mini|Weingut von Othegraven um 1805 im Besitz von Emmerich Grach (1753–1826) mini|Blick vom Kanzemer Berg über das Gutshaus, seinen Park und die Saar auf das Dorf Kanzem(Ortschronik Kanzem 1831) miniatur|Gutshaus und Park vor dem Kanzemer Altenberg (2011) Das Weingut von Othegraven ist ein Traditionsweingut im rheinland-pfälzischen Kanzem an der Saar, im Weinbaugebiet Mosel.
Das Weingut hat aufgrund der Erbfolge mehrfach den Namen gewechselt: Bis 1824 hieß es Grach, bis 1881 Weißebach, bis 1954 J. Weißebach Erben, bis 1968 Maximilian von Othegraven, bis 1995 M. von Othegraven. Sein Besitzer gehörte 1874 zu den Gründern des Deutschen Vereins für die Produktion und Konsumtion des Naturweines, des Vorläufers des Deutschen Weinbauverbands.Deutsche Wein-Zeitung. Central-Organ für den Weinbau und den Weinhandel. Nr. 21, 1. November 1874, S. 88. 1908 war das Gut Gründungsmitglied des Großen Ringes Mosel-Saar-Ruwer, 1910 des Verbandes Deutscher Naturweinversteigerer, Vorläufer des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), der Assoziation der Spitzenweingüter Deutschlands. Der Kanzemer Berg zählte bereits in der preußischen Lagenklassifikation von 1868 zu den Lagen höchster Qualität.
Das Gutshaus, sein englischer Landschaftsgarten und die sich anschließende Lage Kanzemer Altenberg bilden als Gesamtanlage ein Kulturdenkmal und stehen unter Denkmalschutz,Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler Kreis Trier-Saarburg, Mainz o. J., S. 11 – Online-Version (PDF; 6,5 MB). eine Auszeichnung, die sich von Othegraven weltweit mit nur wenigen Weingütern teilt. Das Gutshaus und der Gutspark sind Teil des Naturparks Saar-Hunsrück. vom 14. Februar 1980, § 2 (2). Der Kanzemer Altenberg, der bis zu 85 Prozent Hangneigung aufweist, bildet mit 250 Metern Hanglänge die längste Steillage Deutschlands und eine der längsten Steillagen weltweit.SaarRiesling e. V.: Die Weinlagen der Saar (PDF-Datei; 2,1 MB).
Das bis in das 15. Jahrhundert nachweisbare Weingut wurde 1654 privates Eigentum des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier, Karl Kaspar von der Leyen. Es befindet sich seit 1805 im Besitz des heutigen Eigentümers und seiner Vorfahren, gleich einem Fideikommiss stets ungeteilt vererbt. Dadurch gehört das Weingut zu den wenigen bedeutenden Weingütern, die stets Privatbesitz waren, und nicht zu den ansonsten in Kirchenbesitz befindlichen Spitzenlagen, die erst nach 1803 im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses in weltliche Hände gelangten. 2010 ging das Eigentum in siebenter Generation auf den Journalisten Günther Jauch über.Bernd Freytag: Der beliebteste Deutsche: Günther Jauch wird Winzer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Februar 2010.Rainer Schäfer: Weinregion Saar: Joker Jauch. In: Spiegel Online. 12. April 2012. Jauch ist Nachkomme von Emmerich Grach (1753–1826), welcher das Weingut 1805 von Reichsgraf Philipp von der Leyen-Hohengeroldseck erwarb. An den vom Weingut von Othegraven stammenden Krematoriumswein des Jahrhundert-Jahrgangs 1921 erinnert der seit 1988 jährlich in Trier von der Prinzenzunft der Stadt Trier 1987 e. V. verliehene, nach seinem Stifter benannte Franz-Weißebach-Preis.
Geschichte Als die Römer vor 2000 Jahren an die Saar kamen, trieben dort bereits die keltischen Treverer Weinbau. Die Römer verfeinerten die Methoden und pflanzten Reben in großem Stil an. Seit dem 2. bis 4. Jahrhundert waren alle geeigneten Flächen bei Kanzem mit Wein bewachsen. auf der Website der Ortsgemeinde Kanzem. Im Mittelalter setzten die Klöster den Weinbau fort.Wolfgang Paß: Die Saar und ihre Weine (PDF). In das Jahr 1381 fallen die Anfänge des am Kanzemer Altenberg gelegenen ehemaligen Weinguts des Prämonstratenserklosters Wadgassen, das inzwischen dem Priesterseminar Trier gehört. 1787 verfügte Clemens August, letzter Erzbischof und Kurfürst von Trier, dass in seinem Herrschaftsbereich nur noch Riesling zu kultivieren sei. Zwar bildete Kanzem – wie auch Wiltingen – seit dem 11. Jahrhundert eine Enklave des Herzogtums Luxemburg, wurde jedoch 1795 unter französischer Herrschaft dem Département des Forêts zugeschlagen und auf dem Wiener Kongress 1815 dem neu gebildeten Landkreis Saarburg zugeordnet und ist seitdem mit den übrigen Weinbaugebieten der Saar auch politisch vereint.
Eigentümer miniatur|Franz Anton Weißebach (1778–1857) (Ölgemälde von J. A. Ramboux)Heddy Neumeister: Vor hundert Jahren. In: Rheinische Heimatblätter. Februar 1930, S. 24. mini|Franz Weißebach (1860–1925) – Gedenktafel an der Stadtmauer im Trierer Palastgarten, hinter der eine Flasche J. Weißebach Erben des Jahrgangs 1921 eingemauert ist mini|Obelisk im Garten des Weinguts in Erinnerung an Emmerich Grach, seine Ehefrau Anna Maria, geb. Wellken (gest. 1813) und seine Tochter Katharina mini|Günther Jauch (2023) vor dem Kanzemer Altenberg Seit etwa 1500 gehörte das Weingut der Familie von Metzenhausen. 1604 errichtete der damalige Besitzer Peter von Metzenhausen ein Kelterhaus, das noch heute den Baukern des Gutshauses bildet. 1654 kam das Gut in den Besitz der Familie von der Leyen. Im Reichsdeputationshauptschluss 1803 verloren die von der Leyen ihre linksrheinischen Besitzungen. In der Folge erhielt Reichsgraf Philipp von der Leyen-Hohengeroldseck (1766–1829) durch kaiserlich-französisches Dekret jedoch einen Teil des Besitzes zurück,Gerhart Nebinger: Leyen, v. der. In: Neue Deutsche Biographie. 14. Band. Berlin 1985, S. 431. darunter das Weingut in Kanzem.
1805 verkaufte er das Weingut an den Trierer Fabrikanten, Kaufmann und Beigeordneten Emmerich Grach (1753–1826). Dieser hatte bereits 1803 mit Peter Ludwig Mohr, dem späteren Schwiegervater seines Sohnes Johann Georg, eine Hälfte des säkularisierten Weinguts der Trierer Reichsabtei St. Maximin in Oberemmel erworben,Die andere Hälfte ging an den Reichsgrafen von Kesselstatt. Der Grachsche Teil befindet sich als Weingut von Hoevel bis heute in der Hand von Emmerich Grachs Nachkommen von Kunow. Vgl. , dessen heutiger Eigentümer, Eberhard von Kunow, seit 2004 fünfter Vorsitzender des Großen Ringes VDP Mosel-Saar-Ruwer ist. 1806 kaufte Grach in Kues das Drittelgut des Barons de Baring und in der Folge das Weingut Josef Sproß. 1812 erwarb er von dem Trierer Bankier Johann Josef Reverchon dessen Weingut in Wawern, das ehemalige Hofgut des Trierer Domkapitels mit der Lage Wawerner Herrenberg.Hermann Ritter: Der Wawerner Herrenberg (Weingut Lintz). Wawern 1924. Emmerich Grachs Tochter Anna Johanna Grach (1784–1856) heiratete den Verleger und Stadtrat zu Trier Jakob Lintz (1776–1848), die das Weingut erbten. Vgl. Isabel Pies: Die Geschichte der Familie Lintz Koblenz und Trier 1650–2004 ( ) Mit seinem Sohn Joseph nahm Grach einen Weinhandel auf von Oberemmel nach Bonn, Köln, Düsseldorf und Mülheim. Grachs Tochter Katharina (1789–1826), die mit Franz Anton Weißebach (1778–1857) verheiratet war, erhielt das Kanzemer Weingut, inzwischen um die hinzugekauften Flächen des Luxemburgers de Waha am Kanzemer Altenberg vergrößert, 1824 von ihrem Vater übergeben, starb aber nur zwei Monate nach seinem Tod.
Das Weingut kam in den Besitz des Sohnes Julius Weißebach (1822–1881) und seiner Frau Anna Maria Schoemann (1833–1899). Deren Kinder führten den Gutsbetrieb in ungeteilter Erbengemeinschaft als J. Weißebach Erben fort, wobei Carl Weißebach das Gut verwaltete. Sein Bruder Franz Weißebach (1860–1925) wurde bekannt als schalkhafter Stifter des Krematoriumsweins und des Trierer Palastgartens. Die Brüder waren kinderlos, so dass Carl Weißebach das Gut 1922 an seinen Neffen Maximilian von Othegraven aus der Ehe seiner Schwester Josephine Weißebach (1859–1934) mit dem Großkaufmann Wilhelm von Othegraven (1842–1915) übergab. Mitte der 1950er Jahre erwarb Maximilian von Othegraven die Anteile seiner Geschwister bzw. seines Schwagers Hans Jauch und nannte das Weingut Maximilian von Othegraven. Nach seinem Tod 1968 führte seine Witwe Maria von Othegraven, geb. Baum, (1899–1995)Tochter von Adam Baum und Sophie Werhahn, vgl. Peter Werhahn – Person und Familie, vgl. mit Porträt. das Weingut unter dem Namen M. von Othegraven fort. Auch diese Ehe war kinderlos. 1995 erbte Dr. Heidi Kegel, geb. Baum, Nichte von Maria von Othegraven, das Weingut, das seitdem den Namen von Othegraven führte. 2010 verkaufte sie das Weingut an Günther Jauch, einen Enkel von Elsa von Othegraven, und damit wieder in die Linie der direkten Nachfahren Emmerich Grachs.
Gutshaus Das bereits Anfang des 17. Jahrhunderts dokumentierte Kelterhaus wurde von Emmerich Grach zu Beginn des 19. Jahrhunderts um einen Wohntrakt erweitert und als Sommersitz genutzt. 1875 wurde der Wohnteil des bis dahin eingeschossigen Kelter- und Wohnhauses aufgestockt. 1925 wurde das Kelterhaus erneuert. Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gutshaus durch vorrückende amerikanische Truppen zerstört, die am 24. Februar 1945 auf der gegenüberliegenden Saarseite Kanzem erreicht hatten. Die Wehrmacht hatte zuvor den Saargau aufgegeben und sich hinter die Saar zurückgezogen.Vgl. Thomas Müller: . Website der Gemeinde Wiltingen. „Als die Kampfhandlungen zu Ende waren, lag das Wrack eines amerikanischen Kampfflugzeugs im Scharzhofberg, das Gutshaus von Weißebach Erben (heute von Othegraven) in Kanzem war durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt, der Kanzemer Berg (Altenberg), an dessen Fuß die Wehrmacht eine Artilleriestellung aufgebaut hatte, war durch Schützengräben und Bombentrichter in Mitleidenschaft gezogen.“Festschrift 100 Jahre Großer Ring Mosel-Saar-Ruwer. Trier 2008, S. 41. In den Jahren 1954 bis 1956 entstand ein Neubau nach Plänen des Trierer Stadtbaumeisters Heinrich Otto Vogel (1898–1994),Vgl. Claudia Maas et al.: Heinrich Otto Vogel. Baumeister in Zeiten des Umbruchs. Katalog zur Ausstellung des Bischöflichen Generalvikariates Trier. Trier 1990. der die erhaltenen tonnengewölbten Keller und Mauerteile des ersten Kelterhauses einbezog. Vogel war einer der Hauptvertreter der „interpretierenden Denkmalpflege“, „welche den alten Baugedanken aus dem Geist und mit den Mitteln unserer Zeit“ auslegte.Ulrich Pantle: Leitbild Reduktion. Beiträge zum Kirchenbau in Deutschland von 1945 bis 1950. Dissertation. Universität Stuttgart, 2003, S. 376 (PDF; 1,51 MB). Dementsprechend lehnt sich der Neubau an die bauliche Tradition an. Über dem Eingang eingemauert ist das auf 1604 datierende Wappen derer von Metzenhausen und von Hagen neben dem Allianzwappen von Othegraven-Streithagen. „Dieses Weingut gehört zu den schönsten Anlagen“ (Stuart Pigott)Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands. 1997. und fügt sich harmonisch zu dem Dorf Kanzem, Seriensieger des Wettbewerbs Unser Dorf hat Zukunft und Zweiter Sieger des Europäischen Dorferneuerungspreises 2000.
Park Der Park ist in einem Bestandsplan von ca. 1805 als Baumgarten mit angrenzendem Wiesenland verzeichnet. 1812 wurde das Gelände zu einem Park umgestaltet. Seine heutige Gestalt erhielt der Park in den 1950er Jahren. Er ist als englischer Landschaftsgarten ausgestaltet und umfasst eine Fülle seltener und exotischer Gehölze, die eine dendrologisch außergewöhnliche Sammlung mit fast fünfzig verschiedenen Baumarten bildet. Im Park befindet sich ein kugelbekrönter Gedenkobelisk der Familien Grach und Weißebach aus der Zeit um 1812.
Weine mini|Titelblatt der Weinpreisliste der Gesellschaft Casino Coblenz 1908