Das Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) (, deutsch etwa (Gesamt-)Werk der Glasmalerei des Mittelalters), auch Corpus Vitrearum (CV) (v. a. bei der Bearbeitung nachmittelalterlicher Glasmalereien), ist ein internationales kunstgeschichtliches Forschungsunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, alle erhaltenen oder überlieferten mittelalterlichen Glasmalereien zu erforschen, in Buchform zu publizieren und damit der breiten Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich zu machen und auf deren kulturhistorischen Wert aufmerksam zu machen. Seit den 1980er-Jahren wurden zunehmend auch neuzeitliche Glasmalereien, seit den 2010er-Jahren auch Glasmalereien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Gegenstand des Forschungsvorhabens. An dem Forschungsvorhaben beteiligen bzw. beteiligten sich 21 europäische und nordamerikanische Länder. Bislang sind in der internationalen Reihe weit über hundert Bände erschienen.

miniatur|hochkant=1.2|Südquerhausrose der Kathedrale von Chartres

Geschichte und Aufgabe miniatur|Logo des Internationalen CVMA Das Forschungsunternehmen Corpus Vitrearum Medii Aevi wurde 1952 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges gegründet. Damals gingen viele Glasmalereien unwiderruflich verloren, viele Bestände wurden aber zum Schutz vor den Kriegswirren ausgebaut. Dies ermöglichte den Kunsthistorikern erstmals in großem Umfang, die Glasmalerei, die sich normalerweise weit weg vom Auge des Betrachters befindet, von Nahem untersuchen und fotografische Dokumentationen anlegen zu können. Während im 19. Jahrhundert die Glasmalerei noch vornehmlich als Kunsthandwerk betrachtet wurde, wird diese Gattung spätestens seit den Erkenntnissen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration als führende Malerei-Gattung der Romanik, der Gotik und der nordalpinen Renaissance gesehen.

Initiator des Editionsvorhabens war der Berner Kunsthistoriker Hans R. Hahnloser, der seine Vision einer Gesamtpublikation aller mittelalterlichen Glasmalereien 1949 erstmals vorstellte und drei Jahre später die Gründung des Corpus Vitrearum auf dem 16. Internationalen Kunsthistorikerkongress in Amsterdam vollziehen konnte. Anfangs waren die Länder Frankreich, Deutschland, die Schweiz, Belgien, Österreich, die skandinavischen Länder und Großbritannien beteiligt, im Laufe der Zeit kamen weitere Länder hinzu, darunter die USA, Kanada und Russland, die europäische Glasmalerei in Sammlungen besitzen. Zahlreiche Länder weiteten inzwischen die Untersuchungen auf neuzeitliche Glasmalereien der Barockzeit und des Historismus bis hin zu modernen Glasfenstern des 20. Jahrhunderts (Jugendstil, Art déco, Expressionismus u. a.) aus.

Die wissenschaftlichen Publikationen des Corpus Vitrearum gehen weit über bloße Inventarisierung hinaus. Die Glasmalereien werden stets im historischen Kontext und im Kontext der Architektur betrachtet, für die sie geschaffen wurde. Sie geben vielfach Auskunft über Stifter, künstlerische Programme, ikonografische Besonderheiten und das Repräsentationsbedürfnis herrschaftlicher oder geistlicher Auftraggeber. Viele Glasfenster stammen von namhaften Künstlerpersönlichkeiten wie Albrecht Dürer, Hans Baldung, Duccio, Lorenzo Ghiberti, Guglielmo de Marcillat und anderen.

Die Arbeit des Corpus Vitrearum gewinnt seit den umweltbedingten Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts an Bedeutung. Durch Abgase und Sauren Regen werden die Glasmalereien in kürzester Zeit stärker angegriffen als in den 500 Jahren zuvor. Lochfraß und Verbräunung sind die Folge. Durch Initiativen des Corpus Vitrearum konnte an vielen Kirchen Außenschutzverglasungen angebracht werden, die den Prozess des Zerfalls aufhalten. Das Corpus Vitrearum steht mit Restauratoren und Glasmalerei-Werkstätten in Verbindung und dient als Berater bei Denkmalämtern. Neuere Aufgaben befassen sich mit den Folgen des Klimawandels für Kirchenfenster (Stichworte: Starkregen und Hagel).

Organisation Das CVMA steht unter dem Patronat der UAI und des Comité International d’Histoire de l’Art (CIHA). Jedes Land besitzt eigene Nationalkomitees, die für die Administration und die Ernennung der Autoren zuständig sind. Um die Publikationen und die Forschung nach einheitlichen Maßstäben zu gestalten, wurden Richtlinien verabschiedet, die das Vorgehen bei der Erforschung und die Form der Publikation festlegen. Die aktuelle vierte Fassung der Richtlinien wurden 2016 in Troyes verabschiedet. Die Amtssprachen des Corpus Vitrearum sind Englisch, Französisch und Deutsch.

Im regelmäßigen Turnus treffen sich alle Glasmalerei-Spezialisten auf den Internationalen Colloquien, um Methoden und aktuelle Forschungen zu besprechen. Dort wird auch das internationale Gremium, bestehend aus Präsident, Sekretär und Schatzmeister, gewählt.

Seit 1965 gibt es ein eigenes Komitee für die Konservierung und Restaurierung von Glasmalerei, das sich vornehmlich den technischen und restauratorischen Fragen widmet. Dieses Komitee bildet zugleich das internationale wissenschaftliche Komitee von ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) für die Gattung der Glasmalerei (International Scientific Committee for the Conservation of Stained Glass, ISCCSG). Das technische Komitee veranstaltet seit 1993 das Internationale Forum für die Konservierung und Technologie von historischen Glasmalereien, das seit 2022 gemeinsam mit den Colloquien des CVMA stattfindet. Die Richtlinien für die Konservierung und Restaurierung von Glasmalereien wurden in der zweiten Fassung in Nürnberg 2004 verabschiedet.

miniatur|hochkant=1.5|Westfenster des Altenberger Doms

Internationale Colloquien des Corpus Vitrearum I: Bern (CH) 1953 II: Paris (F) 1956 III: Köln (D) 1957 IV: Erfurt (DDR) 1962 V: Straßburg (F) 1965 VI: Ulm (D) 1968 VII: Florenz (I) 1970 VIII: York (GB) 1972 IX: Paris (F) 1975 X: Stuttgart/Freiburg im Breisgau (D) 1977 XI: New York (USA) 1982 XII: Wien (A) 1983 XIII: Barcelona (ESP) 1985 XIV: Amsterdam (NL) 1987 XV: Erfurt (DDR) 1989 XVI: Bern (CH) 1991 XVII: Rouen (F) 1993 XVIII: Siena (I) 1995 XIX: Krakau (PL) 1998 XX: Bristol (GB) 2000 XXI: Brüssel (BEL) 2002 XXII: Nürnberg/Regensburg (D) 2004 XXIII: Tours (F) 2006 XXIV: Zürich (CH) 2008 XXV: Sankt Petersburg (RUS) 2010 XXVI: Wien (A) 2012 XXVII: York (GB) 2014 XXVIII: Troyes (F) 2016 XXIX: Antwerpen (BEL) 2018

miniatur|hochkant=1.2|Glasmalerei des Jugendstils (Museu d’Art de Cerdanyola, Katalonien)

Internationale Foren für die Konservierung von Glasmalereien I: Erfurt (D) 1993 II: Lüttich (BEL) 1996 III: Freiburg (CH) 1999 IV: Troyes (F) 2001 V: Namur (BEL) 2007 VI: New York (USA) 2009 VII: Lissabon (P) 2011 VIII: Amsterdam (NL) 2013 IX: Paris (F) 2015 X: Cambridge (GB) 2017

Gemeinsame Colloquien und Foren XXX / XI: Barcelona (ESP) 2022 XXXI / XII: Erfurt/Naumburg (D) 2024 XXXII / XIII: Krakau (PL) 2026 zukünftig: XXXIII / XIV: Romont/Freiburg/Lausanne (CH) 2028

Beteiligte Länder Die folgenden Absätze beschreiben den Stand der Bearbeitung und die Organisation der einzelnen Nationalkomitees. Weitere Angaben zur Geschichte, zu den Autoren und Publikationslisten finden sich auf der Website des Internationalen CVMA bzw. auf den nationalen Websites.

Belgien Belgien hat 1961 die mittelalterlichen Glasmalereien des Landes bis zum Jahr 1500 in einem Band herausgegeben. Vier weitere Bände behandeln die Glasmalereien der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ein sechster die Glasmalereien von 1550–1650 (in den Provinzen Wallonisch-Brabant, Hennegau, Lüttich und Namur, 2011 erschienen). Weitere Publikationsreihen widmen sich den „Silver-Stained Roundels and Unipartite Panels before the French Revolutions“ (Reihe Checklist, 5 Bände, 2007–2021) und den Kartons der Glasmalereien der Kathedrale von Brüssel (Reihe Études, Band 1, 1994).

(Zu den Glasmalereien der Zisterzienserinnenabtei Herkenrode, die sich heute in England befinden, siehe den Abschnitt Großbritannien.)

miniatur|Prophet Daniel im Augsburger Dom

Deutschland Bedingt durch die deutsch-deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Deutschland zwei Institute, die auch nach der Wiedervereinigung weiter koexistieren.

In Westdeutschland erschien 1958 der erste Band zu den frühen Glasmalereien in Schwaben, womit eigentlich das Gebiet Württembergs gemeint ist. Titel wie geografische Einteilung resultierten noch daraus, dass der Autor Hans Wentzel bereits in den 1940er Jahren eine Monografie zu den Glasmalereien in Schwaben geschrieben hatte, welche wegen des Krieges nicht publiziert werden konnte. Nach dem Krieg wurde aus dieser Publikation dann der erste deutsche Corpus-Band. Infolgedessen wurden die einzelnen Bände nach historischen Landschaften gegliedert, wobei für die Bearbeitungsgrenzen oftmals die heutigen Bundesländer oder Regierungsbezirke maßgeblich sind. Das Institut entstand in den 1970er Jahren zunächst in Stuttgart, seit 1982 dann in Freiburg. Getragen wird das „Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei“ von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

In der DDR war die Arbeit des Corpus Vitrearum zunächst in der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und nach deren Reform 1971 im Institut für Denkmalpflege der DDR beheimatet. Nach einer kommissarischen Überbrückung nach der Wende wurde eine eigene Arbeitsstelle in Potsdam eingerichtet, die seit 1993 unter der Obhut der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften steht. Die ersten Bände des Corpus Vitrearum der DDR erschienen Ende der 1970er Jahre. Seit der Wiedervereinigung wurde die Zählung der deutschen Bände zusammengeführt, die Bände „DDR I-VIII“ werden nun als „Deutschland XV-XXII“ geführt.

Bislang sind die Glasmalereien folgender Bundesländer veröffentlicht: Baden-Württemberg: vollständig (Bände I,1–3 und II,1–2; u. a. mit dem Ulmer und dem Freiburger Münster) Bayern: teilweise (Bände IX,1, X,1–3, XII und XIII,1–2; u. a. mit St. Sebald und St. Lorenz in Nürnberg und dem Augsburger und dem Regensburger Dom) Berlin und Brandenburg: vollständig (Band XXII; u. a. mit der Marienkirche Frankfurt/Oder) Hessen: vollständig (Bände III,1–3; u. a. mit der Marburger Elisabethkirche) Niedersachsen: vollständig (Bände VII,1–2; u. a. mit dem Lüneburger Rathaus) Nordrhein-Westfalen: teilweise (Band IV,1 zum Kölner Dom) Rheinland-Pfalz: teilweise (Bände II,1 und III,1; u. a. mit der Oppenheimer Katharinenkirche) Sachsen-Anhalt: teilweise (Bände XVII, XVIII,1–2 und XIX,1–5; u. a. mit den Domen in Halberstadt und Stendal) Thüringen: vollständig (Bände XV,1–2, XVI und XX; u. a. mit dem Erfurter Dom und der Divi-Blasii-Kirche in Mühlhausen)

miniatur|hochkant=1.5|Sainte-Chapelle in Paris

Frankreich Frankreich veröffentlichte seine Glasmalereien bis zur Französischen Revolution in der elfbändigen Reihe Recensement des vitraux anciens de la France zwischen 1978 und 2021. Die folgende Auflistung verweist auf die Bände bezüglich der seit 2016 existierenden Regionen: Auvergne-Rhône-Alpes: Bände III (Rhône-Alpes) und IX (Auvergne) Bourgogne-Franche-Comté: Band III Bretagne: Band VII Centre-Val de Loire: Band II Grand Est: Bände IV (Champagne) und V (Lothringen, Elsass) Hauts-de-France: Band I Île-de-France: Band I Normandie: Bände VI (Haute-Normandie) und VIII (Basse-Normandie) Nouvelle-Aquitaine: Bände IX (Limousin) und X (Poitou-Charentes, Aquitaine) Okzitanien: Band XI Pays de la Loire: Band II Provence-Alpes-Côte d’Azur: Band XI

An Monografien erschienen bislang Bände zu den Glasmalereien folgender Bauten: Kathedrale von Angers Notre-Dame und Sainte-Chapelle in Paris Saint-Ouen in Rouen Saint-Nicolas-de-Port Straßburger Münster Ehemalige Dominikanerkirche Straßburg Chor der Kathedrale von Troyes Sainte-Chapelle de Vincennes