mini|Heuneburg: Rekonstruierte keltische Häuser, im Hintergrund die Lehmziegelmauer mini|Rekonstruierte Heuneburg um 600 v. Chr.
Die Heuneburg ist eine vor- und frühgeschichtliche Höhensiedlung am Oberlauf der Donau im Ortsteil Hundersingen der Gemeinde Herbertingen, etwa 14 Kilometer östlich von Sigmaringen im baden-württembergischen Landkreis Sigmaringen. Die befestigte Kernanlage des frühkeltischen Fürstensitzes aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ist etwa 300 Meter lang und bis zu 150 Meter breit. Sie ist eine der bekanntesten Fundstellen aus keltischer Zeit in Mitteleuropa und wird oft als die älteste Stadt nördlich der Alpen bezeichnet.Denkmalpflege Baden-Württemberg: (Video, 2:46 Min); abgerufen am 27. Januar 2013.
Lage mini|Ausschnitt einer Flurkarte (um 1800) des Heuneburgareals Die Heuneburg ist strategisch günstig auf einem Bergsporn auf einer Höhe von 605 Metern gelegen; zum Donauufer hin fällt der Hang steil ab. Auf dem rund drei Hektar großen Plateau besteht ein guter Blick zur Alten Burg bei Langenenslingen und über das Donautal hinweg zum Bussen (767 m).Ostracher Seniorenunion erkunden Heuneburg. In: Südkurier vom 6. Juni 2009. Bei schönem Wetter reicht die Sicht bis zu den Alpen.
Die Anlage gliedert sich in die seit langem bekannte Kernburg in Spornlage über dem Donautal, deren Vorburg und die erst in jüngerer Zeit in ihrer Ausdehnung bekannte Außensiedlung, die sich über ca. 100 Hektar auf der Terrasse über dem Tal erstreckt.
Grabungen Seit 1950 werden im Areal der Heuneburg archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Die von 1950 bis 1979 betriebenen Grabungen durch Adolf Rieth, Kurt Bittel, Egon Gersbach und Wolfgang Kimmig belegen eine Besiedlung nachweislich seit der mittleren Bronzezeit (16.–13. Jahrhundert v. Chr.). Es handelte sich um eine der bedeutendsten und grabungstechnisch wegweisenden Ausgrabungen der deutschen Archäologie. Die Grabungen beschränkten sich weitgehend auf die Kernburg.
Von 2004 bis 2010 lief ein Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu frühkeltischen Fürstensitzen in Mitteleuropa, in dessen Rahmen u. a. im Außenbereich der Heuneburg seit 2004 umfangreiche Grabungen stattfanden. Dabei wurden Holzfunde an der Nordspitze der Heuneburg gemacht. Ab 2004 wurde auch die befestigte Vorburg untersucht. Dabei entdeckte man im Nordwesten vor der Kernanlage der Heuneburg die Steinfundamente eines monumentalen Stadttores aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, das zwischen 2005 und 2008 freigelegt wurde und für die Hallstattzeit nördlich der Alpen bisher einmalig ist.Gabriele Kurz: Ein Stadttor und Siedlungen bei der Heuneburg (Gemeinde Herbertingen-Hundersingen, Kreis Sigmaringen). Zu den Grabungen in der Vorburg von 2000 bis 2006. In: Dirk Krausse: Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes. Theiss, Stuttgart 2008 (= Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg. Band 101), S. 185–208. Für den Sockel fanden wie bei der eigentlichen „Stadt“-Mauer vor allem Kalksteinquader Anwendung. Über den Steinsockel auf dem Plateau waren luftgetrocknete Lehmziegel aufgemauert worden. Diese hätten sich eigentlich durch den Regen mit der Zeit auflösen müssen. Um diesem Effekt entgegenzuwirken, wurden die Mauern wahrscheinlich regelmäßig gekalkt. Daher wird das heutige Modell der Heuneburg mit einer weißen Mauer dargestellt.
zentriert|mini|hochkant=4|Heuneburg: Rekonstruierte Gebäude und Lehmziegelmauer
Neben den wissenschaftlichen Forschungsgrabungen gibt es auch Lehrgrabungen der Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern. An der Nordspitze der Heuneburg wurde 2008, 2009 und 2010 durch Studenten der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie Studenten aus Frankreich, Rumänien, Zypern und England ein Grabensystem in einer wissenschaftlichen Lehrgrabung untersucht.Archäologie. Lehrgrabung auf der Heuneburg. In: Südkurier. 24. Juli 2010. Am 28. Dezember 2010 wurde unweit der Heuneburg ein im Sommer 2010 entdecktes Kammerschachtgrab mit reichen Schmuckbeigaben vollständig geborgen; aufgrund der Grabbeigaben wird davon ausgegangen, dass es sich um eine Fürstin aus dem Heuneburg-Adel handelt.100 Tonnen Keltengeschichte. In: Süddeutsche Zeitung Online. 28. Dezember 2010. Das Prunkgrab aus der frühen Keltenzeit wurde 583 v. Chr. angelegt, wie Dendrodatierungen belegen. Die gesamte Grabkammer wurde als 7,5 × 6 Meter großer und rund 100 Tonnen schwerer Erdblock geborgen. Seit 2019 wurde ein weiterer Grabhügel in unmittelbarer Nähe genauer untersucht und am 6. Oktober 2020 ebenfalls nach einer spektakulären Blockbergung in die Labore des Landesamtes für Denkmalpflege transportiert, da eine fachgerechte Freilegung der Bestattung vor Ort nicht möglich war.
Unter der Leitung von Jörg Bofinger wurden den aus der konventionellen Luftbildarchäologie bekannten Fundstellen durch die Untersuchungsmethode des Airborne Laserscannings (Lidar) viele Neuentdeckungen hinzugefügt und mittels rechnerischer Verfahren archäologische Strukturen sichtbar gemacht. Hierzu zählt unter anderem der Verlauf der Wall-Grabenanlage im Bereich der Heuneburg-Außensiedlung, die die Dimension der Anlage erahnen lässt. So kann heute gesagt werden, dass wohl überhaupt erst in einem Drittel von ihr gegraben wurde. In diesem Zusammenhang könnte der Fund einer möglichen, frühkeltischen Toranlage unweit der Höhensiedlung im Jahr 2021 zur Ausdehnung dieser Außensiedlung weitere wichtige Erkenntnisse liefern.
Widmeten sich bisherige Ausgrabungen vornehmlich dem eigentlichen Burgberg, der Vorburg und der über 100 Hektar großen Außensiedlung der Stadtanlage, so gelten die Forschungen ab 2014 dem Umfeld der Heuneburg, in dem die zugehörigen Dörfer, Höfe, Bestattungsplätze, Straßen, Befestigungen etc. lagen. auf der Internetseite des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart vom 2. April 2014. Zu neueren Entdeckungen kam es bei Ausgrabungen an der Viereckschanze am Hohmichele. Diese liegt unweit der Heuneburg im „Speckhauwald“ bei Altheim-Heiligkreuztal und war nach aktuellem Forschungsstand wohl ein großes, von einem rechteckigen Wall umgebenes keltisches Gehöft.Referent erzählt über neueste Entdeckungen. In: Südkurier vom 5. August 2015 Auf der sogenannten „Alten Burg“, einem Plateau oberhalb des Warmtals bei Langenenslingen, befand sich eine frühkeltische Befestigung mit möglichem Kultplatz. In: SWR Fernsehen vom 20. Januar 2015
In den 2010er Jahren wurden in den Grabbeigaben einer hochgestellten Persönlichkeit aus der Zeit um 600 bis 450 v. Chr. ein Keramikgefäß mit Resten menschlichen Blutes und Organen gefunden, in denen Erreger des Krim-Kongo-Fiebers nachgewiesen wurden, was auf eine Epidemie in der Region deuten könnte.
Besiedlung Die älteste nachgewiesene Besiedlung fand in der Mittelbronzezeit, also im 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr. statt, als der Bergsporn durch Anlage von mächtigen Wall- und Grabenanlagen so umgeformt wurde, dass er für eine noch bessere Verteidigung geeignet war. Anschließend wurde das gerade einmal zwei Hektar große Plateau mit einer Holzkastenmauer befestigt. Mit dem Beginn der Urnenfelderzeit im 12. Jahrhundert v. Chr. wurde die Siedlung wieder verlassen; Spuren einer Zerstörung wurden nicht gefunden.
zentriert|mini|hochkant=4|Bau der Heuneburg zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. (Diorama im Heuneburgmuseum, Hundersingen)
Besonders herausragend ist aber die hallstattzeitliche befestigte Siedlung. Um 600 v. Chr. entstand hier ein so genannter Fürstensitz der Hallstattkultur. Vorterrassen und umgebende Begräbnisplätze wie zum Beispiel die Grabhügel „Gießübel-Talhau“, das Hügelgrab „Hohmichele“, das Grabhügelfeld „Hohmichele-Gruppe“ oder das Gräberfeld Bettelbühl verdeutlichen die Stellung der Heuneburg als einer der großen eisenzeitlichen Fürstensitze Süddeutschlands. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde die Anlage durch Feuer zerstört, Spuren der folgenden Frühlatènezeit fehlen, obgleich verwandte Reichtumszentren wie der Hohenasperg diese vor allem durch einen neuen Kunststil geprägte Zeit noch erlebten.
Neue Forschungen zeigten, dass zu der Burganlage selbst noch umfangreiche Außensiedlungen gehörten, die wohl ebenfalls befestigt waren. Die Einwohnerzahl betrug auf ihrem Höhepunkt im Zentrum rund 4.000 und mit dem Umland insgesamt rund 17.000 Menschen. Funde am Ende der Grabungskampagne 2005 mit reichhaltigen Grabbeigaben eines zweijährigen Kindes (etruskische Goldanhänger und Goldfibeln) deuten auf eine gegenüber bisherigen Annahmen stärker gegliederte Sozialstruktur der Kelten hin. Die dazu notwendige Arbeitsteiligkeit belegen Indizien für Werkstätten oder gar Handwerkerviertel, die nicht mehr nur für den Eigenbedarf produzierten. Die Handwerkerviertel befanden sich im Südosten der Burg. Hier wurden Metallobjekte aus Bronze und Eisen hergestellt, die auch zum Export bestimmt waren. Unklar ist jedoch, woher die verwendeten Materialien stammten.Bittel, Kimmig, Schiek: Die Kelten in Baden-Württemberg. S. 372 ff.
Eine Vielzahl an Funden bezeugt die Handelskontakte zu anderen Völkern und Kulturen: griechische Importe, Bernstein von der Ostsee, Hörnchenfibeln aus Slowenien sowie Transportamphoren aus Marseille.
Auch im Mittelalter wurde die Heuneburg immer wieder als strategisch günstiger Platz genutzt, ohne jedoch wieder als dauerhafte Siedlung zu entstehen.
Deutung mini|Blick von der Heuneburg über die Donau Richtung Bussen Die befestigte Siedlung der Hallstattzeit wird in der Forschung gerne als „Fürstensitz“ bezeichnet, obwohl der Begriff inzwischen besonders durch den Tübinger Prähistoriker Manfred Eggert stark kritisiert wird.