mini|Stilisierte Fulvia auf einer kleinasiatischen Münze der Stadt Eumeneia.

Fulvia (* um 84–73 v. Chr.Vgl. Allison Jean Weir: A Study of Fulvia. Masterarbeit. Ontario 2007, S. 2.; † Mitte 40 v. Chr. in Sikyon bei Korinth) war eine der politisch einflussreichsten Frauen der späten Römischen Republik. Sie war vermutlich die erste nicht-mythologische Frau, die auf römischen Münzen abgebildet wurde.

Nach ihren Ehen mit Publius Clodius Pulcher und Gaius Scribonius Curio war es vor allem die Ehe mit Marcus Antonius, die Fulvia öffentliche Beachtung brachte. Insgesamt hatte sie mit ihren Ehemännern fünf Kinder. Nach dem Tod Caesars (44 v. Chr.) verschaffte sie sich an der Seite des Antonius eine zunehmende größere Machtstellung und mischte sich auch in militärische Belange ein. Sie sah der Hinrichtung meuternder Soldaten zu und verteidigte 44/43 v. Chr. in Rom trotz heftiger Attacken loyal die Interessen ihres abwesenden dritten Gemahls, als dessen Erklärung zum Staatsfeind drohte. Ferner unterstützte sie die finanziellen Ziele der von den Triumvirn verordneten Proskriptionen, indem sie eine Delegation von Frauen abwies, die sie um Hilfe gegen die neu eingeführte Sondersteuer auf das Vermögen reicher Römerinnen bat. Als Antonius nach dem Sieg über die Caesarmörder 41 v. Chr. am Balkan und in Kleinasien tätig war, engagierte sich Fulvia mit ihrem Schwager Lucius Antonius ebenfalls im Interesse des Machterhalts ihres Gemahls im Perusinischen Krieg gegen Octavian (den späteren Kaiser Augustus). Nach Octavians Sieg reiste sie Antonius nach Griechenland entgegen, starb aber bald.

Das von Fulvia überlieferte Bild einer grausamen, hemmungslos herrschsüchtigen und habgierigen „Furie“ ist teilweise durch die negative Darstellung in den Werken des berühmten römischen Redners und Politikers Cicero sowie die feindliche Propaganda Octavians verzerrt. Heute wird sie als außerordentlich selbstbewusste Frau der römischen Oberschicht und Vorläuferin der mächtigen Frauen am Kaiserhof betrachtet.

Leben Herkunft und Jugend Fulvia, deren Geburtsdatum nicht überliefert ist, wurde wohl Ende der 80er v. Chr. oder Anfang der 70 v. Chr. geboren. Sie stammte aus Tusculum in Latium und kam wahrscheinlich auf dem Familiensitz zur Welt.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 45 f. Sie war die Tochter des Marcus Fulvius Bambalio und der Sempronia, Tochter des Sempronius Tuditanus.So ; vgl. Cicero, Philippische Reden 2,90; 3,16; Cassius Dio, Römische Geschichte 45,47,4; 46,7,1; 46,28,1. Fulvias Urgroßvater mütterlicherseits war der Geschichtsschreiber und Konsul von 129 v. Chr., Gaius Sempronius Tuditanus.

Die Fulvier und Sempronii Tuditiani, von denen Fulvia abstammte, waren alte Plebejergeschlechter, die viele politische und militärische Verdienste für die Römische Republik erworben hatten. Bis 125 v. Chr. hatten die Fulvier häufig die höchsten Ämter des Cursus honorum inne. Als Fulvia zur Welt kam, waren aber ihre beiden Familienlinien anscheinend erloschen; daher könnte sie die letzte Nachfahrin gewesen sein.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 47. Fulvias Großvater mütterlicherseits, Sempronius Tuditanus, wurde von Cicero als Exzentriker bezeichnet, der Münzen von der Rostra ins Publikum geworfen habe und in höherem Alter geisteskrank gewesen sei.Cicero, Philippische Reden 3,16; Cicero, Lucullus sive Academicorum priorum 2,89; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 7,8,1. Fulvias Vater wiederum hatte einen Sprachfehler, weswegen ihm das spöttische Cognomen Bambalio („Stotterer“) beigelegt wurde.Cicero, Philippische Reden 3,16. Für Mitglieder der römischen Nobilität, die nach einer militärischen oder politischen Karriere strebten, waren Beeinträchtigungen ihrer Kommunikationsfähigkeit äußerst hinderlich. Fulvia hingegen war nicht von demselben Hemmnis betroffen, sondern zeigte sich später als wirkungsvolle Rednerin.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 48.

Die Historikerin Jane Draycott vertritt die Ansicht, dass Fulvia einen älteren Halbbruder namens Lucius Pinarius Natta hatte. Dieser war ein Stiefsohn des Konsuls Lucius Licinius Murena und wurde durch die Heirat seiner Schwester mit Publius Clodius Pulcher dessen Schwager.Cicero, Pro L. Murena 73; Cicero, De domo sua ad pontifices 118; 134; 139. Jane Draycott nimmt in diesem Zusammenhang an, dass Fulvias Mutter Sempronia vor ihrer Heirat mit Marcus Fulvius Bambalio mit einem Mann namens Lucius Pinarius Natta vermählt war und mit ihm einen gleichnamigen Sohn, Fulvias Halbbruder, hatte.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 50 f. Andere Althistoriker wie Friedrich Münzer sind hingegen der Meinung, dass Murenas Stiefsohn Lucius Pinarius Natta eine Schwester namens Pinaria hatte, die kurzzeitig Gattin des Clodius Pulcher war, bevor dieser Fulvia ehelichte.

Über die Kindheit und Jugend Fulvias ist wenig bekannt. Wahrscheinlich hatte sie, wie für adlige Kinder üblich, in ihrer frühen Kindheit eine sorgfältig ausgewählte Amme, später außerdem ein u. a. aus Kinderschwestern und Pädagogen bestehendes Gefolge. Zu ihrer Mutter Sempronia scheint sie eine enge Beziehung gehabt zu haben. Über ihr Aussehen liegen keine schriftlichen antiken Beschreibungen vor. Vermutlich erwähnte sie der Dichter CatullCatull, Gedichte 86, 1 f. unter dem Pseudonym Quintia, die er als strahlend weiß, groß und gerade gewachsen beschrieb. Er stellte in Abrede, dass Quintia schön sei, da sie keinen Charme besitze. Fulvia erhielt wohl einen fundierten Unterricht durch eigene Tutoren, die ihr eine umfassende Bildung (griechisch Paideia) vermittelten. Wahrscheinlich erhielt sie auch Rhetorik-Unterricht, obwohl dies für römische Mädchen unüblich war. Hierdurch vermochte sie später mit Männern etwa in politischen Debatten auf Augenhöhe zu streiten. Da ihre Söhne mit Marcus Antonius Namen mit mythologischer und historischer Bedeutung erhielten, dürfte Fulvia auf dem Gebiet der griechisch-römischen Literatur bewandert gewesen sein. Sie entsprach nicht dem weiblichen römischen Erziehungsideal der Pudicitia, das neben der Sittsamkeit von Frauen auch forderte, nicht unnötig oft und nur in Begleitung aus dem Haus zu gehen, in der Öffentlichkeit zurückhaltend aufzutreten und zu Hause nur ausgewählte Personen, vor allem Frauen, zu empfangen. Hingegen scheute Fulvia sich nicht, ihre Anliegen lautstark öffentlich zu äußern. Dies trug später zu ihrer negativen Charakterisierung bei.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 55–64.

Ehe mit Clodius In erster Ehe war Fulvia seit etwa 62 v. Chr. mit dem einer alten Patrizierfamilie entstammenden Publius Clodius Pulcher, dem Volkstribun des Jahres 58 v. Chr., verheiratet. Die Historikerin Jane Draycott vertritt den Standpunkt, dass Clodius nach dem Bona-Dea-Skandal – er hatte sich im Dezember 62 v. Chr. verkleidet beim Bona-Dea-Fest eingeschlichen, obwohl Männern die Teilnahme verboten war – für die meisten Familien der römischen Nobilität als Schwiegersohn unattraktiv geworden sei. Da Fulvias Vater Bambalio nur über ein relativ geringes Ansehen und politisches Gewicht verfügte, könnten Fulvias Eltern indessen Clodius als Gemahl für ihre Tochter ausersehen haben, um sie in dessen einflussreiche Adelsfamilie einheiraten zu lassen und so ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu fördern.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 85 f., die sich hier auf Celia E. Schultz (Fulvia. Playing for power at the end of the Roman Republic, 2021, S. 34) beruft. Für Clodius wiederum war Fulvia wohl eine attraktive Braut, da sie wahrscheinlich als letztes Familienglied väterlicher- und mütterlicherseits einiges Vermögen als Mitgift in die Ehe einbringen konnte.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 65, 86. Es ist nicht überliefert, ob Fulvia ihre Ehe cum manu schloss, bei der die Frau aus der Gewalt des Vaters (patria potestas) in jene des Ehemanns überging, oder sine manus, bei der sie nach dem Tod ihres Vaters relativ unabhängig wurde, etwa bezüglich ihrer Finanzen, wenn auch unter der Kontrolle eines Vormunds. Die letztere Form der Vermählung war aber in der Spätphase der Römischen Republik vorherrschend.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 66 f.

Fulvia lebte mit Clodius in seinem am Clivius Victoriae auf dem Nordwesthang des Palatin gelegenem stattlichem Haus in einer sehr vornehmen Wohngegend Roms.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 89, 92 ff. Aus ihrer Ehe, die sehr harmonisch verlaufen sein soll,Cicero, Pro T. Annio Milone 28; 55; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 3,5,3. gingen zwei Kinder hervor: ein nach seinem Vater benannter Sohn Publius Clodius Pulcher und eine um 54 v. Chr. geborene Tochter Clodia.Sueton, Augustus 62,1; Plutarch, Antonius 20. Fulvia verbrachte mit ihrem Gemahl offenbar viel Zeit und soll ihn überallhin begleitet haben. Cicero empfand es als ungewöhnlich, wenn er Clodius ohne dessen Gattin sah. Falls ihr Gemahl längere Zeit nicht in Rom weilte, war Fulvia die Ansprechperson für seine um Hilfe ansuchenden Klienten. Sie stand wohl häufig mit ihrer Schwägerin Clodia in Kontakt.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 95 ff. Auch warb sie eine Schar von Gefolgsleuten (collegia) für ihren Ehemann an. Cicero scheint anzudeuten, dass Fulvia während ihrer Ehe mit Clodius eine Liaison mit Marcus Antonius hatte, was wohl eine Verleumdung darstellt.Cicero, Philippische Reden 2,48; dazu

Rolle nach Clodius’ Ermordung Clodius wurde am 18. Januar 52 v. Chr. bei einer Straßenschlacht in Bovillae außerhalb Roms auf Betreiben seines politischen Rivalen Titus Annius Milo getötet. Der Senator Sextus Teidius fand Clodius’ Leichnam und ließ ihn abends auf einer Sänfte nach Rom zu Clodius’ Haus bringen.Asconius Pedianus, Kommentar zu Cicero, Pro T. Annio Milone 31, Edition Stangl. Die Leiche wurde im Atrium von Clodius’ Haus aufgebahrt. Fulvia schwor Rache an den Mördern ihres Gatten. Sie erhob laute Wehklagen, öffnete die Türen ihres Hauses und stellte den in großen Mengen hineinströmenden Passanten die zahlreichen Wunden ihres ermordeten Gatten, dessen Leiche sie zu diesem Zweck entkleidet hatte, zur Schau. So versuchte sie die Anwesenden gegen Milo und dessen Anhänger aufzuhetzen.Jane Draycott: Fulvia, 2026, S. 18 f.; 104 f.

Am folgenden Morgen trug die Menge Clodius’ Leichnam in feierlichem Zug über die Heilige Straße den Palatin hinab zum Forum, was den Regeln traditioneller römischer Begräbnisprozessionen widersprach. Auf der Rostra wurden Clodius’ sterbliche Überreste einer noch größeren Menschenmenge gezeigt, und zwei Gegner Milos, die Volkstribunen Titus Munatius Plancus Bursa und Quintus Pompeius Rufus, hielten aufreizende Reden.Asconius, Kommentar zu Cicero, Pro T. Annio Milone 31 f. und 37, Edition Stangl; Cassius Dio, Römische Geschichte 40,49,1f. Der Leichnam wurde auf einem hastig aus Bänken und Tischen errichteten Scheiterhaufen in der Curia Hostilia verbrannt, doch ergriffen die Flammen das Gebäude selbst und setzten es und die angrenzende Basilica Porcia in Brand.Cicero, Pro T. Annio Milone 12 mit dem Kommentar von Asconius 37, Edition Stangl; Cassius Dio, Römische Geschichte 40,49,2f. Nach weiteren Unruhen wurde Pompeius zum alleinigen Konsul ernannt, um die Ordnung wiederherzustellen.