Helenenschacht (ungarisch: Ilona akna) ist eine Siedlung (Kolonie)122. Ritzing. In: Österreichischer Amtskalender online. Verlag Österreich, Wien 2002–, OBV. eines ehemaligen Kohlenbergwerks in der Gemeinde Ritzing im Bezirk Oberpullendorf im Burgenland (Österreich).
Geografie
Helenenschacht liegt im Ödenburger Gebirge im Mittelburgenland. Der Ort liegt am nördlichen Gemeinderand von Ritzing direkt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Nördliche Nachbargemeinde von Ritzing im Bereich von Helenenschacht ist die Ödenburger Katastralgemeinde Brennberg.
Ortsname
Der Ort verdankt seinen Namen dem – damals und bis um 1920/21 in Brennberg gelegenen – Bergwerksschacht „Helenenschacht“, welcher nach Helene Flandorfer aus der Betreiberfamilie des Bergwerks benannt wurde.
Geschichte
miniatur|250px|Siedlung Helenenschacht mit dem 1914/15 aus Sicherheitsgründen ummauerten, den 1882 angelegten Helenenschacht erschließenden Förderturm (September 2011)Judith Schöbel, Petra Schröck, Ulrike Steiner: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Oberpullendorf. Berger, Horn 2005, ISBN 3-85028-402-6, S. 598. Rechts der Gedenkstein am Helenenschacht sowie, im Anschnitt, das zugehörige Bauwerk. miniatur|250px|Gedenkstein am Helenenschacht, den Opfern des Eisernen Vorhangs zugedachtes Mahnmal, eingeweiht am 14. November 2009
miniatur|links|250px|Skizze als Beilage zu: Juridisches Protokoll, betreffend den Betrieb des Bergwerkes Brennberg, 1928In dem blau eingefassten Gebiet verzichtete die Republik Österreich bis zum Jahre 1963 auf die Aufsuchung und Gewinnung von Kohle. Die österreichische Bergbehörde behielt sich nur das Recht vor, das Bergwerk zu ihrer Information zu besuchen und in die Grubenkarten Einsicht zu nehmen. Im rot geränderten Gebietsteil – bis heute in der Digitalen Katastralmappe als Ried Kolonie Helenenschacht (33,09 ha) abrufbar – war dem Bergwerksbetriebe erhöhte Sicherheit gegen allfällige böswillige oder Sabotageakte zu gewähren. Österreich verpflichtete sich auch, der Bergwerksgesellschaft alle Schäden zu vergüten, welche aus Sabotageakten herrühren und sich auf dem der Aufsicht seiner Gendarmerie unterstellten Gebiete ereignet haben. miniatur|250px|Etwa 800 m südlich des Förderturms, die Waldschule Helenenschacht (eröffnet 1923), nunmehr Jugendlager (im Bild: Schlaftrakt) miniatur|250px|Reste der zum ehemaligen Ziegelofen (errichtet um 1885) gehörenden Lehmgrube (heute privates Biotop) Vor Christi Geburt war das Gebiet Teil des keltischen Königreiches Noricum und gehörte zur Umgebung der keltischen Höhensiedlung Burg auf dem Schwarzenbacher Burgberg. Später unter den Römern lag das heutige Helenenschacht dann in der Provinz Pannonia.
Der Bergbau in Ritzing gehört geologisch betrachtet zum früher bedeutenden Brennberger Kohlenrevier (Brennbergbánya) bei Ödenburg, heute Sopron, das auch für die Errichtung des Wiener Neustädter Kanals von besonderer Relevanz war. Im 19. Jahrhundert wurden Brennberg und Ritzing als zwei Bergbaue behandelt, deren erster zur königlich-ungarischen Freistadt Ödenburg gehörte, der zweite zur Esterházyschen Herrschaft Lackenbach. Die gewonnene Kohle wurde als „Steinkohle“ bezeichnet (im Unterschied zur Holzkohle), das Revier enthält jedoch Braunkohle verschiedener Qualität (Glanzkohle, Lignit, Grieskohle, Cannel-Kohle, Schieferkohle, Erdkohle, je nach Quelle unterschiedlich bezeichnet).Literatur bei: Albert Schedl, Josef Mauracher, Julia Rabeder: Gesamtbibliographie ‚Bergbau-/Haldenkataster’ - Veröffentlichte und unveröffentlichte Archiv- und Literaturunterlagen zu den Themenbereichen Bergbau, Montangeologie, Lagerstättenmineralogie und Montangeschichte. In: Berichte der Geologischen Bundesanstalt. Nr. 73. Wien 2007.(Georg Carl Borromäus) Rumy (1780–1847): Ungarn’s Steinkohlen-Reichtum. In: G(ustav) F(ranz) Schreiner (Red.): Steiermärkische Zeitschrift. Neue Folge, vierter Jahrgang, II. Heft. Verlag der Direction des Lesevereins am Joanneum, Graz 1837, , S. 118–121 (Text online). Die schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Esterházyschem Besitz entdeckten Kohlenflöze wurden, bis zur Abteufung des ersten Brennberger Förderschachts (Goblenzschacht) im Jahr 1858, im Tagbau erschlossenUm 1800 wurde mit viel Kosten ein Erbstollen geschlagen. – Siehe: Samuel Bredeczky (Hrsg.): Beyträge zur Topographie des Königreichs Ungarn. Band 2. Camesinaische Buchhandlung, Wien 1803, S. 104 (Text online). Das Ritzinger Steinkohlenbergwerk, eine gute halbe Stunde von Brennberg entfernt, machte um 1800 keine angenehmen Eindrücke: Die ärmliche Hütte, der nasse schmutzige Stollen, welchen man nur in der äußersten Nothwendigkeit befährt, die kärgliche Ausbeute, und die minder gute Qualität der Kohlen, mögen daran Schuld sein, daß sie wenig bekannt und gesucht werden. Das Flötz besteht größten Theils, so viel ich bemerken konnte, aus Braun- und Holzkohlen, die nach den einstimmigen Zeugnissen der Feuerarbeiter wenig Hitze und eine Menge Schlacken und Asche geben. Indessen dürfte eine bessere Gattung zu finden sein, da sie mehr in die Teufe streichen und der Bau im Ganzen noch gar nicht weit getrieben worden ist. – Siehe: Samuel Bredeczky (Hrsg.): Beyträge zur Topographie des Königreichs Ungarn. Band 2. Camesinaische Buchhandlung, Wien 1803, S. 105 f. (Text online).; den ersten Ritzinger Schacht (Ignazschacht) teuften 1862 die damaligen Pächter des Bergwerks, die Ödenburger Unternehmer Schwarz und Paul FlandorferAugust Ernst: Burgenland in seiner pannonischen Umwelt. Festgabe für August Ernst. Burgenländische Forschungen, Sonderband 7. Amt der Burgenländischen Landesregierung, Landesarchiv – Landesbibliothek, Eisenstadt 1984, , OBV, S. 179., ab. Um 1870 entstand auch eine kleine Arbeitersiedlung, und im Jahr 1882 wurde der Helenenschacht abgeteuft, den man nach Frau Helene Flandorfer (geborene Bauer) benannte. Seit 1888 betrieb die Brennberger Kohlenbergbau-Actien-Gesellschaft die Ritzinger und Brennberger Bergwerke gemeinsam; um 1900 mit 820 ArbeiternAlexander von Matlekovits (auch: Sándor Matlekovits, Sándor Matlekovics): Das Königreich Ungarn. Band 2. Duncker & Humblot, Leipzig 1900, ÖNB. Um 1896 waren es über 600, von denen ca. 80 %, etwa 500 Mann, an der von Pferdekot übertragenen Ankylostomiasis (Hakenwurmbefall) litten. – Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege. Organ des Niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege. Band 15/16.1896. Hager, Bonn 1896, , S. 114.. 1902 verwirklichte man sogar einen Stollendurchstich vom Ritzinger Revier zum Sopronschacht, dem Haupt- und Zentralschacht des Brennberger Reviers; in der Folge legte man den Ignaz- sowie den Helenenschacht stillDer Ignazschacht wurde später zugeschüttet. — In: Wehdorn: Baudenkmäler, S. 300 (Text online). und hielt nur die Förderstrecke des Helenenschachts mit wenigen Bergleuten aufrecht. Erst 1909, unter der Führung einer aus den Zuckerfabriken von Siegendorf (Cinfalva), Draßburg (Darufalva) und Großzinkendorf (Nagycenk) gebildeten Aktiengesellschaft, erhielt das Ritzinger Bergwerk einen neuen Aufschwung. Zu dieser Zeit dürften 60 Bergarbeiterfamilien in der Kolonie Helenenschacht gewohnt haben.Franz Zeltner: Brennberg aus der Sicht von —. Der Förderturm des Helenenschachts wurde um 1914/15 aus Sicherheitsgründen von italienischen Gefangenen mit einem Ziegelbau ummantelt und erhielt nach dem totalen Einsturz des Sopronschachts im Jahr 1918 nochmals eine besondere Bedeutung. Um diese Zeit bestand eine Luftseilbahn, mit der die im Helenenschacht abgebaute Kohle in das Hauptwerk Brennberg transportiert wurde. Die beiden Bergbaue von Brennberg und Ritzing wurden durch die Grenzziehung 1921 getrennt.
Am 8. Mai 1923 wurden die Mitglieder des Österreichischen Nationalrats davon in Kenntnis gesetzt, dass im Gebiet des Österreich zugesprochenen Helenenschachts ungarisches Bergrecht herrsche, österreichische Bergarbeiter ungarischen Arbeitsgesetzen unterliegen, gewonnene Kohle nach Ungarn frei ausgeführt werden könne und Österreich nicht das Recht habe, auf seinem Territorium Schurfrechte zu verleihen. Es wurde eine parlamentarische Anfrage eingebrachtparl. Anfrage vom 8. Mai 1923 (abgerufen am 12. Juni 2017). S. 5540. und am selben Tag beantwortet: Bundeskanzler Ignaz Seipel (1876–1932) führte gegenüber den diese Regelung ablehnenden Abgeordneten aus, das Schachtgebiet sei bereits Ungarn zugesprochen gewesen, wegen des Protests von Seiten Österreichs habe die Botschafterkonferenz jedoch erwogen, die Siedlung Helenenschacht als zu Österreich gehörig festzulegen, vorbehaltlich der von Österreich zugunsten Ungarns zu gebenden Zusicherung, dass im Abbaugebiet Brennberg eine einheitliche Betriebsführung gewährleistet werde. Um das Gebiet nicht zu verlieren, sei die österreichische Regierung den Forderungen Ungarns entgegengekommen.Anfragebeantwortung durch Bundeskanzler Seipel (abgerufen am 12. Juni 2017). S. 5551–5556 (Einleitung durch den Abgeordneten Sailer auf S. 5550).Aus dem Nationalrat. Ein Nachspiel zur burgenländischen Grenzregulierung. In: Burgenländische Freiheit. III. Jahrgang, Nr. 20/1923, S. 2, Mitte links.
In Abfolge bilateral getroffener Vereinbarungen anerkannte Österreich 1928, dass der (von ungarischer Seite geführte) Betrieb des „Barbara-Helenenschachtes“ eine wirtschaftliche Einheit bleibt und bei der gegenwärtigen und zukünftigen Ausdehnung des österreichischen Gebietes der Überwachung und Verwaltung der ungarischen Bergbehörde (bis 1963) zu unterstehen hat.BGBl 1928/93, darin insbesondere: Juridisches Protokoll, betreffend den Betrieb des Bergwerkes Brennberg, sowieUngarn als Störenfried. In: Burgenländische Freiheit. VIII. Jahrgang, Nr. 6/1928, S. 1, oben links.Dieses Gesetz hatte bereits während seiner Vorbereitung 1923 zu massiver öffentlicher Kritik geführt. – Siehe: H. S.: Helenenschacht. In: Burgenländische Freiheit. III. Jahrgang, Nr. 23/1923, S. 3, oben links.
Im Betrieb arbeitslos gewordene Österreicher bekamen in Österreich auch keine Arbeitslosenunterstützung (die mit Krankenversicherungsschutz verbunden gewesen wäre), und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete diese Regelung für die Gesundheitsversorgung pensionierter österreichischer Bergarbeiter ein kaum zu überwindendes Hindernis.Ortsnachrichten. (…) Ritzing. Not mahnt zur Einigkeit! In: Burgenländische Freiheit. XII. Jahrgang, Nr. 2/1932, S. 8, Mitte links sowieDie Bergarbeiter vom Helenenschacht. Wie die ungarische Volksdemokratie österreichische Arbeiter behandelt. In: Burgenländische Freiheit. XXII. Jahrgang, Nr. 3/1952, S. 1, Mitte unten. An der Staatsgrenze war der Eiserne Vorhang ab 1956 (Ungarischer Volksaufstand) zu einem massiven Hindernis geworden. Um Krankenversicherungsschutz in Österreich sicherzustellen, wurde für sie und ihre Hinterbliebenen (Witwen, Witwer) eine eigene Bestimmung im österreichischen Sozialversicherungsrecht geschaffen, die auch 2023 noch bestand.§ 1 Z 10 der Einbeziehungsverordnung nach § 9 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes ASVG, Verordnung des Bundesministers für soziale Verwaltung vom 28. November 1969 über die Durchführung der Krankenversicherung für die gemäß § 9 ASVG. in die Krankenversicherung einbezogenen Personen, BGBl. Nr. 420/1969 in der Fassung BGBl. II Nr. 104/2022, ursprünglich Verordnung des Bundesministeriums für soziale Verwaltung vom 16. Dezember 1959 über die Einbeziehung weiterer Gruppen von Personen in die Krankenversicherung; BGBl. Nr. 287/1959, S. 1783. (abgerufen am 31. Juli 2023).
Gesetzesbestimmt wurde am Helenenschacht behufs verschärfter Sicherheitspolizei ein mit vier Beamten besetzter Gendarmerieposten eingerichtet, dem ab 1. Oktober 1932 die Überwachung des Helenenschachts sowie des Gemeindegebiets von Ritzing oblag.Personalveränderungen bei der Gendarmerie. In: Burgenländische Freiheit. XII. Jahrgang, Nr. 38/1932, S. 4, unten rechts.