mini|hochkant=2|Gegenwärtige Verbreitung germanischer Sprachen

Die germanischen Sprachen sind ein Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Sie umfassen etwa 15 Sprachen mit rund 500 Millionen Muttersprachlern, über 1,5 Milliarden einschließlich der Zweitsprecher. Ein charakteristisches Phänomen aller germanischen Sprachen gegenüber den anderen indogermanischen Sprachen sind die Veränderungen im Konsonantismus durch die germanische Lautverschiebung.

Dieser Artikel dient der Gesamtdarstellung der germanischen Sprachen. Auf Untergruppen und einzelne Sprachen und ihre Dialekte wird verwiesen. Die urgermanische Sprache wird in einem separaten Artikel behandelt.

Die großen germanischen Sprachen Insgesamt zehn germanische Sprachen besitzen jeweils mehr als eine Million Sprecher.

Englisch ist die sprecherreichste germanische Sprache mit rund 330 Millionen Muttersprachlern und über einer Milliarde Zweitsprechern. Deutsch wird von etwa 100 Millionen Muttersprachlern und mindestens 80 Millionen Zweitsprechern gesprochen. Niederländisch (25 Millionen) Schwedisch (10 Millionen) Afrikaans (6,7 Millionen, mit Zweitsprechern 16 Millionen) Dänisch (5,5 Millionen) Norwegisch (5 Millionen; Bokmål und Nynorsk) Niederdeutsch (ca. 2 Millionen)Zitiert nach Astrid Adler et al.: , S. 15, in: Institut für Deutsche Sprache, 2016, abgerufen am 9. Mai 2020. Scots (1,5 Millionen; Stellung als eigene Sprache umstritten) Jiddisch (500.000Lea Schäfer: Yiddish. In: Oxford Research Encyclopedias / Linguistics, 2023, . – 670.000Eliyahu Benedict: Yiddish among Former Haredim. In: Journal of Jewish Languages 10 (2022), S. 224–266, hier S. 226.; vor dem Zweiten Weltkrieg noch zwischen 6 und 7 MillionenLucy Dawidowicz: Yiddish: Past, Present & Perfect. In: Commentary 33, 1962, S. 375–385, zitiert in Alec Eliezer Burko: Saving Yiddish: Yiddish Studies and the Language Sciences in America, 1940–1970. Doktorarbeit am Jewish Theological Seminary von 2019, S. 22. und 11–13 MillionenNeil G. Jacobs: Yiddish. A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 3. Diese Zahl beruht auf Schätzungen von Salomon Birnbaum und Max Weinreich und geht auf die Gesamtzahl aller in Ostmitteleuropa und Osteuropa lebenden bzw. von dort stammenden Juden aus, ignoriert also die sprachliche Assimilation etwa in Russland, Polen und den Vereinigten Staaten von Amerika; vgl. Alec Eliezer Burko: Saving Yiddish: Yiddish Studies and the Language Sciences in America, 1940–1970. Doktorarbeit am Jewish Theological Seminary von 2019, S. 19 ff. und passim.)

Die West-Nord-Ost-Gliederung der germanischen Sprachen Die Dreiteilung der germanischen Sprachen in West-, Nord- und Ostgermanisch ist von Anfang der schriftlichen Überlieferungen sichtbar. Es darf bezweifelt werden, ob dieser Dreiheit jemals ein vollkommen einheitliches „Urgermanisch“ zugrunde gelegen hat (siehe unten die ausführliche Klassifikation). Die Sprachgrenze zwischen Nord- und Westgermanisch wird heute durch die deutsch-dänische Grenze markiert und lag früher etwas weiter südlich an der Eider.

Westgermanische Sprachen Zu den westgermanischen Sprachen gehören: Englisch, Deutsch, Niederländisch, Afrikaans, Niederdeutsch, Jiddisch, Luxemburgisch, Friesisch und Pennsylvania Dutch. Nordgermanische Sprachen Dazu gehören: Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Färöisch und Isländisch. Ostgermanische Sprachen Alle ostgermanischen Sprachen sind ausgestorben. Die bestüberlieferte ostgermanische Sprache ist Gotisch.

Die Klassifikation der germanischen Sprachen hochkant=1.35|mini| Aktuelle Verbreitung der germanischen Sprachen in Europa: Nordgermanische Sprachen

Westgermanische Sprachen

Rote Linie: Grenze zwischen Nord- und Westgermanisch

Einteilung der heutigen germanischen Sprachen Der germanische Zweig des Indogermanischen umfasst heute 15 Sprachen mit insgesamt rund 500 Millionen Sprechern. Einige dieser Sprachen werden von manchen Forschern nur als Dialekte betrachtet (siehe unten). Diese 15 Sprachen können nach dem Grad ihrer Verwandtschaft wie folgt klassifiziert werden (die Sprecherzahlen beziehen sich auf Muttersprachler):

Germanisch (15 Sprachen mit insgesamt 490 Millionen Sprechern): Westgermanisch: Niederdeutsch: Niederdeutsch (ca. 2 MillionenZitiert nach Astrid Adler et al.: , S. 15, in: Institut für Deutsche Sprache, 2016, abgerufen am 9. Mai 2020.) Plautdietsch (500.000) Niederfränkisch: Niederländisch (25 Millionen) Afrikaans (6 Millionen; 16 Millionen inkl. Zweitsprecher) Limburgisch (2 Millionen) Hochdeutsch: Deutsch (100 Millionen; 180 Millionen inkl. Zweitsprecher) Jiddisch (1,5 Millionen) Luxemburgisch (Lëtzebuergesch) (300.000) Pennsylvania Dutch (100.000) Friesische Sprachen (400.000) (Westfriesisch, Nordfriesisch, Ostfriesisch [Saterländisch]) Englisch (340 Millionen; mind. 1,4 Milliarden inkl. Zweitsprecher) Nordgermanisch: Skandinavisch: (Festlandskandinavisch) Dänisch (5,5 Millionen) Schwedisch (10 Millionen) Norwegisch (5 Millionen) (Bokmål und Nynorsk) Isländisch-Färöisch: (Inselskandinavisch) Isländisch (300.000; 350.000 inkl. Zweitsprecher) Färöisch (65.000)

Die Grundlage dieser Klassifikation ist der Weblink „Klassifikation der indogermanischen Sprachen“,Ernst Kausen: Die Klassifikation des Indogermanischen und seiner Zweige. (MS Word; 220 kB) der für das Germanische vor allem auf Robinson 1992 basiert. Die aktuellen Sprecherzahlen entstammen Ethnologue 2005 und offiziellen Länderstatistiken.

Da die Grenzen zwischen Sprachen und Dialekten fließend sind, werden z. B. Luxemburgisch, Plautdietsch, Pennsylvanisch und Niederdeutsch nicht von allen Forschern als Sprachen betrachtet, Schwyzerdütsch und Schottisch (Scots) dagegen von anderen als weitere eigenständige westgermanische Sprachen angesehen. Ein weiteres Beispiel: Die beiden Varianten des Norwegischen (Bokmål und Nynorsk) werden von einigen Skandinavisten als separate Sprachen betrachtet, wobei dann Bokmål in die Nähe des Dänischen, Nynorsk in die Nähe des Isländisch-Faröischen rückt.

Historische Klassifikation mini|alt=Karte Nordeuropas mit den germanischen Sprachen des frühen Mittelalters|Die ungefähre Ausdehnung der germanischen Sprachen um 900 n. Chr.: Kontinentalwestgermanisch grün, Altenglisch gelb, Altostnordisch orange, Altwestnordisch rot, Altgutnisch pink, Ostgermanisch blau

Während die obige Klassifikation eine Gliederung der heute existierenden germanischen Sprachen bietet, sollten folgenden Darstellungen einen historischen Einblick vermitteln, da auch die ausgestorbenen germanischen Sprachen aufgeführt werden. Schematische Darstellung der Ausgliederung der historischen germanischen Sprachen bis zum 9. Jahrhundert, nach Stefan Sonderegger:Diagramm basiert auf: Stefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache. In: Kurzer Grundriß der germanischen Philologie bis 1500. Hrsg. von Ludwig Erich Schmitt. Band 1: Sprachgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin 1970, S. 289.

In der unterstehenden Aufzählung werden nicht belegte, aber erschließbare Zwischenglieder durch * gekennzeichnet. Insbesondere über die historische Gliederung der westgermanischen Sprachen gibt es bisher keinen vollständigen Konsens, die folgende historisch orientierte Darstellung (nach Maurer 1942, Wiesinger 1983, dtv-Atlas Deutsche Sprache 2001, Sonderegger 1971, Diepeveen, 2001) gibt aber die mehrheitlich vertretene Forschungsrichtung wieder. Dabei wird das Westgermanische nicht als ursprüngliche genetische Einheit aufgefasst, es hat sich erst später aus seinen Komponenten Nordseegermanisch, Weser-Rhein-Germanisch und Elbgermanisch durch Konvergenz herausgebildet. Aus dieser Darstellung wird auch klar, dass die Dialekte des Deutschen verschiedenen Zweigen des „Westgermanischen“ angehören, Deutsch also nur in Form seiner Dialekte in einen historischen germanischen Stammbaum integrierbar ist.

Erklärung der Symbole: † steht für eine ausgestorbene Sprache. Ⓢ symbolisiert, dass es eine standardisierte Schriftform dieser Varietät oder Dialektgruppe gibt.

Germanisch Gemeingermanisch Oder-Weichsel-Germanisch (Ostgermanisch) †: Für die einzelnen Sprachen siehe Ostgermanische Sprachen#Sprachen Spätgermanisch Nordgermanisch Urnordisch † Altnordisch † Westnordisch Altisländisch † Isländisch Ⓢ Altfäröisch † Färöisch Ⓢ Norn † Altnorwegisch † Norwegisch-Nynorsk Ⓢ Ostnordisch Altschwedisch † Schwedisch Ⓢ Altdänisch † Dänisch Ⓢ Fünisch Schonisch Bornholmisch Südjütisch Norwegisch-Bokmål Ⓢ Westgermanisch (Südgermanisch) Rhein-Wesergermanisch Altfränkisch † Westfränkisch † West-Altfränkisch (Niederfränkisch) Altniederländisch † Mittelniederländisch † Neuniederländisch Niederländisch Ⓢ Westflämisch Westhoekflämisch Ostflämisch Brabantisch Holländisch Seeländisch Kleverländisch (Hat seit dem 19. Jahrhundert Standarddeutsch als Dachsprache) Afrikaans (Halbkreolsprache) Ⓢ Limburgisch (Südniederfränkisch) Ost-Altfränkisch (Untergegliederte Varietäten gehören nach dem 9. Jahrhundert zum Hochdeutschen) Mittelfränkisch Ripuarisch Moselfränkisch Luxemburgisch Ⓢ Rheinfränkisch Hessisch Pfälzisch Pennsylvanisch Thüringisch-obersächsische Dialektgruppe Schlesisch Hochpreußisch Nordseegermanisch Altfriesisch † Friesisch Westfriesisch Ⓢ Nordfriesisch Ostfriesisch Saterländisch Altenglisch † Mittelenglisch † Neuenglisch Englisch Ⓢ Scots Altsächsisch † Mittelniederdeutsch † (Neu-)Niederdeutsch Nördliches Niederdeutsch Nedersaksisch (hat seit dem 15. Jahrhundert Niederländisch als Dach-/Kultursprache) Nordniedersächsisch Mecklenburgisch-Vorpommersch Ostpommersch Niederpreußisch Südliches Niederdeutsch Westfälisch Ostfälisch Brandenburgisch Plautdietsch (Mischform aus Ostniederdeutsch und niederländischen Varietäten) Elbgermanisch Semnonisch † Hermundurisch † Quadisch † Markomannisch † Langobardisch † Althochdeutsch †: umfasst auch Altbairisch † und Altalemannisch † Mittelhochdeutsch † (siehe auch Untergliederungen von Ostaltfränkisch) Jiddisch Westjiddisch Ostjiddisch Neuhochdeutsch Deutsch Standarddeutsch Ⓢ Ostfränkisch Bairisch Nordbairisch Südböhmisch Mittelbairisch-Österreichisch Südbairisch-Tirolerisch Alemannisch Niederalemannisch Mittelalemannisch Hochalemannisch Höchstalemannisch Schwäbisch

Sieht man von den lateinischen Inschriften, die germanische Namen enthalten (einschließlich des Helms von Negau in der Steiermark) ab, so liegen die frühesten, etwa um 200 n. Chr. beginnenden einheimischen Sprachzeugnisse auf dem Gebiet des Nordgermanischen vor: eine beschränkte Zahl von z. T. noch hochaltertümlichen Runeninschriften, deren Sprachform man als „Urnordisch“ bezeichnet. Aus diesem Urnordischen geht in der Wikinger-Zeit das „Altnordische“ (700–1500) hervor, wobei eine allmähliche Zweiteilung in Ostnordisch (Dänisch und Schwedisch) und Westnordisch (Norwegisch und Isländisch) erkennbar wird. Am wichtigsten ist wegen des reich entwickelten Schrifttums (Edda, Skalden-Poesie, Saga-Literatur) in ältester Zeit das Westnordische, vor allem das Alt-isländische, welches man deswegen bei dem Begriff „Altnordisch“ auch in erster Linie im Auge hat.