mini|Raffaels Erzengel Michael aus der Introsequenz
Carnivàle ist eine US-amerikanische Fernsehserie, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre spielt. Die Serie verfolgt die Handlungen des jungen Ben Hawkins, eines Arbeiters in einem Wanderjahrmarkt (engl.: Carnival), und dem kalifornischen Priester Brother Justin Crowe. Die übergreifende Geschichte ist um den ‚ewigen‘ Konflikt zwischen den Kräften des Guten und des Bösen aufgebaut, eingebettet in eine komplexe mythologische Struktur aus Metaphern, Symbolen und Allegorien. Diese mythologische Struktur erstreckt sich auf Bereiche und Themen wie die christliche Religion, den Templerorden und das Tarot, aber auch auf historische Ereignisse wie die Great Depression, den amerikanischen Dust Bowl und den ersten Kernwaffentest.
Samson, der kleinwüchsige Carnivalmanager, leitet den mythologischen Rahmen der Serie in einem gesprochenen Prolog am Anfang der Pilotepisode ein:
Das „Pitch Document“ Der Erfinder der Serie Daniel Knauf antwortete nicht auf Fragen bezüglich der Mythologie, er veröffentlichte jedoch Hinweise über die mythologische Struktur während und nach der Laufzeit Carnivàles. Außerdem publizierte er zwei Jahre nach der Absetzung der Serie die Produktionszusammenfassung von Carnivàles erster Staffel, das sogenannte „Pitch Document“. Es war ursprünglich verfasst, um HBO und Knaufs Co-Autoren einen Überblick über die angestrebte Handlung zu geben. Das Dokument enthält zahlreiche Hintergrundinformationen, die zum Teil erheblich über das hinausgehen, was in der (vorzeitig eingestellten) Serie selbst gezeigt und thematisiert werden konnte.
Avatare Zum Avatar-Begriff Die meisten mythologischen Elemente in Carnivàle beziehen sich auf sogenannte Avatare (oder Gestalten des Lichts und Kreaturen der Dunkelheit), menschenähnliche Wesen mit übernatürlichen Kräften, welche Gut und Böse verkörpern.
Der Begriff Avatar (manchmal auch Avatara) stammt aus der hinduistischen Mythologie und bezieht sich üblicherweise auf die Inkarnation (Menschwerdung) eines höheren Wesens. Carnivàles Handlung erklärt niemals deutlich den Sinn des Begriffs, trotzdem nutzten HBO und die Autoren diese Bezeichnung abwechselnd für die Gestalt des Lichts und die Kreatur der Dunkelheit aus dem Anfangsmonolog der Pilotepisode. Die Serie stellt Avatare als menschenähnliche Wesen mit übernatürlichen Kräften dar, die Gut und Böse verkörpern. Ihr konstanter Kampf dient der Erschaffung der Dunklen Jahrhunderte oder den Zeitaltern der Aufklärung.
Carnivàle präsentiert diesen dualistischen Kampf zwischen den Gestalten des Lichts und des Dunkels auf zahlreichen Ebenen. Die Nachnamen der Hauptfiguren, Ben Hawkins und Justin Crowe, deuten auf die Symbolik von Habicht (hawk) und Raben bzw. Krähen (crow) hin. Dabei steht der Habicht für die geflügelte Gestalt des Lichts, der Rabe bzw. die Krähe für die Kreatur der Dunkelheit.
Die letzten zwei Tarotblätter aus der Introsequenz sind „Die Sonne“ und „Der Mond“, die für Gott und den Teufel stehen. Dieselbe Symbolik ist im Logo, erstellt durch Daniel Knauf, der Serie und des Carnivals zu finden.
Merkmale der Avatare in der Serie Die Figuren Ben und Justin Crowe sind durch ihre Verwendung von übernatürlichen Kräften als Avatare gekennzeichnet. Für die Zuschauer ist jedoch nicht auf Anhieb ersichtlich, welcher der beiden Avatare dem Guten bzw. dem Bösen dient. Viele Zuschauer und Kritiker deuten Ben Hawkins als eine Kreatur des Lichts und Brother Justin Crowe als eine Kreatur der Dunkelheit.
Die Serie gibt Hinweise, wie zum Beispiel die Kreaturen der Dunkelheit mit tiefschwarzen Augen (laut Daniel Knauf haben Gestalten des Lichts eine unsichtbare Aura). Die Natur eines Avatars wird bestimmt von dem Typ und Einsatz seiner Kräfte. Im Pitch Document steht, dass Avatare ihre Talente und Kräfte aus derselben Quelle ziehen. Diese Fähigkeiten können in Typ und Stärke unterschiedlich sein und beinhalten unter anderem die Manipulation und den Transfer von Lebenskraft, Geistheilung, Telekinese und Telepathie, sowie der Möglichkeit kleine Maße von Kräften an Sterbliche zu übertragen. Obwohl Carnivàle die Kräfte von Ben und Brother Justin zeigt, waren Kritiker nach dem Ende der ersten Staffel immer noch unsicher über die avatarische Art der Hauptfiguren. Als Bens guter Charakter und Justins dunkles Erbe im Laufe der zweiten Staffel klarer wurde, begannen Kritiker Carnivàles zugrundeliegende Botschaft als „im Grunde dem Gegenteil vom geistlichen Glauben: Fatalismus“ zu deuten. Daniel Knauf bestritt jede Theorie von Determinismus und machte mehrfach auf den freien Willen der Figuren aufmerksam um ihr Schicksal zu überwinden. Die freie Wahl macht es der Handlung möglich, dass die Avatare bewusst nicht Gebrauch von ihren Kräften machen oder sich gegen ihre eigentliche Herkunft (Gut oder Böse) verhalten. Ein Avatar würde es jedoch immer noch schwer haben, nicht in seine vordefinierten Moralvorstellungen zurückzufallen.
Jeder Avatar hat Visionen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Manchmal wortwörtlich, ein anderes Mal nur symbolisch. Zugriff auf diese Ebene der reinen Wahrheit ist ein Geburtsrecht der Avatare und kann durch Studieren und Übung verbessert werden. Sie können diese Visionen durch Träume an andere übermitteln. Es ist nur von Kreaturen der Dunkelheit bekannt, dass sie körperlich geschwächt werden, wenn der Gegenspieler Gebrauch von seinen Kräften macht. Avatare können die Existenz ihres verfeindeten Gegners spüren, sind aber nicht in der Lage, ihn über eine größere physikalische Distanz zu identifizieren. Sie können jedoch Avatare derselben „Art“ sehr genau über große Distanz aufspüren und lokalisieren. Diese Fähigkeiten dienen in Carnivàle dazu, die zwei Handlungsbögen miteinander zu verbinden.
Begriffe und Nachfolgeregelung Beispiel einer avatarischen Stammtafel GdL = Gestalt des Lichts KdD = Kreatur der Dunkelheit † = letzter Avatar einer Dynastie ohne männlichen Nachkommen * = erster Avatar einer neuen Dynastie
Daniel Knauf legte dem System der Avatare des fiktionalen Universums eine Erbfolge zu Grunde, ähnlich wie bei königlichen Familien. Die Begriffe Königlich (Royals), König und Prinz wurden in der Serie mit den Wörtern Vectori, Prophet und Prinz (Prince) ausgetauscht. Königinnen und Prinzessinnen haben keine fiktionalen Gegenstücke und wurden stattdessen ersetzt durch das Konzept von Alpha, Omega und dem Amtsdiener (Usher). Diese Platzhalter-Avatare haben zusätzlich besondere Gesetze oder ersetzen bestehende. Kritiker sind nur selten auf die Bedeutung der Avatare eingegangen, obwohl Daniel Knauf detaillierte Erklärungen lieferte und das später veröffentlichte „Pitch Document“ die komplexe mythologische Struktur darstellte.
Der erste Prophet in der Mythologie von Carnivàle ist Alpha. Diese Gestalt wurde nie in der Serie erwähnt, doch Knauf beschrieb sie als weibliche Gestalt, die vor der Sintflut gelebt hat und deren Geschichte mit der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria verlorengegangen ist. Alpha brachte das erste Paar an Avataren hervor. Sie sind Hinweise auf eine höhere Kraft oder ein höheres Geschlecht; Licht und Dunkelheit. Eine Gestalt des Lichts und eine Kreatur der Dunkelheit leben seitdem in jeder Generation,Staffel 1, Folge 1: Milfay (Welt aus Staub). Regie: Rodrigo García, Autor: Daniel Knauf. und im Gegensatz zu Alpha, sind sie immer männlich.
Das avatarische Blut wandert zwischen Familien und formt damit eine Dynastie. Der erstgeborene Sohn eines Avatars erhält eine sogenannte Hülle zur Geburt, die ihn als Avatar einer neuen Generation offenbart; egal ob der neue Avatar zum Licht oder zur Dunkelheit gehört. Somit gibt es für jede Seite einen Avatar pro Generation. Die Geburt eines Avatars hinterlässt die Mutter unfruchtbar und geisteskrank. Vor diesem Zeitpunkt kann sie jedoch beliebig viele weibliche Kinder von einem Avatar gebären. Diese Kinder, genau wie deren jeweilige Nachkommen, werden Vectori genannt, Wesen mit avatarischem Blut, die aber selbst nicht Avatare sind und die sich daher von Generation zu Generation weiter von der Blutlinie der Avatare entfernen. Obwohl Vectori keine Avatare werden können, da die nötige Hülle nur bei der Geburt übergeben wird, können sie kleine Fähigkeiten vorweisen. Zudem zeigen sie häufig Anzeichen von Wahnsinn.
Der älteste Avatar eines Geschlechts ist dominant und wird Prophet genannt. Er besitzt blaues Blut, auch als Vitae Divina bezeichnet. Der nächste in der Rangfolge ist der aszendente Prinz. Jegliche weitere Avatare eines Geschlechts sind Prinzen, sortiert nach Generation. Obwohl Avatare Blutdynastien von Vater zu Sohn formen, können sich Geschlechterzugehörigkeiten in einer Dynastie vermischen. Wenn der jüngste Prinz einer Dynastie stirbt, endet diese. Die meisten Dynastien überdauern nur durchschnittlich drei Generationen, da Avatare mit ganz normalen Mitteln getötet werden können. Wenn eine Dynastie endet, wird das erstgeborene männliche Kind mit dem meisten avatarischen Blut auf der Welt zum Prinzen und gründet eine neue Dynastie.
Wenn ein Prophet stirbt, während ein aszendenter Prinz lebt, können zwei Sachen geschehen: Wenn der Prophet von seinem aszendenten Prinzen getötet wird, erhält der Prinz die Hülle des Propheten mit einer Gabe. Damit die Gabe weitergegeben werden kann, muss der Prophet bei gesundem Verstand sein und entweder bereit sein, sie weiterzugeben, oder er wird so überrascht, dass er sich nicht psychisch wehren kann. Wenn der Prophet jedoch gestört wird, kann der Prinz in den Wahnsinn getrieben werden. Stirbt der Prophet auf einem anderen Weg, wird der aszendente Prinz automatisch zum Propheten, mit einer Möglichkeit einer mitgegebenen Gabe.Staffel 2, Folge 1: Los Moscos. Regie: Jeremy Podeswa, Autor: Daniel Knauf. Wilfred Talbot Smith: „Sie bluten wie ein Mensch. Er lebt noch. […] Durch die Hand des Prinzen, stirbt der Prophet. Auf seinen Tod soll der Prinz aufsteigen […] Das Matthiasevangelium. Kapitel 3, Verse 26 bis 28. […] Sie müssen ihn mit ihren eigenen Händen töten… Henry Scudder.“ / Brother Justin: „Dann was?“ / Smith: „Sie werden zum Prophet. Der Amtsdiener. […] Töten sie ihn [Scudder] und sie erhalten das göttliche Blut.“Staffel 2, Folge 10: Cheyenne, WY. Regie: Todd Field, Autor: Tracy Tormé. Wilfred Talbot Smith (zu Brother Justin bezüglich Henry Scudder): „Sein Verstand muss frei sein während des Ablebens. Wenn er beeinträchtigt oder wahnhaft ist, wäre das Resultat desaströs. […] Wahnsinn oder sogar der Tod. […] Der einzige Weg um die Gabe vollständig zu erhalten ist, wenn sie einem freiwillig vom Propheten gegeben wird. […] Er [Scudder] hätte keine Wahl wenn sie ihn überraschen. […] Sie müssen die Gabe gewaltsam nehmen. […] Doch wenn sie zögern, kann er eventuell entkommen, und die Gabe wäre für sie für immer verloren.“
Zwei einmalige Avatare schließen sich Alpha an, als Ausnahme zu den avatarischen Regeln. Carnivàles avatarische Mythologie prophezeit den Amtsdiener der Zerstörung als Vorbote der Endzeit und der Einführung des Harmagedon. Er ist unter tausenden Namen in tausenden Büchern bekannt, kann sich aber nur einmal offenbaren. Er erscheint als der tätowierte Mann in VisionenStaffel 2, Folge 2: Alamogordo, NM. Regie: Jack Bender, Autor: William Schmidt. Management: „Du hast den Amtsdiener gesehen. Den tätowierten Mann. […] Samhain, Necrotus, Khaybet, Herr der Schatten. Tausende Namen in tausenden Büchern, doch alle bedeuten dasselbe. Der Amtsdiener der Zerstörung.“ und kann nur mit einer in Vitae Divina gegossenen Waffe, die direkt in den Hauptast seines Baumtattoos gestoßen werden muss, unter dem sein dunkles Herz schlägt, getötet werden. Verletzungen von solch gesalbten Waffen heilen nie vollständig.Staffel 2, Folge 8: Outskirts, Damascus, NE (Der Prinz erwacht). Regie: Tim Hunter, Autor: Daniel Knauf.