mini|Gottvater bei der Erschaffung der Welt, Zeichnung von Karl Ferdinand Sohn, 1851, Walters Art Museum Demiurg ( dēmi(o)urgós „Handwerker“, „Erbauer“, „Schöpfer“) bezeichnet in der altgriechischen Umgangssprache einen Handwerker, in der philosophischen und theologischen Fachsprache das Prinzip „Gott“ als Schöpfer, als Baumeister des Kosmos.
Als Demiurgen (δημιουργοί dēmio(u)rgoí, attisch) oder Damiurgen (δαμιο(υ)ργοί damio(u)rgoí, dorisch) wurden im antiken Griechenland spezialisierte Berufstätige bezeichnet, insbesondere gewerbliche Produzenten. In Attika handelte es sich ursprünglich um Pächter (Hektemoroi) oder freie, aber grundbesitzlose Handwerker, Lohnarbeiter und Händler (Theten).
Später wurde der Ausdruck in philosophischen und theologischen Lehren wie dem Platonismus im übertragenen Sinn als göttlicher „Anfertiger“ verstanden, das schöpferische Prinzip „Gott“ als Baumeister des Kosmos. Aristoteles definiert seine Auffassung des Demiurgen als Unbewegten Beweger.Aristoteles: Metaphysik. Buch XII, (Kapitel 7), dort wird über den „ersten Bewegenden und seiner Tätigkeit“, (1072 a f.) als einem gesprochen Vertreter der Gnosis, einer religiösen Strömung der römischen Kaiserzeit, und Christen außerhalb der Großkirche griffen diese Vorstellung auf und deuteten sie in ihrem Sinn um. Während bei Platon und Aristoteles der Demiurg ein erhabenes Wesen ist, das nur das Bestmögliche will und hervorbringt, erscheint er in der gnostischen Tradition als fragwürdige Gestalt, die eine mangelhafte, von vielfältigen Übeln geprägte Welt erschaffen hat. Bei Marcion ist er als Schöpfer der Welt und Ordner der Materie eine vom „guten Gott“, den Christus verkündet hat, unabhängige Instanz.
In modernen religionswissenschaftlichen und philosophiegeschichtlichen Texten wird als Demiurg ein Schöpfergott bezeichnet, der nicht mit dem obersten Prinzip identisch, sondern niedrigeren Ranges ist. Der Begriff wird bei der Beschreibung von religiösen oder philosophischen Systemen verwendet, in denen außer der höchsten Gottheit, die nicht unmittelbar an der Erschaffung der Welt beteiligt ist, ein Weltschöpfer vorkommt.
Etymologie und allgemeinsprachliche Begriffsverwendung Das Wort dēmiourgós (δημιουργός, adjektivisch „für die Allgemeinheit tätig“, substantivisch „öffentlicher Arbeiter“, „Handwerker“, „Künstler“)Zu diesen Bedeutungen siehe Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. 9. Auflage. Oxford 1996, S. 386 (mit Belegen); Wilhelm Gemoll, Karl Vretska: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. 10., neu bearbeitete Auflage. München 2012, S. 203 (ohne Belege). besteht aus den Bestandteilen dēmio- (vom Adjektiv dḗmios „das Volk betreffend“, „öffentlich“ abgeleitet) und -(ϝ)orgós oder -(ϝ)ergós („Produzent“, „Tätiger“, abgeleitet von (ϝ)érgon „Werk“). Gemeint war ursprünglich ein für öffentliche Belange kreativ tätiger Spezialist, der mit fachmännischer Arbeit für die Öffentlichkeit bestimmte, besondere Erzeugnisse herstellt und Dienstleistungen erbringt. In diesem Sinne zählte schon Homer neben Handwerkern auch Ärzte und Herolde zu den Demiurgen.Homer, Odyssee 17,382–385; 19,135. Später wurden auch Künstler und manche Staatsbeamte Demiurgen genannt.
Im archaischen Attika bildeten die Demiurgen angeblich im 6. Jahrhundert v. Chr. neben den Bauern und den Adligen einen der drei Bürgerstände, doch gilt diese Gliederung der Bürgerschaft nicht als zuverlässig überliefert. Bis in die klassische Epoche bezeichnete man vor allem Handwerker als Demiurgen. Als es aber im Lauf der Zeit zu einer zunehmenden Abwertung manueller, handwerklicher Tätigkeit kam, wurde für Handwerker die meist abschätzige Bezeichnung „Banause“ (von ) geläufig, während man Angehörige angesehener Berufsstände weiterhin „Demiurgen“ nannte.Françoise Bader: Les composés grecs du type de demiourgos. Paris 1965, S. 133–141; Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch, Band 1. Heidelberg 1960, S. 380; Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots. Paris 2009, S. 261 f.
Der mit Demiurg verwandte Name Demogorgon wird häufig der griechischen Mythologie zugeschrieben. Er stammt wahrscheinlich von einem unbekannten Kopisten, der einen Kommentar eines Gelehrten aus dem vierten Jahrhundert, Lactantius Placidus, falsch gelesen und den Akkusativ des Platonischen Begriffs Demiurg, also des Schöpfergottes, als Nominativ gedeutet hat: aus dēmiourgos wurde dēmiourgon. In der Folge taucht dieser vermeintliche Gott in einer Notiz zu Lukans Epos Pharsalia aus den im 10. Jahrhundert entstandenen Commenta Bernensia auf, einer frühmittelalterlichen Kommentarsammlung zu klassischen griechisch-römischen Texten. In der Genealogia deorum („Genealogie der Götter“) schließlich erklärt Giovanni Boccaccio Demogorgon zum Stammvater der antiken Götter, indem er sich fälschlich auf eine Textstelle in den Metamorphosen des Ovid bezieht. Vor allem in der angelsächsischen LiteraturBeispielsweise in John Miltons Paradise Lost (II 966) und Popkultur taucht er als eigenständiger Gott der Unterwelt und als Dämon auf.
Antike Philosophie und Theologie Sokrates und Platon
Den Vorsokratikern war das Konzept des Demiurgen unbekannt, doch wurde die Verwendung des Ausdrucks „Demiurg“ für den Schöpfergott anscheinend nicht erst von Platon eingeführt. Platons Zeitgenosse Xenophon berichtet, schon Sokrates habe den Schöpfergott mit einem weisen und freundlichen Werkmeister (demiourgos) verglichen.Xenophon, Memorabilia 1,4,7. Zum Ursprung dieser Begriffsverwendung siehe Willy Theiler: Demiurgos. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Band 3. Stuttgart 1957, Sp. 694–711, hier: Sp. 696 f.; Carl Joachim Classen: Ansätze. Beiträge zum Verständnis der frühgriechischen Philosophie. Amsterdam 1986, S. 3–27.
Platon betonte den Vorrang des Geistes gegenüber der Materie. Er lehrte, dass die materiellen Dinge geistigen Ursprungs seien. Sie seien nicht Ergebnisse eines zufälligen Geschehens, sondern von einer göttlichen Instanz erzeugt und vernünftig geordnet. Die sinnlich wahrnehmbaren vergänglichen Objekte und Gegebenheiten seien Abbilder überzeitlicher Urbilder, der platonischen Ideen. mini|300px|Schematische Darstellung der platonischen Ideenlehre. Erschlossen aus den platonischen Dialogen
In seinem Dialog Timaios beschreibt Platon in mythischer Sprache den Zusammenhang zwischen geistigen (intelligiblen) Urbildern und materiellen Abbildern. Dazu führt er den Demiurgen ein, einen Schöpfergott, der wie ein Künstler oder Handwerker die Welt auf vernünftige Weise planmäßig erschafft und einrichtet.Eine Übersichtsdarstellung bietet Walter Mesch: Demiurg. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon. Darmstadt 2007, S. 74–76. Platon weist darauf hin, dass der Demiurg schwer aufzufinden sei und nicht allen Menschen verkündet werden könne; er hält es für schwierig, etwas über den Schöpfer und dessen Werk mitzuteilen.Platon, Timaios 28c; vgl. Matthias Baltes: Dianoemata. Stuttgart 1999, S. 323 f. Da er den Demiurgen als Lebewesen darstellt, schreibt er ihm auch Gefühle zu; er gibt an, der Schöpfer sei von seinem Werk erfreut gewesen.Platon, Timaios 37c; Vinzenz Rüfner: Homo secundus Deus. Eine geistesgeschichtliche Studie zum menschlichen Schöpfertum. Philosophisches Jahrbuch 63, 1955, S. 248–291
Nach der Schilderung im Timaios gibt es vor der Schöpfung nur die ungeordnete Bewegung der Materie im Chaos, die der „Notwendigkeit“ folgt. In dieses Chaos greift der Demiurg ein. Er erschafft nicht aus dem Nichts, sondern ordnet die bereits existierende Materie, indem er sie durch Gestalt und Zahl formt und den Dingen Maß verleiht. So bringt er aus dem Chaos die Welt hervor, die er zum kugelförmigen Kosmos, dem wohlgeordneten Universum, gestaltet. Er sorgt für Harmonie zwischen den Bestandteilen des Alls und etabliert die mathematischen Gesetzen folgende bestmögliche Weltordnung. Seine schöpferische Tätigkeit führt er aus, indem er auf die Ideen „hinblickt“ und der ursprünglich formlosen Materie etwas vom Wesen der geistigen Vorbilder vermittelt. Dies vollbringt er jedoch nicht unmittelbar, sondern er benötigt dafür die Weltseele, die er als vermittelnde Instanz zwischen der rein geistigen Ideenwelt und dem physischen Weltkörper erschafft. Der Weltseele fällt die Aufgabe zu, den Kosmos zu beleben und zu lenken. Ein etwas später entstandenes Erzeugnis des Schöpfergotts ist der unvergängliche Teil jeder individuellen Menschenseele. Schließlich zieht sich der Demiurg zurück, obwohl die Schöpfung noch nicht vollendet ist; die restliche Schöpfungstätigkeit, darunter die Erschaffung des vergänglichen Seelenteils und des menschlichen Körpers, überlässt er untergeordneten Göttern, die seine Geschöpfe sind.Zur Rolle des Demiurgen im Timaios siehe Luc Brisson: Le Même et l’Autre dans la Structure Ontologique du Timée de Platon. 3. Auflage. Sankt Augustin 1998, S. 29–54, 71–106.
Im Mythos des Timaios werden die Schöpfungsvorgänge so beschrieben, dass der Eindruck entsteht, es sei ein Schöpfungsakt gemeint, der zu einer bestimmten Zeit stattgefunden hat. Demnach hätte die sinnlich wahrnehmbare Welt vorher nicht existiert und wäre den entstandenen, zeitabhängigen Dingen zuzurechnen. Da diese Vorstellung im Rahmen des Platonismus zu erheblichen philosophischen Schwierigkeiten führt, waren die meisten antiken Platoniker der Meinung, Platon habe die Weltschöpfung nur zum Zweck der Veranschaulichung wie einen zeitlichen Vorgang geschildert, in Wirklichkeit habe er eine überzeitliche Kausalität gemeint und den Kosmos für ewig gehalten. Nach dieser Deutung, die wahrscheinlich Platons Auffassung richtig wiedergibt, hat die Schöpfung weder einen Beginn noch ein Ende.Matthias Baltes: Dianoemata. Stuttgart 1999, S. 303–325.
Epoche der Platonischen Akademie