mini|hochkant|Bertha Pappenheim während ihres Aufenthalts im Sanatorium Bellevue, 1882 Bertha Pappenheim (geboren am 27. Februar 1859 in Wien, Kaisertum Österreich; gestorben am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg, Deutsches Reich) war eine österreichisch-deutsche Frauenrechtlerin. Sie war Gründerin des Jüdischen Frauenbundes sowie des Mädchenwohnheims Neu-Isenburg. Bekannt wurde sie darüber hinaus als Patientin Anna O. Die von Josef Breuer zusammen mit Sigmund Freud in den Studien über Hysterie veröffentlichte Fallgeschichte war für Freud Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorie der Hysterie und damit der Psychoanalyse.
Leben Kindheit Bertha Pappenheim war die dritte Tochter von Siegmund und Recha Pappenheim. Ihr Vater (1824–1881) stammte aus Pressburg (heute Bratislava). Der Familienname verweist auf das fränkische Pappenheim. Ihre Mutter (1830–1905), eine geborene Goldschmidt, stammte aus Frankfurt am Main. Beide Familien waren wohlhabend und im orthodoxen Judentum verwurzelt. Bertha Pappenheim wurde als „höhere Tochter“ erzogen, besuchte eine katholische Mädchenschule und führte ein durch den jüdischen Festkalender und Sommeraufenthalte in Ischl gegliedertes Leben.
Als Bertha 8 Jahre alt war, starb ihre älteste Schwester Henriette (1849–1867) an Tuberkulose.Die zweitgeborene Tochter der Familie starb mit 2 Jahren 1855, 4 Jahre vor Berthas Geburt; siehe Jensen Streifzüge S. 19. Als sie 11 Jahre alt war, zog die Familie aus der Leopoldstadt, dem hauptsächlich von ärmeren Juden bewohnten Viertel Wiens, in die Liechtensteinstraße im IX. Bezirk. Mit 16 Jahren verließ sie die Schule, widmete sich Handarbeiten und half ihrer Mutter bei der koscheren Zubereitung der Speisen. Der 18 Monate jüngere Bruder Wilhelm (1860–1937) besuchte derweil das Gymnasium und wurde darum von Bertha heftig beneidet.Jensen Streifzüge S. 21.
Krankheit Während des Sommers 1880, als sich die Familie wieder zur Sommerfrische in Bad Ischl aufhielt, erkrankte der Vater schwer an einer fiebrigen Brustfellentzündung, was zu einem Wendepunkt im Leben Bertha Pappenheims wurde. Während einer Nachtwache am Bett des Kranken wurde sie plötzlich von Halluzinationen und Angstzuständen gequält.Die Einzelheiten des Krankheitsverlaufs stammen aus der von Freud und Breuer veröffentlichten Fallgeschichte Anna O. in Studien zur Hysterie, sowie aus den von Albrecht Hirschmüller in den Akten des Sanatorium Bellevue gefundenen Krankenunterlagen Pappenheims, die in dessen Physiologie und Psychoanalyse im Leben und Werk Josef Breuers abgedruckt sind. In der Folge zeigte ihre Erkrankung ein breites Spektrum verschiedener Symptome:
Sprachstörungen (Aphasien): Zeitweise konnte sie überhaupt nicht sprechen, zeitweise sprach sie nur Englisch, manchmal auch nur Französisch oder Italienisch. Deutsch verstehen konnte sie hingegen jederzeit. Das Auftreten der Aphasien erstreckte sich manchmal über Tage, manchmal wechselte es auch mit der Tageszeit. Neuralgien: Sie litt unter Nervenschmerzen im Gesichtsbereich, die mit Morphin und Chloral behandelt wurden. Die Medikation führte zum Entstehen einer Morphin- und Chloralsucht. Die Schmerzen waren so heftig, dass man die chirurgische Durchtrennung des Trigeminus in Erwägung zog. Lähmungserscheinungen (Paresen): Die Lähmungen und Taubheitserscheinungen traten an den Gliedmaßen vorwiegend halbseitig auf. Eigentlich rechtshändig, musste sie wegen dieser Lähmungen linkshändig schreiben lernen. Sehstörungen: Vorübergehend zeigten sich Störungen der Augenmotorik. Sie nahm Gegenstände stark vergrößert wahr und schielte. Stimmungsschwankungen: Über längere Zeiträume hinweg zeigte sie im Tagesrhythmus einen Wechsel zwischen Angstzuständen und Depressionen, gefolgt von entspannten und gelösten Zuständen. Amnesien: Die Kranke erinnerte sich in dem einen der Zustände nicht an Ereignisse oder ihr Handeln während des anderen Zustandes. Essstörungen: In Krisensituationen nahm sie keine Nahrung zu sich. Während eines heißen Sommers verweigerte sie wochenlang die Aufnahme von Flüssigkeiten und ernährte sich nur von Obst.
Die Familie reagierte auf diese Krankheitsäußerungen zunächst nicht. Erst im November übernahm der mit der Familie befreundete Josef Breuer die Behandlung. Er animierte die Kranke, teils unter leichter Hypnose, zum Erzählen von Geschichten, was zu einer teilweisen Besserung des Krankheitsbilds führte, während sich der Gesamtzustand weiter verschlechterte. Ab dem 11. Dezember 1880 war Bertha Pappenheim für mehrere Monate bettlägerig.
Tod des Vaters Am 5. April 1881 starb Bertha Pappenheims Vater. Daraufhin verfiel sie zunächst in völlige Starre und nahm über Tage keine Nahrung mehr an. In der Folge verschlimmerten sich ihre Symptome, sodass man sie gegen ihren Willen am 7. Juni in das Sanatorium Inzersdorf brachte, wo sie sich in den folgenden Jahren (teils auf eigenen Wunsch) noch mehrfach aufhielt. Zunächst aber blieb sie dort bis November. Nach ihrer Rückkehr zur Familie wurde sie weiter von Breuer behandelt.
Die mühsamen und langsamen Fortschritte der „Erinnerungsarbeit“, bei der die einzelnen Symptome nach ihren Episoden erinnert und „aufgelöst“ wurden, gelangten laut Breuer am 7. Juni 1882 zu einem Abschluss, nachdem die Kranke die erste Nacht mit Halluzinationen in Ischl rekonstruiert hatte. „Seitdem erfreut sie sich vollständiger Gesundheit.“ Mit diesen Worten schloss Breuer seinen Krankenbericht ab.Hirschmüller. S. 35.
Sanatorium Bellevue Breuer überwies Bertha Pappenheim bereits am 12. Juli 1882 in die von Robert Binswanger geleitete Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee. Nach Pappenheims Behandlung in Bellevue wurde sie von Breuer nicht mehr persönlich betreut.
Während ihres Aufenthalts in Kreuzlingen besuchte sie ihren Cousin Fritz Homburger und ihre Cousine Anna Ettlinger in Karlsruhe. Letztere war Mitbegründerin des Karlsruher Mädchengymnasiums, das auch von der jungen Rahel Straus besucht wurde. Anna Ettlinger widmete sich schriftstellerischen Arbeiten – in einem 1870 erschienenen Artikel Ein Gespräch über die Frauenfrage hatte sie für Frauen gleiche Rechte auf Bildung gefordert –, erteilte Privatunterricht und veranstaltete „Literaturkurse für Damen“. Bertha Pappenheim las ihr einige von ihr verfasste Märchen vor und die 14 Jahre ältere Cousine ermutigte zur Fortsetzung ihrer schriftstellerischen Tätigkeit.Brentzel Siegmund Freuds Anna O. S. 62. Darüber hinaus nahm Pappenheim während dieses Besuchs Ende 1882 an einer Krankenpflegeausbildung teil, die vom Badischen Frauenverein angeboten wurde. Ziel dieser Ausbildung war die Qualifikation junger Damen als Leiterinnen von Krankenpflegeeinrichtungen. Durch die zeitliche Beschränkung ihres Besuches konnte sie die Ausbildung nicht beenden.
Am 29. Oktober 1882 wurde sie aus der Behandlung in Kreuzlingen in gebesserter Verfassung entlassen. In den folgenden Jahren, aus denen biographisch wenig bekannt ist, lebte sie zurückgezogen bei ihrer Mutter in Wien. Drei Aufenthalte in Inzersdorf sind für diese Zeit belegt, ihre Erkrankung war nicht überwunden.
Trotz ihrer Erkrankung war Bertha Pappenheim eine starke Persönlichkeit. Breuer beschreibt sie als eine Frau „von bedeutender Intelligenz, erstaunlich scharfsinniger Kombination und scharfsichtiger Intuition […].“Josef Breuer, Sigmund Freud: Studien über Hysterie. Fischer Taschenbuch 6001. Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-10446-7, S. 20.
Frankfurt Mit 29 Jahren, im November 1888, siedelte sie zusammen mit ihrer Mutter nach Frankfurt am Main über. Das familiäre Umfeld in Frankfurt war teils orthodox, teils liberal orientiert. Anders als in Wien war man nicht nur im Bereich der Wohltätigkeit, sondern auch in Kunst und Wissenschaft engagiert. Die Familien Goldschmidt und Oppenheim waren als Kunstmäzene und -sammler bekannt und unterstützten wissenschaftliche und akademische Projekte, insbesondere bei der Begründung der Frankfurter Universität.Beispielsweise richtete die Katharina und Moritz Oppenheimsche Stiftung den Lehrstuhl für Theoretische Physik an der Frankfurter Universität ein, und Marcus M. Goldschmidt war Mitglied und Förderer der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.
In diesem Umfeld begann Bertha Pappenheim sowohl mit intensiveren schriftstellerischen Arbeiten (erste Veröffentlichungen ab 1888, zunächst anonym, dann unter dem Pseudonym P. Berthold) als auch damit, sich sozial und politisch zu engagieren. Zunächst arbeitete sie in einer Armenküche und als Vorleserin im Mädchenwaisenhaus des Israelitischen Frauenvereins. 1895 übernahm sie kommissarisch die Leitung des Waisenhauses, ein Jahr später wurde ihr die Leitung fest übertragen. In den folgenden zwölf Jahren gelang es ihr, die Erziehungsarbeit vom ausschließlichen Ziel einer späteren Verheiratung auf die Ausbildung zur beruflichen Eigenständigkeit auszurichten.
1895 fand in Frankfurt die Gesamttagung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) statt. Pappenheim nahm daran teil und beteiligte sich später am Aufbau einer Ortsgruppe des ADF. In den folgenden Jahren begann sie – zunächst in der Zeitschrift Ethische Kultur – Artikel zum Thema Frauenrechte zu veröffentlichen. Zudem übersetzte sie Mary Wollstonecrafts A vindication of the rights of woman.
Jüdischer Frauenbund Bei der im Oktober 1902 in Frankfurt abgehaltenen ersten deutschen Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels wurde Bertha Pappenheim zusammen mit Sara Rabinowitsch beauftragt, eine Reise nach Galizien zur Untersuchung der dortigen sozialen Situation zu unternehmen. In ihrem 1904 erschienenen Bericht über die mehrmonatige Reise schildert sie die aus der Kombination von agrarischer Rückständigkeit und beginnender Industrialisierung, aber auch aus der Kollision von Chassidismus und Zionismus entstehenden Probleme.
Auf dem Kongress des International Council of Women 1904 in Berlin wurde die Gründung eines nationalen jüdischen Frauenverbandes beschlossen, der ähnlich dem von Helene Lange 1894 mitbegründeten Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) die sozialen und emanzipatorischen Bestrebungen der jüdischen Frauenvereine zusammenfassen sollte. Bertha Pappenheim wurde zur ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes (JFB) gewählt, den sie zwanzig Jahre lang leiten und für den sie bis zu ihrem Tod 1936 tätig sein sollte. Der JFB trat 1907 dem BDF bei. Von 1914 bis 1924 gehörte Pappenheim dem Vorstand des BDF an.
Die Ziele des JFB waren einerseits feministisch – Stärkung der Frauenrechte und Förderung der Erwerbstätigkeit jüdischer Frauen –, entsprachen anderseits den traditionellen Zielen jüdischer Philanthropie – Ausübung der Wohltätigkeit als Gottesgebot. Die unterschiedlichen Bestrebungen zu integrieren, war für Pappenheim nicht immer leicht. Insbesondere erregte es Anstoß, dass sie in ihrem Kampf gegen den Mädchenhandel nicht nur offen über die jüdischen Frauen als Opfer, sondern auch über jüdische Männer als Täter sprach.
Sie kritisierte das Frauenbild in der jüdischen Religion und forderte als Angehörige der deutschen Frauenbewegung, die Ideale der Gleichberechtigung auch innerhalb der jüdischen Institutionen zu verwirklichen. Dabei ging es ihr besonders um Bildung und Gleichstellung im Berufsleben.
Eine Äußerung auf dem ersten Delegiertentag des JFB 1907 – „Vor dem jüdischen Gesetz ist die Frau kein Individuum, keine Persönlichkeit, nur als Geschlechtswesen wird sie beurteilt und anerkannt.“Zur Sittlichkeitsfrage. In: Helga Heubach (Hrsg.): Sisyphus-Arbeit. S. 112. – führte zu einer landesweit heftigen Reaktion seitens orthodoxer Rabbiner und jüdischer Presse. Man bestritt die Existenz der von Pappenheim beklagten Zustände – Mädchenhandel und Vernachlässigung unehelich geborener jüdischer Waisenkinder – und warf ihr „Schmähung des Judentums“ vor. Das politisch liberale emanzipierte Judentum hatte eine patriarchalisch-traditionalistische Haltung in der Frauenfrage.