mini|hochkant=1.5|Die Wallfahrtskirche von Nordosten gesehen Die Wallfahrtskirche Unserer lieben Frau vom Berge Karmel ist ein Gotteshaus im oberschwäbischen Mussenhausen. In der Pfarreiengemeinschaft Markt Rettenbach ist sie Filialkirche der Pfarrei St. Otmar in Eutenhausen und gehört zum Dekanat Memmingen im Bistum Augsburg.

Die Kirche ist von marianischer Symbolik geprägt, die sich nicht nur in den zahlreichen Fresken von Johann Baptist Enderle zeigt, sondern auch bei den stuckierten Putten, die zwölf Tugenden Mariens darstellen. Beachtenswert ist die Kombination von Gemälden aus dem Themenkreis der Passion Christi mit passenden Emblemata im Chorgestühl. Seltenheitswert haben die vierzehn krippenartigen, geschnitzten Kreuzwegstationen.

Lage Die Kirche wurde im Auerbachtal am südlichen Ortsrand des Ortes Mussenhausen erbaut. Der Ortsrand ist hier noch nicht zersiedelt. Nördlich schließt sich ein Altenheim an, im Osten verläuft die Staatsstraße 2013. Der Norden ist unbebaut und wird landwirtschaftlich als Grünlandfläche genutzt. Im Westen wird die Kirche durch das angebaute Klösterl begrenzt.

Geschichte mini|Blick zum Chor Mussenhausen besaß keine eigene Kirche und gehörte zum Pfarrbezirk Eutenhausen. Nach Aufzeichnungen des Pfarrers Jeremias Schiffmann aus dem Jahre 1676 kamen drei Brüder aus Eutenhausen 1647 in den Besitz eines Büchleins von der Bruderschaft des Heiligen Skapuliers und wurden Mitglieder in der Augsburger Skapulierbruderschaft. Philipp Schropp, einer der Brüder, erkrankte schwer und hatte eine Vision, in der die Jungfrau Maria ihn aufforderte, eine Kirche zu bauen. Nach seiner Genesung baute er 1649 in seinem Obstgarten eine hölzerne Kapelle. Sein Bruder Albrecht Schropp malte ein Ölbild Unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel und Philipp stellte es in der Kapelle auf, in der nun die Einwohner von Mussenhausen Andachten abhielten. Als Gebetserhörungen bekannt wurden, kamen immer mehr Pilger zu der kleinen Kapelle, um vor dem Bildnis zu beten. Daher legte Philipp Schropp am 26. Mai 1653 den Grundstein zum Bau einer größeren steinernen Kapelle. Bereits am 28. März 1666 konnte eine eigene Skapulierbruderschaft an der Kapelle gegründet werden, die immer noch besteht.Konrad Baumann: Wallfahrtskirche Mussenhausen, S. 4.

Nachdem auch diese Kapelle den Pilgerstrom nicht mehr aufnehmen konnte, ließ Pfarrer Martin Baur ein Langhaus an die bestehende Kapelle anfügen. Der Grundstein zu diesem Neubau wurde am 2. Oktober 1669 gelegt und die Kirche 1671 vollendet. Zwischen 1675 und 1676 ersetzte der Mindelheimer Maurermeister Thomas Natter die Kapelle, die seit dem Langhausanbau als Chor diente, durch einen Hochchor und baute den Turm mit der Sakristei an seiner Südseite an. Am 25. Juli 1694 konsekrierte der Augsburger Weihbischof Johannes Eustache Egolf von Westernach die neue Kirche. Zwischen 1751 und 1763 wurden ein neuer Hochaltar und eine neue Kanzel angeschafft und die Raumschale im Rokoko-Stil umgestaltet. Gemäß dem Stil der damaligen Zeit wurde die Kirche zwischen 1862 und 1870 verändert. Zusammen mit dem Hochaltar wurde der barocke Kreuzaltar, an dem sich Darstellungen der Leidensgeschichte Jesu befanden, als deren Urheber ein Bauernsohn aus der Umgebung überliefert ist, unwiederbringlich entfernt. Im Jahr 1912 wurden die Änderungen des 19. Jahrhunderts weitgehend rückgängig gemacht. Seit 1700 lebten im 1698 angebauten Klösterl Wallfahrtspriester. Auf diese folgten 1858 Kapuziner aus Altötting, die 1888 an das Klösterl einen Südtrakt anbauten. Sie versahen ihren Dienst in der Kirche bis 1984. Restaurierungen führte man von 1950 bis 1957 und von 1976 bis 1980 durch; bei letzterer wurde die Schiefereindeckung der Turmzwiebel durch Kupfer ersetzt, Kanzelaufgang und Vorzeichen neu gebaut. Schäden am Dachstuhl und an der Decke von Chor und Langhaus machten eine Innenrestaurierung notwendig, die zwischen 2006 und 2009 stattfand und insgesamt etwa 420.000 Euro kostete. Neue Lüster wurden angeschafft und am 16. Juli 2013 weihte und segnete der Augsburger Weihbischof Florian Wörner einen neuen Volksaltar von Bildhauer Thomas Link aus Waal, einen neuen Ambo und Osterleuchter.

Baubeschreibung mini|Blick vom Chor ins Langhaus Das Bauwerk ist eine Hallenkirche mit eingezogenem Chor. Chor und Langhaus sind trotz eines Höhenunterschiedes von zweieinhalb Metern unter einem einzigen Dachstuhl zusammengefasst. Der Turm steht an der Südseite des Chores, und zwar an seinem westlichen Ende. Erbaut ist die Kirche aus Ziegelsteinen, welche verputzt sind. Die äußere Farbe der Kirche ist Rosa. Die Strebepfeiler am Chor und kleinere Fensterverzierungen sind in Naturweiß gehalten, ebenso die Sakristei, der Kanzelaufgang und das Vorzeichen.

Chor Der Chor mit Fünfachtelschluss ist 17 Meter lang, 7,5 Meter breit, 10,5 Meter hoch und erhält Licht durch sieben Rundbogenfenster, von denen sich aber keines in seinem Scheitel befindet. Er ist mit einem tonnenförmigen Steingewölbe versehen, in das kleine Stichkappen einschneiden. Rot marmorierte Pilaster sind mit Kranzgesimsen verziert, auf denen flügellose Putten sitzen. Eine Stichbogentür ermöglicht den Zugang zur Sakristei, der durch das Untergeschoss des Turmes führt. Über diesem Geschoss liegt ein tonnengewölbtes Oratorium mit einer rundbogigen Öffnung zum Chorraum. Acht Strebepfeiler in gotisierendem Stil mit doppeltem Wasserschlag stützen die Chormauern. Zwischen den beiden östlichen Strebepfeilern ist eine barocke Kapelle mit dem Kerkerheiland an die Chorwand angebaut. Über ihr ist an der Wand ein großes hölzernes Missionskreuz in Gestalt eines Caravaca-Kreuzes aus dem Jahr 1773 befestigt. Am östlichen Ende des Dachfirstes befindet sich ein eisernes Caravaca-Kreuz.Cordula Böhm und Anton J. Brandl: Mussenhausen: Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, S. 6.

Langhaus Das Langhaus hat außen eine Lisenengliederung, besitzt vier Fensterachsen und ist 24 Meter lang, zwölf Meter breit und acht Meter hoch. Die Fenster sind rundbogig. Die Halle ist nach oben mit einer Flachdecke mit seitlichen Hohlkehlen abgeschlossen. Im Westen ist eine Empore für die Orgel eingebaut. Nord- und Südwand sind im Inneren mit Pilastern versehen. An der Außenseite der Nordwand befindet sich im Osten ein mit einer Kuppel bedeckter Kanzelaufgang und im Westen ein mit einem Satteldach gedecktes Vorzeichen, durch das man zur korbbogigen Eingangstür aus der Zeit um 1750 gelangt. Über dieser Tür sind in einer um 1700 gemalten dreiteiligen Kartusche links ein Skapulier, in der Mitte das Gnadenbild und rechts der Kalvarienberg mit den drei Gekreuzigten dargestellt.

Turm Der Turm besitzt eine Höhe von 41 Metern. Den unteren quadratischen Teil gliedern drei Gesimse in vier Abschnitte. Im obersten Abschnitt ist an allen vier Seiten ein Zifferblatt der Turmuhr angebracht. In den tieferen Abschnitten sind schmale rundbogige Fenster eingelassen. Auf dem Viereck ruht ein Oktogon, in dem die Glocken hängen. Es besitzt an jeder der acht Seiten zwischen Lisenen eine rundbogige Schallöffnung, bekrönt von einem kleinen Giebel, der abwechselnd dreieckig oder segmentbogenförmig gestaltet ist. Ein reich profiliertes Kranzgesims trennt die acht Schallöffnungen von den darüber liegenden acht querovalen Ochsenaugen. Bekrönt wird der Turm von einer elf Meter hohen Zwiebelhaube mit Kugel, Caravaca-Kreuz und Wetterfahne an ihrer Spitze. An die Südseite des Turms ist die Sakristei angebaut.Konrad Baumann: Wallfahrtskirche Mussenhausen, S. 14.

Ausstattung mini|hochkant|Darstellung Mariens im Tempel Der größte Teil der Innenausstattung stammt aus dem Rokoko. Als Freskant war Johann Baptist Enderle tätig, den Stuck im Chor schuf 1756 wahrscheinlich ein Wessobrunner Meister. Sieben Jahre später stuckierte Andreas Henkel das Langhaus. Die Kirche enthält aber auch Ausstattungsstücke aus dem Barock, wie beispielsweise die Seitenaltäre und das Chorgestühl, und aus der Renaissance, in der das Hochaltarretabel entstanden ist.

Chor

Fresken Das große Deckenfresko im Chor, das von kleineren Fresken in Kartuschen umgeben ist, schuf Enderle 1756, wie es in einem Chronogramm zu lesen ist: ECCE OBLATIO / MVNDA / sub parocho Mayr (siehe, eine reine Opfergabe, unter Pfarrer Mayr). Dieses Fresko zeigt den Tempelgang Mariens. Dabei wird Maria als junges Mädchen in Begleitung ihrer Eltern Joachim und Anna vor einem Tempel dargestellt, der in barockem Stil gestaltet ist. Sie steigt eine Treppe hinauf, an deren Ende der Hohepriester auf sie wartet. Über der barocken Decke sind viele Engel und Putten zu sehen. Im darüber abgebildeten Himmel ist Gottvater mit einem Dreieck als Zeichen der Heiligen Dreifaltigkeit zentral auf einer Wolke dargestellt. Zu seiner Linken ist eine Weltkugel mit einem Kreuz als Symbol von Jesus zu sehen. Über der Szene schwebt eine Taube mit Strahlenkranz als Symbol für den Heiligen Geist. Die kleineren Fresken beinhalten Gruppen der vier Erdteile, der vier Tages- und vier Jahreszeiten. Die Tageszeiten weisen auf Gebet und Gottesdienst hin: die aufgehende Sonne mit der Gebetskette auf das Rosenkranzgebet, das flammende Herz vor dem Marienmonogramm auf die Herz-Mariä-Andacht zur Mittagszeit, die brennende Kerze mit untergehender Sonne auf das Abendgebet und die Allegorie der Nacht mit Kelch und Opferlamm unter Sternenlicht auf die Eucharistie.Cordula Böhm und Anton J. Brandl: Mussenhausen: Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, S. 10. Alle Fresken sind eingebettet in eine Stuckdekoration aus teils vollplastischen Rocaillen. Lediglich im Chorschluss ist noch eine Akanthus-Dekoration von 1676/80 erhalten.Cordula Böhm und Anton J. Brandl: Mussenhausen: Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, S. 6.

Hochaltar mini|hochkant|Hochaltar Der obere Teil des heutigen Hochaltares befand sich ursprünglich in der evangelischen Kirche St. Peter und Paul in Erkheim, für die er im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts im Stil der Renaissance geschaffen wurde. In Mussenhausen wurde er auf einen Unterbau in Neurenaissanceformen gestellt und ersetzte so den 1751 errichteten Rokokoaltar, der 1870 aus der Kirche entfernt worden war. Bei der Renovierung des Altars im Jahr 1955 wurde der Unterbau durch einen neuen ersetzt.

Die Figurengruppe im Mittelstück des Retabels zeigt den auferstandenen Christus mit seinem Kreuz, umgeben von einem Wolkenkranz, der von Putten mit Leidenswerkzeugen wie Geißel und Geißelsäule bevölkert wird. Unter dem Kranz sitzen die Apostel Petrus und Paulus. Die Heilig-Geist-Taube und Gottvater über dem Mittelfeld bilden mit Christus die Dreifaltigkeit, bekrönt von einem Engel im gesprengten Giebel. Hinter diesem ist in der Stichkappe eine Rollwerkkartusche mit einer auf Maria bezogenen Inschrift: Clipeus / sperantibus / in se. / Prov.30.5 (Ein Schild für jene, die auf sie hoffen. Spr 30,5). In den Nischen neben dem Mittelfeld steht links die Figur des Apostels Johannes, rechts die der heiligen Katharina von Alexandrien. Zwei kleinere barocke Statuen, die 1955 gekauft wurden und St. Antonius und St. Franziskus darstellen, sind neben den beiden anderen ganz außen aufgestellt.

Auf dem Altarunterbau von 1955 wird der Tabernakel, der aus der Jesuitenkirche in Mindelheim stammt, von zwei Statuen flankiert, die noch vom Rokokoaltar erhalten geblieben sind. Sie haben zwar keine Attribute, sollen aber den heiligen Augustinus (links) und die heilige Teresa von Ávila (rechts) darstellen.Konrad Baumann: Wallfahrtskirche Mussenhausen, S. 10.

Vor dem Altar befindet sich eine Kommunionbank von 1720. Zwischen ihr und dem Chorgestühl auf der linken Seite ist an der Wand ein Epitaph für Pfarrer Johann Michael Mayr angebracht.

Chorgestühl