Oberjude ist ein antisemitischer Ausdruck, mit dem prominente Juden oder Vertreter von jüdischen Gemeinden und Organisationen in beleidigender, demütigender oder diffamierender Absicht bezeichnet werden. In Arbeitslagern des Nationalsozialismus bezeichnete es jüdische Funktionshäftlinge, die eine Gruppe von Zwangsarbeitern leiteten. Der Ausdruck wird auch außerhalb des deutschen Sprachbereichs verwendet. Im Plural gebraucht, steht er meist in Beziehung zu einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung.
Geschichte Jüdische Ständegesellschaft in Böhmen im 17. und 18. Jahrhundert Die Historikerin Ruth Kestenberg-Gladstein hat in den 1940er und 1950er Jahren in ihren Untersuchungen über die Juden in Böhmen festgestellt, dass Anzeichen dafür vorhanden sind, dass im ländlichen Böhmen des 17. und 18. Jahrhunderts nicht nur die christliche, sondern auch die jüdische Gesellschaft ständisch gegliedert war. Dieser aus der Untersuchung von Daten einer Volkszählung von 1724 gewonnene Befund steht im Gegensatz zur allgemeinen Annahme, dass die jüdischen Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa zwar eine soziale und wirtschaftliche, aber keine ständische Gliederung aufwiesen. In den von Kestenberg untersuchten Quellen werden gewisse, ihrer Meinung nach einem höheren Stand angehörende Jüdinnen und Juden, als „Oberjude“ bezw. „Oberjüdin“ bezeichnet, andere, die sie als deren jüdische Untertanen erachtet, entsprechend als „Unterjuden“.Ruth Kestenberg-Gladstein: Differences of Estates within Pre-Emancipation Jewry. Journal of Jewish Studies, 1954, Volume 5, Issue 4, Seiten 156–166, besonders S. 156f. Online und 1955, Volume 6, Issue 1, Seiten 35–49, besonders S. 45ff. Online (englisch). Abgerufen am 25. November 2010.
Antisemitismus im 19. und früheren 20. Jahrhundert Im 19. und früheren 20. Jahrhundert wird der Ausdruck „Oberjude“ im Sprachgebrauch des politischen Antisemitismus für prominente Juden wie die Politiker Adolphe CrémieuxHermann Ahlwardt: Judenflinten, II. Theil. Verlag der Druckerei Glöß, Dresden 1892 (Auszüge) . So auch in der Reichsminister Alfred Rosenberg zugeeigneten, im Internet abrufbaren, Dissertation von Dr. phil. Hellmut Schramm aus dem Jahr 1941, S. 46, 57, 60, 174. Abgerufen am 18. Mai 2010. und Walther Rathenau,Hubert Kiesewetter: Von Hegel zu Hitler. Die politische Verwirklichung einer totalitären Machtstaatstheorie in Deutschland (1815–1945). 2. Ausgabe. Lang, Frankfurt a. M./Bern 1995, S. 202 ISBN 3-631-49239-1 den Theaterregisseur Max ReinhardtRobert Kriechbaumer: Der Geschmack der Vergänglichkeit. Jüdische Sommerfrische in Salzburg. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3-205-99455-8, S. 255f. (Auszüge online, abgerufen am 18. Mai 2010). und andere jüdische oder vermeintlich jüdische Personen gebraucht, die im Blickfeld der Öffentlichkeit standen. Die Bezeichnung „Oberjuden“ ist auch als Ausdruck christlicher Judenfeindlichkeit belegt, so in einer Ostermontagspredigt aus dem Jahr 1836, laut der die „Hohepriester und Ältesten“ (), die gemäß den Evangelien die Juden dazu bewogen haben sollen, die Kreuzigung Jesu zu fordern, als „Oberjuden“ bezeichnet werden.Johann Karl Müglich: Dr. Müglich’s kleine Postille für das ganze Kirchenjahr. Band 1. Verlag Pierer, Altenburg 1838, S. 192 (). Auch die KPD verwendet Anfang der 1930er Jahre den Ausdruck „Oberjuden“ in einer Publikation, mit der NSDAP sympathisierende Arbeiter angesprochen werden sollten.Hans-Helmuth Knütter: Die Linksparteien. In: Werner Eugen Mosse, Arnold Paucker (Hrsg.): Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik. Ein Sammelband. Mohr Siebeck, Tübingen 1966, S. 330 (Google Buch).
Nationalsozialismus mini|Ghettos in Osteuropawährend der deutschen Besatzung 1939–1944
Judenräte
In der Zeit der Zeit des Nationalsozialismus fand die Bezeichnung „Oberjude“ in einigen in deutsch besetzten Gebieten in Osteuropa errichteten Ghettos und dazugehörenden Zwangsarbeitslagern Verwendung, besonders auf dem Gebiet der Sowjetunion.
In amerikanischen Wörterbüchern zum Nationalsozialismus wird „Oberjude“ (englisch „Head Jew“, „Head of the Jews“) als „Bezeichnung für einen Vorsitzenden eines sogenannten ‚Juden-‘ oder ‚Ältestenrats‘“ definiert.Abraham J. Edelheit & Hershel Edelheit: History of the Holocaust. A Handbook and Dictionary. Westview Press, Boulder CO 1994, S. 349, ISBN 0-8133-2240-5, Robert Michael and Karin Doerr: Nazi-Deutsch, Nazi-German. An English Lexicon of the Language of the Third Reich. Greenwood Press, Westport, Conn. 2002, ISBN 0-313-32106-X, S. 300 (englisch). Der israelische Historiker Dan Michman zählt „Oberjude“ neben „Obmann“ als eine der zahlreichen Bezeichnungen auf, die für die verschiedenen den Juden während der Zeit des Nationalsozialismus von den Deutschen aufgezwungenen Gremien, für die sich der Terminus „Judenräte“ eingebürgert hat, gebraucht wurden, ohne näher auf den Begriff einzugehen.Dan Michman: In: Ghettos 1939–1945. New Research and Perspectives on Definition, Daily Life, and Survival. Symposium Presentations. United States Holocaust Memorial Museum Center for Advanced Holocaust Studies 2005 (englisch). Abgerufen am 18. Mai 2010. Martin Gilbert führt den Ausdruck „Oberjude“ auf eine im Mittelalter gebräuchliche Bezeichnung für von Fürsten bestimmte, als Verbindungsleute zum Fürstenhof fungierende Juden zurück, gibt jedoch keine Quellen für seine Annahme an.Martin Gilbert: Introduction. In: Avraham Tory, Martín Gilbert, Dina Porat, Jerzy Michalowicz: Surviving the Holocaust. The Kovno Ghetto diary. Harvard University Press, 1990, S. XIV, Anmerkung 3. ISBN 0-674-85811-5 (englisch).
Nach den Zeugnissen von Überlebenden wurde der Titel „Oberjude“ für einen einzelnen Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft vor Errichtung oder nach Auflösung eines mehrköpfigen, meist als „Ältesten-“ oder „Judenrat“ bezeichneten Gremiums an Stelle des üblicheren „Ältester“ oder „Judenältester“ verwendet. Historiker gebrauchen letztere, für Juden weniger erniedrigende Bezeichnungen oftmals auch dort, wo Zeitzeugen von als „Oberjuden“ bezeichneten Funktionsträgern sprechen.Yitzhak Arad: The Lithuanian Ghettos of Kovno and Vilna vs. Abraham Turi (Avraham Tory): Debate. In: Israel Gutman, Cynthia J. Haft (Hrsg.): Patterns of Jewish Leadership in Nazi Europe, 1933-1945. Proceedings of the third Yad Vashem International Historical Conference, Jerusalem, April 4-7, 1977; Yad Vashem, Jerusalem 1979, S. 97ff. vs. S. 181f. (englisch).
Ghetto Kowno Das bestbelegte Beispiel für die Einsetzung eines als „Oberjude“ bezeichneten Vertreters der jüdischen Gemeinschaft ist die des Arztes Elkhanan Elkes für das KZ Kauen (litauisch Kaunas, deutsch Kauen) in Litauen.Die Namen der Ortschaften und Ghettos werden – in deutscher Schreibweise – wie in den Quellen verwendet. Die Wahl Elkes’ zum „Oberjuden“ wird von zwei Zeitzeugen geschildert, von Leib Garfunkel, einem Mitglied des Ältestenrats des Ghettos von Kowno, und von Avraham Tory (ehemals Avraham Galub), dem seinerzeitigen Sekretär des Ältestenrats. Elkes wurde von rund dreißig Vertretern der Juden von Kowno auf Geheiß des für das Ghetto zuständigen SA-Obersturmführers Fritz Jordan am 4. (Tory) oder 5. (Garfunkel) August 1941 gewählt. Garfunkels Schilderung der Wahl macht die der Bezeichnung „Oberjude“ innewohnende, von den Nationalsozialisten intendierte und von den Juden empfundene, Erniedrigung deutlich:
mini|Kovno Judenrat, 1943Elkhanan Elkes (Mitte) Elkes nahm das Amt an und stand danach auch dem mehrköpfigen „Ältestenrat“ bis zu dessen Auflösung am 4. April 1944 vor und wurde dann erneut zum „Oberjuden“ bestimmt. Beim Anrücken der Roten Armee wurden die noch im seit November 1943 zum Konzentrationslager umgewandelten Ghetto verbliebenen Juden Anfang Juli 1944 „deportiert“. Elkhanan Elkes, der bis zum Schluss im Ghetto geblieben war, wurde mit den übrigen Männern ins KZ-Außenlager Kaufering I – Landsberg gebracht und starb dort am 17. Oktober 1944.Jürgen Matthäus: Kauen (Kaunas)– Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 201f.
Ghetto Baranowicze Der Vorsteher des letzten, im Herbst 1942 eingesetzten „Judenrats“ des Ghettos Baranowicze (belarussisch Baranawitschy), heute in Belarus, Mendel Goldberg, wurde, nachdem der „Judenrat“ aufgelöst und die meisten Juden des Ghettos von Baranowicze und seiner Arbeitslager in der Umgebung ermordet worden waren, von den Deutschen zum „Oberjuden“ des noch bestehenden Arbeitslagers ernannt. Goldberg, ein Metallarbeiter aus Suwałki in Polen, der gut Deutsch sprach, hatte den Posten als Vorsitzender des „Judenrats“ nur auf Drängen seiner Kollegen angenommen. Am 1. November 1943, als die letzten 100 bis 125 Arbeiter „liquidiert“ werden sollten, setzten sie sich zur Wehr. Etwa 40 von ihnen gelang die Flucht, während die übrigen, einschließlich Mendel Goldberg, getötet wurden.Yehuda Bauer: Jewish Baranowicze in the Holocaust (englisch). Abgerufen am 18. Mai 2010.
Ghetto Riga mini|Originalbeschreibung:Galgen im Ghetto Riga, Februar 1944; Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die besetzten Gebiete – Hauptarbeitsgruppe Ostland (Bundesarchiv)
Einzelne Zeitzeugen bezeichnen in ihren Erinnerungen den Vorsteher des „Ältestenrats“ der Juden aus Köln und späteren Vorsteher der Gesamtheit der deutschen Juden Max Leiser im Ghetto Riga in Lettland als „Oberjuden“,Ruth Foster: Living Memory of the Jewish Community. Interviewed by Patricia R. Mendelson (PDF) British Library: Oral history; Jewish survivors of the Holocaust. Archival Sound Recordings (englisch); Erinnerungen von Hilde Sherman-Zander. Abgerufen am 18. Mai 2010. während er in der Literatur allgemein „Ghettoältester“ genannt wird.Gertrude Schneider: Journey into Terror. Story of the Riga Ghetto. Greenwood Publishing Group 2001, ISBN 0-275-97050-7, S. 12ff. (englisch); Bernhard Press: The murder of the Jews in Latvia 1941-1945. Northwestern University Press, 2000, ISBN 0-8101-1729-0, S. 131 (Deutsche Ausgabe unter dem Titel Judenmord in Lettland 1941–1945, 2. Aufl. Metropol, Berlin 1995, ISBN 3-926893-13-3).
Ghetto Lwow Im zu einem sogenannten „Julag“ („Judenlager“) verkleinerten Ghetto von Lwow (ukrainisch Lwiw, deutsch Lemberg), heute in der Ukraine, setzten die Deutschen, nachdem die Mitglieder des „Judenrats“ im Februar 1943 ermordet worden waren, einenYitzhak Arad: The Holocaust in the Soviet Union. Comprehensive history of the Holocaust. University of Nebraska Press, 2009, ISBN 0-8032-2059-6, S. 281, books.google.ch (englisch) oder, nach dem Zeugnis von Eliyahu Yones, mehrere „Oberjuden“ an der Spitze der Arbeitskompanien ein, die gemeinsam mit den Kommandanten der jüdischen „Ghettopolizei“ eine Art „Judenrat“ bildeten, der, völlig machtlos, die Befehle der Deutschen umzusetzen hatte.Eliyahu Yones: Smoke in the Sand. The Jews of Lvov in the War Years, 1939–1944. Gefen, Jerusalem 2004, ISBN 965-229-308-3, S. 141f. (englisch). Das der SS unterstellte Arbeitslager wurde im Juni 1943 „liquidiert“ und alle noch darin verbliebenen Juden umgebracht.Eliyahu Yones: Smoke in the Sand. The Jews of Lvov in the War Years, 1939–1944, S. 259.
Zwangsarbeitslager Die Bezeichnung „Oberjude“ wurde auch in einzelnen Zwangsarbeitslagern außerhalb der eigentlichen Ghettos verwendet. Hier wurden, nach Aussagen von Überlebenden, als Leiter von Zwangsarbeitergruppen eingesetzte jüdische Häftlinge manchmal als „Oberjude“ bezeichnet.
Riga-Kaiserwald