Letztbegründung ist in Philosophie, Theologie und Wissenschaftstheorie die Rückführung von Geltungsansprüchen hinsichtlich Wahrheit und Gewissheit auf letzte sichere Grundlagen. Eine Strategie der Rechtfertigung mit dem Anspruch auf Selbst- und Letztbegründung hält meist ein voraussetzungsloses Anfangen für unabdingbar.
Das Konzept einer „letzten“ Begründung wurde bereits bei Platon und Aristoteles reflektiert und im Laufe der Philosophiegeschichte immer wieder untersucht. Wichtige ältere Ansätze, das Denken auf eine sichere Grundlage zu stellen, finden sich bei Anselm von Canterbury, Descartes, Karl Leonhard Reinhold, beim Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) und Jakob Friedrich Fries.
In seiner Spätphilosophie schließt sich auch der Philosoph Edmund Husserl der „Wissenschaft aus absoluter Begründung“ an. Als Letztbegründungstheoretiker gelten heute neben Hugo Dingler insbesondere Karl-Otto Apel, Vittorio Hösle, Wolfgang Kuhlmann und Harald Holz.Letztbegründung nach Harald Holz, vgl. auch Harald Holz: Werkausgabe. Bände 1, 3, 4, 6–8. Europäischer Universitätsverlag Berlin, Bochum et al. 2009–2011.
Besonders die Vertreter des Kritischen Rationalismus kritisieren die Letztbegründung.
Richtungen der Letztbegründung Eine Letztbegründung beginnt mit einer geltungsmäßig gesicherten Basis. Dieser Ausgangspunkt ist definitiv begründet und damit einer späteren Widerlegung oder Falsifikation nicht mehr fähig. Vielmehr denkt man von diesem Fundament aus zirkelfrei weiter und greift bei Begründungen immer wieder darauf zurück. Als erste Wahrheiten bzw. Grundwahrheiten werden mindestens seit der Scholastik die Evidenzen gesehen. Sie sind selbst weder beweisbar noch widerlegbar, da jeder Beweis sie bereits voraussetzt.
Nach Descartes besteht die gesicherte theoretische Basis ausschließlich aus den Erkenntnissen, dass ich denke und (also) bin, da ich nicht vermuten kann, nicht zu sein, ohne zu denken.
Mit dem transzendentalpragmatischen Argument versucht Karl-Otto Apel zu begründen, dass Menschen, die über ihre Zwecke reden, diese im Diskurs auch zur Disposition stellen müssen, weil sie sich sonst in einen performativen Selbstwiderspruch begeben. Hieraus entwickelt Apel eine Diskursethik, die sich durch die genannte Zweckdisposition letztbegründen lässt. Eine Theorie ist nach Apel unter anderem dann letztbegründet, wenn sie nicht ohne Selbstwiderspruch negiert werden kann.
Ähnlich wie Apel hält Jürgen Habermas es im Rahmen seiner Universalpragmatik für möglich, die Diskursethik durch eine ideale Sprechsituation (die Grundnorm der vernünftigen Rede) zu fundieren und zu legitimieren. Dies geht einher mit einer Konsenstheorie der Wahrheit. Im Gegensatz zu Apel strebt Habermas eine minimalistische Deutung des Transzendentalen an.
Obige Ansätze verwenden alle die Argumentationsfigur der Retorsion. In der Protophysik (Hugo Dingler) wird versucht, den Anfang der Wissenschaften über eine Sicherung der Messgerätenormen zu erreichen. Daraus wird dann die – auf Messungen angewiesene – Physik letztbegründet. In der Fundamentaltheologie benutzt Hansjürgen Verweyen den philosophischen Erweis eines letzten Grundes, um zu zeigen, dass eine christlich verstandene Offenbarung für die menschliche Vernunft „vernehmbar“ sei (vgl. Natürliche Theologie und Apologetik).
Lebenswelt als begründende Instanz Bei Rene Descartes steht am Anfang der Philosophie das zweifelnde 'Ich denke', auf das er seine Philosophie letztlich gründet. Im Spätwerk Edmund Husserls wird in kritischer Rezeption des cartesischen Anfangs eine prädikative Evidenz als Anfang genommen. Die Lebenswelt wird bei Husserl diese letztbegründende Anfangsinstanz. Husserl entwickelt den Begriff in seinem Werk Die Krisis der Europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie im Rahmen seiner Überlegungen zur allgemeinen „Krise der Europäischen Wissenschaften“. Nach Husserl verblendeten die positiven und empirischen Wissenschaften im Zeitalter der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die Menschen:Edmund Husserl: Die Krisis der Europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie 1954, S. 4.
Die Ursache dieser Krise erblickt Husserl darin, dass vergessen wurde, dass sich alle Wissenschaft in der Lebenswelt gründet. Die Lebenswelt ist der selbstverständliche, unbefragte Boden sowohl jeglichen alltäglichen Handelns und Denkens wie auch jeden wissenschaftlichen Theoretisierens und Philosophierens. Sie ist die „primordiale Sphäre“ – nicht nur, weil sie auch ohne die neuzeitliche Wissenschaftskonzeption mit ihrem objektiven Wahrheitsbegriff existierte, sondern auch weil viele der lebensweltlichen Sinnes- und Geltungssetzungen für jedes wissenschaftliche Argumentieren notwendigerweise vorausgesetzt werden müssen.
Transzendentalpragmatik In der Philosophie der Gegenwart haben sich für die Möglichkeit der Letztbegründung am klarsten die Vertreter der Transzendentalpragmatik, insbesondere Karl-Otto Apel und Wolfgang Kuhlmann, ausgesprochen. Einen ähnlichen Begründungsansatz lieferte Jürgen Habermas, ohne jedoch von Letztbegründung zu sprechen.
Die Grundlage des transzendentalpragmatischen Letztbegründungs-Ansatzes bildet die von John Austin und John Searle begründete Sprechakttheorie. Danach stellen die Grundeinheiten menschlicher Rede Sprechakte dar. Diese weisen, sofern sie propositional ausdifferenziert sind, eine „eigentümliche Doppelstruktur“ auf, die für die Letztbegründungsargumentation von entscheidender Bedeutung ist: einen propositionalen Bestandteil, den eigentlichen Aussageninhalt (lokutiver Akt), und einen performativen Bestandteil, die Intention, mit der der Aussageinhalt geäußert wird (illokutiver Akt). In der Regel ist der illokutive Akt in einem Sprechakt nur implizit enthalten. Gemäß dem Searleschen „Prinzip der Ausdrückbarkeit“ („principle of expressibility“) besteht aber die Möglichkeit, jeden illokutiven Akt zu explizieren und ihn so argumentativ zugänglich zu machen.Zur Explikation illokutiver Akte vgl. Jürgen Habermas: Was heißt Universalpragmatik?, in: Karl-Otto Apel (Hrsg.): Sprachpragmatik und Philosophie, Frankfurt a. M. 1976, S. 174–272, hier S. 222–225.
Nach Ansicht der Transzendentalpragmatiker ist eine Aussage nun genau dann letztbegründet, wenn ihre Bezweiflung zu einem „performativen Widerspruch“ führt, d. h. der Gehalt des illokutiven Akts i dem Inhalt der Proposition p widerspricht. Als Beispiele führen Apel und Kuhlmann unter anderem das Nichtwiderspruchsprinzip, die Unbezweifelbarkeit der Existenz meines Ichs und einer Kommunikationsgemeinschaft an.
So behaupte jemand, der das Nichtwiderspruchsprinzip bestreitet, „gleichzeitig auch das Gegenteil seiner Behauptung“ und könne somit seine „Behauptung nicht mehr als Behauptung auffassen“.Karl-Otto Apel: Ist eine philosophische Letztbegründung moralischer Normen möglich, in: Karl-Otto-Apel, Dietrich Böhler, Gerd Kadelbach (Hrsg.): Funk-Kolleg Praktische Philosophie/Ethik, Dialoge, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1984, S. 82–123, hier S. 93. Ähnlich lässt sich der Zweifel, dass ich existiere, explizieren in der performativen Äußerung „Ich bezweifle hiermit – jetzt –, daß ich existiere“, was einen performativen Widerspruch zwischen Illokution und Proposition darstellt.Karl-Otto Apel: Das Problem der philosophischen Letztbegründung im Lichte einer transzendentalen Sprachpragmatik. Versuch einer Kritik des „Kritischen Rationalismus“, in: B. Kanitscheider (Hrsg.): Sprache und Erkenntnis. Festschrift für Gerhard Frey zum 60. Geburtstag, Innsbruck 1976, S. 10–173, hier S. 71. Weiterhin liegen nach Ansicht der Transzendentalpragmatiker jedem Zweifel die Annahme einer realen Kommunikationsgemeinschaft zugrunde, gegenüber der ich meine Zweifel vortrage und die Annahme einer idealen Kommunikationsgemeinschaft, die prinzipiell imstande ist, den Sinn meiner „Argumente adäquat zu verstehen und ihre Wahrheit definitiv zu beurteilen“.Karl-Otto Apel: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft. In: Transformation der Philosophie, Bd. 2, S. 429.
Auch die Grundlagen einer Ethik seien auf diese Weise letztbegründbar. Sofern wir uns überhaupt auf das Argumentieren ernsthaft einlassen, wozu auch das Bestreiten gehört, könnten wir nicht mehr hinter unserem Willen zur rationalen Argumentation zurück. Das Ziel jeder Argumentation sei aber, dass wir etwas wirklich wissen wollen, um „Gewissheit“ zu haben, dass es sich bei dem betreffenden Problemlösungsversuch „wirklich um die richtige (optimal erreichbare) Lösung handelt“. Eine solche Gewissheit erreichen wir aber nach Ansicht der Transzendentalpragmatik nur, wenn wir uns zur Lösung eines Problems um eine „Lösung bemühen, der jedermann zustimmen könnte, um einen vernünftigen Konsens“.Wolfgang Kuhlmann: Reflexive Letztbegründung. Untersuchungen zur Transzendentalpragmatik, S. 189.
Aus Sicht der Transzendentalpragmatik beinhaltet jeder illokutive Akt eines Sprechaktes ein Handlungswissen. Dessen Inhalte können durch die Methode der „strikten Reflexion“,Wolfgang Kuhlmann: Reflexive Letztbegründung. Untersuchungen zur Transzendentalpragmatik, S. 180. also die Reflexion auf das „Thematisieren [einer Proposition] selbst“ aufgewiesen werden; das implizite Handlungswissen (das „Know-how“ vom Argumentieren) wird so zum expliziten Handlungswissen („Know-that“).
Für Apel und Kuhlmann ist das implizite Handlungswissen infallibel, da es konstitutiv für jeden Sprechakt sei. Bezüglich der Explikation dieses Handlungswissens gehen ihre Positionen allerdings auseinander. Während es für Apel keine „Unfehlbarkeit irgendwelcher Personen“ – auch nicht bezüglich der Rekonstruktion unseres Handlungswissens gibt,Karl-Otto Apel: Ist eine philosophische Letztbegründung moralischer Normen möglich, in: Karl-Otto-Apel, Dietrich Böhler, Gerd Kadelbach (Hrsg.): Funk-Kolleg Praktische Philosophie/Ethik, Dialoge, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1984, S. 82–123, hier S. 112. ist für Kuhlmann diese zumindest für einen Kernbereich infallibel: Für die Rekonstruktion unseres Handlungswissen bräuchten wir keine von außen herangetragenen, empirischen und daher falliblen Theorien über es aufzustellen, sondern hätten hier vielmehr den paradoxen Fall, dass es „der Gegenstand der Forschung selbst ist […], der von sich explizites Wissen produziert“.Wolfgang Kuhlmann: Reflexive Letztbegründung. Untersuchungen zur Transzendentalpragmatik, S. 139.
Methodische Messtheorie Der deutsche Philosoph Hugo Dingler entwickelte eine nicht-empirische Theorie der Messung (Protophysik).Jürgen Mittelstraß: Dingler, Hugo in: ders.: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Zweite Auflage. Band 2, Metzler 2005, ISBN 978-3-476-02101-4, S. 218–220 Eine Operation darf nach Dingler nur von solchen Hilfsmitteln Gebrauch machen, die ebenfalls bereits operativ konstruiert und begründet sind (Vollbegründung). Anfangsschritte dieser methodischen Kette werden im dinglerschen Operativismus durch Rückgriff auf normierte Handlungen definiert. Beispielsweise wird die 'Ebenheit' von Körpern vorempirisch durch normierte Herstellung von ebenen Oberflächen bestimmt. Werden drei Oberflächen wechselseitig aneinander abgeschliffen, so können sie nicht konkav oder konvex werden (so genanntes dinglersches Dreiplattenverfahren).
Solche Anfänge der Wissenschaften sind bei Dingler vor den Messungen zu machen und nicht durch sie falsifizierbar. Sie begründen den Aufbau der Wissenschaften.
Diskussion Kritik In der zeitgenössischen Philosophie stellen vor allem die Vertreter des Kritischen Rationalismus die Möglichkeit einer Letztbegründung in Frage. Sie verweisen auf ein grundsätzliches Problem eines jeden Versuches einer letzten Begründung. Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft, S. 15 Hans Albert: Kritik des transzendentalen Denkens, S. 120. Jede wiederholte Warum-Frage-Kette würde früher oder später nach dem Münchhausen-Trilemma in eine logische Sackgasse geraten, die nach Auffassung der Letztbegründungsgegner lediglich drei Alternativen zur Wahl lässt: