mini|Einmalwindel, Wegwerfwindel
Die Windel, auch Schutz- oder Inkontinenzhose, ist ein saugfähiges Produkt aus Textil oder textilähnlichem Material zur hygienischen Aufnahme von Urin und Stuhl. Windeln werden wie Unterhosen getragen, um die Kleidung sauber zu halten, wenn die Ausscheidung nicht kontrolliert werden kann. Typische Nutzer sind Säuglinge und Kleinkinder, Menschen mit Stuhl- oder Harninkontinenz oder wenn die Arbeitsbedingungen es erfordern, wie bei Astronauten, oder auch bei Haus- und Zootieren.
Das Wickeln, also das regelmäßige Wechseln der benutzten Windel gegen eine saubere, dient hygienischen und dermatologischen Zwecken. Alternativen zum Gebrauch von Windeln sind für Kleinkinder, die schon laufen können und in der Wohnung „unten ohne“ unterwegs sind, das „Töpfchen“ und später der Gang zur Toilette mit der Hilfe einer Betreuungsperson.Windel-Abschied: Fünf Start-Signale. In: Apotheken Umschau. Baby und Familie. Bei Inkontinenz, ist das Tragen ableitender Inkontinenzhilfsmittel eine Alternative zur Verwendung von Schutzhosen oder anderen aufsaugenden Inkontinenzeinlagen.
Geschichte Vor der Erfindung der Wegwerfwindel und deren Vermarktung ab 1961 wurden, sofern Windeln überhaupt benutzt wurden, Stoffwindeln verwendet, die nach Gebrauch zur Säuberung gewaschen oder ausgekocht wurden. Bis heute ist es in den meisten Kulturen der Welt gängige Praxis, Babys und Kleinkinder durch Ausscheidungskommunikation ohne Windeln sauber und trocken zu halten. In den Industrienationen geriet diese Technik in Vergessenheit und wird seit 2000 erst allmählich wiederentdeckt.vgl. Ingrid Bauer, Es geht auch ohne Windeln! Der sanfte Weg zur natürlichen Babypflege, Kösel: München 2004.vgl. Nicola Schmidt, Artgerecht – das andere Babybuch, Kösel Verlag, München 2015, ISBN 978-3-466-34605-9.
Als Erfinderin der Wegwerfwindel gilt die Amerikanerin Marion Donovan,Marion Donovan: Inventor of Disposable Diapers. () die ihren Entwurf einer Windel nicht vermarkten konnte. Die erste kommerzielle Wegwerfwindel wurde in den USA von dem Unternehmen Chux auf den Markt gebracht.John Kay: Why the Last Shall be First and the First shall Fade Away. In: Jane Henry, David Mayle: Managing Innovation and Change. Sage Publications, London 2002. Trotz dieser Innovation hatte erst die Erfindung einer Einwegwindel von Victor Mills, einem Direktor bei Procter & Gamble, durchschlagenden Erfolg. Mills’ Erfindung wurde in den USA seit 1961 unter der Procter & Gamble-Marke Pampers vertrieben.Wickeln, Windeln, wegwerfen. Dokumentarfilm von Jacqueline Farmer und Sylvie Randonneix (Nord Ouest Documentaires). Frankreich 2011. 52 min. Erstausstrahlung So, 29. Januar 2012 21:47 auf arte. In den 1980er Jahren brachte Kimberly-Clark das Konkurrenzprodukt „Huggies“ auf den Markt, und in Folge überzogen sich die Hersteller wechselseitig mit Klagen wegen Patentverletzungen.Audrey Quinn: The Diaper Wars. 2015
In Deutschland wurde die Marke Pampers im Herbst 1973 eingeführt. Im selben Jahr fällte Procter & Gamble die Entscheidung, eine Fabrik für Pampers in Euskirchen zu errichten. Die Fabrik produziert für ganz Europa und entwickelte sich zum größten Procter & Gamble-Werk außerhalb der USA und zum größten Arbeitgeber im Kreis Euskirchen. Inzwischen gibt es eine Großzahl an Anbietern für moderne Stoffwindelsysteme, wie BumGenius, Bambino Mio oder Mother Ease, welche dem Komfort von modernen Wegwerfwindeln nur gering nachstehen, aber den damit einhergehenden Restmüll signifikant verringern.
Aufbau und Bestandteile mini|Stoffwindeln (mehrfach benutzbar, da waschbar) Bei den Windeln wird zwischen Einweg- und Mehrwegwindeln unterschieden, wobei einige Merkmale bei beiden Produktgruppen gleich sind. Die größten Unterschiede im Aufbau finden sich im Saugkörper und bei der Fixierung am Körper. Bei der Entwicklung und Auswahl von Windeln müssen Aspekte der Kühlung (besonders bei männlichen Babys für die Spermatogenese wichtig), des Windelklimas (feuchte Wärme kann Hefepilz-Befall und Windeldermatitis verursachen), der Bewegungsfreiheit (Anhock-Spreiz-Stellung sollte in den ersten Wochen möglich sein) und ökologische Nachhaltigkeit (Umweltaspekte bei der Reinigung oder Entsorgung von Windeln) beachtet werden.
Die als Einwegwindel, Wegwerfwindel oder Höschenwindel bezeichneten Hilfen haben eine Außenhülle aus Polyethylen (PE) und einen Saugkörper. Letzter besteht aus Zellstoffmaterial, der bei modernen Windeln oft mit Superabsorber, einem Hydrogel aus spezifischen Polymersalzen (vgl. Polymer), angereichert ist. Dadurch kann das Vielfache der Flüssigkeitsmengen im Volumen des Sauganteils gebunden werden. Bei Druck wird die Flüssigkeit nicht (wie bei einem Schwamm) wieder abgegeben. An der Außenschicht sind Klettlaschen vorhanden, um die Windel an den Bauchumfang anzupassen. Sie ist mit Kunststofffolie überzogen, um das Durchsickern von Flüssigkeiten zu verhindern. Weitere Bestandteile können Vaseline, Stearylalkohol, dünnflüssige Paraffine und Extrakte der Aloe barbadensis sein. mini|Der Superabsorber nimmt Flüssigkeit in der vielfachen Menge seines Eigenvolumens auf (ohne diese wieder abzugeben)
Mehrwegwindeln oder Stoffwindeln aus Baumwolle sind waschbar und werden in unterschiedlichen Ausführungen angeboten. Im Groben gibt es drei Systeme, die sich darin unterscheiden, wie eine saugende Schicht mit einer Nässeschutzschicht aus PUL, Fleece oder Wolle kombiniert wird. Die Komponenten können vollständig miteinander vernäht sein (All-in-One), die Saugeinlage in eine Art Tasche (Pocket-Windel) oder Laschen der Überhose gesteckt werden (Hybrid-Windel/All-in-2) oder in einer Art Wanne, die an einer Außenwindel befestigt wird, untergebracht sein (All-in-3). Die klassischen Stoffwindeln aus Mull- oder Molton-Tüchern oder Strickbindewindeln sind dabei von modernen Systemen wie Höschenwindeln und verschieden stark saugenden Einlagen aus Microfaser, Baumwolle, Bambus-Viskose oder Hanf ergänzt worden, wobei neben Schlupf-Überhosen diejenigen, die mit Klettverschluss oder Druckknöpfen versehen sind, in der Handhabung größtenteils den Einwegwindeln entsprechen.
Auf Grund des unter anderem höheren Zeitaufwand und mangelnden Wissens zu modernen Stoffwindelsystemen werden Stoffwindeln nur von etwa 10 Prozent der Eltern verwendet.
Für Schwimmwindeln oder Schwimmbadehosen werden Materialien verwendet, die eine Verwendung im Wasser ermöglichen. Die Konstruktion ohne Saugkörper vermeidet ein Vollsaugen der Windel. Gleichzeitig verhindern Gummibänder am Bauch und an den Beinen, dass Stuhl an die Umgebung abgegeben wird. Urin wird dagegen nicht zurückgehalten. In vielen Schwimmbädern ist die Verwendung von Schwimmwindeln für badende Säuglinge vorgeschrieben.
Verbreitung Das Angebot auf dem Markt reicht von Windeln für Frühchen, Kinder, Erwachsene und für Tiere. Das größte Marktsegment sind Einweg-Windeln für Säuglinge und Kleinkinder, gefolgt vom Anteil für erwachsene Personen und Jugendliche.
Anwendung
Bei Kindern richtet sich die Größe der Schutzhosen nach Alter und Gewicht, bei Erwachsenen nach Hüftumfang und zu erwartender Flüssigkeitsmengen. Die Anlegetechnik unterscheidet sich bei Jugendlichen und Erwachsenen nur wenig zu jener bei Säuglingen und Kleinkindern. Bei Stoffwindeln gibt es eine Reihe von Wickeltechniken, welche je nach Art der verwendeten Ausführung zur Anwendung kommen.
Der Hautpflege kommt bei der Anwendung von Windeln eine besondere Bedeutung zu. Die Haut muss beim Windelwechsel vorsichtig von den Ausscheidungen befreit werden, um Hautreizungen zu vermeiden. Zu festes Reinigen, um beispielsweise Salbenreste zu entfernen, kann ebenso zu Hautirritationen, Rötungen und Läsionen führen. Es können Hauterkrankungen auftreten, wie eine Windeldermatitis, wenn die Windeln zu selten gewechselt oder falsche Pflegeprodukte verwendet wurden, oder ein Windelsoor durch Hautpilze, die sich unter günstigen Bedingungen vermehren.
Babypuder, Vaseline sowie Öle und Salben dienen der Hautpflege.
Säuglingspflege Die Windelgröße sollte dem Körpergewicht des Kindes angepasst sein. Sie wird je nach anfallender Urinmenge beim Neugeborenen etwa alle 3 bis 4 Stunden, beim Säugling ca. 5–6 Mal täglich gewechselt, bei Stuhlausscheidung möglichst sofort. Damit das Baby ohne Windel an der Luft strampeln kann (sog. offene Pflege),M. Hoehl, P. Kullick: Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. 3. Auflage. 2008, S. 388, 389. wird im Bettchen eine waschbare, nach unten wasserdichte Unterlage oder eine saugfähige Einwegunterlage (Wickelunterlage) untergelegt.
Alten- und Krankenpflege mini|Inkontinenzhose (Blick auf die Beinöffnung) Windeln werden in der Alten- und Krankenpflege mit den Begriffen Schutzhose oder Inkontinenzhose bezeichnet. Bei zunehmender körperlicher Schwäche, geistiger Beeinträchtigung, krankheitsbedingt oder nach Unfällen mit Wirbelsäulenverletzungen kann es nicht nur bei älteren Menschen zu Harn- oder Stuhlinkontinenz kommen, was eine Anwendung von Inkontinenzhilfsmitteln erfordert. Bei Frauen kann es bei fortgeschrittener Schwangerschaft oder erschlaffter Beckenbodenmuskulatur nötig werden, entsprechende Schutzhosen zum Auffangen von Ausscheidungen zu tragen, wenn andere Varianten wie Slipeinlagen oder Binden nicht ausreichen.
Umwelteinfluss und Nachhaltigkeit Die Diskussion um Einweg- oder Mehrwegwindeln umfasst neben Handhabung und Ökonomie auch die Nachhaltigkeit.
Einwegwindeln werden auf dem Markt als Ökowindeln in umweltfreundlicheren Varianten angeboten. Diese haben einen höheren Anteil biologisch abbaubarer Bestandteile sowie einen erhöhten Anteil von Bestandteilen aus nachhaltigen Ressourcen (bis zu 70 %). Da diese Windeln ebenfalls in den Restmüll und die Müllverbrennung gelangen, ist biologische Abbaubarkeit irrelevant. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen Einwegwindeln ergibt sich aus der Ökobilanz der weniger umweltbelastenden Produktion. Die Stiftung Liebenau betreibt eine Heizanlage mit Windeln aus ihren Kinder- und Altenheimen.Gebrauchte Windeln sind zum Heizen gut. In: Welt Online. 26. Juli 2007.
Anja Backhaus kommt in einem TV-Beitrag nach Befragung der Verbraucherzentrale zu dem Schluss, dass Wegwerf- und Waschwindeln auf eine vergleichbare Ökobilanz kommen. Eine Ökobilanz-Studie der britischen Umweltbehörde kommt zu dem gleichen Ergebnis,Environment Agency: Using Science to create a better place. An update lifecycle assessment study for disposable and reusable nappies. (pdf 170 kB). Bristol 2008, ISBN 978-1-84432-927-4. (englisch) welches jedoch von Verfechtern der Stoffwindel angezweifelt wird.Felix Ruhland: Die Windel-Frage - Ökobilanz am Baby-Popo. In: sueddeutsche.de, 10. Juli 2007. Laut dem Leiter der „Stoffwindel-Kampagne des Womens Enviromental Network“ sollen die Grundannahmen der Studie falsch sein und die Umwelteinflüsse, die sich durch die Müllbeseitigung (Verbrennung) ergeben, würden vernachlässigt.
Die Ökobilanz von Windeln von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung unterscheidet sich für verschiedene Windeltypen deutlich: Während beim Gebrauch von (Mehrweg-)Stoffwindeln Waschmittel benötigt wird und damit belastetes Abwasser anfällt, verbrauchen Einwegwindeln viele Ressourcen bei der Produktion und Entsorgung. Ein Windeldienst, welcher viele Windeln gleichzeitig wäscht, benötigt zwar zusätzliche Energie für den Transport der Windeln, durch die Effizienz bei Aufbereitung größerer Mengen an Stoffwindeln wird dies aber kompensiert.