Ein Verkehrssicherheitsaudit (auch Straßenverkehrssicherheitsaudit, fachlich Sicherheitsaudit an Straßen (SAS), meist nur kurz Sicherheitsaudit, englisch Road Safety Audit (RSA)) ist ein Verfahren zur unabhängigen Überprüfung von Straßenplanungen oder bestehenden Straßen unter dem Gesichtspunkt der Verkehrssicherheit. Ziel ist es, potenzielle Sicherheitsdefizite frühzeitig zu erkennen und Hinweise zu ihrer Beseitigung zu geben.

Im Rahmen eines Audits prüfen speziell ausgebildete Auditierende eine Planung oder eine bestehende Verkehrsanlage systematisch und ausschließlich im Hinblick auf mögliche Unfallrisiken. Die Ergebnisse werden in einem Auditbericht dokumentiert und den zuständigen Planungsstellen oder Straßenbaulastträgern übermittelt.

Verkehrssicherheitsaudits gelten als ein wichtiges Instrument des Sicherheitsmanagements für Straßeninfrastruktur. Sie werden heute in zahlreichen Ländern angewendet und sind in vielen Staaten obligatorischer Bestandteil von Planungs- und Prüfverfahren im Straßenwesen.

Ziel und Zweck Ziel eines Verkehrssicherheitsaudits ist es, Sicherheitsprobleme im Straßenraum möglichst frühzeitig zu erkennen. Viele sicherheitsrelevante Probleme entstehen bereits in der Planungsphase einer Straße oder eines Knotenpunkts. Denn bei der Planung von Straßen müssen häufig unterschiedliche Anforderungen und Interessen berücksichtigt werden. Neben den Bedürfnissen verschiedener Verkehrsarten spielen auch räumliche Rahmenbedingungen, etwa vorhandene Bebauung, Umweltaspekte oder wirtschaftliche Vorgaben, eine Rolle. Solche Randbedingungen können dazu führen, dass Planungen angepasst werden oder sich technischen Grenzwerten (Mindestbreiten) annähern.

Zugleich sind viele Planungssituationen komplex und stellen hohe Anforderungen an Planende, Auftraggebende und die mit der Qualitätssicherung befassten Fachleute. Untersuchungen aus der Unfallforschung zeigen, dass auch bei bestehenden und teilweise sogar bei neu gebauten Straßen noch Verbesserungspotenziale hinsichtlich der Verkehrssicherheit bestehen. Dies kann unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass sicherheitsrelevante Aspekte in der Planung nicht in allen Fällen ausreichend berücksichtigt wurden. Oft ist dies der Fall, wenn die Verkehrssicherheit unter der Vielzahl an zu berücksichtigenden Aspekten nach und nach in den Hintergrund rutscht.

Verkehrssicherheitsaudits sollen dazu beitragen, solche auf diese Weise entstehenden Sicherheitsdefizite systematisch zu erkennen. Durch die unabhängige Überprüfung einer Planung oder einer bestehenden Verkehrsanlage rückt die Verkehrssicherheit nachträglich wieder gezielt in den Mittelpunkt der Bewertung.

Durch eine unabhängige Prüfung können mögliche Konflikte zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden sowie problematische Entwurfselemente frühzeitig identifiziert werden. Dies ermöglicht es, entsprechende Anpassungen vorzunehmen, bevor eine Straße gebaut oder umgestaltet wird. Werden sie erst nach der Umsetzung erkannt, lassen sich Änderungen häufig nur mit erheblichem Aufwand vornehmen. Werden sie überhaupt nicht erkannt, sind Unfälle mit Verletzten und Toten die Folge.

Verkehrssicherheitsaudits verfolgen damit einen präventiven Ansatz. Sie sollen dazu beitragen, Risiken im Straßenverkehr zu reduzieren und die Qualität von Straßenentwürfen zu verbessern.

Grundprinzip und Ablauf Ein Verkehrssicherheitsaudit wird von speziell ausgebildeten Auditierenden durchgeführt, die nicht an der Planung des geprüften Projekts beteiligt sind. Diese Unabhängigkeit gilt als zentrales Prinzip des Verfahrens. Methodisch kann das Sicherheitsaudit mit einem Peer-Review verglichen werden.

Die Auditierenden analysieren die Planung oder die bestehende Verkehrsanlage systematisch aus Sicht der Verkehrssicherheit. Dabei versetzen sie sich in die Lage der tatsächlichen Verkehrsteilnehmenden und prüfen, wie diese die geplante Verkehrsanlage tatsächlich nutzen werden. Die Auditierenden prüfen die Planung insbesondere auf mögliche Konflikte zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden, Sichtbeziehungen, Verkehrsführungen und die Gestaltung von Querungsstellen.

Ergänzend wird eine Unfallanalyse analog der Arbeit der Unfallkommission durchgeführt. Die Planung wird dann erneut überprüft hinsichtlich bestehender Unfall-Systematiken und inwiefern diese in Zukunft weiter bestehen könnten.

Die Ergebnisse werden in einem Auditbericht dokumentiert. Dieser beschreibt erkannte Sicherheitsdefizite und enthält Empfehlungen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Die Entscheidung über die Umsetzung dieser Empfehlungen liegt beim Auftraggeber des Audits, meist eines Amtes für Tiefbau (bei Audits von Planungen) oder einer Straßenbaubehörde (bei Audits von Bestandsinfrastruktur).

Verkehrssicherheitsaudits können in verschiedenen Phasen eines Projekts durchgeführt werden. Die Auditphasen entsprechen dabei nicht den Leistungsphasen nach HOAI.

Während der Vorplanung einer Straße lassen sich notwendige grundsätzliche Änderungen an der Planung bereits frühzeitig adressieren. Je weiter fortgeschritten eine Planung ist, desto höher der Aufwand für nachträgliche Korrekturen. In der Vorplanung entstehen die meisten grundständigen Verkehrssicherheitsdefizite wie beispielsweise falsch gewählte Kreuzungsgeometrien oder fehlende Querungsmöglichkeiten für den Fußverkehr. Während der Entwurfsplanung werden bautechnische Details konkretisiert. In der Auditierung von Landstraßen fallen hier z. B. oft falsch gewählte Querneigungen der Fahrbahn auf oder von Bergkuppen verdeckte Kurven. Während der Ausführungsplanung werden Details zum Betrieb der Straße festgelegt. Dies betrifft beispielsweise Markierungen, Beschilderungen oder konkrete Ampelschaltungen. Kurz vor der Verkehrsfreigabe einer Straße, nachdem die Straße bereits gebaut wurde, kann ein Audit prüfen, ob die Ausführung durch die Baufirma der Planung entspricht. In dieser Phase fallen oft auch nachträglich Fehler z. B. bei der Schleppkurvenprüfung auf. Nach der Verkehrsfreigabe einer Straße kann der Verkehr beobachtet und bei sichtbaren Problemen eine Nachsteuerung beauftragt werden. Diese Phase entspricht weitgehend einem Bestandsaudit. Das Bestandsaudit findet nicht in Planungsverfahren statt, sondern untersucht bereits bestehende Straßen. Es wird meist anlassbezogen durchgeführt aufgrund entdeckter Unfallhäufungen oder in Vorbereitung auf eine anstehende Neuplanung.

Typische Prüfaspekte Im Rahmen eines Audits werden zahlreiche Aspekte der Verkehrsanlage aus Sicht der Verkehrssicherheit untersucht. Dazu zählen unter anderem:

Sichtbeziehungen an Knotenpunkten und Querungsstellen Linienführung und Verständlichkeit der Verkehrsführung Führung von Fuß- und Radverkehr Gestaltung von Querungsstellen Konfliktpunkte zwischen abbiegenden und querenden Verkehrsströmen Seitenraumgestaltung und mögliche Hindernisse im Sicherheitsraum

Die Analyse berücksichtigt grundsätzlich alle Gruppen von Verkehrsteilnehmenden, darunter motorisierter Verkehr, Radverkehr, Fußverkehr sowie Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Im Audit wird die Verkehrsanlage aus Sicht der Betroffenen "virtuell begangen". Die Auditierenden versetzen sich dabei in die Lage der entsprechenden Verkehrsteilnehmenden und prüfen neben der geplanten Verkehrsführung auch, wie die Verkehrsanlage in Zukunft faktisch genutzt werden wird (z. B. ob Umwege zu Ampeln tatsächlich in Kauf genommen werden oder ob einfach direkt gequert werden wird und ob dies sicher möglich ist).

Viele Feststellungen betreffen Situationen, die im Alltag häufig auftreten, etwa eingeschränkte Sicht durch parkende Fahrzeuge oder unklare Verkehrsführungen an Einmündungen. Aufgedeckt werden aber auch "versteckte" Probleme, die sich aus dem Zusammenspiel von Planungsdetails ergeben, z. B. zu erwartende Probleme mit der Entwässerung der Straße aufgrund zu geringer Schrägneigung der Fahrbahn.

Berichtet werden erkannte Sicherheitsdefizite mit

genauer Örtlichkeit (z. B. "Vor Hausnummer 12"), dem erkannten Defizit (z. B. "Der Gehweg besitzt nur eine Breite von 2,00 Metern"), der Begründung des Defizits in Form einer konkreten Gefahr (z. B. "Bei diesem Maß können sich zwei Menschen nicht mehr begegnen. Es besteht die Gefahr, dass in diesem Fall eine der Personen auf die angrenzende Fahrbahn ausweichen wird, wo sie in Konflikt mit dem fließenden Kraftverkehr kommt"), einem zugehörigen Regelwerks- oder Forschungsverweis (z. B. "Das Mindestmaß für Gehwege beträgt nach RASt (S. 81) 2,50 m"), und optional einem Verbesserungsvorschlag. Letztere sollen allerdings sparsam eingesetzt werden, um die Unabhängigkeit von Planenden und Auditierenden nicht zu gefährden. Meist werden anstelle von schriftlichen Verbesserungsvorschlägen mündliche Feedback-Runden durchgeführt.

Als Arbeitshilfe stellt die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen nicht-abschließende Defizitlisten bereit.

Beispiel eines Verkehrssicherheitsaudits Ein Beispiel für die Anwendung eines Verkehrssicherheitsaudits ist die Planung einer innerstädtischen Kreuzung mit Radverkehrsanlagen und Querungen für den Fußverkehr.

Im Rahmen des Audits prüfen die Auditierenden unter anderem, ob sich Verkehrsteilnehmende gegenseitig rechtzeitig erkennen können und ob die Verkehrsführung eindeutig verständlich ist. Dabei kann beispielsweise festgestellt werden, dass parkende Fahrzeuge in der Nähe einer Querungsstelle die Sicht zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und querenden Fußgängerinnen und Fußgängern einschränken.

In einem solchen Fall kann der Auditbericht empfehlen, Parkstände in unmittelbarer Nähe der Querungsstelle zu entfernen oder zu verlegen, um die Sichtbeziehungen zu verbessern.

In einem Auditbericht heißt es dazu förmlich:"An den u. g. Querungsstellen des Fußverkehrs sind die Sichtfelder der Haltesichtweite gemäß RASt S. 124 f. (u.a. Bild 121 und Tabelle 58, Haltesichtweite 22m bei 30km/h) nicht eingehalten. Es besteht aufgrund der genannten Sichtbehinderungen die Gefahr von Konflikten zwischen Kfz-Verkehr und querendem Fußverkehr. Sichtdreiecke sind nachzuweisen und zwingend von jeglichen Einbauten sowie legalem und illegalem ruhendem Verkehr freizuhalten."In Kombination mit der Unfallanalyse können Auditierende zudem Probleme erkennen, die bereits heute bestehen und in Zukunft nicht behoben werden. So kann etwa erkannt werden, wenn vor der Kreuzung der Radweg einfach beendet wird, obwohl sich genau in diesem Bereich in der Vergangenheit bereits Unfälle mit Radverkehr ergeben haben.