mini|hochkant|Georgsschleife Das Sankt-Georgs-Band ( oder ) ist ein russisches militärisches Abzeichen, bestehend aus einem Muster von drei schwarzen und zwei orangen Streifen. Es geht auf das Ordensband des Georgsordens zurück, das später in der Sowjetunion wieder eingeführt wurde. In Russland ist es seit 2005 das wichtigste Zeichen der Erinnerung an den Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg. In Russland ist das Sankt-Georgs-Band allgegenwärtig. Es wird auch in der kommerziellen Werbung und zur Dekoration verwendet.
Seit den regierungskritischen Massenprotesten 2011 und 2012 in Russland und dem Krieg in der Ukraine seit 2014 dient das Georgsbändchen auch als Zeichen der Unterstützung des politischen Kurses der russischen Regierung und des Präsidenten Wladimir Putin.Vera Demmel: Das Georgsband: Ruhmesorden, Erinnerungszeichen, Pro-Kreml-Symbol. In: Osteuropa 3/2016, S. 19–31.Pål Kolstø: Symbol of the War — But Which One? The St George Ribbon in Russian Nation-Building. In: The Slavonic and East European Review. 94, Nr. 4, Oktober 2016, S. 660–701. doi:10.5699/slaveasteurorev2.94.4.0660. Seitdem schränken andere postsowjetische Staaten die öffentliche Verwendung des Georgsbandes ein oder ersetzten es durch eigene Nationalsymbole. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wird das Symbol verstärkt für russische Propaganda genutzt.
Geschichte der militärischen Auszeichnung und Nutzung
Die Geschichte des Sankt-Georgs-Bandes reicht zurück in das 18. Jahrhundert des Russischen Kaiserreichs. Seinen Namen entnimmt das Band dem Orden des Heiligen Georg. 1769 stiftete Katharina II. den „Orden des Heiligen und Siegreichen Großmärtyrers Georg“ als höchste militärische Auszeichnung für Dienst und Tapferkeit. Ursprünglich war das Band, an dem der Orden hing, gelb-schwarz oder gelegentlich gold-schwarz. In den Statuten wurde es offiziell als gelb-schwarz beschrieben, später aber häufig in den Farben Orange und Schwarz ausgeführt. Während der Orden nur als Einzelauszeichnung verliehen wurde, wurde das Band teilweise ganzen Regimentern oder Einheiten für besondere Tapferkeit bei Kampfeinsätzen verliehen. Es wurde damit Teil deren militärischer Banner.
Aus dem Orden wurde das Georgskreuz abgeleitet, das von Kaiser Alexander I. in vier Klassen gestiftet und an niedere Ränge verliehen wurde. Das Georgskreuz wurde am gelb-schwarzen oder orange-schwarzen Band getragen. Ab 1806 waren verdiente Mitglieder der russischen Garde und der kaiserlichen Leibgarde mit entsprechenden Bändern dekoriert. Das Band wurde an einer Pike geführt, deren Spitze von dem Georgskreuz besetzt war.
Nach der Oktoberrevolution verboten die Bolschewiki alle Symbole der zaristisch-imperialen Vergangenheit und der Orden des Heiligen Georg wurde 1917 abgeschafft.Wer hat Angst vor dem Georgs-Band? In: Neue Zürcher Zeitung, 22. Mai 2014.
1942 wurde das orange-schwarze Band wieder eingeführt, diesmal unter der Bezeichnung Gardeband (гвардейская лента). Am 21. Mai 1942 führte das Präsidium des Obersten Sowjets den Orden der Sowjetischen Garde ein, der am Gardeband hing. Die Farben Orange und Schwarz sollen Feuer und Rauch symbolisieren.
Der am 8. November 1943 eingeführte Ruhmesorden wurde ebenfalls am orange-schwarzen Georgsband bzw. Gardeband getragen. Den Orden erhielten Offiziere und Mannschaften der Streitkräfte sowie Unteroffiziere der Luftstreitkräfte für besondere Tapferkeit gegenüber dem Feind. Mit der Medaille „Sieg über Deutschland“ war ein weiteres Ehrenabzeichen der Roten Armee am orange-schwarzen Band befestigt. Die Medaille wurde ausgewählten Soldaten und Offizieren verliehen, die direkt an den Kämpfen gegen das Deutsche Reich beteiligt waren.
mini|Mitglieder der kollaborationistischen Union der Russischen Jugend verwenden das Sankt-Georgs-Band bei einer Demonstration in Babrujsk (1943)
Während der letzten Jahre des deutsch-sowjetischen Krieges wurde der Orden des Heiligen Georg von der russischen Befreiungsarmee von General Wlassow verwendet, die auf der Seite der Achsenmächte kämpfte. Andere kollaborierende russische Verbände wie die 29. Waffen-Grenadier-Division der SS „RONA“ (russische Nr. 1) trugen das Georgskreuz als Armabzeichen.David Littlejohn: Kaminski and R.O.N.A. In Foreign Legions of the Third Reich: Poland, Ukraine, Bulgaria, Romania, Free India, Estonia, Latvia, Lithuania, Finland, Russia (4. Band). 2. Auflage. R. James Bender Publishing, San Jose, Calif. 1994, ISBN 0-912138-36-X, S. 309–312.
1992 wurde der Orden des Heiligen Georg als militärische Auszeichnung in der Russischen Föderation wiedereingeführt und 2008 erstmals für Verdienste im Kaukasuskrieg 2008 verliehen.
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 ist das Band teilweise Bestandteil der Uniform von russischen Soldaten und Erkennungsmerkmal für die Unterstützung des Angriffskrieges.Als Beispiele sollen gelten: Aaron Parsley: The Letter ‘Z’ Suddenly Seems Like It’s Everywhere in Russia: What Does It Mean? In: People vom 8. März 2022. Paul Kerley, Robert Greenall: Ivan Kuliak: Why has ‘Z’ become a Russian pro-war symbol? In: BBC vom 7. März 2022. Cheryl Teh: Decoding the ‘Z’ — the mysterious Russian military symbol that’s been co-opted by Russia’s nationalist movement. In: insider.com vom 7. März 2022. Jonathan Edwards: A Russian gymnast wore a ‘Z’ when standing by a Ukrainian champ. In Russia, it symbolizes support for the invasion. In: The Washington Post vom 7. März 2022. Brian Niemietz: Russian gymnast wears pro-war symbol ‘Z’ on leotard while standing next to Ukrainian athlete. In: New York Daily News vom 7. März 2022. Nikita Zyryanov: Z. In: yuga.ru vom 4. März 2022. Pavaloiu Sabina: Ce înseamnă simbolul „Z”, tot mai prezent în Rusia. Panglica Sfântului Gheorghe este un element simbolic militar rusesc. In: redactia.ro vom 4. März 2022. Foreign Staff: Moscow activists spray Russian war symbol ‘Z’ on critics’ doors. In: The Times vom 4. März 2022.
Einführung als Gedenksymbol mini|Georgsband auf der Militärparade zum 60. Siegestag am 9. Mai 2005 mini|Georgsband auf einem russischen Kampfpanzer während einer Parade mini|Verteidigungsminister Schoigu, Präsident Putin und Ministerpräsident Medwedew am 9. Mai 2014
Ab dem Jahr 2005 wurde das Georgsband, das früher Bestandteil militärischer Auszeichnungen war, zu einem Symbol des Kriegsgedenkens. Anlässlich des 60. Jahrestags des Sieges gab die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti am 14. April 2005 bekannt, dass sie mit Unterstützung einer Jugendorganisation und der Moskauer Stadtregierung eine feierliche Aktion namens георгиевская ленточка (Georgsbändchen) durchführen werde. Die Nachrichtenagentur verteilte 800.000 schwarz-orange gestreifte Stoffschleifen. Auf offiziellen Postern der Aktion wurde dazu aufgerufen, das Sankt-Georgs-Band zum Symbol des Gedenkens zu machen und es an Taschen, Autoantennen oder am Revers zu befestigen.SA Oushakine: Remembering in Public: On the Affective Management of History. In: Ab Imperio: Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space 1/2013, S. 269–302. doi:10.1353/imp.2013.0000.Nataliya Danilova: The Politics of War Commemoration in the UK and Russia. Palgrave Macmillan, London 2015, ISBN 978-1-349-67939-3, S. 199–204. Seitdem wird das Sankt-Georgs-Band in Russland als verbreitetes Zeichen des Gedenkens und als Nationalsymbol geführt. Die zentralen Slogans der Bandinitiative waren „Danke für den Sieg, Opa“ und „Ich vergesse nicht, ich bin stolz“. Die Bandkampagne hat sich zu einem wichtigen gesellschaftlichen und politischen Ereignis entwickelt, an dem sich in den Wochen vor dem Siegestag am 9. Mai Millionen von Russen beteiligen. Präsident Putin und Ministerpräsident Medwedew trugen die Georgschleife zum ersten Mal zum 70. Jahrestag des Sieges und seitdem jedes Jahr am 9. Mai.
Die Organisatoren der Bänderinitiative erklärten, dass die Idee des Bandes von der Remembrance Poppy in Großbritannien und ähnlichen Gedenksymbolen inspiriert wurde. Das Georgsband unterscheidet sich jedoch in vielfacher Hinsicht von den Zeichen des Kriegsgedenkens in anderen Ländern. Zum einen ist der zeitliche Bezugsrahmen unterschiedlich. In Russland werden die sowjetischen Kampfhandlungen selten als Teil des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) betrachtet. Vielmehr gilt das Andenken dem „Großen Vaterländischen Krieg“, der nach russischer Geschichtsschreibung mit der deutschen Invasion in der Sowjetunion 1941 begann. Das Band repräsentiert ein Geschichtsbild, das die ersten zwei Jahre des Zweiten Weltkriegs, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und die sowjetische Besetzung Ostpolens nicht berücksichtigt. Zum anderen ist das Andenken primär den Siegern und Helden des „Vaterländischen Kriegs“ gewidmet, wohingegen die westeuropäische Erinnerungskultur die Opfer der Kriege in den Vordergrund stellt. Ein weiterer Unterschied ist, dass Georgsbänder mit staatlicher Unterstützung hergestellt und kostenlos verteilt werden. In westeuropäischen Ländern werden Gedenksymbole hingegen verkauft und der Erlös kommt Kriegsveteranen zugute.Julie Fedor et al. (Hrsg.): War and Memory in Russia, Ukraine and Belarus. Palgrave Macmillan, London 2017, ISBN 978-3-319-66522-1, S. 19, 21, 258.
Kommentatoren in Russland und im Ausland sehen die Orange Revolution in der Ukraine im Jahr 2004 als den eigentlichen Anlass für die Einführung des Georgsbändchen im darauffolgenden Jahr. Die orange Bandschleife war das zentrale Symbol der ukrainischen Proteste für Demokratie und gegen Wahlbetrug.Russia awash with symbols of WW2 victory. In: BBC, 8. Mai 2015.Victory Day cult in Russia. In: New Eastern Europe 6/2016. In regierungsnahen Kreisen Russlands wurde die ukrainische Protestbewegung als „orange Plage“ bezeichnet.Elizaveta Gaufman: Security Threats and Public Perception: Digital Russia and the Ukraine Crisis. Palgrave Macmillan, London 2017, ISBN 978-3-319-43200-7, S. 114. Aus Angst, dass pro-demokratische Demonstrationen sich auf die ganze frühere Sowjetunion ausbreiten würden, habe Moskau die Erinnerung an den Sieg 1945 wachrütteln wollen und das Georgsband zum Symbol gemacht. Laut Julija Latynina ist das Georgsband als ein konterrevolutionäres Symbol entstanden, um mögliche Farbrevolutionen in Russland zu verhindern. Die Jugendorganisation Naschi war eine der ersten Gruppen, die das Georgsbändchen verteilte und in ihre Kampagnen integrierte. Naschi wurde 2005 mit dem Ziel gegründet, Präsident Putin und die regierende Partei Einiges Russland zu unterstützen und regierungskritische Proteste zu verhindern. Das orange-schwarze Georgsband setzte Naschi der orangen Stoffschleife der ukrainischen Protestbewegung entgegen.Stefan Hampl, Dominik Mihalits: Russian Revival of the St. George Myth and Its Imagery. In Brady Wagoner, Ignacio Brescó de Luna, Sarah H. Awad (Hrsg.): The Psychology of Imagination: History, Theory and New Research Horizons. Information Age Publishing, Charlotte 2017, ISBN 978-1-68123-709-1, 300 f.
Politisches Symbol