Das Bhagavatapurana (Sanskrit, भागवतपुराण, ) ist eine der heiligen Schriften des Hinduismus nach vishnuitischer Prägung.

Etymologie mini|hochkant=1.6|Doppelter Wassertropfen

Das Bhagavatapurana, in etwa: „Das alte Buch von Gott“, wird auch als Srimad Bhagavatam, Srimad Bhagavata Mahapurana oder einfach nur als Bhagavata bezeichnet. Ein Bhagavata (bhāgavata – भागवत) ist ein Verehrer Vishnus. Bhagavata leitet sich seinerseits von Bhagavan (भगवान्) ab – einer Anrede Gottes. Gemeint ist Krishna, der Avatara Vishnus und die transzendentale, ursprüngliche Persönlichkeit Gottes. Purana (पुराण) hat vorerst die Bedeutung altertümliche oder traditionelle Überlieferung. Purana kann aber auch aus pūraṇam (Ergänzung, Vervollständigung) bzw. aus dem Adjektiv pūrṇa (पूर्ण) mit der Bedeutung vollständig oder komplett abgeleitet sein. Srimad oder Srimat (śrīmat – श्रीमत्) ist ein religiöser Ehrentitel mit der Bedeutung strahlend, heilig, prächtig oder ruhmreich (von श्री – Reichtum). Die Nachsilbe mat (मत्) kann mit -besitzend, -habend umschrieben werden und ist somit ein Possessivum (nicht zu verwechseln mit mata (मत) – Religion). Maha (von महत्) meint großartig, umfangreich, enorm.

Überblick mini|hochkant=1.6|Krishna und die Gopis. Miniatur aus einem Bhagavatapurana-Manuskript von 1760–1765

Das Bhagavatapurana wurde von dem Weisen Vyasa verfasst und das erste Mal von seinem Sohn Shuka beim Tode von König Parikshit rezitiert, dessen gesamtes Leben Krishna gewidmet war. Bevor Parikshit starb, wollte er noch einmal von den Taten Krishnas vernehmen.

Im Gegensatz zur Bhagavad Gita, die Bhakti eher theoretisch beschreibt, ist das Bhagavatapurana ein praktischer Ratgeber. Es definiert den Dharma und beschreibt Gott in seiner menschlichen Erscheinung. Integriert in den devotionellen Aspekt werden Themen aus der monistischen Philosophie des Advaitas von Adi Shankara, aus dem qualifizierten Monismus des Vishishtadvaitas von Ramanujacharya und aus dem Dualismus des Dvaita Vedantas von Madhvacharya. Wie auch andere Puranas behandelt das Bhagavatapurana zahlreiche Themen wie beispielsweise Kosmologie, Astronomie, Genealogie, Mythen, Geographie, Musik, Tanz und Yoga.

Mit Einsetzen der Handlung haben die Kräfte des Bösen – die Asuras – den Kampf gegen die glückverheißenden Devas gewonnen und beherrschen jetzt das Universum. Die Wahrheit kehrt aber mit Krishna, der im Text als Hari oder als Vasudeva tituliert wird, zurück. Krishna schließt anfangs Frieden mit den Dämonen, versucht sie zu verstehen, besiegt sie aber schließlich auf raffinierte Weise. Somit kann Hoffnung, Gerechtigkeit, Freiheit und Freude wieder in die Welt einkehren – eine Thematik, die sich auch in vielen anderen Legenden findet.

Das Bhagavatapurana ist eines der berühmtesten Puranas. Es verkündet Vishnu bzw. Krishna als höchsten Gott. Vishnu wird auch als Bhagavan angeredet, die Anhänger Vishnus (Vaishnavas) werden auch Bhagavatas genannt.

Das Bhagavatapurana wird vom Padma Purana als Sattva Purana (Purana der Reinheit und Göttlichkeit) angesehen. Wer es mit Hingabe liest und rezitiert wird befreit von den Fesseln der Wiedergeburt. Das Bhagavatapurana erklärt Mahavishnu (Narayana) zum Parabrahman, zum Höchsten Herrn. Mahavishnu erschafft zahllose Universen und manifestiert sich in jedem einzelnen. Durch seine Rajas Guna erschafft er als Brahma vierzehn Welten innerhalb eines jeden Universums. Durch seine Sattva Guna erhält er als Vishnu diese Universen, durch seine Tamas Guna löst er sie als Shiva wieder auf. Diese Dreiheit der Gottheiten ist nicht verschieden von Mahavishnu, sondern sind nur als Teilaspekte seiner selbst anzusehen.

Inhalt In ursprünglich 18.000 Versen, die auf 12 Kapitel oder Bücher (skandha – स्कन्ध) mit insgesamt 332 Abschnitten (adhyāya – अध्याय) aufgeteilt sind (es sind aber jetzt nur noch maximal 14.172 Verse erhalten), erzählt das Bhagavatapurana Geschichten von Vishnu und seinen Avataras, von denen der bekannteste Krishna ist. Im 10. Buch, das circa ein Viertel des Gesamtwerks umfasst, werden die Kindheit und die Jugend Krishnas behandelt, der mit seinem Charme und seiner Schönheit die Hirtenmädchen (Gopis) seines Dorfes in seinen Bann zieht. Die ekstatische Liebe dieser Mädchen zu Krishna gilt als Symbol für Bhakti – die mystische Sehnsucht und Liebe der Seele nach Gott.J. M. Sanyal: The Srimad-Bhagavatam. Band 2, 3. Auflage. Munshiram Manoharlal Publishers, Neu-Delhi 1984, S. 127

Erster Skandha mini|hochkant=1.6|Krishnas Mutter Yasoda schmückt das Kind

Der erste Skandha besteht aus insgesamt 19 Adhyāyas. Er beginnt mit einer Anrufung Krishnas und behauptet, dass das von Vyasadeva zusammengestellte Srimad Bhagavatam vollkommen ausreicht, um Gottesverwirklichung zu erlangen. Die Rahmenerzählung setzt zu Beginn des Kali-Yugas ein und lässt uns am Dialog zwischen Shukadeva Goswami, einem Sohn Vyasadevas, und einer Gruppe von Weisen unter der Führung von Shaunaka teilhaben. Die Weisen zelebrieren im Wald von Naimiṣāraṇya ein tausend Jahre währendes Opfer an Krishna und seine Geweihten. Shukadeva behandelt im ersten Skandha unter anderem die Geburt des im Mutterleib von Krishna beschützten Parikshits nach dem Ende des vernichtenden Kriegs von Kurukshetra das Auftreten Naradas und seine Unterweisungen an Vyasadeva, wie das Srimad Bhagavatam zu verfassen sei die inspirierende Meditation Vyasadevas am Westufer der Sarasvati über Zusammenstellung und Revision des Puranas Vyasadeva übermittelt seinem bereits erlösten Sohn Shukadeva das Bhagavatapurana Das Fortgehen Krishnas und einsetzende Zeichen für den Beginn des Kali-Yugas Rückzug der Pandavas (mit Yudhishthira) und Krönung Parikshits Versuche Parikshits, den Einfluss des Kali-Yugas einzudämmen und seine Verfluchung durch einen Brahmanenjungen, innerhalb von sieben Tagen zu sterben Parikshits Aufgabe. Er entschließt sich, bis zum Eintritt seines Todes (Prayopavesha) am Gangesufer hingebungsvoll über Krishna zu meditieren Zu Parikshits Fasten gesellen sich die Weisen Narada und Bhrigu mit ihrer Gefolgschaft sowie Suta Goswami.

Auszug – Vers 1.3.38

Zweiter Skandha mini|hochkant=1.6|Das kosmische Ei Hiranyagarbha

Der zweite Skandha umfasst 10 Adhyāyas. Er beginnt mit einer Anrufung Krishnas. Die zweite Schicht der übergreifenden Erzählung enthält einen Dialog zwischen Shukadeva und Parikshit am Gangesufer – wiedererzählt von Shukadeva an die Weisen unter Saunaka im Naimiṣāraṇya-Wald. Auf die Fragen Parikshits werden folgende Themen angesprochen: das transzendentale, höchstrangige, ewige und reine Wesen Krishnas Darstellung Krishnas in seiner universellen Vishvarupa und als Mahavishnu, sowie seiner Avatare und deren Zweck Ablauf und Gesetzmäßigkeiten bei der Erschaffung und der Zerstörung des Universums Bewusstwerdung Gottes, Bhakti Yoga, devotionelle Pflichten und Notwendigkeit eines spirituellen Lehrmeisters (Guru) Vedisches Wissen, Wirkeigenschaften der Urmaterie (Gunas), Karma, falsches materialistisches Ichbewusstsein, durch Unwissenheit erzeugte Illusionen und Leiden Unterteilung der Gesellschaft in Kasten (Varna), gewöhnliche Glaubenszugehörigkeiten, Gegenüberstellung von Glauben und Atheismus

Auszug – Vers 2.5.35

Dritter Skandha mini|hochkant=1.6|Varaha hievt die Erde aus dem Kosmischen Ozean

Der dritte Skandha enthält immerhin 33 Adhyāyas. In ihm setzt sich der Dialog zwischen Shukadeva und Parikshit am Gangesufer fort. Erzählt wird hauptsächlich von Vidura, einer Inkarnation Yamas, der aus der Arbeiterkaste stammte, aber dennoch ein Geweihter Krishnas war. Nachdem er von seinem älteren Halbbruder König Dhritarashtra aus seiner Heimstatt herausgeworfen worden war, weil er das ruchlose Verhalten der Kauravas gegenüber den Pandavas verabscheute, begab sich Vidura auf Pilgerschaft. Auf seinen Wanderungen traf er auf andere Geweihte Krishnas wie beispielsweise Uddhava und den Weisen Maitreya. Viduras Unterhaltungen mit diesen Geweihten bildet innerhalb des Bhagavatapuranas eine dritte übergreifende Erzählungsparabel. Folgende, von Shukadeva, Uddhava und Maitreya angeschnittene Themen wurden hierbei erörtert: Erinnerungen an, Eigenschaften von und Zeitvertreib in Vaikuntha, dem transzendentalen Reich Krishnas Virat-Rupa, die universelle Gestalt Vishnus, die im Schlaf befindliche materielle Energien im Schöpfungsvorgang wiederbelebt (wobei Kali nur die äußere Energie des Herrn repräsentiert) Erscheinen Brahmas aus dem Lotos von Garbhodakasayi Vishnu. Die Gebete Brahmas an Krishna, die Erschaffung der Lebewesen und das Auftauchen der Veden Verfluchung von Jaya-Vijaya durch die vier Vier Kumaras und ihre Inkarnation als die Dämonen Hiranyaksha und Hiranyakashipu Varaha – Vishnus Eber-Inkarnation – hievt die Erde aus den Tiefen des Kosmischen Ozeans und vernichtet Hiranyaksha Der Avatara Kapila tritt auf und erläutert die Philosophie des Samkhyas und des Bhakti-Yogas Erörterungen der Funktionsweisen der materiellen Natur, der verschiedenen Einteilungen der Schöpfung und der Berechnungsverfahren der Zeit.

Auszug – Vers 3.25.25

Vierter Skandha mini|hochkant=1.6|Vishnu erscheint Dhruva

Im aus 31 Adhyāyas zusammengesetzten vierten Skandha setzten sich die Dialoge zwischen Shukadeva, Uddhava und Maitreya weiter fort. Darüber lagern sich weitere Dialoge, wie beispielsweise zwischen Narada und König Prachina-barhis – wie von Maitreya dem Vidura übermittelt. Die behandelten Themen fokussieren auf die weiblichen Abkömmlinge Svayambhuva Manus und lauten wie folgt: Genealogien der Töchter Svayambhuva Manus und Dhruvas, des Enkels Svayambhuva Manus Feindschaft zwischen Daksha und Shiva, Feuertod Satis (Shivas Frau und Tochter Dakshas) und Shivas Angriff auf die Zeremonie Dakshas Befreiung des jungen Weisen Dhruva verbunden mit dem Rat Naradas. Vishnu erscheint Dhruva in einer Vision und Kämpfe zwischen Dhruva und den Yakshas der tyrannische König Vena wird von Brahmanen getötet. Erscheinen des Avataras Prithu, um den Reichtum der Erde wiederherzustellen allegorische Beschreibungen und Charaktereigenschaften König Puranjanas, der als Frau wiedergeboren wurde, da er bei seinem Tod an seine Gattin dachte Taten der Prachetasas, unter anderem ihr Treffen mit Shiva, ihre Belehrung durch Narada und ihre endgültige Befreiung Eigenschaften Krishnas, die Hingabe der Vaishnavas im Bhakti Yoga, die Seele als Atman, die Überseele als Paramatman und Erdenleben.

Auszug – Vers 4.16.17

Fünfter Skandha mini|hochkant=1.6|Dem Rishabha geweihter Jain-Tempel in Ranakpur

Der fünfte Skandha besteht aus 26 Adhyāyas und konzentriert sich auf das Gespräch zwischen Shukadeva und Parikshit am Gangesufer. Gleichzeitig finden aber weitere Unterredungen statt, so zwischen dem Avatara Rishabha und seinen Söhnen und zwischen Bharata und König Rahugana (letzterer galt als ein Narr, der als Sänftenträger Bharatas fungierte). Folgende Themen kommen zur Sprache: Erscheinen, Leben und Lehren des öffentlich verspotteten Avataras Rishabha, des ersten Tirthankara (spiritueller Lehrmeister) des Jainismus Auftreten von Hayagriva und Rückgabe des vedischen Wissens an Brahma Taten, Charakter, Lehren und Befreiung von König Bharata (der sich in einem Reh und dann angeblich in einem idiotischen Brahmanen inkarnierte) Taten und Nachkommen von König Priyavrata, dessen Wagenräder die sieben Weltmeere mit ihren Inseln (d. h. den Kontinenten) erschufen Beschreibungen des Universums, der Sonne, der Planetenbahnen sowie der himmlischen als auch der höllischen Planeten Dahinfließen des Ganges und Erweiterungen Narayanas als Vasudeva (Krishna), Sankarshana, Pradyumna und Aniruddha Ruhmestaten der Schlange Ananta (auch als Sankarshana, Shesha oder Tamasi bezeichnet).

Auszug – Vers 5.5.1.

Sechster Skandha mini|hochkant=1.6|Der weise Einsiedler Angiras