Odo Marquard (* 26. Februar 1928 in Stolp, Hinterpommern; † 9. Mai 2015 in Celle) war ein deutscher Philosoph und Essayist. Er war ordentlicher Professor für Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1965–1993) und Mitglied des Münsteraner Collegium philosophicum, eines Kreises der Ritter-Schule,Mark Schweda: Joachim Ritter und die Ritter-Schule. Zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-885-06708-5. dem auch Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Martin Kriele u. a. m. angehörten.Hermann Lübbe: Heitere Hiobsbotschaften: Nachruf auf Odo Marquard, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Ausgabe Frühjahr 2016 (als PDF hier zum Download), S. 117.
Marquard bezeichnete sich selbst als pyrrhonischen Skeptiker, UsualistenUsualismus im Sinne Marquards meint die Haltung, an Konventionen und Traditionen respektvoll anzuknüpfen: „Zustimmung zu den Üblichkeiten der Lebenswelt, die jeder Mensch vorfindet.“ Siehe Egbert Witte: Skepsis und Urdoxa. Anmerkungen zur transendentalskeptischen Pädagogik, in: Matthias Erhardt, Frank Hörner, Ina Katharina Uphoff (Hrsg.): Der skeptische Blick. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011, ISBN 978-3-531-17360-3, S. 90. und – mit der ihm eigenen Selbstironie – als „Transzendental-Belletristen“ oder auch als „transzendentalen Entertainer“.Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Auch eine autobiographische Einleitung. In: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien. Reclam (UB 7742). Stuttgart 1982, ISBN 3-15-007724-9, S. 4 und 9.Stefan Groß-Lobkowicz : Vom bleibenden Wert der Skepsis, in The European, 13. Oktober 2015. Er gilt als „Virtuose des Bonmots“.Nachruf auf Odo Marquard -Kämpfer gegen die Wahrheit von Alexander Grau, in: Cicero, 16. Mai 2015 Wegen seiner Unterhaltsamkeit, der Leichtigkeit seines Stils und seiner pointierten, oft doppeldeutigen Formulierungen war Odo Marquard ein viel gefragter Vortragsredner und Laudator. Durch seinen Wortwitz und Esprit wurde er auch jenseits der philosophischen Fachkreise bekannt.
Lebensweg Kindheit und Jugend Am 26. Februar 1928 wurde Odo Marquard in Stolp, heute polnisch Słupsk, in Hinterpommern geboren. Sein Vater, Otto Marquard, war Naturwissenschaftler, promovierter Zoologe und Regierungsfischereirat.Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern, S. 83. Von 1940 bis 1945 war er Internats-Schüler, „Ordensjunker“ einer Adolf-Hitler-Schule, einer NS-Ausleseschule in Kolberg (Pommern).Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern, S. 96. Zum Folgenden ebd. 1945 wurde Marquard zunächst als Flakhelfer, dann als Mitglied des Volkssturms eingesetzt. Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er alsbald entlassen wurde. Später berichtete Marquard über das Kriegsende: „Das Jahr 1945 erlebte ich, gerade 17 geworden und indoktriniert, wie ich war, vor allem als Zusammenbruch. Zurück blieben Irritation, Ernüchterung und Distanz zu weltanschaulichen Doktrinen.“Mut zur Brüderlichkeit Stefan Sattler im Gespräch mit Odo Marquard, Focus Magazin Nr. 45, 1994.
Der 17-jährige Marquard musste den Verlust seiner pommerschen Heimat verschmerzen. Als Vertriebener suchte er zunächst Zuflucht bei seiner Tante in Ostfriesland, auf der Insel Norderney. 1946 legte er im hessischen Treysa zum zweiten Mal das Abitur ab, weil seine in der Adolf-Hitler-Schule bestandene Reifeprüfung im Nachkriegs-Deutschland nicht anerkannt wurde.
Wissenschaftliche Laufbahn Odo Marquard sagte im Rückblick:
Marquard studierte von 1947 bis 1954 in Münster an der Westfälischen Wilhelms-Universität Philosophie bei Joachim Ritter sowie Germanistik, Kunstgeschichte, evangelische und katholische Theologie. 1954 promovierte er in Freiburg an der Albert-Ludwigs-Universität bei Max Müller mit dem Thema Zum Problem der Logik des Scheins im Anschluss an Kant.
Von 1955 bis 1963 war er wieder in Münster an der Westfälischen Wilhelms-Universität als wissenschaftlicher Assistent Joachim Ritters. 1963 habilitierte er sich dort bei Ritter mit dem Thema Über die Depotenzierung der Transzendentalphilosophie. Einige philosophische Motive eines neueren Psychologismus in der Philosophie. Im Anschluss lehrte er als Privatdozent Philosophie in Münster und wurde zwei Jahre später zum ordentlichen Professor für Philosophie ernannt.
Von 1965 bis 1993 lehrte er als ordentlicher Professor bis zu seiner Emeritierung Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 1980 bis 1985 war er Mitherausgeber der Werkausgabe Helmuth Plessner, Gesammelte Schriften in 10 Bänden, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.Werkausgabe – Vorstellung der Werkausgabe auf der Website der Helmuth Plessner Gesellschaft. Von 1985 bis 1987 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophisches, Reclam, Stuttgart 2013, S. 96.
1993 wurde Marquard emeritiert. Danach war er weiterhin wissenschaftlich tätig. So war er an der Herausgabe des 13-bändigen Historischen Wörterbuchs der Philosophie (HWPh) beteiligt (1971–2007), mit Artikelbeiträgen wie Anthropologie, Kompensation, Leerformel, Lustprinzip, Malum u. a. m.Hermann Lübbe: Heitere Hiobsbotschaften: Nachruf auf Odo Marquard, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Ausgabe Frühjahr 2016 (als PDF hier zum Download), S. 117–127, hier S. 120.
Bis ins hohe Alter erhielt der Philosoph zahlreiche Ehrungen sowie Gratulationen in den Medien und war als Festredner und Laudator ein gefragter Gastredner. Marquard starb im Alter von 87 Jahren am 9. Mai 2015 in Celle.Universität Gießen trauert um Prof. Odo Marquard Pressemeldung der Justus-Liebig-Universität Gießen, 11. Mai 2015.
Familie Marquard war seit 1960 bis zu seinem Tod mit der Romanistin Edeltraut Luise Marquard geb. Wlosok verheiratet.Traueranzeige Odo Marquard Süddeutsche Zeitung, 23. Mai 2015. Das Paar hatte einen Sohn und drei Enkelkinder., in: Gießener Anzeiger, 20. Februar 2010. In den letzten zweieinhalb Jahren seines Lebens wohnte Marquard mit seiner Frau in einem Seniorenheim in Celle, um in der Nähe ihres Sohnes Felix zu sein.Celler trauern um Konservativen mit Esprit – Dagny Rößler, in: Cellesche Zeitung vom 15. Mai 2015 Felix Marquard war Arzt mit einer Praxis für Onkologie und Hämatologie in Celle. Er starb im Jahr 2014, ein Jahr vor seinem Vater, bei einem Verkehrsunfall in Australien.In Australien verunglückt: Arzt hinterlässt große Lücke in Celle Cellesche Zeitung, 24. April 2014. Edeltraut Luise Marquard starb im Jahr 2020.Traueranzeige Edeltraut Luise Marquard FAZ, 23. Mai 2020.
Philosophisches Schaffen mini|Titelblatt des ersten der sechs Reclam-Bändchen, in denen Marquards Essays von 1981 bis 2007 erschienen sind
Odo Marquard hat kein Opus magnum hinterlassen, sondern stattdessen eine Fülle von Essays. Für sein philosophisch-literarisches Genre prägte er den Ausdruck „Transzendental-Belletristik“. Seine Essay-Sammlungen erschienen als preisgünstige Reclam-Hefte und waren damit einem breiten Publikum zugänglich. Diese Aufsatzsammlungen tragen Titel wie Abschied vom Prinzipiellen (1981, sechs Aufsätze), Apologie des Zufälligen (1986, sieben Aufsätze), Skepsis und Zustimmung (1994, neun Aufsätze), Philosophie des Stattdessen (2000, 13 Aufsätze), Individuum und Gewaltenteilung (2004, 12 Aufsätze), Skepsis in der Moderne (2007, 10 Aufsätze), u. a. m. Viele der Essays sind von Marquard auch als Festvorträge gehalten worden.Florian Felix Weyh: Pralles Leben im Nebenwerk. Die Gedanken des Odo Marquard. Rezension von Skepsis in der Moderne – Deutschlandfunk vom 11. Januar 2008.
Marquard bemühte sich in seinen Schriften und Vorträgen stets um eine „verständliche und alltagstaugliche Sprache“.Philosoph Odo Marquard gestorben Nachruf in Der Tagesspiegel, 11. Mai 2015. Seine Essays verbinden stilistische Eleganz und hintersinnigen Humor mit dem Humanismus des relativistischen Aufklärers.Philosoph Odo Marquard wird 85 – im Morgenjournal des Österreichischen Rundfunks, 20. Februar 2013. Lesegenuss zu bereiten war ihm ein Anliegen.
In Anlehnung an Kants Transzendentalphilosophie versuchte Marquard schreibend, die „Bedingung der Möglichkeit“ von Erkenntnis zu erkunden. Er ermöglicht es seinen Lesern, an der allmählichen Entstehung seiner philosophische Ideen teilzuhaben. Der Leser wird Zeuge eines Philosophierens, das beständig um Klarheit ringt, „behutsam sich vortastend“.Franz Josef Wetz, in: Odo Marquard. Der Einzelne Vorlesungen zur Existenzphilosophie, Reclam Nr. 19086, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019086-9, S. 239.
Wende zur Skepsis Odo Marquards frühe Arbeiten widmen sich besonders den Beziehungen zwischen Ästhetik und Therapeutik, zum Beispiel der Wiederkehr idealistischer Motive Schellings in Sigmund Freuds Psychoanalyse.Odo Marquard: Über eine Beziehung zwischen Ästhetik und Therapeutik in der Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts.(Vortrag, Münster 22. Oktober 1962) In: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1973, 6. Aufl. 2017, ISBN 978-3-518-27994-6, S. 85–106.
Marquard gehörte zur „skeptischen Generation“ (eine Begriffsbildung des Soziologen Helmut Schelsky).Helmut Schelsky: Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend'. Diederichs, Düsseldorf/Köln 1957. Mit dem Zusammenbruch 1945 „kam es zum Enttäuschungsschock; die Folge waren Prozesse der Entpolitisierung und Entideologisierung des jugendlichen Bewusstseins“.Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Reclam (UB 7724), Stuttgart 1981, ISBN 3-15-007724-9, S. 5. Bei Marquard führte dieser Schock zu seiner „Wende zur Skepsis“, zu seinem „Abschied vom Prinzipiellen“.Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Reclam (UB 7724), Stuttgart 1981, ISBN 3-15-007724-9, S. 17. Dies bedeutet eine Abkehr von Absolutheitspositionen und Letztbegründungsversuchen.Odo Marquard: Zur Diätetik der Sinnerwartung. In: Apologie des Zufälligen. Philosophische Bemerkungen. Reclam Universalbibliothek Nr. 8351, Stuttgart 1986, ISBN 3-15-008351-6, S. 53.
Vita brevis, das Leben ist kurz: Die Denkfigur der Endlichkeit durchzieht Marquards Schriften. Die kurze Lebensdauer zwinge den Menschen dazu, die Vorstellung des Absoluten, des Vollendeten, aufzugeben:
Marquard wendet sich gegen ein Übermaß an Sinnerwartung. Die Antwort auf die Frage, ob das Leben sich lohnt, hänge eher an den nächsten als an den letzten Dingen: „Die Menschen verzweifeln nicht, solange sie immer gerade noch etwas zu erledigen haben: die Milch am Überkochen zu hindern. […] dieser kleine Sinn reicht aus, um ein Leben zu führen.“ Diese Bewertung entspricht der Deutung Camus’ in seinem Essay Der Mythos des Sisyphos, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, weil er immer etwas zu tun hat, sei es auch eine sinnlose Tätigkeit.Odo Marquard: Zur Diätetik der Sinnerwartung. In: Apologie des Zufälligen. Philosophische Bemerkungen. Reclam Universalbibliothek Nr. 8351, Stuttgart 1986, ISBN 3-15-008351-6, S. 49 f.
Apologie des Zufälligen Ein bekanntes Zitat aus Marquards Essay Apologie des Zufälligen lautet: „Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl.“ Jürgen Kaube wählte dieses Zitat als Überschrift seines Nachrufs auf Odo Marquard in der FAZ.Jürgen Kaube: Zum Tod von Odo Marquard: Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl faz.net, 11. Mai 2015.