Topinambur (IPA: [], ; Helianthus tuberosus) ist eine Pflanze, die botanisch zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) zählt und zur selben Gattung wie die Sonnenblume (Helianthus annuus) gehört. Topinambur ist eine Nutzpflanze, deren Sprossknolle als Wurzelgemüse für die Ernährung genutzt wird. Aus derselben Familie stammt die Yacón (Smallanthus sonchifolius), deren süße Knollen ähnlich genutzt werden.
Herkunft und Varianten des Namens
Der Name leitet sich vom Namen des südamerikanischen Volkes der Tupinambá ab und kann im Deutschen sowohl das männliche (der Topinambur) als auch das weibliche Geschlecht (die Topinambur) annehmen. Der Plural lautet Topinamburen.Duden online: Topinambur
Mancherorts in Baden wird Topinambur als Erdapfel bezeichnet. Weitere Namen sind Erdbirne (in Südbaden auch Ross-Erdapfel, da einst an Pferde verfüttert) oder Jerusalem-Artischocke, Borbel, Erdartischocke, Erdschocke, Erdsonnenblume, Erdtrüffel, Ewigkeitskartoffel, Kleine Sonnenblume, Knollensonnenblume, Rosskartoffel, Schnapskartoffel, Süßkartoffel und Zuckerkartoffel. Als Erdbirne oder Erdapfel wird im Rheinland, in Süddeutschland, Österreich und in der Schweiz auch die Kartoffel bezeichnet.
Als Topinambur oder Rossler wird auch der aus den inulinreichen Sprossknollen dieser Pflanze hergestellte Branntwein bezeichnet.
Beschreibung mini|Einzeltrieb in Blüte mini|Topinambur-Pflanze mini|Habitus Die mehrjährige krautige Pflanze wird bis zu 3 m hoch. Der Trieb ist einjährig und stirbt im Herbst ab. Aus einer Knolle bilden sich mehrere aufrechte und nach längerem eintriebigen Wachstum später auch verzweigte Stängel, an denen gegen- bis wechselständige, gestielte, eiförmige, -lanzettliche und spitze bis zugespitzte, am Rand gesägte bis gekerbte teils ganzrandige Blätter sitzen. Diese werden 7 bis 10 cm breit und zwischen 10 und 25 cm lang. Stängel und Blätter sind rau und behaart. Der 2–8 Zentimeter lange Blattstiel ist oft leicht geflügelt. Die Nervatur ist dreizählig.
Was gemeinhin als „Blüte“ bezeichnet wird, ist botanisch gesehen ein scheinblütiger Blütenstand. Er ist körbchenförmig und wird von den außen sitzenden, sterilen Zungen- und den inneren, zwittrigen Röhrenblüten gebildet; hier sind auch Spreublätter vorhanden. Es handelt sich um einen zwittrigen Blütenstand, der von einem behaarten, mehrreihigen Hüllkelch unterlegt ist. Die Früchte werden botanisch als Achänen bezeichnet. Die Blütenstände haben einen Durchmesser von 4 bis 8 cm und sitzen in den Achseln der oberen Laubblätter. Die äußeren Zungenblüten sind mit kräftig gelben, gerippten, etwa 2,5–4 Zentimeter langen Zungen versehen. Die Blütezeit von Topinambur liegt zwischen August und November. Als Kurztagspflanze blüht sie aber erst, wenn eine bestimmte Tageslänge unterschritten wird. Daher blüht sie in Nordfrankreich nicht vor Oktober, in Mitteleuropa dagegen schon ab August.
Die Pflanze überwintert mit Rhizomen, in die der Spezialzucker Inulin eingelagert wird. Die birnen-, apfel- bis spindelförmigen Knollen entstehen an der Sprossbasis, die Knollenhaut ist von beige über gelb bis rosa gefärbt und das „Fleisch“ der Knolle ist weiß. Die Knollen werden etwa so groß wie Kartoffeln und sie besitzen einige „Augen“. Die Haut der Knolle ist im Gegensatz zu Kartoffeln fein und dünn. Die Knollen ertragen Frost bis −30 °C, wobei der oberirdische Spross nur −5 °C aushält.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 102.
Einordnung als Neophyt Die Pflanze wuchert, und die enorme Wuchskraft bedingt, dass schon Bruchstücke der Rhizomknollen reichen, um neu auszutreiben und auch noch in Folgekulturen als „Durchwuchs“ aufzutreten.
In Mitteleuropa verwildert Topinambur häufig und kann – wie andere Neobiota beziehungsweise Neophyten – Probleme verursachen, da sie heimische Pflanzen verdrängt, selber aber außer WühlmäusenArvicola terrestris, Wühler (Cricetidae). Schermäuse, Erdratten auf bio-gaertner.de, abgerufen am 9. März 2014. und Wildschweinen. nur wenige Fressfeinde hat. Im Juli und August bildet die Pflanze an den unterirdischen Ausläufern (Erdkriechsprossen, Rhizomen) länglich-spindelförmige Knollen aus, die als Kohlenhydratespeicher dienen. Aus ihnen treiben im nächsten Frühjahr neue Sprosse. Die Pflanze ist daher in der Lage, in eine bestehende Pflanzengesellschaft einzudringen und diese aufgrund ihres raschen Höhenwachstums im Frühjahr, bei dem die anderen Pflanzen sehr stark beschattet werden, zu verdrängen. Die Wuchskraft ist jedoch sehr vom Standort abhängig. Im eigenen Garten sollten Wurzelsperren (Rhizomsperren) verwendet werden, um die Verwilderung von Topinambur zu vermeiden.Topinambur auf topinambur.cc – Pflanzen, Anbau und Ernten, abgerufen am 17. Dezember 2015. Sie kommt in Mitteleuropa in Gesellschaften der Ordnung Convolvuletalia vor, dringt aber auch in Artemisietea-Gesellschaften ein.
Die Pflanze befindet sich auf der Liste der gebietsfremden invasiven Pflanzen der Schweiz. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+w (feucht aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).
mini|Topinambur in Moldawien Herkunft und Geschichte Topinambur stammt aus Nord- und Mittelamerika, ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet wird in Mexiko vermutet. Heute ist die Art im zentralen und östlichen Nordamerika sowie in Mittelamerika verbreitet und gilt als Kulturpflanze der indigenen Völker aus vorkolumbischer Zeit. Nach POWO ist sie ursprünglich im östlichen und zentralen Kanada und in den zentralen, südlichen und östlichen Vereinigten Staaten bis Florida und Texas. Eingeführt wurde sie in fast allen Ländern Europas, im nördlichen Afrika, in Argentinien, Australien und in vielen Ländern Asiens.
Überlebende einer Hungersnot unter französischen Auswanderern in Kanada/Nordamerika schickten 1610 einige der unbekannten Knollen, die ihnen das Leben gerettet hatten, nach Europa. So kam sie auch 1612 nach Paris sowie in den Vatikan als Sammelplatz für Wunder aller Art. In Frankreich wurde die „Indianerkartoffel“ nach einem indigenen Volk Brasiliens, den Tupinambá, dessen Vertreter gerade zufällig zu Besuch waren, benannt; daher Topinamb(o)ur. Parallel einigten sich päpstliche Gärtner auf girasole articiocco (Sonnenblumen-Artischocke). Durch Volksetymologie wurde aus girasole im englischen Sprachraum die Bezeichnung Jerusalem-Artischocke.
Zuerst wurde die Topinambur als Nahrungsmittel angebaut. Im 19. Jahrhundert waren die Knollen ein wichtiges Nahrungs- und Futtermittel. Vor allem in Frankreich genoss sie nach ihrer Einführung Anfang des 17. Jahrhunderts große Popularität. In Europa wurde die süßlich schmeckende Knolle ab 1750 weitgehend von der ergiebigeren Kartoffel verdrängt.
Heute wird Topinambur auf fast allen Kontinenten angebaut, Hauptanbaugebiete befinden sich in Nordamerika, Russland, Australien und Asien. Mit nur noch geringer wirtschaftlicher Bedeutung wird sie zudem in Südfrankreich und den Niederlanden angebaut. In der Schweiz wird sie im Seeland seit 1978 wieder erwerbsmäßig angebaut. In Deutschland findet man nur kleine Anbaugebiete in Niedersachsen, Brandenburg und Baden. In Baden im Landkreis Rastatt fanden sich 1990 noch etwa 200 ha im Anbau, in Dänemark waren es 1990 noch 15 bis 20 ha. Um das Jahr 2000 herum wurden Topinamburknollen fast nur in Bioläden oder auf Wochenmärkten verkauft. In der Schweiz und in Österreich wird sie auch über die Einzelhandelsketten vermarktet.
Kultivierung Anbau und Ernte mini|Einige gewaschene Topinambur-Rhizomknollen mini|Knollen, sehr frühe Sorte wildwachsend, Ingelheim am Rhein mini|Knollen, sehr späte rote Sorte Im erwerbsmäßigen Anbau wird Topinambur einjährig kultiviert. Er ist anspruchslos und stellt keine großen Anforderungen an seinen Standort, wobei auch nährstoffarme Böden genutzt werden können. Optimal sind Standorte mit pH-Werten zwischen 6,0 und 7,5. Sehr gut folgt er in der Kulturfolge auf Kulturen, die lockeren Boden hinterlassen, und er wächst vor allem auf lockerem, leicht sandigem Boden; Staunässe wird gemieden. Klimatisch kann die Pflanze von kühlen Gebieten wie Nordamerika und -europa bis weit in den Süden gedeihen, auch für die Tropen ist er während der „kühleren“ Jahreszeit geeignet. Besonders geschätzt werden vollsonnige Standorte, Topinambur fühlt sich aber auch im Halbschatten wohl.
Die Neubepflanzung erfolgt im frühen Frühjahr (Februar–April). Während der sehr frühen Pflanzung kann die Kultur mit Vlies bedeckt werden, um das Austreiben zu beschleunigen. Der Pflanzabstand in der Reihe beträgt 30 bis 40 cm und der Reihenabstand 60 bis 80 cm. Die Knollen werden auf eine Tiefe von 10 bis 12 cm abgelegt. Es kann die gleiche Anbautechnik wie für Kartoffeln verwendet werden. Dazu werden die Reihen angehäufelt, um das Treiben der Knollen zu verfrühen und das Aufnehmen der Knollen zu vereinfachen, da sie erhöht liegen. Für einen Hektar werden je nach Knollengröße 1,2 bis 2 t Knollen benötigt, Das entspricht 0,2 kg/m² (20 kg/a). Die optimale Bestandsdichte beträgt drei bis fünf Knollen/m².
Topinambur benötigt vor allem zu Kulturbeginn Pflege durch Unkrautbekämpfung. Danach überwuchert und verdrängt die Pflanze das Unkraut, so dass es keine ertragsmindernde Rolle mehr spielt. Werden zusätzlich noch die Blüten entfernt, kann der Ertrag um 10 bis 12 % gesteigert werden, wobei die Knollen im Mittel von 38 g auf 44 g größer wurden. Bei einer Kürzung der Gesamtpflanze kommt es dagegen zu einem Minderertrag.
Obwohl die Pflanze auch auf nährstoffarmen Böden wachsen kann, ist der Ertrag mit zusätzlicher Düngung höher. Frühere Versuche aus Frankreich und Deutschland (vor 1949) zeigen einen hohen Kaliumbedarf. Topinambur benötigt zum Aufwuchs (in kg/ha Reinnährstoff) 100 Stickstoff, 50 Phosphorpentoxid, 150 Kaliumoxid. Wenn vorhanden, nimmt die Pflanze bis 150 kg/ha Stickstoff auf, aber ohne großartigen Mehrertrag. Englische Untersuchungen geben gar nur 50 kg/ha Stickstoff an. Vor allem das Wachstum der oberirdischen Pflanzenteile nimmt stark zu. Der Nährstoffgehalt (= Nährstoffabfuhr durch Knollenernte) je Dezitonne Knolle beträgt 0,26 kg Stickstoff, 0,14 kg Phosphorpentoxid, 0,62 kg Kaliumoxid und 0,02 kg Magnesiumoxid.
Der Hauptzuwachs der Knollen erfolgt von Juli bis Oktober, geerntet wird von November bis März/April vor dem Neuaustrieb der Knollen. Nachdem die Blätter abfallen (einfallen), werden die Stängel zur leichteren Ernte eingekürzt. Die Erträge betragen ca. 60 t/ha Knollen, bei guter Kultur können auch bis zu 80 t/ha erreicht werden und im Hausgarten sind Erträge von 2 bis 3 kg/m² üblich. Für die Ernte sind stärker ausgelegte Maschinen nötig, weil die Knollen fester mit der Pflanze verwachsen sind als Kartoffeln. Im Gegensatz zu Kartoffeln verträgt die Topinamburknolle Frost, solange sie im Boden ist. Um auch bei Frost ernten zu können, kann die Erde mit Stroh oder Laub bedeckt werden. Nach der Ernte verbleibt meist ein Teil der kleineren Knollen im Boden; dieser dient für die nächstjährige Kultur. Topinambur bleibt für einige Jahre am gleichen Standort und wird jährlich abgeerntet. Erfolgt ein Kulturwechsel, wird am besten Wiese angesät, die mehrmals im Jahr gemäht wird. Das bringt den Wuchs der Topinambur zum Erliegen und sie verschwindet aus der Kulturfläche.
Sorten Topstar (sehr früh, Knollen länglich-oval) Henriette (früh, Knollen walzen- bis birnenförmig) Gigant (früh, Knollen walzen- bis birnenförmig) Bianca (früh, Knollen walzen- bis birnenförmig, Wuchshöhe 2,5 m) Patate (Knollen rundlich, leicht rötlich gefärbt) Sakhalinski rouge Gute Gelbe (mittelspät, Knolle rund bis oval und glatt) Waldspindel (mittelspät, Knollen spindelförmig) Völkenroder Spindel (mittelspät, Knollen spindelförmig bis spitzoval) Lola (mittelspät, Knollen rund bis birnenförmig) Medius (mittelspät, Knollen rund bis birnenförmig)