Die Gespräche oder Analekten des Konfuzius (), wörtlich etwa: Diskussionen-Worte, sinngemäß: Gesammelte Aussprüche,James Legge (1861) nannte sie in seiner bedeutenden und international einflussreichen Ausgabe Analects oder Digested Conversations, übersetzte den ursprünglichen Titel ebenda aber wörtlich mit Discourses and Dialogues bzw. bezeichnet sie im Text als „the discourses or discussions of Confucius with his disciples and others“ (S. 137); der Kurzbegriff „Analekten“ wurde seit Legge weitgehend üblich. ist einer der dreizehn Klassiker der kanonischen konfuzianischen chinesischen Literatur. Sie gehören auch zu den Vier Büchern.
Name Der Name besteht aus den beiden Schriftzeichen , was so viel heißt wie „beurteilen, diskutieren, Abhandlung“, und , „Gesagtes, Worte, Sprache“. Zusammen bedeutet der Name also so viel wie „diskutierte Aussagen“ oder auch „gesammelte Aussprüche“.Legge betonte in der Kurzfassung des Titels lún, daher „analects“, Séraphin Couvreur (1895) und Richard Wilhelm wählten dagegen yun, „Unterhaltung“ (entretiens) oder „Gespräche“. „Was der Titel Lunyu im Chinesischen wirklich bedeutet, ist unklar. Lùn 論 bedeutet «erörtern», es ist jedoch wahrscheinlich, dass eigentlich das etwas anders geschriebene, aber fast gleichlautende Zeichen lún 綸 gemeint ist, das «sammeln» bedeutet. Yu (gesprochen: yü) wiederum heißt «sprechen», «diskutieren», «Sprache», «Wort» oder «Spruch».“ Hans van Ess (2023), S. 12. Deutsche Übersetzungen geben dies häufig als „Gespräche“, „Analekten“ oder unübersetzt „Lunyü“ / „Lun Yu“ wieder.
Inhalt Wie der Titel nahelegt, handelt es sich bei dem Werk um diskutierte bzw. gesammelte Aussagen, die von Konfuzius und seinen Schülern stammen oder denen zugeschrieben werden. Häufig handelt es sich um einzelne Sprüche, die mit dem Namen der Person und dem Verb , „sagen, sprechen“, eingeleitet werden. Konfuzius wird im Text stets verkürzt als aufgeführt, was hier übertragen (philosophischer, weiser) „Meister“ heißt. Hin und wieder gibt es neben den diversen, aus einem anzunehmenden (Schul-)Kontext gelösten Aussprüchen des „Meisters“ auch Gespräche zwischen mehreren Personen, die aber stets sehr kurz gehalten sind. Unterteilt ist das Werk in seiner tradierten Überlieferung in 20 Bücher (Kapitel). Zwar kann man den Büchern grobe Themen zuweisen, einen unmittelbaren Zusammenhang haben die einzelnen aufeinanderfolgenden Sprüche aber nicht. Auffallend ist, dass sich manche Äußerungen (wie etwa I.3 und XVII.17) wiederholen.
Die Analekten vermitteln zum einen die wichtigsten Werte und Ideen des Konfuzianismus, zum anderen dienen sie als wichtige Quelle für Konfuzius selbst, denn aus den Sprüchen lassen sich einige biografische Angaben schließen.„Das Lunyu besteht zwar nur aus 500 kurzen Sequenzen, aber es liefert neben Sima Qians Biografie das umfassendste Bild über Konfuzius’ Leben und Wirken.“ Christiane Haupt (2006/2009), S. 172. Ausführlicher erläutert ebenda in den Kapiteln 5.2.1 Das Lunyu als Quelle? und 6. Das Lunyu in der Frühen Han-Zeit. Berühmt in diesem Zusammenhang ist die in den Analekten dargestellte „Kurzbiografie“Im Original: 吾十有五而志于學。三十而立。四十而不惑。五十而知天命。六十而耳順。七十而從心所欲、不踰矩。, wobei man die Altersangaben mehr symbolisch als wortwörtlich interpretieren sollte:
Die ersten Übertragungen in westliche Sprachen (Latein) erfolgten im 16. Jahrhundert durch christliche Missionare.Zur Geschichte der Übertragungen, einschließlich der verschollenen von Matteo Ricci und dem Manuskript von Michele Ruggieri, siehe das Kapitel Introduction bei Thierry Meynard (2015). Der Druck des Jesuiten Philippe Couplet (1687) war ebenfalls in lateinischer Sprache verfasst und beruhte u. a. weitgehend auf einer Vorarbeit des Italieners Prospero Intorcetta (Yin Douze, ; 1625–1696); das Werk enthielt Zhu Xis Fassungen von Das Große Lernen, Mitte und Maß und den Gesprächen des Konfuzius. Durch François Noël wurden dann 1711 die gesamten Vier Bücher, wiederum in Latein (mit dem Lun Yu als „sententiarum liber“), veröffentlicht. Während man die religiösen Formen des Buddhismus und Daoismus in China damals als „Götzendienerei“ betrachtete, sah man bei Konfuzius zwar ein „himmlisches“ (eigentlich eher abstraktes) Ideal, welches aber auf Moral, Vernunft und eine familiär wie auch staatlich harmonische Gemeinschaft ausgerichtet war; im 19. Jh. kam erneut eine Diskussion über den religiösen Charakter (zōngjiào, 宗教) auf. Bis hin zu Richard Wilhelm fanden sich dementsprechend auch christliche Terminologien in den Übersetzungen.Als Beispiel Kapitel XX.3: 不知命, 無以爲君子也 – statt „Wer das Mandat des Himmels …“ – oder bei van Ess sehr neutral „… seine Bestimmung …“ – nicht kennt, heißt es bei Wilhelm „Wer nicht den Willen Gottes kennt, der kann kein Edler sein“, was beim Leser obendrein leicht zur Assoziation Gott (Christentum) führt.„Niemand hatte danach [nach den Jesuiten des 17./18. Jh.] einen maßgeblicheren Einfluss auf die Übersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts als James Legge, der vor allem für die Lunyu-Begrifflichkeit im englischen und deutschen Sprachraum stilbildend war, auch wenn es Richard Wilhelm gelungen ist, für die Gespräche zusätzlich eine Terminologie zu entwickeln, die das Vokabular der Luther’schen Bibel mit demjenigen der deutschen Klassik und Friedrich Nietzsche verbindet.“ Hans van Ess (2023), Kap. 9. Begriffe und philosophische Inhalte, S. 77. Bereits Missionare wie Matteo Ricci hatten für ihre Arbeit einige wichtige, auffällige Parallelen zur Goldenen Regel im Matthäus-Evangelium 7.12 gesehen,Paul A. Rule: K’ung-tzu or Confucius? The Jesuit Interpretation of Confucianism. Allen and Unwin, Sydney u. a. 1986, S. 10–69. (zuvor als Dissertation an der Australian National University, Canberra 1972) so z. B. in Passagen wie Kapitel XV.23 (bzw. XV.24)Die Zählungen bzw. Aufteilungen der Aussprüche variieren leicht, je nach Vorlage, welche oft von den Übersetzern nicht klar benannt wird. Weit verbreitet ist die bis in die Neuzeit mehrfach, u. a. im Zhuzi_jicheng aufgelegte Textfassung von Liu_Baonan (劉寶楠 / 刘宝楠, 1791–1855), die dem Kommentator Lu_Deming folgt (siehe z. B. Ralf Moritz und Hans van Ess), andere Sinologen (wie z. B. Richard Wilhelm) zogen die Einteilung des Herausgebers und Kommentators Zhu_Xi heran, bei Ernst Schwarz wiederum weichen die Zählungen in der dtv- und Herder-Ausgabe z. T. voneinander ab. Vergleiche van Ess (2023) in Kap. 10 Zu dieser Ausgabe, S. 85–86.:
Thierry Meynard (2015), selber Jesuit, stellte zur Interpretation des Werkes eine zentrale Frage: „Whose Lunyu? The Lunyu of Confucius, of the Neo-Confucians, or of the Jesuits?“Thierry Meynard (2015), S. 54ff. Im allgemein erweiterten weltanschaulichen Sinn, im sozialen und religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Bereich, trifft diese Frage bis heute ein Kernproblem.
Wesentlich waren für Konfuzius die Beschreibung eines Idealmenschen bzw. „edlen Menschen“ (, jūn zǐ) und demgemäße Anleitungen zur persönlichen Charakterentwicklung. Während er sich davor hütete, über Zauberkräfte, Geister, Wunder (VII.20/21) zu sprechen oder über das Wesen des Todes (XI.11/12) zu spekulieren, wird als die höchste Autorität der sittlichen und natürlichen Ordnung der „Himmel“ (天, tian) genannt (XII.4/5), ein Begriff, der als „himmlische Ordnung“ im Kontext zum Dao„Konfuzius hebt den sakralen Charakter des Haftens am Dào hervor, indem er es als »Befehl des Himmels« (tiānmìng 天命) bezeichnet, welches genau der Ausdruck für das Himmelsmandat der Zhou-Dynastie ist..“ Anne Cheng (2022), S. 70. und De zu verstehen ist. Über die menschliche Realität gab sich Konfuzius allerdings kaum Illusionen hin: Nie habe ich einen gesehen, der der Tugend [德, dé] mehr ergeben war als der SinnlichkeitRichard Wilhelm und Christiane Haupt übersetzen hier mit „Frauenschönheit“, van Ess wählt „Sinneslust“ – in modernem Chinesisch ließe sich 好色 bzw. 好色者 mit „Frauenjäger“ gleichsetzen.. (IX.17, Übers. E. Schwarz)
Das Lun Yu wurde zum zentralen Werk des Konfuzianismus, welcher kurz zusammengefasst auf vier Grundlagen aufbaut:
Humanität (, rén) Rechtschaffenheit (, yì) Kindespietät (, xiào) Riten (Sitten) (, lǐ)
Als Ausgangspunkt des „edlen Menschen“ wird „kindliche Rücksicht, Ehrerbietung“ (孝, xiào) genannt, die aus der „Menschlichkeit“ (仁, rén) wächst: Kindliche und brüderliche Hingabe, sie sind doch die Wurzel eines jeden guten Umgangs mit Menschen. (I.2, Übers. H. van Ess). Die „kindlichen Pietät“ besteht im Befolgen höflicher Regeln, im Sinne des Anstandes die Durchführung der zugehörigen „Sitten, Riten“ (禮, lǐ) (II.5; XII.1). Gebote für einen „edlen Menschen“, der in seiner Jugend sinnliche Vergnügungen („Liebeslust“), als Erwachsener Streitsucht und im Alter Geiz und Gier zu vermeiden hat (XVI.7), sind „Vorurteilslosigkeit, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit“ (義, yì) (IV.10) sowie „Aufrichtigkeit“ (信, xìn) (I.4; XV.17/18). Wichtig sind Tugenden wie Ehrfurcht (Höflichkeit), Großzügigkeit, Wahrhaftigkeit (Verlässlichkeit), Eifer (Beflissenheit) und Güte (Milde) (XVII.5/6). Der edle Mensch ist wohltätig, ohne verschwenderisch zu sein; er hält das Volk zur Arbeit an, ohne daß es darüber klagte; er tut, was er wünscht, ohne Begehrlichkeit; er bewahrt überlegene Ruhe, doch ohne Überheblichkeit; er flößt Ehrfurcht ein, doch ohne Gewalt zu gebrauchen. (XX.2, Übers. E. Schwarz).
Das kontinuierliche Anstreben und Kultivieren des rén in allen Lebenslagen war für Konfuzius von zentralem Wert„Rén kann als der große neue Gedanke Konfuzius’, als der Kernpunkt seines Setzens auf den Menschen bezeichnet werden. Das Schriftzeichen 仁 rén setzt sich aus dem grafischen Element ›Mensch‹ 人 (auch dieses Wort wird rén ausgesprochen) und dem Zeichen für ›zwei‹ 二 zusammen: Es erweckt so die Vorstellung, dass der Mensch erst in seiner Beziehung zum anderen menschlich wird. Das Ich ist nicht als ein isoliertes, in sein Inneres zurückgezogenes Wesen aufzufassen, sondern vielmehr als Schnittpunkt seines Bezugsfelds zwischenmenschlicher Beziehungen.“ Anne Cheng (2022), S. 61.:
Zum Streben nach Weisheit (智, zhì) gehört, seine eigene Person zurückzusetzen, also Bescheidenheit zu wahren, desgleichen kunstvolle Reden und einschmeichelnde Umgangsformen zu vermeiden, die einen falschen Eindruck vom eigenen Charakter erwecken würden: Feingedrechselte Worte und wohlgefälliges Gebahren sind selten Zeichen wahrer Menschlichkeit. (I.3, Übers. E. Schwarz). Ein Mann mit rén, der sich etablieren will, hilft anderen, sich zu etablieren; wenn er selbst Erfolg haben will, verhilft er anderen zum Erfolg (VI.28), mit achtungs- und verständnisvoller Fürsorge.Mit erweiterndem Bezug auf Kap. XV.23 (bzw. 24), wo Cheng mit „Fürsorglichkeit (shù 恕)!“ übersetzt: „Die Schreibweise des Worts shù (ein Herz 心 und darüber das Element 如, welches ausdrückt, dass zwei Dinge gleich sind) stellt die Beziehungen zwischen den Herzen der Menschen als analog dar. Shù bedeutet, dass man den anderen wie sich selbst betrachtet: Rén fängt bei einem selbst an: selbst wünschen, aufrecht zu stehen und ebenso den anderen auf die Beine helfen wollen, selbst wünschen, hinzugelangen und ebenso wollen, dass dies den anderen gelingt. In sich das Beispiel dafür finden, was man für andere tun kann – das ist der Weg zum rén! (VI,28)“ Anne Cheng (2022), S. 62. Und er hat ggf. diesem Ziel alles unterzuordnen: Ein entschlossener Anhänger des Dào opfert das rén nicht um seines Lebens willen, sondern opfert sein Leben nötigenfalls um des rén willen. (XV. 8, Übers. A. Cheng)