheorie und v. a. am sogenannten Psychologismus. So definiert etwa Wilhelm Wundt, dass die Geisteswissenschaften ansetzen, „wo der Mensch als wollendes und denkendes Subject ein wesentlicher Faktor der Erscheinungen ist“.Logik, Band 2, 18; n. Eisler Theodor Lipps definierte – bezogen auf das Individuum – die „Geisteswissenschaft“‘ als „Wissenschaft der inneren Erfahrung“. Er hielt die individuelle „innere Erfahrung“ für den grundlegenden Maßstab von Erkenntnistheorie, Logik, Psychologie und Wahrnehmung.Vgl. Theodor Lipps: Grundtatsachen des Seelenlebens. Bonn 1883, S. 3. Ähnlich die „Südwestdeutsche Schule“ des Neukantianismus (Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert). Im Sinne von Psychologismus und historischer Schule wird hier postuliert: Geisteswissenschaften sind ideographisch, nicht nomothetisch (W. Windelband); sie sind individualisierend und wertbezogen, nicht generalisierend (H. Rickert),Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, 1896. „auf historische Einmaligkeiten und nicht nur auf Gesetzmäßigkeiten gerichtet“.RGG 3, Band 2, 1304. Rickert nennt die Geisteswissenschaften, da er sie auf Kulturwerte bezieht, auch „Kulturwissenschaften“. Auch Max Weber und Ernst Troeltsch stehen dieser Wertphilosophie nahe.RGG 3, Band 2, 1307.

Die Marburger Schule (Hermann Cohen u. a.) dagegen sieht die Logik der Geisteswissenschaften in der Rechtswissenschaft.Gadamer, RGG 3, Band 2, 1306.

Um 1900 ist dann der lebensphilosophische Geistbegriff u. a. Diltheys weithin prägend, so etwa bei Philosophen und Pädagogen wie Nicolai Hartmann, Otto Friedrich Bollnow, Eduard Spranger, Theodor Litt, Herman Nohl, Georg Misch, Hans Freyer und Erich Rothacker.

Im Gefolge des Linkshegelianismus wird die nach Hegel und der Lebensphilosophie übliche Rede von „Geisteswissenschaften“ Mitte des 20. Jahrhunderts im marxistischen Sprachgebrauch weitgehend ersetzt durch „Sozialwissenschaften“ oder „Gesellschaftswissenschaften“.

Der Begriff umfasst im „deutschen Sprachgebrauch sämtliche Wissenschaften, die nicht Naturwissenschaften sind (mit Ausnahme der Mathematik), also alle, die in der theologischen, juristischen und philosophischen (d. i. philologisch-historischen) Fakultät gepflegt werden“.Gadamer, RGG 3, Band 2, 1304.

Auch wenn in den Geisteswissenschaften heute noch davon ausgegangen wird, dass sich kulturelle Bedeutungszusammenhänge, Sinnstrukturen, Verstehens- und Wahrnehmungsweisen nicht allein im Rahmen einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise behandeln lassen, so ist die starke Opposition zwischen den Disziplinen inzwischen verschwunden, und es wird versucht, durch interdisziplinäre Ansätze beide Zugangsweisen zu kombinieren.

Gesellschaftlicher Hintergrund

Über diese erkenntnistheoretischen Erörterungen hinaus führten jedoch auch politische und soziale Absichten zu solchen Schlüssen: Die Nützlichkeit technischer Neuerungen täuschte nach der Julirevolution von 1830 und der Märzrevolution von 1848 über den gescheiterten gesellschaftlichen Konsens hinweg. Die aufstrebenden Natur- und Ingenieurwissenschaften stützten mindestens vordergründig die restaurative Macht des Spätabsolutismus. Hermeneutik hat dagegen mit einem stets neu zu findenden und zu erhaltenden Konsens von Beobachtern zu tun und entzieht sich der empirischen Nachweisbarkeit in Spurensicherung oder Experiment, die mit Erfolg gegen ältere wissenschaftliche Methoden ausgespielt wurden. Um dem gewachsenen Anspruch auf Wertfreiheit und Objektivität zu genügen, musste sich allerdings auch die Hermeneutik vermehrt der Spurensicherung bedienen. Dieses Konzept einer Wissenschaft erschien Dilthey verteidigenswert.

Der Aufschwung der Naturwissenschaften seit Anfang des 19. Jahrhunderts war einhergegangen mit der Herausbildung neuartiger Disziplinen im Rahmen der alten Philosophischen Fakultät, die sich durch rigorose Methodik auszeichneten;Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen: Physik in Deutschland 1740–1890. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. die alte Einheit war unwiederbringlich verloren. Damit war ein Großteil der alten Fächer in Frage gestellt. Das Konzept der Geisteswissenschaften half diesen, sich zu behaupten und zu modernisieren. So haben sich die alten Fakultätswissenschaften Theologie und Rechtswissenschaft erfolgreich als Geisteswissenschaften neu definiert.

Eine ähnliche und parallel laufende Unterscheidung ist die zwischen nomothetischen („regelsetzenden“) und idiographischen („beschreibenden“) Wissenschaften, die manchmal dazu dient, die Sozialwissenschaften als nomothetisch abzugrenzen. Sie geht auf Wilhelm Windelband zurück.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Entstehung der Geisteswissenschaften war das Verhältnis zwischen Universität und Staat: Im 19. Jahrhundert hatten sich die bürgerlichen Gelehrten, Künstler und Literaten einen Geistesadel und eine Hochkultur geschaffen, und diesen „Geist“ galt es nicht zuletzt gegenüber der führenden Oberschicht zu behaupten. Der Adel dagegen benötigte keine Reputation durch künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung. Er zog sich zurück und tendierte eher zur populären Unterhaltung.

Ob eine Geschichtlichkeit von „Seelenvorgängen“ (Dilthey) etwas Kollektives sein kann, war nicht zuletzt eine politische Haltung. Georg Friedrich Hegel betrachtete den Geist als etwas Überindividuelles, nicht bloß Subjektives. Dies traf in einer Zeit der fehlenden staatlichen Einheit und der missglückten Emanzipation des Bürgertums von partikularisierenden Interessen des Adels auf breite Zustimmung. Mehr als in anderen Sprachgebieten ist im deutschen das Wollen und Handeln („Wirken“) eines gemeinschaftlichen Geistes behauptet worden. Aus dieser Tradition heraus entstanden Allgemeinbegriffe wie Zeitgeist, „Geist einer Nation“, „Geist einer Epoche“. Max Weber sprach von einem „Geist“ des Kapitalismus (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904/05).