Eine Agrarkrise ist eine Wirtschaftskrise in der Landwirtschaft, das heißt eine Phase des Rückgangs der agrarischen Produktion. Dadurch werden die Landwirte unter Stress gesetzt, das heißt, sie müssen häufig ihr Land verkaufen und in die Städte abwandern: Diese Landflucht hat oft erhebliche soziale Auswirkungen. Wichtiger waren früher häufig die Folgen einer Agrarkrise für die Gesamtbevölkerung, die ja von den Produkten der Landwirtschaft lebte. Die dadurch ausgelöste Unzufriedenheit großer Teile der Bevölkerung kann in politischen Protest, Revolten oder Revolutionen umschlagen.

Es lassen sich verschiedene Typen von Agrarkrisen unterscheiden: Im Mittelalter waren Agrarkrisen oft langfristige Unterkonsumtionskrisen, das heißt, dass mangelnde Nachfrage etwa aus demographischen Gründen die Getreidepreise sinken ließ. Im Gegenteil konnte Missernte kurzfristig auch zu einer Teuerung der Getreidepreise oder zu einer Hungersnot führen. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert können Hungersnöte über den Welthandel ausgeglichen werden, also durch Import von Lebensmitteln. In modernen Gesellschaften sind Agrarkrisen typischerweise Überproduktionskrisen, in denen das Angebot die Nachfrage übersteigt und daher die Preise für Lebensmittel sinken.

Geschichte Römische Republik Die Expansion der Römischen Republik im 2. Jahrhundert v. Chr. trug dazu bei, dass viele Kleinbauern ihre Höfe nicht mehr bewirtschaften konnten: Als römische Bürger waren sie nämlich zum Dienst in den Legionen verpflichtet. Solange Rom Kriege nur in Italien geführt hatte, ließen sich Landwirtschaft und Militärdienst miteinander verbinden, doch seit dem Zweiten Punischen Krieg wurden die Legionäre auch im Mittelmeer, auf der iberischen Halbinsel und in Nordafrika eingesetzt, was dazu führte, dass ihre Felder brachlagen. Dies nutzten reiche Latifundienbesitzer aus, kauften die Bauernstellen auf und bauten dort mit Hilfe von Sklaven statt Getreide hochwertige Produkte wie Obst, Wein und Oliven an. Die ehemaligen Kleinbauern zogen als mittellose Proletarier in die Stadt Rom, wo sie ein Ferment sozialer und auch politischer Unruhe bildeten. Diesen Strukturwandel versuchten die Brüder Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus in den Jahren 133/132 v. Chr. und 122/121 mit ihren Reformversuchen zurückzudrehen, scheiterten jedoch am gewaltsamen Widerstand der Senatoren. Die Heeresreform des Marius führte ab 107 v. Chr. eine zehnjährige Dienstzeit ein, an deren Ende den Proletariern ein Stück Land zugeteilt wurde, das oft in den Provinzen lag.Géza Alföldy: Römische Sozialgeschichte. Steiner, Wiesbaden 1975, ISBN 3-515-02045-4, S. 65 – 68; Jochen Bleicken: Geschichte der Römischen Republik (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 2). 6. Auflage, Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-49666-2, S. 60–68. Dies führte zum einen zu einer Romanisierung des Mittelmeerraums, zum anderen machte es die Soldaten abhängig von der politischen Durchsetzungskraft ihrer Feldherrn. Die dadurch bedingte Heeresklientel war ein wichtiger Faktor für die Römischen Bürgerkriege des ersten Jahrhunderts und die Umwandlung der Republik in den Prinzipat durch Augustus.Walter Eder: Roma. In: Der Neue Pauly, Band 10, J. B. Metzler, Tübingen 2001, ISBN 3-476-01480-0, online.

Mittelalter Die mittelalterliche Landwirtschaft war lange von Subsistenzwirtschaft geprägt: Die Bauern produzierten keine Überschüsse, sondern konsumierten, was sie ernteten, selber. In dieser Zeit stellten Missernten permanente Bedrohungen dar und schlugen unmittelbar auf die Bauern durch, da die Geldwirtschaft den ländlichen Raum in Deutschland noch nicht erreicht hatte, sie also keine Nahrungsmittel zukaufen konnten. Je größer der Bevölkerungszuwachs in den vorhergehenden „guten“ Zeiten gewachsen war, desto verheerender waren die Folgen einer solche Agrarkrise.Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. C.H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-60681-6, S. 26 f. Im Hochmittelalter setzte sich dann nach und nach eine Marktorientierung durch: Die Bauern erzielten (oft noch sehr geringe) Überschüsse, die sie verkauften. Vier Fünftel von ihnen erwirtschafteten dabei nur das Existenzminimum. Sie wurden von den Agrarkrisen besonders hart getroffen, während Großgrundbesitzer auch von den nach Missernten gestiegenen Preise profitieren konnten.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700–1815. C.H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32261-1, S. 79 f. Da niemand auf Lebensmittel verzichten kann, führten schlechte Ernten zu einer Verdrängung der Nachfrage nach nichtagrarischen Gütern, weshalb Agrarkrisen dieses Typs immer auch zu Krisen im Handwerk führten.Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. C.H. Beck, München 2017, S. 28.

Das späte Mittelalter ist durch einen deutlichen Bevölkerungsrückgang geprägt: Man schätzt, dass die Pestepidemie ab 1347 etwa einem Viertel der Menschen in den betroffenen Gebieten das Leben kostete. Dadurch gingen in der Spätmittelalterlichen Agrarkrise die ländlichen Siedlungen zurück, die Zahl der Wüstungen stieg. Eine weitere Ursache waren Abwanderungsprozesse, weil viele Bauern trotz Verbots in die Städte zogen. Dadurch wurde weniger Getreide produziert, doch weil die Bevölkerung und damit die Nachfrage nach Lebensmitteln noch stärker zurückging, bildete sich ein Überhang: Die Getreidepreise sanken, während die Preise für Gewerbeerzeugnisse auf einem relativ hohen Niveau stabil blieben – auch weil der Arbeitskräftemangel zu Lohnerhöhungen führte. Unter dieser Preisschere litt vor allem die Landbevölkerung. Erst im 16. Jahrhundert stiegen die Bevölkerungszahlen wieder und trugen zu einem Aufschwung in der Landwirtschaft bei.Werner Rösener: Agrarkrise, spätmittelalterliche. In: Enzyklopädie der Neuzeit, Band 1. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-01991-2. online.

Laut dem Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe lassen sich die Agrarkrisen vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert in mittel- bis langfristige Wellen einordnen: In den Abschwungphasen bei abnehmender Bevölkerungszahl und sinkenden Lebensmittelpreisen habe der Lebensstandard breiter Schichten zugenommen, wohingegen in Aufschwungphasen das Pro-Kopf-Einkommen gesunken sei.Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. C.H. Beck, München 2017, S. 29.

Frühe Neuzeit Seit dem 16. Jahrhundert sanken die Durchschnittstemperaturen in Europa deutlich, man spricht von einer Kleinen Eiszeit. In der Folge häuften sich schlechtwetterbedingte Missernten in Europa, Teuerungen und Hungersnöte waren die Folge. Kalte Winter und regenreiche Frühjahre in den Jahren von 1571 bis 1574 etwa ließen die Getreidepreise in Mitteleuropa massiv ansteigen, nur in den Hafenstädten, die leichter Handel betreiben konnten, war die Situation weniger dramatisch. Manche Städte wie Nürnberg und Augsburg kauften zusätzliches Getreide, um wenigstens die eigene Bevölkerung zu versorgen.Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. C.H. Beck, S. 31 f. Die meisten Bauern dagegen litten, da die gestiegenen Preise den Verlust durch schlechte oder ausgebliebene Ernten nicht wettmachen konnten.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700–1815. C.H. Beck, München 1987, S. 77. Die verbreitete Unterernährung ließ die Anfälligkeit für Infektionen und die Säuglingssterblichkeit ansteigen. Daraus resultierte eine deutliche Polarisierung des gesellschaftlichen Reichtums: Arme wurden noch ärmer oder verhungerten, am anderen Ende des Spektrums profitierten alle, die größere Flächen Land besaßen wie Großbauern, Klöster und Teile des Adels, aber auch Händler, Geldverleiher und Spekulanten. Der Historiker Wolfgang Behringer konstatiert für diese Zeit eine verbreitete Verhärtung der sozialen Beziehungen, die sich unter anderem in einer zunehmenden Sozialdisziplinierung und einer Brutalisierung der Strafjustiz zeige; vor allem konstatiert er eine Korrelation von Hungersnöten mit den wellenförmig verlaufenden Hexenverfolgungen: Die Menschen personalisierten die Ursachen für die als katastrophal empfundenen Folgen der Kleinen Eiszeit in der Gestalt der Hexe.Wolfgang Behringer: Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. 4. Auflage, dtv, München 2000, S. 130–134.

Besonders weitreichende Folgen hatten die frühneuzeitlichen Agrarkrisen in Frankreich: Hier waren die Getreidepreise in den Jahren von 1776 bis 1786 so niedrig, dass König Ludwig XVI. 1787 nach wütenden Protesten der Bauern schließlich Exporte erlaubte. Die bestehenden Lager wurden geräumt, was sich als verheerend erwies, als das Jahr 1788 besonders kalt und regenreich ausfiel: In einigen Regionen Frankreichs verdarb ein Viertel der Ernte. Der folgende Winter war außergewöhnlich kalt, die Getreideernte 1789 blieb mäßig. Daraufhin stiegen die Getreidepreise um 50 %, im Nordosten Frankreichs verdoppelten sie sich teilweise. Die Furcht, im kommenden Winter hungern zu müssen, löste Hamsterkäufe aus, die die Getreideknappheit noch vergrößerten. Gleichzeitig geriet die französische Textilindustrie in eine Krise, die Arbeitslosigkeit stieg und die Löhne sanken. Diese Krisenphänomene trugen zu der aufgeheizten Atmosphäre bei, in der 1789 die Französische Revolution ausbrach.Jean Tulard: Les évéments. In: derselbe, Jean-François Fayard, Alfred Fierro: Histoire et dictionnaire de la Révolution Francaise. Éditions Robert Laffont, Paris 1987, S. 1–310, hier S. 23 f.

19. Jahrhundert Nach Ende der napoleonischen Kriege wurde allgemein eine höhere Prosperität erwartet, doch 1816/1817 setzte nach drei mäßigen oder Missernten in ganz Europa eine schwere Agrarkrise ein, Millionen Menschen hungerten. Ursache war der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, dessen in die Atmosphäre geschleuderte Asche die Sommer auf der Nordhalbkugel ausfallen ließen.Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. C.H. Beck, München 2017, S. 33. In der Folge zeigten sich Massenbettelei, Lebensmittelunruhen und eine erste Auswanderungswelle vor allem aus Südwestdeutschland. 1817 begannen die Getreidepreise wieder zu sinken, doch verfielen sie bald auf den niedrigsten Stand seit Ende des 17. Jahrhunderts. Gründe waren unter anderem eine Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Fläche und eine Reihe sehr guter Ernten, die eine Überproduktion bewirkten, sowie die britischen Corn Laws, die einen Export der erwirtschafteten Überschüsse nach Großbritannien erschwerten. In der Folge fielen die Grundstückspreise, weil viele Adlige ihre Rittergüter nicht mehr halten konnten und verkauften. In Ostpreußen wechselten in den Jahren von 1823 bis 1832 zwei Fünftel der landwirtschaftlichen Betriebe ihren Besitzer, in Schleswig-Holstein blieb mehr als ein Viertel der Höfe unbewirtschaftet.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815–1845/1849. C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-32262-X, S. 27–31.