Soteriologie (von , ‚Erhalter‘ und oder ‚Erörterung‘) bezeichnet die Lehre von der Erlösung aller Menschen im christlichen Kontext.

Sie ist im Lauf der Christentumsgeschichte unterschiedlich akzentuiert worden und setzt in der Regel die Erbsünde, das jeweilige Menschenbild und die Christologie zueinander in Beziehung.

Meist kommt dabei das gegensätzliche Verhältnis zwischen dem sündhaften Menschen und dem von der Sünde erlösten Menschen in den Fokus, das je nach Akzentuierung stärker durch eine Gottestat, wie den stellvertretenden Sühnetod Jesu, oder durch eine Teilnahme des Menschen bestimmt wird. Die Reformation führte in dieser Frage zu einer Spaltung der Westkirche, wobei auf katholischer Seite stärker die Rolle des Menschen bei der Heilsfrage betont wird, während diese auf Seiten der evangelischen Kirche weitestgehend ausgeschlossen wurde.

In den theologischen Konzepten der pluralistischen Religionstheologie, so etwa um John Hick, sind es vor allem die ‚nach- oder postaxialen Religionen‘, deren vornehmliches Streben auf die Erlösung oder Befreiung gerichtet sei. Damit sind, nach Hick, die religiösen Bewegungen und Systeme der Achsenzeit weiter gefasst und geprägt von soteriologischen Strukturen.John Hick: Religion. Die menschlichen Antworten auf die Frage nach Leben und Tod. (Original: An Interpretation of Religion: Human Responses to the Transcendent.) Diederichs, München 1996, ISBN 3-424-01311-0Thomas Roddey: Das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen: die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils und ihre Rezeption durch das kirchliche Lehramt. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2005, ISBN 3-506-71381-7, S. 147; Fußnote 416

Konzepte mini|Eucharistische Fische, Wandmalerei aus der Calixtus-Katakombe, 2./3. Jahrhundert

Die Soteriologie ist kein eigenständiges, von anderen Bereichen unterscheidbares Teilgebiet der Dogmatik. Sie weist enge Bezüge zur Gnadenlehre einschließlich ihrer Rechtfertigungstheologie sowie zur Eschatologie und Sündenlehre auf. Aufgrund dieser zahlreichen Bezüge entstehen auch heute beständig neue Studien zu Einzelaspekten der Soteriologie in historischen Sichtweisen.Dorothea Sattler: Erlösung? Lehrbuch der Soteriologie. Herder, Freiburg im Breisgau 2011, S. 57f.

Im Laufe der Geschichte hat sich eine Vielfalt soteriologischer Konzepte herausgebildet. Das bildhafte Sprechen in Form von Metaphern spielte dabei eine zentrale Rolle.

Entscheidender Bezugspunkt christlicher Soteriologie ist die Person Jesu Christi. Jesus stellt im Erlösungsgeschehen jenes Verhältnis der Menschen zu Gott wieder her, das durch die menschliche Sünde zerstört wurde: Als Sündenloser nimmt er die Sünde durch den Kreuzestod auf sich – sie wird mit ihm begraben und mit seiner Auferstehung überwunden (; ).Gerhard Ludwig Müller: Soteriologie. In: Wolfgang Beinert (Hrsg.): Lexikon der katholischen Dogmatik. Herder, Freiburg im Breisgau 1997, S. 469.

Karl Lehmann zeigt in einer im Jahr 1982 veröffentlichten Skizze zur inhaltlichen Bestimmung eines soteriologischen Kontinuums fünf verbindliche Elemente aufKarl Lehmann: „Er wurde für uns gekreuzigt.“ Eine Skizze zur Neubesinnung in der Soteriologie. In: Theologische Quartalschrift. Jg. 162, 1982, S. 303.:

Ausgangsbasis: Sklaverei der Sünde Vollzugsform: Gottes Wirken in der Lebenshingabe Jesu Christi Wirkweise: „für uns gekreuzigt“ Ziel: Vergebung und Teilhabe an Gottes Leben Grund: Liebe und Erbarmen Gottes.

In einer ähnlichen Weise hatte Gustaf Aulén drei Motive hervorgehoben: Christus als Sieger über den Tod, als stellvertretend leidendes Opfer und als Beispiel für eine neue Lebensexistenz.Gustaf Aulén: Die drei Haupttypen des christlichen Versöhnungsgedankens. In: Zeitschrift für Systematische Theologie. Band 8, 1931, S. 501–538.

Gisbert Greshake entwirft schließlich eine heute vielzitierte Typologie der Soteriologie, bei der er die Erlösungslehre inhaltlich in drei Epochen einteilt, die nachfolgende Merkmale aufweisenGisbert Greshake: Der Wandel der Erlösungsvorstellungen in der Theologie. In: Gisbert Greshake: Gottes Heil – Glück des Menschen. Theologische Perspektiven. Herder, Freiburg im Breisgau 1983, ISBN 3-451-19965-3, S. 52–78.Lothar Ullrich: Soteriologische Modelle. In: Wolfgang Beinert (Hrsg.): Lexikon der katholischen Dogmatik. Herder, Freiburg im Breisgau 1997, S. 475: In der Patristik dominierte eine christliche Paideia mit Jesus Christus als göttlichem Erzieher (Christus victor). Das Mittelalter kannte als eine zentrale Perspektive die Idee einer Erlösung als innere Begnadung des Einzelnen (Christus victima). Die Neuzeit, die vorerst letzte Epoche, wird geprägt durch den Leitgedanken einer Erlösung als inneres Moment neuzeitlicher Subjektivität (Christus exemplar).

Mit Blick auf neuere Publikationen der Erlösungslehre beobachtet Dorothea Sattler ein verstärktes Bemühen, zwischen der Biografieforschung und Theologie einen Zusammenhang herzustellen, der die soteriologische und eschatologische Dimension eines Lebens betrachtet.Dorothea Sattler: Erlösung? Lehrbuch der Soteriologie. Herder, Freiburg im Breisgau 2011, S. 55.

Als eine der wesentlichen Herausforderungen der Gegenwart für die Soteriologie, sowie für die Theologie insgesamt, kann das Suchen nach einer lebensnahen und erfahrungsbezogenen Sprachgestalt von Erlösung benannt werden.

Geschichte Antike In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung stand die Inkarnation Gottes in Jesus im Vordergrund soteriologischer Schriften und auch Auseinandersetzungen, denn die Erlösung des Menschen, seine Befreiung von der Welt und von den sie beherrschenden Mächten, seine Befreiung zumal von Fleisch, Sünde, Gesetz und Tod, kann er nicht aus eigenen Kräften zuwege bringen. Die Erlösung – darin stimmen Urchristentum und Gnosis überein – kann nur ein von der göttlichen Welt her geschehendes, am Menschen sich vollziehendes Ereignis sein. Es ist nach christlichem Glauben geschehen in der Sendung Jesu von Nazareth, in seinem Tode und seiner Auferstehung.

Urchristlicher Auferstehungsgedanke mini|636x636px|Diagramm der präeschatologischen und eschatologischen Soteriologie

Die neutestamentliche und urchristliche Idee der Auferstehung unterteilt sich in präeschatologische und eschatologische Zeit. In der präeschatologischen Zeit kann von einem platonischen Dualismus zwischen Seele und Körper ausgegangen werden. Nach dem Tod bleibt der Körper tot zurück, was empirisch eindeutig belegbar ist. Der Auferstehungsglaube bezieht sich auf die Auferstehung der Seele in eine höhere Dimension, einen göttlichen paradiesischen Zustand. Mit einem rein präeschatologischen Verständnis von Soteriologie ist an dieser Stelle der vollkommene Zustand der Erlösung erreicht. Der Schächer neben Jesus ist wohl mit diesem Verständnis von der Auferstehung nach Jesu Versprechen verstorben (vgl. Lukasevangelium: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, ). Die Auferstehung passiert hier direkt nach dem Tod und stellt die höchstmögliche Form des Seins dar.

Aus anderen neutestamentlichen Bibelstellen wie dem Matthäusevangelium, den paulinischen Briefen und der Offenbarung des Johannes leitet sich jedoch ein anderes Bild ab. Die Auferstehung, die unmittelbar nach dem Tod passiert, stellt nur einen temporären Zustand des Seins dar. Erst mit Jesu Wiederkunft (vgl. Mt 5,28-29) findet eine endgültige göttliche Auferstehung des Individuums statt. Dies geschieht durch die Wiederbelebung des irdischen Körpers (Joh. 5,28-29) und eine Reinkarnation der Seele in diesen. Erst dadurch kann die wahre christliche Auferstehung des Einzelnen stattfinden (vgl. 1 Kor 15,51-53 und Phil 3,20-21). Der hylomorphe Dualismus von Thomas von Aquin beruht auf dieser Idee. Diese Sichtweise erklärt die fehlende körperliche Auferstehung der vorherigen, präeschatologischen Perspektive, die sich aber selbst nicht als solche bezeichnet, da laut ihr das eigene Verständnis von Auferstehung maximal und final ist. Betrachtet man die Auferstehung Jesu Christi mit beiden Perspektiven, lässt sich die biblische Geschichte der leiblichen Auferstehung erklären. In der präeschatologischen Zeit wäre anzunehmen, dass Jesus den Jüngern in einer Vision erschienen ist, da eine leibliche Auferstehung nicht empirisch belegbar ist. Ausgehend von der Göttlichkeit Jesu könnte jedoch auch behauptet werden, dass es sich um eine Wundergeschichte handelt, die nicht den Gesetzen der Physik und Biologie entsprechen muss. Aus Sicht der eschatologischen Soteriologie befindet sich Jesus nicht im Rahmen der Eschatologie. Da er die Regeln der Eschatologie selbst definiert hat (beispielsweise durch den Beginn der Endzeit durch sein Wiederkommen), bewegt er sich nicht zwingend innerhalb dieser. Dadurch hat er die Möglichkeit, auch schon vor dem allgemeinen Beginn dieser Zeit leiblich aufzuerstehen. Nach dieser Logik sind auch die Wundergeschichten über Wiederbelebungen wie die des Heiligen Lazarus erklärbar.

Häresie Der Begriff Häresie (von altgriechisch , ‚Anschauung‘, ‚Schule‘) bezeichnet in der antiken griechischen Philosophie einen Grundsatz oder eine philosophische Lebensweise, die man »angenommen«, »sich erwählt« hat. Daher kann dann auch eine philosophische Schulmeinung oder eine philosophische »Schule« oder »Partei« als »haíresis« bezeichnet werden. In diesem hellenistischen Sinne wird in der Apostelgeschichte des Lukas auch von einer »haíresis« der Sadduzäer oder Pharisäer gesprochen (; ; ). Schließlich kann Lukas in gleicher Weise auch von einer »haíresis« der Nazoräer oder Jesusanhänger reden (; ).

Demgegenüber gebraucht Paulus in seinen Briefen den Begriff »haíresis« negativ, im Sinne von »Parteiung« (; ). In dieser Tradition steht , wo von »Pseudopropheten« gesagt wird, dass sie verderbliche »haíresis« in die Gemeinden der Gläubigen einführen. Dass hier im Begriff »haíresis« schon die Bedeutung »Irrlehren« mitschwingt, ist möglich. Zunächst sind wie bei Paulus »verderbliche Parteiungen« im Sinne von Spaltungen angesprochen, die den Leib Christi zerteilen und so das eine und gemeinsame Heil im einen Leib Christi, der die eine Kirche ist, zunichtemachen .

Im Sinne von »Parteiungen« (lat. sectae, denn die lateinischen Übersetzungen verwenden für »haíresis« den Begriff »sectae«) gebraucht auch Ignatius von Antiochien noch den Begriff »haíresis« (Ign Eph 6,2; Ign Tr 6,1) und prangert damit Sonderlehren an, die von außen in die Gemeinden hineingetragen worden sind. Diese trennen eine Elite innerhalb der Gemeinde durch eine Absonderung von den übrigen Gläubigen ab und führen sie damit in eine Trennung vom »Gott Jesus Christus, vom Bischof und von den Anordnungen der Apostel« (Ign Tr 7,1–2) und zum Verlust ihres Heils.

Gnosis Die Frömmigkeit der gnostischen Kreise ist die Mystik der hellenistischen Welt. Geheimnisvolle Weihen (Einfluss der Mysterien) vermitteln die Gnosis (), die tiefere Einsicht in die göttlichen Geheimnisse. Der Gemeindeglaube () gilt als bloße Vorstufe zu der höheren Stufe der Gnosis (Umwandlung der Religion in Philosophie), der sich die Geheimnisse der Entstehung und des Wesens der Welt, des Ursprungs des Bösen und der Erlösung enthüllen. Die Lösung dieser Probleme erfolgt in der Form, dass tiefsinnige Gedanken uralter Mythen und hypostasierte philosophische Begriffe wie Nous (), Psyche (), Weisheit () zu komplizierten Systemen verschmolzen werden, die den großen Gott-Welt-Prozess schildern: die Entstehung der Welt und die Rückkehr ihrer göttlichen Elemente zu ihrem Ursprung.