Karl Otto (* 25. August 1904 in Charlottenburg bei Berlin; † 29. März 1975 in Berlin) war ein deutscher Architekt, Hochschullehrer und Direktor der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg.
Ausbildung und frühe Tätigkeit Schulbesuch und Studium in Berlin Karl Otto wurde als Sohn des Bildhauers Wilhelm Otto und seiner Frau Emma, geborene Grüneberg, in Charlottenburg geboren. Ein Jahr zuvor, am 24. Juli 1903, war seine Schwester Ingeborg zur Welt gekommen. Karl Otto besuchte das Städtische Realgymnasium zu Charlottenburg und erhielt am 9. März 1923 das Reifezeugnis, das Kaufmann als Berufsziel nennt.Reifezeugnis vom 9. März 1923, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5. Otto begann jedoch im Wintersemester 1923 ein Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Hierfür war ein handwerkliches Praktikum notwendig, das er vom 16. April bis 29. September 1923 bei der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau AG (BAMAG) in Berlin-Moabit ableistete. Er arbeitete in den Abteilungen Modelltischlerei, Dreherei und Schlosserei; auf der Beurteilung heißt es dazu, dass er sich „beachtenswerte Kenntnisse in der Praxis erworben“ hatte.Zeugnis der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau AG vom 29. September 1923, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5.
Während des Studiums nahmen Karl Otto und einige seiner Kommilitonen, die zu der studentischen Arbeitsgruppe Arbeitskreis der neuen Form unter der Leitung von Richard Rothschild gehörten, Kontakt zu den in Berlin tätigen Architekten des Neuen Bauens wie Ludwig Mies van der Rohe, Hugo Häring, Erich Mendelsohn, Max und Bruno Taut, Ludwig Hilberseimer sowie den Brüdern Hans und Wassili Luckhardt auf.Helmut Hentrich: Bauzeit. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Architekten. Düsseldorf 1995, S. 72. Bei einem Besuch in seinem Atelier bot Ludwig Mies van der Rohe Karl Otto und seinen Kommilitonen Wilhelm Pabst und Kurt Liebknecht die Mitarbeit an seinem Häuserblock für die Weißenhofsiedlung Stuttgart an, die im Rahmen der Werkbundausstellung 1927 unter Mies’ Gesamtleitung errichtet wurde. Nachdem Karl Otto 1926 das Vordiplom bestanden hatte, wurde er zum Wintersemester 1926/1927 in das Seminar von Hans Poelzig aufgenommen. Er wurde Mitglied der von seinem Kommilitonen Hermann Zweigenthal initiierten Gruppe Junger Architekten (G.J.A.).Rudolf Stegers: Hermann Herrey – Werk und Leben 1904–1968. Birkhäuser, Basel 2018, ISBN 978-3-0356-1323-0, S. 28–29. Auch in Poelzigs Atelier war Karl Otto ab 1927 während seiner Studienzeit tätig, arbeitete aber gleichzeitig an verschiedenen Projekten im Atelier von Ludwig Mies van der Rohe mit. Im Februar 1929 schloss Karl Otto seine Hochschulausbildung mit dem Diplom ab. Neben seinem Architekturstudium hatte er auch als Gaststudent Seminare an der Kunstgewerbeschule Charlottenburg besucht, an der sein Vater lehrte.Hinweise zur Tätigkeit von Prof. Dipl.-Ing. Karl Otto, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5.
Erste Tätigkeit als Architekt Nach Abschluss seines Studiums trat Karl Otto am 1. März 1929 in das Atelier von Ludwig Mies van der Rohe ein. Er wurde in die Planungen zur Deutschen Abteilung der Weltausstellung 1929 in Barcelona einbezogen, die unter Mies’ Leitung entstand. Nach seiner Rückkehr nach Berlin im Juli 1929 fand Karl Otto noch im selben Monat eine Anstellung im Atelier von Hans Poelzig und wurde am Projekt Haus des Rundfunks beteiligt, mit dessen Bau im Mai begonnen worden war. Ab September 1930 war Karl Otto erneut für Ludwig Mies van der Rohe tätig. Er arbeitete an den Planungen für den Neubau der Färberei der VerSeid AG in Krefeld mit und darüber hinaus an einem Wettbewerb für ein Golfclubhaus, ebenfalls in Krefeld.Zeugnis vom 29. Dezember 1931, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5. Ab 1931 machte sich Karl Otto als Architekt selbstständig. 1931 übertrug Ludwig Mies van der Rohe Karl Otto zusammen mit Mia Seeger die technische Leitung der im Rahmen der Deutschen Bauausstellung Berlin vom 9. Mai bis 2. August 1931 gezeigten Abteilung „Die Wohnung unserer Zeit“, die Mies verantwortete. Darüber hinaus konnte Karl Otto gemeinsam mit Jan Ruhtenberg mit der Gestaltung einer Musterwohnung einen eigenen Beitrag zur Ausstellung leisten.Deutsche Bauausstellung Berlin 1931, Amtlicher Katalog und Führer, hrsg. vom Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrs-Amt der Stadt Berlin 1931, S. 160 ff. Von Oktober bis Mitte Dezember 1931 arbeitete Otto erneut für Hans Poelzig an dessen Wettbewerbsentwurf für den Palast der Sowjets in Moskau mit.Zeugnis vom 23. Dezember 1931, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5.
Im Juni 1932 übersiedelte Karl Otto nach Mannheim, wo er zusammen mit seinem Studienfreund Wilhelm Pabst ein Architekturbüro betrieb und hauptsächlich Privatwohnhäuser plante. 1932 wurde Karl Otto in den Vorstand des Deutschen Werkbundes gewählt, was, wie er an seine Eltern berichtete, „auf eine Initiative von Hans Poelzig und Martin Wagner zurückging, die junge Leute in der Leitung haben wollten“.Brief von Karl Otto an die Eltern vom 19. November 1932, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 9c. Bereits im Jahr 1933 beendete Otto seine Tätigkeit in Mannheim und kehrte nach Berlin zurück, wobei er noch einige Projekte für Schulgebäude im Raum Berlin und in Mannheim realisieren konnte. Sein Baustil der Moderne, den er bevorzugte, war beim Machtantritt der Nationalsozialisten nicht mehr erwünscht, weswegen außer einigen Aufträgen von Privatpersonen keine existenzsichernden Bauaufträge mehr an Karl Otto vergeben wurden, denn nun sollte pompös, groß und wehrhaft im Stil des Neoklassizismus gebaut werden.Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv Bestand 16 II 124 (Personalakte Karl Otto) Außerdem war seine Familie den Schikanen der neuen Machthaber ausgesetzt: Nach kurzzeitiger Verhaftung seiner Ehefrau wurde ihr die Approbation als Ärztin entzogen, der eigene Vater wurde wegen seiner politischen Haltung zwangspensioniert. Sein Schwiegervater emigrierte in die Schweiz. 1934 war Karl Otto erneut für Ludwig Mies van der Rohe tätig, der ihn an der Ausstellung Deutsches Volk – Deutsche Arbeit beteiligte. Auch für die Wettbewerbsarbeit um den Bau des Deutschen Pavillons für die Weltausstellung Brüssel 1935 wurde Otto von Ludwig Mies van der Rohe erneut als Mitarbeiter herangezogen.
Tätigkeit im Reichsluftfahrtministerium Ab dem 15. August 1935 fand Karl Otto zunächst eine Stelle als angestellter Referent im Reichsluftfahrtministerium, wo er ab April 1936 an Hallenbauten, Lazaretten und Siedlungsplanungen beteiligt war. Die Stellung war ihm durch den Architekten Ernst Sagebiel, ehemaliger Mitarbeiter Erich Mendelsohns, vermittelt worden. Die dortige Tätigkeit ermöglichte ihm, weiterhin als Architekt zu arbeiten und auch seine funktionalistische Auffassung zu vertreten.Christine Fischer-Defoy: Kunst, im Aufbau ein Stein. Die Westberliner Kunst- und Musikhochschulen im Spannungsfeld der Nachkriegszeit, Berlin 2001, S. 47. Von März bis Mai 1938 leistete Otto seine militärische Grundausbildung als Kanonier im Flakregiment Döberitz ab.Fragebogen zur Entnazifizierung, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5. Im März 1939 wurde Otto zum beamteten Regierungsbaurat in der Inspektion für zivilen Luftschutz im Reichsluftfahrtministerium berufen und mit Wirkung zum 1. Januar 1943 zum Oberregierungsbaurat ernannt. Bis Dezember 1944 war er Gruppenleiter, danach wieder Referent und mit den Bereichen Siedlungsplanungen, städtische Arbeiten und Luftschutzräume für die Bevölkerung befasst. Karl Otto wurde zum Luftschutzexperten des Reichsluftfahrtministeriums und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit der Verbindung von Luftschutz und Städtebau.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1945-1989. München 1989, S. 109. Aus Gründen des nahenden Kriegsendes übersiedelte die Familie im März 1944 nach Altendorf im Kreis Gifhorn.
Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1947: Internierung Vom 17. April 1945 bis 20. März 1947 befand sich Karl Otto in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Lagern in Frankreich und Deutschland.Fragebogen zur Entnazifizierung, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5. Nach Ottos eigenen Angaben erfolgte „die Gefangenschaft aufgrund einer Namensgleichheit mit einem gesuchten Kriegsverbrechen-Verdächtigen“. Otto selbst gab in den Unterlagen zur Entnazifizierung zwar an, ab 1942 Anwärter auf eine NSDAP-Mitgliedschaft gewesen zu sein, diese sei jedoch nie eingetreten.Anlage 2 zum Fragebogen zur Entnazifizierung, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Kasten 5.
Tätigkeit ab 1947 Hannover Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kehrte Karl Otto zu seiner Familie nach Brome zurück. Hier nahm er ab Juli 1947 seine Tätigkeit als freier Architekt wieder auf und arbeitete bis 1949 in Gemeinschaft mit seinem in Osnabrück tätigen ehemaligen Kommilitonen aus dem Seminar Poelzigs, Max H. Berling. Otto und Berling beteiligten sich an einer Reihe von Wettbewerben, ihre Entwürfe wurden jedoch bei keinem dieser Wettbewerbe prämiert.Brief von Max Berling an Friedrich Hetzelt vom 9. September 1954, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Ordner 21. Karl Otto plante schon vor dem Zweiten Weltkrieg, als Lehrer tätig zu werden. Wegen der schlechten Auftragslage nutzte er ab Ende 1948 die Möglichkeit, an der Staatsbauschule Oldenburg eine Dozentur anzutreten. 1950 bewarb er sich erfolgreich um die Stelle des Direktors der Meisterschule für das gestaltende Handwerk in Hannover, auf die er am 18. August 1950 berufen wurde.Abschrift der Ernennungsurkunde vom 18. August 1950, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Ordner 33a.
Während seiner Tätigkeit als Direktor der 1952 in Werkkunstschule umbenannten Lehreinrichtung arbeitete Karl Otto auch weiterhin als freier Architekt, nahm an Architekturwettbewerben teil, entwarf Möbel und richtete zahlreiche Ausstellungen aus. 1951 gestaltete er mit Konstanty Gutschow die Abteilung Städtebau und Ortsgestaltung auf der Constructa in Hannover. 1953 konzipierte er die Sonderschau formgerechter Industrieerzeugnisse auf der Hannover Messe und im selben Jahr die Internationale Tapetenausstellung in Darmstadt sowie die Ausstellung raum – form – farbe, die Arbeiten der Werkkunstschule Hannover präsentierte. Die prominenteste Ausstellung, die unter Karl Ottos Leitung durchgeführt wurde, war jedoch Die Stadt von morgen im Rahmen der Interbau Berlin 1957, in deren leitenden Ausschuss er 1955 berufen worden war.
Neben der Lehrtätigkeit nahm Karl Otto auch an mehreren Architektur-Wettbewerben teil und projektierte einen dringend notwendigen Neubau für die Werkkunstschule, der am Maschsee in Hannover entstehen sollte, jedoch nicht zur Ausführung kam.Bericht über die Entwicklung der Werkkunstschule Hannover vom 1. August 1950 bis 29. Februar 1956, in: Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin, Karl-Otto-Archiv, Ordner 34. Umgesetzt wurde während der Tätigkeit in Hannover nur ein Projekt, die Gebäude der Leibnizschule und der Werner-von-Siemens-Mittelschule, die auf einem gemeinsamen Gelände an der Röntgenstraße in Hannover-Wittekamp (List) entstanden. Diese Gebäude sind Bestandteil einer Reihe von Schulbauten, die Karl Otto errichtete. Der Schulbau entwickelte sich zum bestimmenden Thema in seinem architektonischen Schaffen.