Der Begriff Spanische Literatur umschreibt alle prosaischen, lyrischen, dramatischen oder anderweitig literarischen Werke, die in Spanien und in der kastilischen Sprache entstanden sind. In einer weiten Fassung des Begriffs könnten die regionalsprachliche Literatur Spaniens, die lateinamerikanischen Literaturen sowie die Literaturen anderer ehemaliger spanischer Kolonien dazugerechnet werden, die in diesem Artikel nicht behandelt werden.
Mittelalter
Einen frühen Beleg des Erscheinens Volkssprachen kultivierter Dichtkunst im mittelalterlichen lateinischen Europa verkörpern im frühmittelalterlichen Spanien der Maurenherrschaft ab dem 11. Jahrhundert die so genannten „Jarchas“. Es handelt sich um in altkastilischer Sprache verfasste Schlusszeilen von ansonsten in klassischem Arabisch (oder auf Hebräisch) gehaltener Gedichtstrophen (Gattung „Muwaschschah“). Sie belegen das Zusammenwirken der drei Kulturen in der spanische Frühzeit. Auch die späte lateinische Literatur lässt viele Erzählstoffe aus dem arabisch-persischen Raum und eine eher säkularisierte als explizit christliche Ethik erkennen. Eine vollwertige volkssprachliche Literatur auf der Iberischen Halbinsel entstand erst im Hochmittelalter; zunächst handelte es sich meist um Übertragungen dieser Stoffe aus dem Lateinischen durch die Übersetzerschule von Toledo unter Alfons X. (dem Weisen) im 13. Jahrhundert, der auch mit der Primera crónica general ein erstes Geschichtswerk Spaniens verfasste. In Toledo wurde erstmals auch die Vulgata ins Kastilische übersetzt. Christliche Heiligenlegenden und christlich Ethik finden sich bei dem ersten namentlich bekannten spanischen Dichter Gonzalo de Berceo.Tietz 1996, S. 22 (siehe Literaturverzeichnis). mini|hochkant|Titel des Theaterstücks Los mocedades del Cid (Die jugendliche Kraft des Cid, um 1610) von Guillén de Castro (1569–1631) Von der Heldenepik (cantar de gesta) in kastilischer Sprache ist halbwegs vollständig nur der Cantar de mio Cid (um 1200) erhalten, der vermutlich von einem (anonymen) Verfasser aus dem südlichen Aragonien stammt. In über 3700 unregelmäßigen Langzeilen, die durch Assonanz zu 152 Tiradas zusammengeschlossen sind, wird der Aufstieg eines dem Kleinadel entstammenden Helden (El Cid, Rodrigo Díaz de Vivar, † 1099) aufgrund seiner Verdienste im Kampf gegen die Mauren zum Herrn von Valencia beschrieben. Der Erwerb von Ehre und Ruhm sind die Hauptmotive des gegenüber seinem jeweiligen König stets loyalen Helden. Das Werk gab Anstoß für zahlreiche Nachdichtungen und Ritterromane (romanceros) sowie Dramen (seit dem 17. Jahrhundert).Cid, el, in: Der Literatur-Brockhaus, Bd. 1: A-FT, Mannheim 1988, S. 409 f.
Neben vielen Werken der gelehrten Epik entstand während der späten Reconquista-Zeit der Romancero, eine Form der volkstümlichen gereimten Epik, in der verschollene frühmittelalterliche Epen weiterlebten. Diese Romanceros waren von der Trobadorlyrik beeinflusst; sie wurden zur beliebtesten Form der spanischen Volksdichtung überhaupt, regten zahlreiche Neuschöpfungen an und wurden weit bis ins 20. Jahrhundert hinein gesungen.Tietz 1996, S. 23.
Frühe Renaissance mini|hochkant|Antonio de Nebrija mit seinen Schülern in Anwesenheit von Juan de Zúñiga y Pimentel (links) Die Entstehung Spaniens als einheitlicher Staat, dessen Grenzen ungefähr den heutigen Spanien entsprechen, kann auf 1479 datiert werden, als die Königreiche von Kastilien und Aragon vereinigt wurden. Als Beginn des Renaissancezeitalters in Spanien gilt üblicherweise das Jahr 1492, das Jahr des Endes der Reconquista. Um diese Zeit öffnete sich das Land über Katalonien und Aragonien dem italienischen und damit auch dem humanistischen Einfluss (Dante, Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio). In diesem Jahr erschien die erste Grammatik einer romanischen Sprache (des Spanischen) von Antonio de Nebrija (1442–1522), eines der ersten spanischen Humanisten.
Ein bedeutender spanischer Lyriker der Renaissance war Garcilaso de la Vega (um 1501–1536), der – beeinflusst von Petrarca – zahlreiche Sonette und Lieder verfasste. Später orientierte sich seine Dichtung an klassischen lateinischen und neapolitanischen Vorbildern, in deren Stil er Elegien, Epistel, Eklogen und Oden schrieb. Auch die Sonette und Kanzone seines Freundes Juan Boscán Almogávar (um 1490–1542) lehnten sich an Dante und Petrarca an. Das aus dem Orient übernommene Bekenntnis zur sinnlichen Liebe erhält sich trotz zunehmender Körperfeindlichkeit bei vielen Autoren bis zur Renaissancezeit, so bei Fernando de Rojas in seiner Tragicomedia de Calisto y Melibea, die auch nach der Figur der Kupplerin La Celestina (1499 oder 1500) benannt wurde.
Unter den frühen spanischen Historikern fällt Antonio de Guevara (um 1480/81–1545) durch seine ausgeprägte Vorliebe für Falsifikationen auf. Er orientierte sich u. a. an Plutarch und Sueton und wurde zum ersten Chronisten der Höfischen Gesellschaft.
Doch länger als in anderen europäischen Ländern blieben Metren, Strophen und Gedichtformen des Spätmittelalters in Spanien bis ins 17. Jahrhundert lebendig, so dass noch August Wilhelm Schlegel und die deutschen Romantiker behaupteten, Spanien und seine Literatur seien bis auf den Tag lebendiges Mittelalter und verkörperten christliches Rittertum.Tietz 1996, S. 23.
Das Zeitalter der Gegenreformation: Siglo de Oro
Die Bezeichnung Siglo de Oro (Goldenes Jahrhundert) für die glanzvolle Epoche von der Spätrenaissance (1550–1600) bis zum Barock (1600–1680), die eine Blütezeit der spanischen Literatur darstellt, ist nicht unproblematisch. Américo Castro betonte die Konflikte dieser Zeit und hebt hervor, dass die Einheit Spaniens auf der Grundlage von rassischer Reinheit und religiöser Orthodoxie durch Kontrolle und Repression der Menschen, die von Juden und Mauren abstammten, und Verfolgung von Menschen, die der Häresie verdächtig waren, zwangsweise hergestellt wurde. Die in dieser Epoche der Gegenreformation geschaffene Inquisition begleitete das Leben in Spanien bis zu ihrer Abschaffung 1833.Tietz 1996, S. 24.
Spätrenaissance Viele bedeutende Autoren vor allem des frühen Siglo de Oro waren bezeichnenderweise Neuchristen, also bekehrte Juden oder Muslime. Dazu gehörten neben Fernando de Rojas die Mystikerin Teresa von Ávila vermutlich auch Mateo Alemán (und möglicherweise sogar die Familie von Cervantes). Ein Teil vor allem der schöpferischen Literatur des 16. Jahrhunderts bringt den Protest gegen die soziale und dogmatische Kontrolle der kastilischen Gesellschaft zum Ausdruck. So lässt Jorge de Montemayor den Helden seines Schäferromans Siete libros de la Diana (1564) sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnen. Auch der satirische und anklagende Schelmenroman von Mateo Alemán, La vida del Pícaro Guzmán de Alfara (2 Bände 1599/1603), wird aus der machtkritischen Perspektive von Außenseitern der Gesellschaft gestaltet.Tietz 1996, S. 24 f. Vicente Espinel verfasste nach seiner militärischen Karriere viel bewunderte Stanzen und einen Schelmenroman (Relaciones de la vida del escudero Marcos de Obregón, 1618) mit autobiographischem Hintergrund.
mini|hochkant|Illustration von Gustave Doré zur französischen Ausgabe von Cervantes’ Don Quijote (1863) Als weltweit bekanntes, wichtigstes Zeugnis des Siglo de Oro gilt bis heute der erste Roman von Miguel de Cervantes Don Quijote (1605, 2. Teil 1615) über einen dem Lesen von Ritterromanen verfallenen Landedelmann, der Ruhm erwerben will und um seine Dulcinea werben will, jedoch unfähig erscheint, zwischen Dichtung und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ambivalent bleibt, ob der immer wieder von Illusionen getäuschte Don Quijote in seinem Wahnsinn der Welt nur einen Spiegel vorhält oder ob sein Phantastereien an der soliden Realität scheitern, bis er schließlich (im zweiten Teil) zum Weisen wird. Auch sein einfältiger Begleiter Sancho Pansa gewinnt zum Schluss an Weisheit. In einer Zeit, in der alles Neue ohnehin häretisch war, bedurfte es freilich nicht eines Romans, der die Fragen menschlicher Existenz aufwirft, da die Kirche ohnehin alle Fragen abschließend gelöst hatte.Tietz 1996, S. 26.
Barock Als Lyriker des Siglo de Oro ist Luis de Góngora zu nennen, der den elitären Culteralismo, die Arbeit mit antiken Stoffen, und den Conceptismo kultivierte, die Verwendung weit hergesuchter und vieldeutiger Metaphern und Allegorien. Dies trug zur Verdunkelung und Hermetik seines Stils bei – eine Tendenz, die das 17. Jahrhundert insgesamt betraf. In anderen Fällen mag der verschleiernde Stil gewählt worden sein, um Schwierigkeiten mit der Kirche und der sich verschärfenden Zensur unter Philipp II. zu vermeiden, so in den höfisch-politischen Traktaten des drangsalierten Jesuiten Baltasar Gracián, die bereits auf die Aufklärung verweisen. Letztlich führte die Zensur zu einer langanhaltenden Tabuisierung vitaler Themen. Der Schwulststil kann auch als Reaktion auf die ausbleibende Erneuerung einer durch den Silberzufluss aus den Kolonien in Lateinamerika gesättigten, passiv gewordenen Gesellschaft mit einem stetig wachsenden Klerus angesehen werden, der die Kraft zur sozialen und politischen Erneuerung fehlte. Diese verhängnisvolle Entwicklung übertrug sich auch auf die spanischen Kolonien in Lateinamerika, deren Literaten sich kaum von den Vorbildern lösen konnten und keine Zweifel an der Gottgefälligkeit des spanischen Tuns äußerten.Tietz 1996, S. 25.
Auch der Schelmenroman übernahm stilistische Merkmale des Gongorismus, so Francisco de Quevedos Historia de la vida del Buscón (1626). Doch angesichts der Vollkommenheit des Don Quijote unterblieben weitere Versuche der Nachahmung; bis etwa um 1850 spielte der Roman als Gattung in Spanien kaum noch eine Rolle.Tietz 1996, S. 26.
mini|hochkant|Calderón im Amt eines Priesters Die beliebteste Gattung im Spanien des 17. Jahrhunderts war das Theater. Allein von Lope de Vega sind 500 Stücke erhalten, 1500 will er geschrieben haben. Tirso de Molina hat 400 und Caldéron immerhin 180 verfasst (zum Vergleich: Racine zwölf, Schiller zehn). Man kann also von einer regelrechten Massenproduktion im Rahmen eines umfassenden Unterhaltungsapparats in den Großstädten sprechen, der permanent leichte, spannende und unterhaltsame Stücke produzierte und dabei Gattungsgrenzen ignorierte. Die entstandenen comedias (die Gattung wurde auch als comedia nueva bezeichnet) waren mit Rhetorik aufgeladene Mischformen, die weder Regeln der antiken Tragödie noch auch nur psychologische Wahrscheinlichkeiten beachteten. Einige wenige Schauspieler traten in den Stücken in immer neuen Verkleidungen auf. Tanz, Musik, Akrobatik, Engel und Teufel, aufwändiges Maschinentheater und immer neue Kostüme dienten der grandiosen Selbstfeier des Königtums. Bezeichnenderweise waren die meisten Autoren wie Góngora, Lope de Vega, Tirso de Molina und Calderón Kleriker. Nur Tirso de Molina gestaltete seine Frauenfiguren glaubhaft, weil er angeblich als Beichtvater einen tiefen Einblick in die Psyche von Frauen hatte.
Daneben entwickelte sich das oft an Fronleichnam im Freien aufgeführte auto sacramental. Es handelte sich um einaktige Aufführungen von Episoden der Heilsgeschichte oder Heiligenlegenden. Das verwandte auto mitológico stellte Themen aus der Mythologie dar, jedoch stets mit christlicher Moral, so z. B. El divino Jason von Calderón. Für Laien blieben diese sehr aufwändigen Stücke wegen ihres Allegorienreichtums oft unverständlich, doch schürten sie oft erfolgreich antimoderne und antijüdische Vorurteile, so etwa durch die Darstellungen des Judas.Ignacio Arellano: Historia des teatro español del siglo XVII. Madrid 1995.
Bedeutende Autoren Renaissance Garcilaso de la Vega (1501?–1536) Teresa von Ávila (1515–1582) Alonso de Ercilla (1533–1594) Fernando de Herrera (1534–1597) Juan de la Cruz (1542–1591) Juan de la Cueva (1543–1612) Miguel de Cervantes (1547–1616) Mateo Alemán (1547 bis ca. 1614) Vicente Espinel (1550–1624)
Früh- und Hochbarock Francisco Suárez (1548–1617) Luis de Góngora (1561–1627)