mini|Video von einem Habichtskauz in Estland (März 2022) Der Habichtskauz oder Uralkauz (Strix uralensis) ist eine große Eule aus der Gattung Strix innerhalb der Familie der Eigentlichen Eulen (Strigidae). Er ähnelt dem Waldkauz (Strix aluco), ist aber kontrastreicher gefärbt, bedeutend größer und oft mehr als doppelt so schwer wie dieser. Das geschlossene Verbreitungsgebiet der Art liegt im borealen Waldgürtel der Paläarktis und reicht ostwärts bis Korea und Japan. Zusätzlich bestehen Reliktvorkommen in den Karpaten, den Beskiden und im Dinarischen Gebirge. Im deutsch-österreichisch-tschechischen Grenzgebiet (Bayerischer Wald, Böhmerwald und Šumava) und zuletzt auch im Wienerwald laufen zum Teil erfolgreiche Wiederansiedelungsversuche. Zurzeit werden bis zu 15 Unterarten beschrieben; mindestens 8 sind allgemein anerkannt, wovon S. u. liturata, S. u. macroura und S. u. uralensis in Europa brüten.
Die Färbung der Unterflügel und des Schwanzes weist eine gewisse Ähnlichkeit mit der junger Habichte (Accipiter gentilis) auf, ein Umstand, dem der deutsche Trivialname Rechnung trägt.
Aussehen miniatur|250px|Habichtskauz. Deutlich die gebänderten Steuerfedern und Armschwingen Der Habichtskauz ist eine große Eule mit großem, rundem Kopf, markantem Gesichtsschleier und einem relativ langen, gerundeten Schwanz. Wie bei allen Vertretern dieser Gattung sind Federohren nicht ausgebildet. Die rötlich- bis dunkelbraunen, leicht längs oval und mandelförmigen Augen sind auffallend klein. Einige Unterarten kommen in einer hellen, beziehungsweise dunklen MorpheAndrej Hudoklin, Zavod za varstvo narave (dt. Amt für Naturschutz), Črno obarvane kozače (dt. Schwarz gefärbte Habichtskäuze), Dolenjski list, 10.08.2023, S. 15 vor, wobei helle Individuen häufiger als dunkle auftreten. Generell sind weiter nördlich vorkommende Habichtskäuze heller als in südlicheren Gebieten lebende; bei einigen wirkt die Grundfarbe des Körpergefieders fast weiß. Insgesamt ist die individuelle Variation der Färbung recht groß, trotzdem lässt sich die Art bei ausreichenden Beobachtungsbedingungen immer eindeutig bestimmen. mini|250px|links|Habichtskauz (Strix uralensis) Das Rückengefieder des Habichtskauzes ist auf weißlichem, ockerfarbenem oder rostbraunem Grund deutlich bräunlich bis schwarzbraun längs gestrichelt, zum Teil auch gefleckt. Die Oberschwanzdecken sind meist graubraun oder beige, weißlich marmoriert oder hell quer gebändert. Der gerundete Schwanz weist meist fünf helle, schmale Querbinden auf, die Schwanzspitze ist hell. Bei den hellen Unterarten setzt sich das etwas dunklere Schulter- und Flügelgefieder vom helleren Rückengefieder ab, bei den dunkler gefärbten Unterarten bestehen kaum Farbunterschiede. Dieser Gefiederbereich ist deutlich quer gebändert, weist im Schulterbereich aber meist keine weiße Tropfenzeichnung auf, wie sie für den Waldkauz typisch ist. Die Grundfärbung der Bauchseite ist bei allen Unterarten heller als das Rückengefieder, bei S. u. liturata und S. u. uralensis annähernd weiß. Es ist ohne Querbänderung unregelmäßig dunkel- bis schwarzbraun längs gestrichelt. Der große, runde Kopf ist kaum vom Rumpf abgesetzt. Der Gesichtsschleier ist hellgrau, bräunlich, bei manchen Unterarten auch fast weiß. Die dunkle Radialstrichelung ist meist deutlich ausgeprägt. Eine zonale Zeichnung, wie zum Beispiel beim Bartkauz (Strix nebulosa), fehlt. Die Randbegrenzung ist weiß-dunkel gesprenkelt und wirkt perlenartig besetzt. Ein schwärzlicher Medianstrich ist bei den meisten Unterarten erkennbar. Der Schnabel ist gelb. Die relativ langen Beine sind inklusive der Zehen buschig befiedert; die Krallen sind gelblich, die Krallenspitzen etwas dunkler.
Die Geschlechter unterscheiden sich in der Färbung nicht, Weibchen sind jedoch etwas größer, vor allem aber im Durchschnitt wesentlich schwerer. Männchen messen zwischen 50 und 58 Zentimetern und erreichen ein Gewicht von fast einem Kilogramm. Bei den schwersten Weibchen der Unterart S. u. macruora wurde ein Gewicht von über 1,3 Kilogramm festgestellt.HBV (1994) Bd. 9. S. 613
Bereits im ersten Alterskleid sind Jungvögel nur schwer von Altvögeln zu unterscheiden. Bestes Merkmal ist noch das Vorhandensein nicht ausgemauserter Mesoptilfedern, vor allem an den Unterschwanzdecken und an der Beinbefiederung der Jungvögel. Im Zwischenkleid ähneln junge Habichtskäuze jungen Waldkäuzen sehr.Mebs & Scherzinger (2000) S. 205
Stimme Habichtskäuze verfügen über ein umfangreiches, individuell oft stark differenziertes Lautrepertoire. Etablierte Paare verhalten sich akustisch jedoch recht unauffällig, sodass die Anwesenheit eines solchen Paares überhört werden kann. Beide Partner verfügen über ähnliche Laute und Gesänge, wobei die des Männchens meist dumpfer, modulierter und insgesamt wohlklingender sind, während die des Weibchens einen schärferen, raueren, oft bellenden Charakter aufweisen. Der Revierruf ist ein dumpfes, wohlklingendes Hu…huhuhu, wobei das erste Element betont ist und die weiteren Silben nach einer Pause oft tremolierend und im beschleunigten Tempo vorgetragen werden. Dieser weittragende GesangReviergesang eines Männchens (MP3; 1,6 MB) auf xeno-canto.org ist über einen Kilometer weit hörbar. Der Nestzeigelaut des Männchens besteht aus aneinandergereihten hu-Elementen, der des Weibchens aus bellenden, wie chro…chro…chro klingenden Lauten. Bei Störungen, vor allem in Nestnähe, ist anhaltendes Schnabelknappen zu hören.
Während der Herbstbalz, die bei Revierbesetzungen akustisch besonders auffallend ist, werden vor allem bellende und kläffende Laute geäußert.
Verbreitung miniatur|500px|Verbreitung des Habichtskauzes: Die geschlossenen Vorkommen des Habichtskauzes liegen in der borealen Nadelwaldzone und der boreo-nemoralen Übergangszone der Paläarktis.HBV (1994) Bd. 9. S. 611 Sie beginnen in Europa im zentralen Skandinavien und in den nordöstlichen Bereichen des Baltikums und setzen sich in einem unterschiedlich breiten Gürtel quer durch das nördliche Russland bis an die pazifische Küste fort. In Ostasien besiedelt die Art die gesamte Amur-Ussuri-Region, Teile der westlich daran angrenzenden chinesischen Provinzen, die Bergwälder Nordkoreas südwärts bis in die Grenzregionen zu Südkorea. Brutvorkommen bestehen außerdem auf Sachalin und auf den Japanischen Inseln. Die südöstlichsten Vorkommen liegen auf der unbewohnten Vulkaninsel Torishima.
Die mittel- und südosteuropäischen Bestände gelten als eiszeitliche Reliktvorkommen.Mebs & Scherzinger (2000) S. 206 Sie liegen in den Beskiden des polnisch-slowakisch-ukrainischen Grenzgebiets, im nordöstlichen Ungarn, in den rumänischen Karpaten, in SlowenienAndrej Hudoklin, Zavod za varstvo narave (dt. Amt für Naturschutz), Črno obarvane kozače (dt. Schwarz gefärbte Habichtskäuze), Dolenjski list, 10.08.2023, S. 15 sowie in bewaldeten Gebieten der Dinariden Kroatiens, Serbiens, Bosniens, möglicherweise auch Montenegros und Nordmazedoniens. Eine sehr kleine, isolierte Restpopulation besteht in Bulgarien.
Historische Vorkommen in Österreich und Deutschland In Österreich brütete der Habichtskauz im 19. Jahrhundert vereinzelt, aber regelmäßig in Kärnten, gelegentlich auch in der Steiermark. Dort wurden bis 1950 Brutpaare festgestellt. Aus Oberösterreich sind Bruten aus dem Almtal bekannt. Trotz der vereinzelt vorkommenden Bruten galt die Art in Österreich als ausgestorben.Workshop S. 72
In Deutschland war der Habichtskauz bis zur Mitte der 1920er Jahre Brutvogel im Bayerischen Wald. Im 19. Jahrhundert wurden hier immer wieder Einzelvögel erlegt, dazu gab es Funde von Gelegen und Dunenjungen als Brutnachweise. Der letzte Abschuss erfolgte 1923 am Kaitersberg. Etwa zur selben Zeit erloschen die Vorkommen auf der tschechischen Seite dieses Waldgebietes. Der letzte Nachweis dort stammt aus Sušice um 1926.Wolfgang Scherzinger: Die Vogelwelt der Urwaldgebiete im Inneren Bayerischen Wald. In: Nationalpark Bayerischer Wald, Heft 12, 1985, S. 123 Direkte Verfolgung durch Abschuss dürfte für das Verschwinden dieser Art aus diesen Regionen hauptverantwortlich gewesen sein.
In Südkärnten kommt es wahrscheinlich gelegentlich wieder zu Bruten aus Slowenien verstrichener Habichtskäuze und im italienisch-slowenischen Grenzgebiet brütet diese Art zumindest seit 1994 regelmäßig.Zink & Probst (2009) S. 611
Wiederansiedelungsprojekte Im Nationalpark Bayerischer Wald, im Böhmerwald sowie im Naturschutzgebiet Šumava laufen Wiedereinbürgerungsversuche, die auf deutscher und tschechischer Seite wahrscheinlich zu einer sich selbst erhaltenden Population von je etwa 10 Brutpaaren geführt haben.
So wurden Im Nationalpark Bayerischer Wald seit 1975 durch die Nationalparkverwaltung immer wieder nachgezüchtete Habichtskäuze freigelassen. 1989 kam es zur ersten erfolgreichen Freilandbrut. 2012 wurden im Nationalparkgebiet zehn besetzte Reviere geschätzt.Thomas Rödl, Bernd-Ulrich Rudolph, Ingrid Geiersberger, Kilian Weixler, Armin Görgen: Atlas der Brutvögel in Bayern. Verbreitung 2005 bis 2009. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2012, S. 125
Auf der österreichischen Seite wurde die Aktion aufgrund illegaler Abschüsse ausgesetzter Käuze und anhaltenden Protests der Jägerschaft, die einen negativen Einfluss auf die Niederwildjagd befürchtete, vorerst ausgesetzt. Seit 2017 läuft ein Wiederansiedelungsprojekt des Vereins für Landschaftspflege & Artenschutz in Bayern e. V. im Naturpark Steinwald, im Hessenreuther Wald und im südlichen Fichtelgebirge. Bis 2024 kam es zur Auswilderung von 106 gezüchteten Käuzen. 2024 gab es die ersten zwei Habichtskauz-Brutpaare. Es waren die ersten Bruten in Deutschland außerhalb des Nationalparks Bayerischer Wald und seines Umfeldes in neuerer Zeit.https://www.landschaft-artenschutz.de/habichtskauz-projekt/
Eine neue, vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien initiierte und geleitete Wiederansiedelungskampagne mit Freilassungsorten im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal sowie im Wienerwald befindet sich in der Projektphase und zeigt erste Erfolge.Wiederansiedelung Österreich-Projektwebsite Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat im Jahr 2011 erstmals wieder ein Habichtskauzpaar im Wienerwald gebrütet.Aussendung der Veterinärmedizinischen Universität Wien 2012, ein Jahr mit einer im Gebiet sehr starken Mäusegradation, wurden im Wienerwald sowie in der Gegend von Amstetten und Scheibbs mindestens 11 Bruten festgestellt, von denen 9 erfolgreich verliefen und die ungewöhnlich hohe Anzahl von dreißig Jungkäuzen zum Ausfliegen brachten. Die Auswertung der Daten telemetrierter Vögel und das Ablesen der Farbberingungen haben bestätigt, dass zwischen den einzelnen Brutgebieten ein Austausch der Brutvögel erfolgt. So bestand das Brutpaar im Bezirk Amstetten aus einem Männchen aus dem Freilassungsgebiet Dürrenstein und einem Weibchen aus dem Wienerwald.Seltenste Eule Mitteleuropas fasst in Österreich wieder Fuß, derstandard.at, 12. Mai 2012 Nach dem Zusammenbruch der Mäusegradation erfolgten 2013 im Auswilderungsgebiet keine Bruten. 2014 verbesserte sich die Nahrungssituation im Wienerwald wesentlich, sodass wieder 17 Jungkäuze zum Ausfliegen kamen. Im Dürrensteingebiet war bei bedeutend schlechterem Nahrungsangebot nur eine Brut mit zwei flüggen Käuzen erfolgreich. 2015 brütete nur ein Paar im Wienerwald jedoch vier Paare im Wildnisgebiet Dürrenstein. Zwei Bruten erfolgten auf natürlichen Nistplätzen in Rotbuchen. Ein sehr gutes Nahrungsangebot und eine große Anzahl neuer Nistkästen bewirkten, dass 2017 in den beiden Auswilderungsgebieten 50 Jungkäuze zum Ausfliegen kamen. Wie schon seit längerem beobachtet, ist auch diesmal das Geschlechterverhältnis mit 3:2 zugunsten der Männchen auffallend ungleich.Richard Zink, pers. Mitteilung, Eulenpost Juni 2014Richard Zink, pers. Mitteilung, Eulenpost Dezember 2015pers. Mitteilung der Projektleitung, Richard Zink; Eulenpost Juli 2017