mini|Faustina Bordoni, Pastellbildnis von Rosalba Carriera (Ca’ Rezzonico, Venedig)
Faustina Bordoni (oft nur la Faustina oder Signora Faustina;Isabelle Putnam Emerson: Faustina Bordoni, in: Five Centuries of Women Singers, Greenwood Publishing Group, 2005, S. 65–76, hier: S. 69, online in Auszügen als Google-Book (englisch; Abruf am 15. Juli 2020) * 30. März 1697Laut Taufeintrag vom 1. April 1697. Saskia Woyke: Faustina Bordoni, Artikel auf der Website MUGI - Musik und Gender im Internet der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg (Abruf am 6. Juni 2020)Wolfgang Hochstein & Saskia Woyke: Faustina Bordoni, in: MGG online, 2000/2016 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement; gesehen am 11. Juni 2020) in Venedig; † 4. November 1781 in Venedig) war eine italienische Opernsängerin (Mezzosopran) und Musikkritikerin in Dresden.
Sie arbeitete unter anderem mit Georg Friedrich Händel in London und war seit 1730 mit dem schon designierten sächsischen Kapellmeister und Komponisten Johann Adolph Hasse verheiratet. Von da an firmierte sie in den Dresdner Libretti als Faustina Hasse sowie in italienischen Produktionen als Faustina Bordoni-Hasse und wurde auch Faustina Hasse-Bordoni genannt.
Leben Jugend (1697–1725)
Faustina Bordoni kam in Venedig zur Welt. Ihre Eltern waren der Kammerdiener Pietro Bordon und dessen Frau Santina.Saskia Woyke: Faustina Bordoni, Artikel auf der Website MUGI - Musik und Gender im Internet der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg (Abruf am 6. Juni 2020) Ihre Schwester Laura begleitete sie später häufig auf ihren Reisen zu den Opernhäusern Italiens.
Über Faustinas musikalische Ausbildung gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Der teilweise in älteren Quellen als ihr Lehrer angegebene Michelangelo Gasparini ist erst für den relativ späten Zeitpunkt von 1724 als ihr Gesangslehrer oder Berater nachgewiesen. Verschiedene Quellen geben auch den bekannten Kastraten Antonio Bernacchi als ihren Lehrer an, das ist jedoch nicht sicher dokumentiert.Francesco Degrada: Bordoni, Faustina, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 12, 1971, online auf Treccani (italienisch; Abruf am 6. Juli 2020) Wohl durch eine adelige Mäzenin namens Isabella Renier Lombria wurde Faustina früh mit dem Komponisten Benedetto Marcello bekannt, der eventuell einer ihrer Lehrer war und sie in seinen privaten Konzerten auftreten ließ. In der älteren Literatur wurde gemutmaßt, dass Faustina die Geliebte von Benedettos älterem Bruder Alessandro war, aber mittlerweile ist klar, dass es sich bei der Faustina, die dieser in einigen Epigrammen erwähnt, wahrscheinlich um die Schwester des Malers Carlo Maratta handelte.Marco Bizzarini: Benedetto Marcello, L’Epos, Palermo 2006, S. 48–49.
Woyke berichtet für den März 1714 von einem kurzzeitigen Gefängnisaufenthalt (!) der Bordoni aus nicht bekannten Gründen. mini|Faustina Bordoni, von Bartolomeo Nazari Ihr Operndebüt hatte sie vermutlich im November 1716 im bedeutenden Teatro San Giovanni Grisostomo als Dalinda in Carlo Francesco Pollarolos Ariodante, neben der berühmten Marianna Benti Bulgarelli,, abgerufen am 12. Juli 2020. die auch in Antonio Lottis Alessandro Severo (UA: 17. Januar 1717) ihre Partnerin war., abgerufen am 8. Juli 2020.
Am San Giovanni Grisostomo trat Faustina Bordoni von 1718 bis 1720 auch häufig neben der Sopranistin Francesca Cuzzoni auf, die Jahre später in London ihre „Rivalin“ werden würde. Die beiden sangen u. a. gemeinsam in Pollarolos Ariodante (November 1718),. in Orlandinis Ifigenia in Tauride (UA: 21. Januar 1719),. in Antonio Pollarolos Lucio Papirio dittatore (UA: 26. Dezember 1720). und in Orlandinis Nerone (UA: 11. Februar 1721).. Benedetto Marcello hat die beiden jungen Sängerinnen dabei offenbar gehört, denn er erwähnt sie in seiner Kantate „Carissima Figlia“ namentlich und charakterisierte sie dabei durch für ihren jeweiligen Stimmumfang und Gesangsstil typische musikalische Phrasen: Die Cuzzoni mit einer ziselierten Melodie in c-moll mit dem hohen Umfang von g bis as’’, und die Bordoni in B-Dur in einem mittleren Umfang von f bis es’’.Das entspricht vollkommen der Behandlung der Stimmen bei Händel; die Bordoni-Melodie erinnert außerdem erstaunlich an den Stil, den Hasse später für Bordoni wählte. Marco Bizzarini: Benedetto Marcello, L’Epos, Palermo 2006, S. 58–60 und Notenbsp. in Abb. 10.
Daneben trat Faustina an diversen anderen italienischen Bühnen auf, in Modena, Bologna, Reggio, Neapel und Florenz,Isabelle Putnam Emerson: Faustina Bordoni, in: Five Centuries of Women Singers, Greenwood Publishing Group, 2005, S. 65–76, hier: S. 68, online in Auszügen als Google-Book (englisch; Abruf am 15. Juli 2020) unter anderem in Werken von Antonio Bononcini, Antonio Lotti, Francesco und Marc’Antonio Gasparini, Giovanni Maria Orlandini und Leonardo Vinci.
Im März 1722 gab sie private Konzerte in Rom, und 1723–1724 folgte sie einer Einladung nach München, wo sie in Opern des Hofkomponisten Pietro Torri auftrat, unter anderem in dessen Griselda, neben Bernacchi und Filippo Balatri.Artikel Faustina Bordoni, in: Encyclopaedia Britannica (englisch; Abruf am 11. Juli 2020)Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München 2010, S. 140
Dass sie zu dieser Zeit bereits einen ersten Gipfel des Ruhmes erreicht hatte, zeigt die Tatsache, dass man ihr 1724 in Florenz drei Medaillen widmete, was etwa zwanzig Jahre zuvor auch schon Vittoria Tarquini erlebt hatte.Siehe die Bronze-Medaille mit dem Porträt von Vittoria Tarquini von Massimiliano Soldani Benzi (1708) auf der Website numismatica-italiana (Abruf am 29. Oktober 2019) In Anspielung an den antiken Mythos vom bestrickenden Gesang der Sirenen wurde die Bordoni auf einer dieser Medaillen als „la nuova sirena“ bezeichnet.
Von Sommer 1725 bis Frühling 1726 war sie in Wien und sang zum Geburtstag der Kaiserin die Titelrolle in Antonio Caldaras Semiramide in Ascalona, und in Opern von Johann Joseph Fux. Ihr eilte bereits ein sagenhafter Ruf voraus und Kaiser Karl VI. soll sie laut Mattheson als „dieses große Weltwunder“ bezeichnet und ihr angeblich die horrende Summe von 15 000 Gulden gezahlt haben.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München 2010, S. 141
England (1726–1728) mini|Faustina Bordoni und Senesino auf der Bühne, Karikatur von Anton Maria Zanetti (Venedig 1729)
1726 ging sie für ein Honorar von 3000 Pfund im Jahr nach London. Ihr Debüt am King’s Theatre hatte sie am 5. Mai als Rossane in Georg Friedrich Händels Oper „Alessandro“,Baselt, Bernd, Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 21, ISBN 978-3-7618-0610-4 neben dem berühmten Altkastraten Senesino und Francesca Cuzzoni, die beide bereits Lieblinge des englischen Publikums waren. Da Faustina Bordoni als Sängerin zu bedeutend und bereits ein zu großer Star war, um sie nur als seconda donna einzusetzen, schrieb Händel in seinen neuen Opern bis 1728 jeweils zwei gleichwertige Primadonnen-Rollen für die Cuzzoni und für die Bordoni – die im Übrigen sowohl stimmlich als auch vom Gesangsstil sehr verschieden waren. Faustina Bordoni sang 1727 die Partien der Alcestis in Admeto und der Pulcheria in Riccardo Primo, und 1728 die Emira in Siroe und die Elisa in Tolomeo (1728). Sie trat außerdem in einer Wiederaufnahme seines Radamisto auf. Händel soll nach eigenen Aussagen gerne mit ihr zusammengearbeitet haben.
Außerdem sang sie in den Opern Lucio Vero und Teuzzone von Attilio Ariosti, sowie in Giovanni Bononcinis Astianatte.
Die Tatsache, dass es zwei Primadonnen im Opernensemble gab, spaltete das Londoner Publikum in zwei Parteien, und die Rivalisierung der beiden Sängerinnen führte dazu, dass man sie häufig in Anspielung an ein populäres englisches Theaterstück von Nathalie Lee als the Rival Queens bezeichnete. In Bononcinis Astianatte kam es deswegen am 6. Juni 1727 zu so heftigen Ausschreitungen „mit Zischen und Buh-Rufen“, dass die Vorstellung vorzeitig abgebrochen werden musste (Lord Harvey, Brief vom 13. Juni 1727). Im Gegensatz zu einem Teil der Literatur, wo behauptet wird, es sei dabei auch zwischen den beiden Sängerinnen zu Handgreiflichkeiten gekommen, gibt es laut Woyke „keinen Hinweis“ darauf, „dass Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni sich auf offener Bühne angegriffen hätten“. Die Rivalität der beiden Primadonnen wurde auch in der berüchtigten Beggar’s Opera von John Gay und Johann Christoph Pepusch von 1728 thematisiert.
Italien (1728–1731) Nach dem finanziellen Zusammenbruch der Royal Academy of Music kehrte Faustina nach Italien zurück und sang in Venedig, Parma, Turin, Mailand und in München. Dabei war Senesino noch einige Male ihr Bühnenpartner, so in Venedig im Teatro San Cassiano in Geminiano Giacomellis Oper Gianguir (UA: 27. Dezember 1728)Senesino ist auf Corago mit seinem bürgerlichen Namen Francesco Bernardi gelistet! . und in Orlandinis Adelaide (UA: 8. Februar 1729);. und auch in Turin in Siroe von Andrea Stefano Fiorè (UA: 26. Dezember 1729). und in Nicola Porporas Tamerlano (UA: Karneval 1730).. Einer dieser Auftritte wurde von dem Künstler Anton Maria Zanetti in einer Karikatur festgehalten (siehe Abb. oben).
Besonders erwähnenswert sind auch Bordonis Auftritte als Primadonna neben dem berühmten Sopranisten Carlo Broschi genannt „Farinelli“, im Frühling 1729 in Parma in Giacomellis Lucio Papirio dittatore. und in Turin im Karneval 1731, in Porporas Poro.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse(Italienisch), L’Epos, Palermo , 2004, S. 234 und in der Oper Ezio von Riccardo Broschi (Farinellis Bruder)..
mini|hochkant=0.75|Johann Adolph Hasse, Porträt von Balthasar Denner, ca. 1740
Muse und Frau von Johann Adolph Hasse 1730 kam es zu einer entscheidenden Begegnung im Leben von Faustina Bordoni, als sie im venezianischen Teatro San Samuele die Titelrolle in der Oper Dalisa (UA: Mai 1730) des deutschen Komponisten Johann Adolph Hasse sang,Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse (Italienisch), L’Epos, Palermo, 2004, S. 51 und 66 einem der bedeutendsten Protagonisten eines neuen, aus Neapel importierten, „galanten“ Rokokostils in der Musik. Es blieb nicht nur bei einer Zusammenarbeit und die beiden heirateten am 20. Juli desselben Jahres in Venedig – heimlich, weil die Braut bereits schwanger war.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse(Italienisch), L’Epos, Palermo , 2004, S. 54 Die beiden hatten drei Kinder: Maria Gioseffa (genannt Peppina; 1730–1811), Maria Cristina (1733–1807) und Francesco Maria (1735/36–1795).
Mit Hasse zusammen ging sie 1731 zum ersten Mal an die sächsische Hofoper in Dresden, wo sie in seiner auf dem Stoff Alessandro nell’Indie beruhenden Oper Cleofide (UA: 13. September 1731) große Erfolge feierte.. Wahrscheinlich saß im Publikum auch Johann Sebastian Bach, der nur einen Tag nach der Premiere ein Konzert an der Silbermann-Orgel der Dresdner Sophienkirche spielte, wo die Bordoni ihn wohl gehört haben muss, denn alle Hofmusiker und Virtuosen waren anwesend.
Im darauffolgenden Karneval war sie zurück in Venedig, mit Auftritten in Giacomellis Epaminonda (26. Dezember 1731). und als Cleonice in Hasses Demetrio (10. Februar 1732).. Für ihre Auftritte im Teatro San Bartolomeo in Neapel im Herbst 1732 in Hasses Issipile wurde Faustina mit sagenhaften 3300 Dukaten entlohnt.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse(Italienisch), L’Epos, Palermo , 2004, S. 104 Während dieses Aufenthaltes, im November desselben Jahres, wurde Neapel durch ein Erdbeben erschüttert, das der schwangeren Sängerin einen gehörigen Schrecken einjagte.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse(Italienisch), L’Epos, Palermo , 2004, S. 107 (und Fußnote 268)
Ab 1734 war das Ehepaar Hasse dauerhaft in Dresden engagiert, wofür sie zusammen die enorme Summe von 6000 Reichstalern im Jahr erhielten. Bis 1751 sang die Bordoni die weibliche Hauptrolle in 23 Opern ihres Mannes, sowie in Oratorien und Konzerten.