Ptolemaios I. Soter (; * 367/66 v. Chr. in Makedonien; † 283/82 v. Chr. in Alexandria) war einer der Generäle Alexanders des Großen und dessen Freund sowie später einer der Diadochen und Begründer der hellenistischen Ptolemäerdynastie in Ägypten.
Aus Sicht der Geschichtsschreibung ist Ptolemaios bedeutend, weil er einen Bericht über den Alexanderzug verfasste. Heute nur in Fragmenten erhalten, war er eine wichtige Grundlage antiker Alexanderhistoriker, insbesondere des römischen Historikers Arrian, dessen Alexandergeschichte heute eine der wichtigsten historischen Quellen zu Alexanders Feldzug ist.
Leben Frühe Jahre Herkunft und Jugend Ptolemaios war ein Sohn der wohl einer Seitenlinie des makedonischen Königshauses der Argeaden entstammenden ArsinoëSatyros von Kallatis, Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist) 631 F 2; Porphyrios, FGrHist 260 F 2,2; u. a. und wahrscheinlich des Lagos, der wohl dem makedonischen Kleinadel angehörte. Laut Arrian stammte Ptolemaios, der einige Jahre älter als Alexander der Große war, aus der obermakedonischen Landschaft Eordaia.Arrian, Anabasis 6,28,4 und Indike 18,5; laut Stephanos von Byzanz (s. v. Ὀρεστία) hingegen aus der Orestis. Das Gerücht, er sei in Wirklichkeit ein unehelicher Sohn König Philipps II. und der Arsinoë, somit ein Halbbruder Alexanders,Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,6,2 (zweifelnd); Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 9,8,22 u. a. ging vermutlich auf spätere ptolemäische Propaganda zurück. Über seine Abkunft mütterlicherseits von einer Nebenlinie des Argeadenhauses erklärte er Herakles und letztlich Zeus zu seinen mythischen Vorfahren. Mit diesen konstruierten Verwandtschaftsbeziehungen sollten die Ansprüche der rivalisierenden Dynastien der Antigoniden und Seleukiden, die sich ebenfalls als Nachfahren der Argeaden oder Herakliden betrachteten, gekontert werden. Ein Bruder des Ptolemaios hieß Menelaos.
Am Königshof in Pella war der jugendliche Ptolemaios wohl Page und gehörte zu den Gefährten (sýntrophoi) des Kronprinzen Alexander. Im Zusammenhang mit der „Pixodaros-Affäre“Plutarch, Alexander 10,1–4 oder anlässlich des Streits Alexanders mit seinem Vater Philipp II. bei dessen Heirat mit KleopatraArrian, Anabasis 3,6,5 337/336 v. Chr. musste Ptolemaios zusammen mit anderen Freunden Alexanders – Nearchos, Laomedon, Erigyios und Harpalos – ins Exil vermutlich nach Epeiros gehen und kehrte erst nach der Ermordung Philipps II. und der Machtübernahme Alexanders im Sommer 336 v. Chr. an den Hof zurück.
Teilnehmer am Alexanderzug In nicht herausragender militärischer Stellung nahm Ptolemaios wohl bereits 335 v. Chr. an Alexanders Balkanfeldzug und Einnahme Thebens teil, über die er dann als Augenzeuge berichtet hätte. Aus der Frühphase des Asienfeldzuges ist nichts über Ptolemaios bekannt, wenngleich er diesen von Beginn an mitgemacht haben dürfte. In dieser Zeit tritt er lediglich einmal inschriftlich in Erscheinung, als er offenbar 334 v. Chr. mit zwei weiteren Personen in Milet dem Apollon eine Statue weihte.Dies ist der älteste schriftliche Nachweis seiner Person außerhalb der erzählenden Chroniken. Auf dem erhaltenen Weiheepigramm nannte er sich . Siehe Albert Rehm, Peter Hermann: Inschriften von Milet / Teil 1. A. Inschriften n. 187–406 (Nachdruck aus den Bänden I 5–II 3), von Albert Rehm, mit einem Beitrag von Hermann Dessau. B. Nachträge und Übersetzungen zu den Inschriften n. 1–406 (= Milet. Band 6, Teil 1). De Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-014540-5, Nr. 244, S. 53. (online IMilet 244). Erst im November 333 v. Chr. wird er erwähnt, als er seinem König nach der Schlacht bei Issos bei der Verfolgung des unterlegenen Perserkönigs Dareios III. behilflich war.Arrian, Anabasis 2,11,8 Im Januar 330 v. Chr. wird er im Kampf um die „persischen Tore“ erstmals in einem eigenständigen militärischen Kommando genannt, wobei diese Angaben auf Ptolemaios’ eigener Überlieferung basieren, deren Wahrheitsgehalt daher schwer nachprüfbar ist.Arrian, Anabasis 3,18,9 Dem oft märchenhaft ausgeschmückten und von späteren Autoren wiedergegebenen Bericht Kleitarchos’ zufolge war Ptolemaios’ spätere Hetäre Thaïs verantwortlich für die Brandschatzung der persischen Hauptstadt Persepolis.Kleitarchos, FGrHist 137 zitiert u. a. von Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 17,72 und Plutarch, Alexander 38,1–7
In das nähere Umfeld Alexanders rückte Ptolemaios wohl erst im Sommer 330 v. Chr. anlässlich der Übernahme des persischen Hofzeremonielles, bei der er zum Vorkoster (edéatros) des Königs ernannt wurde.Athenaios 4,171b–c = Chares, FGrHist 125 F 1. Siehe dazu Andrew W. Collins: Alexander the Great and the Office of Edeatros. In: Historia. Band 61, 2012, S. 414–420. Im Zusammenhang mit der Verschwörung des Dimnos und dem folgenden Prozess gegen Philotas im Herbst 330 v. Chr. wurde er zu einem der königlichen Leibwächter (somatophylax) ernannt, als Ersatz für den unter Verdacht stehenden Leibwächter Demetrios, und in die Gruppe der Hetairoi aufgenommen.Aristobulos, FGrHist 139, F 50 Wieder der eigenen Überlieferung folgend wurde er im Frühjahr 329 v. Chr. mit einem Korps ausgesandt, um den von Spitamenes gefangen genommenen Königsmörder Bessos zu übernehmen. Dabei soll er diesen nackt und in Ketten am Rande einer Straße aufgestellt haben, damit Alexander und das ganze Heer an ihm vorbeimarschieren könne.Ptolemaios, FGrHist 138 F 14 = Arrian, Anabasis 3,29,7 ff. Nach einer anders lautenden Überlieferung aber hatte Spitamenes den Gefangenen persönlich zu Alexander gebracht.Aristobulos, FGrHist 139 F 24
Anfang 328 v. Chr. befehligte Ptolemaios eine der fünf selbständig operierenden Teilarmeen, die in Sogdien einfielen und in Marakanda wieder zusammentrafen.Arrian, Anabasis 4,16,2 Während eines in Marakanda im Winter 328/327 v. Chr. abgehaltenen Gelages bemühte er sich vergeblich, den Streit zwischen Alexander und dem Feldherrn Kleitos zu beruhigen, indem er Letzteren weggeleitete; der König erstach schließlich Kleitos.Arrian, Anabasis 4,8,9 (nach Aristobulos); Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 8,1,45-52 (etwas abweichend). – Die Kleitos-Episode hatte Ptolemaios in seinem eigenen Werk ignoriert. In Baktrien kontrollierte er als Leibwächter des Nachts den Einlass in Alexanders Zelt, erhielt Kunde von der Pagenverschwörung und brachte diese beim König zur Anzeige.Arrian, Anabasis 4,13,7; Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 8,6,22 Nach seiner Angabe wurde der darin verwickelte Kallisthenes gefoltert und gehängt.Ptolemaios, FGrHist 138 F 17 bei Arrian, Anabasis 4,14,3 Er war auch bei der Eroberung der Felsenburg des Sisimithres (oder Chorienes) beteiligt, wobei ihm die Überwachung der Schanzarbeiten zufiel.Arrian, Anabasis 4,21,4
Im Kampf gegen die Aspasier in Indien in der zweiten Jahreshälfte 327 v. Chr. wurde Ptolemaios verletzt.Arrian, Anabasis 4,23,3 Nicht viel später erkannte er den flüchtigen dortigen Fürsten, setzte ihm mit einigen Hypaspisten nach, überlebte beim Nahkampf dank seiner Rüstung einen Speerstoß dieses Fürsten und tötete ihn, womit die Makedonen den Kampf gewannen.Arrian, Anabasis 4,24,3 f. Hinter der Stadt Arigaion erkundete Ptolemaios die gegnerische Truppenzahl und kommandierte dann eine von drei Heeressäulen, mit der er während eines Frontalangriffs Alexanders auf den Feind einen Berg erstieg, auf dem weitere gegnerische Soldaten lagerten, die er vertreiben konnte.Arrian, Anabasis 4,24,8 ff. Es gelang ihm in der dortigen Region auch die Einnahme verschiedener Festen.Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 8,10,21 Er zeichnete sich außerdem bei der Eroberung der als uneinnehmbar geltenden Bergfestung Aornos (im Swat-Tal gelegen) aus. Mit einer Truppenabteilung erklomm er eine zum Angriff geeignete Stelle des Massivs, musste aber, nachdem eine vom Tal aus erfolgte Attacke Alexanders auf die Inder gescheitert war, seine Position mühsam gegen einen feindlichen Ansturm verteidigen. Beim nächsten Angriff Alexanders fiel er den Indern in den Rücken und konnte im sich dabei entspinnenden Gefecht sein Heer mit jenem seines Königs vereinen.Arrian, Anabasis 4,29,1–6 Anschließend gelang die Einnahme des Aornos, indem die Makedonen von ihrer nunmehrigen Stellung aus eine Schlucht durch den Bau eines Dammes auffüllten und von diesem aus dann die Festung zu beschießen vermochten.
Um die Jahresmitte 326 v. Chr. beteiligte Ptolemaios sich an Alexanders Überquerung des Hydaspes vor der Schlacht gegen Poros.Arrian, Anabasis 5,13,1 Beim Krieg gegen das Volk der Kathaier wurde zunächst deren vor ihrer größeren Stadt Sangala (vielleicht das heutige Sialkot) gelegene Wagenburg erstürmt und daraufhin Sangala eingekesselt, wobei Ptolemaios einen an erwarteter Stelle erfolgten Ausfall der Belagerten abwehrte.Arrian, Anabasis 5,23,7–24,3 Bald danach fiel die Stadt. Im Herbst 326 v. Chr. erhielt Ptolemaios das Amt eines Trierarchen der im Bau befindlichen Hydaspes-Flotte.Arrian, Indike 18,5 Mit einer Heereseinheit blieb er dann, als Alexander gegen die Maller zog, am Akesines zurück, um eventuell zu diesem Fluss fliehende Feinde abzufangen.Arrian, Anabasis 6,5,6 Währenddessen wurde Alexander beim Angriff auf eine Stadt der Maller durch einen Pfeilschuss schwer verletzt und von Peukestas und weiteren Leibgardisten gerettet. Bei dieser kritischen Situation war Ptolemaios nicht anwesend, wie er in seinem Geschichtswerk angab.Ptolemaios, FGrHist 138 F 26 bei Arrian, Anabasis 6,11,7 f. trotzdem behaupteten Kleitarchos und Timagenes, dass Ptolemaios unter den Rettern des Königs gewesen sei und deshalb den Beinamen Soter (= Retter) erhalten habe.Kleitarchos, FGrHist 137 F 24 und Timagenes, FGrHist 88 F 3 bei Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 9,5,21
Eine weitere Verletzung dürfte Ptolemaios 325 v. Chr. vor Harmatelia, einer der Stadt der Brahmanen, durch einen Giftpfeil erlitten haben; er sei durch ein ihm von Alexander selbst gegebenes Heilkraut am Leben geblieben.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 17,103,6 ff.; Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 9,8,22–27 u. a. Als die Makedonen nach ihrem Rückzug aus Indien durch das Gebiet der Oreiten zogen, kommandierte Ptolemaios eines von drei Truppenkontingenten und machte dabei beträchtliche Beute.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 17,104,5 f.; Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 9,10,6 f.
In Susa wurde Ptolemaios 324 v. Chr. neben anderen Kampfgefährten Alexanders mit einem goldenen Kranz geehrt.Arrian, Anabasis 7,5,6 Bei der anschließenden Massenhochzeit erhielt er Artakama, eine Tochter des Artabazos und Urenkelin des persischen Großkönigs Artaxerxes II., zur Gattin.Arrian, Anabasis 7,4,6; laut Plutarch, Eumenes 1,7 hieß Ptolemaios’ Gattin hingegen Apame. Wie fast alle makedonisch-persischen Ehebündnisse überdauerte auch dieses den Tod des Königs nicht. Als Alexander im Winter 324/323 v. Chr. erfolgreich das Bergvolk der Kossaier bekämpfte, befehligte Ptolemaios dabei eine der selbständig vorgehenden Heeresgruppen.Arrian, Anabasis 7,15,3 Er war Ende Mai 323 v. Chr. einer der Gäste bei Alexanders letztem, von Medios veranstaltetem Trinkgelage in Babylon.Metzer Epitome 111; Pseudo-Kallisthenes 3,31,7 ff.
Diadoche