Otto Paul Eberhard Peltzer (* 8. März 1900 auf Gut Ellernbrook in Drage; † 11. August 1970 in Eutin) war ein deutscher Leichtathlet, der vor allem als Mittelstreckenläufer erfolgreich war. Davon abgesehen betätigte er sich als Journalist, Eugeniker, Lehrer und Trainer.

Peltzers Läuferkarriere begann 1920. 1922 wurde er erstmals Deutscher Meister, bis 1934 folgten weitere 14 Titel. Sein bestes internationales Resultat war ein vierter Rang bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles. Insgesamt stellte Peltzer vier Weltrekorde auf. Selbst „Rassenhygieniker“ und bis 1935 Angehöriger der nationalsozialistischen SS, wurde er in jenem Jahr wegen seiner Homosexualität und Kindesmissbrauchs von der NS-Justiz verhaftet und verurteilt, woraufhin er 1938 nach Schweden und Finnland emigrierte. 1940 wurde ihm seine deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Nach seiner Auslieferung nach Deutschland wurde er von 1941 bis Kriegsende als Zwangsarbeiter im KZ Mauthausen und Ebensee eingesetzt. Er überlebte im KZ Mauthausen eine Operation des berüchtigten SS-Arztes Aribert Heim. Im Nachkriegsdeutschland blieb er ausgegrenzt. Ab 1959 widmete sich Peltzer als Nationaltrainer dem Nachwuchssport in der indischen Leichtathletik. 1967 kehrte Peltzer nach Deutschland zurück, wo er 1970 an den Folgen eines Herzanfalls verstarb.

Familie und Persönliches Otto Peltzer wurde am 8. März 1900 im schleswig-holsteinischen Drage auf dem Gut Ellernbrook als Sohn des Gutsbesitzers Paul Peltzer und dessen Frau Elly, geb. Radbruch geboren. Er hatte einen Bruder und zwei Schwestern. Die Familie starb beim Einmarsch der Roten Armee im späteren Wohnort der Peltzers in Köselitz im Frühjahr 1945. Trotz seiner homosexuellen Neigungen war Peltzer verlobt. Über seine Beziehung zu Gerda May, die kinderlos blieb, ist nichts bekannt.Hans Joachim Teichler, Volker Kluge: Peltzer, Otto Paul Eberhard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2000, S. 170.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 12, 159–160.Otto Peltzer: Umkämpftes Leben: Sportjahre zwischen Nurmi und Zatopek. Verlag der Nation, Berlin 1955, S. 9–10.

Peltzer wirkte schwächlich und galt als krankheitsanfällig. Bei Wettkämpfen sonderte er sich stets vom Team ab. Bei seinen Mannschaftskameraden galt er wegen derartiger Eigenarten als verrückt. Den Spitznamen „Otto der Seltsame“ prägte 1925 der Hürdenläufer Heinrich Troßbach in einem Zeitungsartikel.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 12, 23–24.

Kindheit und Jugend Peltzer erkrankte in jungen Jahren an Kinderlähmung. Als Folge hiervon litt er zeitlebens an einer linksseitigen Verkürzung seiner Extremitäten und Rheumatismus. Zeitweise war er auf einen Rollstuhl angewiesen. Er verbrachte geraume Zeit bei seinem Großvater in Krefeld, wo er eine Privatschule und ein Realgymnasium besuchte. Ab 1913 wurde er an der Oberrealschule in Stargard unterrichtet, die er mit der Oberprima abschloss. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat er der Jugendwehr bei. Dort lief er erstmals auf Zeit und als 17-Jähriger übersprang er im Weitsprung die 6-Meter-Marke. Im Sommer 1918 trat er als Kriegsfreiwilliger und Fahnenjunker in das Grenadier-Regiment „König Friedrich Wilhelm IV.“ (1. Pommersches) Nr. 2 ein. Die Ausbildung erfolgte auf der Fähnrichsschule in Berlin. Sein anschließendes Abitur legte Peltzer als Jahrgangsbester an der Stettiner Bismarck-Oberrealschule ab. Während dieser Zeit und danach war er Mitglied der Jugendbewegung. In dieser verschrieb er sich der Leichtathletik.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 10, 13–18.Otto Peltzer: Umkämpftes Leben: Sportjahre zwischen Nurmi und Zatopek. Verlag der Nation, Berlin 1955, S. 11–19.

Sportliche Karriere 1920–1924: Anfänge und Aufstieg 1920 wurde Peltzer Mitglied im SC Preußen Stettin. Für diesen Verein wurde er in diesem Frühjahr Pommernmeister und siegte über die 400- und 1500-Meter-Distanz bei den Baltenmeisterschaften in Danzig. Bei den anschließenden Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Dresden schied er in den Vorläufen zum 800- und 1500-Meter-Lauf aus. Beruflich sollte Peltzer nach dem Willen der Eltern Ingenieur werden. Doch die Stelle als Volontär bei den Stettiner Vulcan Werken war nichts für ihn. Stattdessen studierte er ab Herbst 1920 in Jena, München und Berlin Rechts- und Staatswissenschaft. Am 29. Mai 1921 schlug er in Berlin-Neukölln den amtierenden Rekordhalter über die 400 Meter Hürden Gerhard von Massow, wofür er die Startberechtigung zum 1. Internationalen Stadion-Sportfest erhielt, das am 3. Juli im Grunewald-Stadion stattfand. Im dortigen 800-Meter-Lauf wurde er Dritter.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 18–21.Otto Peltzer: Umkämpftes Leben: Sportjahre zwischen Nurmi und Zatopek. Verlag der Nation, Berlin 1955, S. 23–39.

Während seiner Berliner Studienzeit wurde Peltzer Mitglied im Verein Deutscher Studenten BerlinLouis Lange (Hrsg.): Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten. Anschriftenbuch 1931. Berlin 1931, S. 168. und besuchte mehrfach die Deutsche Hochschule für Leibesübungen. Dort bekam er Kontakt zu seinem späteren Betreuer Martin Brustmann. Neben seinem Studium verdiente er Geld als Mitgründer und Redakteur der Jugendzeitschrift Reichswacht, die später insolvent ging. Das Blatt stand dem Bund zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft nahe, der die Grundsätze der Rassenhygiene auf Basis der Eugenik vertrat. 1922 gewann Peltzer bei den Deutschen Kampfspielen den 800-Meter-Lauf.Carl Diem, Hans Borowik, Herbert Devantier: Deutsche Kampfspiele 1922. Bericht des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1922, S. 89. Im selben Jahr kurz darauf wurde er bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Duisburg Deutscher Meister im 1500-Meter-Lauf. Ferner egalisierte er die deutschen Rekorde im 500- und 1000-Meter-Lauf.Otto Peltzer: Umkämpftes Leben: Sportjahre zwischen Nurmi und Zatopek. Verlag der Nation, Berlin 1955, S. 40–43. Sportlicher Höhepunkt 1923 waren die Göteborg-Spiele, die als Generalprobe zu den Olympischen Spielen 1924 galten. Dort hoffte Peltzer, der mittlerweile als Reporter für die Ostsee-Zeitung tätig war, gegen Paavo Nurmi antreten zu dürfen. Im 800-Meter-Lauf stürzte er, und über die 1500-Meter-Distanz wurde er hinter Edvin Wide Zweiter. Seine Hoffnung auf die Olympiateilnahme wurde zerstört, als Deutschland nach 1920 abermals von den Spielen ausgeschlossen wurde. Dass Peltzer dort um vordere Plätze hätte mitkämpfen können, bewies er bei dem nach den Spielen stattfindenden Länderkampf Deutschland gegen die Schweiz in Düsseldorf. In dem ausgetragenen 800-Meter-Lauf bezwang er den Silbermedaillengewinner Paul Martin und über die 1500-Meter-Distanz Willy Schärer, ebenfalls Olympiazweiter. Darüber hinaus wurde er 1923 und 1924 vierfacher Deutscher Meister im 800- und 1500-Meter-Lauf.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 22–27, S. 36.Otto Peltzer: Umkämpftes Leben: Sportjahre zwischen Nurmi und Zatopek. Verlag der Nation, Berlin 1955, S. 40–63.

1925–1932: Karrierehöhepunkt mini|links|hochkant|Peltzer am 11. September 1926 nach seinem Weltrekordlauf über 1500 Meter in Berlin 1925 promovierte Peltzer zum Thema „Das Verhältnis der Sozialpolitik zur Rassenhygiene“. In seiner Dissertation stellte er sich hinter die Grundsätze der Eugenik und vertrat die Abschaffung des § 218 StGB. Zwangsmaßnahmen gegen „Entartete“ lehnte er ab. Stattdessen sollten Verbrecher und Geisteskranke zwangssterilisiert werden. „Asoziale“ und schwer entartete Personen sollten von der übrigen Gesellschaft getrennt und in Arbeitskolonien eingesetzt werden. Mit derartigen Veröffentlichungen bereiteten die Vertreter der Eugenik, zu denen Peltzer zählte, den Boden für den späteren Vollzug der Euthanasieprogramme in Hitlerdeutschland. Seine Arbeit wurde mit summa cum laude bewertet.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 28.Theo Rous: Summa summarum. Schwanengesänge eines Funktionärs. Sammlung von Reden und Schriften des Ehrenpräsidenten des DLV. Norderstedt 2014, S. 127–131. Auf sportlicher Ebene wurde Peltzer zweifacher Deutscher Meister im 800- und 1500-Meter-Lauf. Daneben stellte er über die 500- und 800-Meter-Distanz neue deutsche Rekorde auf.

1926 stieg Peltzer in die internationale Läuferelite auf. Im Juni lief er in Budapest gegen László Barsi im 500-Meter-Lauf mit einer Zeit von 1:03,6 min Weltrekord. Nur einen Monat später bezwang Peltzer, der ab Herbst 1926 eine Stelle als Lehrkraft an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf annehmen sollte, bei den englischen Meisterschaften über 880 Yards Olympiasieger Douglas Lowe mit 1:51,6 min, ebenfalls in neuer Weltbestleistung.„Da zu jener Zeit jedoch noch niemand 1:51,1 (sic) über 800 m erreicht hatte, bekam Peltzer diese Zeit auch als 800-m-Weltrekord gutgeschrieben.“ Sportmagazin Kicker vom 31. Mai 1973, Seite 19 Dem folgte am 11. September mit einem Sieg über Nurmi im 1500-Meter-Lauf (3:51,0 min) Weltrekord Nummer drei. Hierfür erhielt Peltzer neben zahlreichen Ehrungen einen Werbevertrag mit der Kaffeerösterei Kathreiner. Darüber hinaus wurde er bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Leipzig viermaliger Deutscher Meister und hatte genauso viele nationale Rekorde gebrochen. Ebenfalls im gleichen Jahr erschien seine Publikation Vergangenheit und Zukunft der deutschen Leichtathletik auf dem Buchmarkt. Peltzers Dominanz führte bei einigen französischen Athleten zu Zweifeln an seinem Amateurstatus, was wiederum eine Untersuchung des Deutschen Sportbundes nach sich zog. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, u. a. die Entgegennahme von riesigen Honorarsummen, ließen sich nicht bekräftigen und blieben ohne Konsequenzen. 1927 wurde er abermals Deutscher Meister und lief am 18. September gegen Séra Martin mit 2:25,8 min im Stade de Colombes über 1000 Meter zu seinem vierten Weltrekord.

Im Winter 1927/28 unternahm Peltzer eine Studienreise in die Vereinigten Staaten von Amerika. Es folgten Einladungen des New Yorkers Bürgermeisters Jimmy Walker und des US-Präsidenten Calvin Coolidge in das Weiße Haus nach Washington. Wieder zurück in Deutschland, zog sich Peltzer bei einem Feldhandballspiel einen Mittelfußbruch zu. Den hierdurch entstandenen Trainingsrückstand konnte er weder bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 1928 noch bei den Olympischen Spielen in Amsterdam wettmachen. So scheiterte er im dortigen Halbfinale des 800-Meter-Laufes, wobei er auch noch in Ungnade der anwesenden deutschen Sportfunktionäre und seiner Mannschaft fiel, als er nach dem Zieleinlauf völlig erschöpft zusammenbrach. Auch im fünften Vorlauf auf der 1500-Meter-Distanz schied er vorzeitig aus.Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900–1970). Parthas Verlag, Berlin 2000, S. 31–57. mini|Das Amsterdamer Olympiastadion im Jahr 1928