Bei der Verschleppung der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion wurden vom Januar 1945 bis zum Dezember 1949 zwischen 70.000 und 80.000 Rumäniendeutsche auf Grundlage ethnischer Kriterien in die Sowjetunion verschleppt. Dort leisteten sie Zwangsarbeiten als Reparation für die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, überwiegend in Bergwerken und Schwerindustriebetrieben in der Ukraine, aber auch im Kaukasus.Siebenbuerger.de, Siebenbürgische Zeitung, Seminar: Die Russlanddeportation der Rumäniendeutschen
Die Angaben über die Anzahl der Betroffenen schwanken von 70.000Siebenbuerger.de, Siebenbürgische Zeitung, Wolfgang Gerhard Binder: Reise ins Ungewisse: Spurensuche im Donbass, 9. Januar 2010 über 75.000Anneli Ute Gabanyi: Geschichte der Deutschen in Rumänien, ursprünglich erschienen in Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung, Heft 267 Aussiedler bis zu 80.000.Temeswar.Diplo.de, Deutsches Konsulat in Temeswar, Klaus Brennecke: Grußwort zur Gedenkstunde zum 65. Jahrestag der Deportation Deutschstämmiger aus Rumänien in die damalige Sowjetunion, 6. Februar 2010
Geschichte Vorgeschichte Im Verlaufe des Königlichen Staatsstreichs vom 23. August 1944 ließ König Michael I. von Rumänien den „Staatsführer“ Marschall Ion Antonescu verhaften und beendete unerwartet die Allianz mit dem NS-Staat. Das Land stand von nun an der Seite der Alliierten. In der Folge nahm die Rote Armee Rumänien ein und stationierte Truppen im ganzen Land. Nach der von Winston Churchill und Josef Stalin getroffenen und von der US-Regierung unter Franklin D. Roosevelt akzeptierten Vereinbarung war das besetzte Rumänien ab 1945 fester Bestandteil der sowjetischen Einflusssphäre.www.kulturraum-banat.de: Russland-Verschleppung (Autoren: Elisabeth Packi und Wilhelm Weber). Toter Link
Der Waffenstillstandsvertrag Rumäniens mit den Alliierten vom 12. September 1944 enthielt keine Vereinbarung oder Geheimklausel über Reparationen durch die Bereitstellung von Arbeitskräften.Siebenbuerger.de, Siebenbürgische Zeitung, Michael Kroner: Deportation vor 60 Jahren war völkerrechtliches Kriegsverbrechen, 28. Januar 2005 Er wurde Rumänien von der sowjetischen Führung unter Stalin diktiert.Peter Ulrich Weiß: Der Abzug der sowjetischen Soldaten aus Rumänien 1958. In: Osteuropa, Band 49, Juni 1999, S. 616–629.
Schon unmittelbar nach der rumänischen Kapitulation am 23. August 1944 gingen Gerüchte einer bevorstehenden Deportation der „Volksdeutschen“ um. Neben anderen Reparationen soll Stalin angeblich 100.000 rumänische Staatsbürger als freiwillige Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der Sowjetunion gefordert haben. Gegen Ende des Jahres verstärkten sich die Gerüchte über eine bevorstehende Verschleppung.
Anordnung der Deportation Am 31. Oktober 1944 überreichte der stellvertretende Vorsitzende der Alliierten Kontrollkommission General Winogradow der rumänischen Regierung eine Note mit der Forderung, bis zum 10. November Listen mit sich in Rumänien befindlichen ungarischen Staatsangehörigen, rumänischen Bessarabienflüchtlingen (zwecks Rückführung), „Reichsdeutschen“, und „rumänischen Staatsangehörigen ethnisch deutscher und ungarischer Herkunft“ vorzulegen. Die Listen mit Deutschen und deutschstämmigen Personen wurden zwischen Oktober und Dezember erstellt. Parallel wurden von den sowjetischen Heeresgruppen auch Erhebungen über die Zahl der deutschen Bevölkerung in Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei erstellt. Das Ergebnis der Zählungen wurde am 15. Dezember 1944 Stalin vorgelegt, der am 16. Dezember den Befehl zur Zwangsverschleppung der arbeitsfähigen deutschen Männer und Frauen gab, wobei gleichzeitig der Aktionsplan und die dafür Verantwortlichen festgelegt wurden. Ende Dezember 1944 gingen bereits einige Transporte mit „Volksdeutschen“ aus Jugoslawien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Bereits am 19. Dezember erhielten die rumänischen Polizeiinspektoren auf telefonischem Weg Anordnungen zu konkreten Vorbereitungsmaßnahmen, und auch die staatliche Eisenbahngesellschaft Rumäniens Căile Ferate Române hatte Wochen im Voraus Viehwaggons im Hinblick auf die Aktion vorbereitet.Ancestry.com, Saxon News Volksblatt: 50 Jahre seit der Verschleppung in die ehemalige Sowjetunion, 10. Februar 1995, S. 6–7.
Am 31. Dezember 1944, 3. und 6. Januar 1945 überreichte die Sowjetunion im Namen der Alliierten Kontrollkommission für Rumänien der rumänischen Regierung die Note 031 mit der Aufforderung, alle Deutschen für Arbeiten in der Sowjetunion zur Verfügung zu stellen; Männer im Alter von 17 bis 45, Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren, bis auf Schwangere, Frauen mit Kindern unter einem Jahr und Arbeitsunfähige.banat.de, Berthold Neff: Nur noch Haut und Knochen, wankten sie durchs Lager Die Auszuhebenden sollten unter der Verantwortlichkeit von Polizeiinspektoren in neben Eisenbahnstationen eingerichteten Sammelstellen zusammengeführt werden.
Reaktionen in Rumänien Die rumänische Regierung befasste sich am 5. und 10. Januar in zwei Kabinettssitzungen speziell mit der bevorstehenden Deportation; die konkreten Beschlüsse sind jedoch nicht bekannt. Die neue bürgerliche Regierung Rumäniens unter dem Premierminister General Nicolae Rădescu stimmte der Deportation offiziell zu. Rumäniendeutsche Politiker wie Hans Otto Roth, Rudolf Brandsch, Herwart Scheiner und Vertreter der Banater Schwaben formulierten ihren Protest und wurden bei Rădescu vorstellig. Dieser soll eingestanden haben, dass die rumänische Regierung gegen den sowjetischen Befehl ohnmächtig sei.
Da die UdSSR die Deportation im Namen der Alliierten anordnete, protestierte Rădescu Anfang Januar bei den Regierungen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten über deren diplomatischen Vertreter, wobei er rechtliche, ökonomische und humanitäre Argumente anführte. Er berief sich auch auf das Waffenstillstandsabkommen, das keine Bestimmungen zur Leistung von Reparationen durch Arbeitskräfte enthielt. Es sei ferner inhuman, Menschen ins Ungewisse zu verschleppen, Familien auseinanderzureißen und Kinder und alte Menschen zurückzulassen. Zudem werde der rumänischen Wirtschaft großer Schaden durch den Ausfall dieser Arbeitskräfte zugefügt, was sich auch auf die Kriegsleistungen Rumäniens negativ auswirken werde. Auch König Michael I. protestierte in Memoranden gegen das widerrechtliche Vorgehen der Sowjetunion. Am 16. Januar wies Rădescu in seiner Protestnote an General Winogradow auf „die Pflicht der rumänischen Regierung, die Interessen aller ihrer Untertanen ungeachtet ihrer ethnischen Abstammung zu schützen“, hin.
Internationale Reaktionen Die Regierungen der USA und Großbritanniens wurden durch das eigenmächtige Vorgehen ihres sowjetischen Verbündeten überrascht und vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie äußerten ihren Unmut vor allem darüber, dass diese Aktion auch in ihrem Namen angeordnet worden war, obwohl es dafür keine Vereinbarung gab. Sie folgten dabei der Argumentation der rumänischen Regierung. Ihre Noten erreichten die sowjetischen Stellen in Bukarest und Moskau erst zu einem Zeitpunkt, an dem die Aushebungen bereits liefen oder abgeschlossen waren.
Auf der Konferenz von Jalta (4.–11. Februar 1945) stimmten die Alliierten den sogenannten „reparations in kind“ () an die Sowjetunion zu. Dieser Begriff schloss außer geplanten Lieferungen Deutschlands aus der laufenden Produktion und den Demontagen deutscher Industrieanlagen auch die Verwendung deutscher Arbeitskräfte ein. Gemäß Angaben des damaligen stellvertretenden sowjetischen Außenministers Maiski waren für die Deportation „Kriegsverbrecher“ und „aktive Nazis“ zur „Wiedergutmachung, Bestrafung und Umerziehung der Deutschen“ vorgesehen. Der Beschluss von Jalta bezog sich allerdings nur auf Deutschland, und über dessen Reparationen sollte erst nach Kriegsende konkret entschieden werden. Nach dem Krieg beschränkten sich die Sowjets in der SBZ (Ostdeutschland) und in dem von ihnen besetzten Teil Österreichs auf eine Aushebung von etwa 26.000 arbeitsfähigen Facharbeitern und sahen dort von größeren Massendeportationen ab.
Die Deportation Die Verordnung der Deportation in die Sowjetunion wurde vom „Hohen Sowjetischen Kommandament“ in der am 16./17. Januar 1945 erschienenen rumänischen Parteizeitung „Scînteia“ bekannt gemacht: Das Präsidialamt des Ministerrates teilt mit: Wegen verschiedener Gerüchte, die im Umlauf sind und jeder Grundlage entbehren, wird dem deutschen Volk folgendes mitgeteilt: Laut Verordnung des Hohen Sowjetischen Kommandaments werden Arbeitskräfte mobilisiert und dorthin verschickt, wo man sie benötigt. Betroffen sind folgende Kategorien deutschstämmiger Bürger: Männer zwischen 16 und 45 Jahren Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, außer Mütter mit Kindern unter einem Jahr. Nachdem sie den Bestimmungsort erreichen, werden ihre Familien benachrichtigt und berechtigt, ihnen zu schreiben und Pakete zu schicken. Die Mobilisierung hat provisorischen Charakter, da es sich um notwendige Arbeit als Kriegsschadeneinsatzleistung handelt.Franz-Etienne.de, Geschichtlicher Rückblick der Banater Schwaben. Der Originaltext lautete: Precizări în legătură cu ridicarea nemților. Președinția Consiliului de Miniștri comunică: Întru cât circulă diferite svonuri care nu au temei, se aduce la cunoștința populației de origină etnică germană următoarele: Sunt ridicați, din ordinul Înaltului Comandament Sovietic, spre a fi duși în locurile unde se simte nevoie de brațe de muncă, următoarele categorii de cetățeni de origine etnică germană: Bărbații între anii 16-45 Femeile între anii 18-30, afară de acele care au copii ce nu au împlinit vârsta de un an. După ce vor fi ajunși la locurile de destinație, familiile vor fi încunoștiințate și autorizate să le scrie și să le trimită pachete. Ridicarea are caracter provizoriu, întru cât este vorba de muncă necesară pentru nevoile războiului.
Die Deportation lief nach einem von den rumänischen Behörden in enger Zusammenarbeit mit den sowjetischen Besatzern vorbereiteten Plan. Die Ortseingänge wurden von Militär und Polizei abgeriegelt, der Telefon-, Telegraf- und Eisenbahnverkehr wurde unterbrochen, und gemischte rumänisch-sowjetische Patrouillen gingen mit vorbereiteten Listen zur Aushebung von Haus zu Haus. Einige der Betroffenen versuchten sich in den Bergen und Wäldern zu verstecken; jedoch zwang die Drohung, Eltern oder Verwandte als Geiseln zu verhaften, viele, sich freiwillig zu stellen. Andere schlossen rasch Scheinehen mit Rumänen oder fremden, nichtgefährdeten Staatsbürgern. Bei der Aushebung wurde keine Rücksicht auf die Zurückgebliebenen genommen, auch wenn das Kinder waren, die elternlos blieben. Es gab unzählige Fälle, wo Kinder den Großeltern überlassen wurden oder von fremden Familien aufgenommen werden mussten. Die politische Haltung der Einzelnen spielte bei dieser Aktion keine Rolle, denn es wurden auch aktive Kommunisten oder Angehörige der rumänischen Armee () mit deutschstämmigem Hintergrund ausgehoben.
Die evangelische Kirche bemühte sich besonders von Rumänien aus mit schriftlichen und mündlichen Interventionen bei der rumänischen Regierung, bei sowjetischen Stellen, ja sogar durch Schreiben an Stalin um die Rückführung und Repatriierung der Deportierten. Die sowjetischen Behörden entließen später einen beträchtlichen Teil von ihnen nicht nach Rumänien, sondern in die sowjetische Zone Deutschlands, besonders nach Thüringen.Spiegel.de, Der Spiegel 12/1949, Zielbewußt verproletarisiert, 19. März 1949 Die Rückkehrer fanden in Rumänien eine veränderte Gesellschaftsstruktur für ihre politische, wirtschaftliche und soziale Integration vor als die, die sie 1945 verlassen hatten.
Betroffene rumäniendeutsche Volksgruppen mini|250px|Verteilung der deutschen Volksgruppen in Rumänien, Stand 1918
Sathmarer Schwaben