mini|hochkant=1.3|Niederwalddenkmal Das Niederwalddenkmal in Rüdesheim am Rhein wurde 1877–1883 von Johannes Schilling und Karl Weißbach im Monumentalstil errichtet. Es erinnert an die Deutsche Reichsgründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871. Die Kolossalstatue stellt Germania mit siegreich erhobener Krone und friedvoll gesenktem Schwert dar. Das insgesamt 38 Meter hohe Monument gehört zu den Sehenswürdigkeiten Hessens und zu den Nationaldenkmälern Deutschlands. Das Niederwalddenkmal ist Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.
Anlass und Planung
Historischer Hintergrund Der Anlass zur Erbauung des Niederwalddenkmals war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und die anschließende Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871. Letzteres war das Ergebnis jahrzehntelanger Bestrebungen zur Vereinigung der vielen Staaten des Deutschen Bundes. Zudem kam es im 19. Jahrhundert in Deutschland allgemein in Mode, Denkmäler zum Gedenken an historische Ereignisse oder Personen zu errichten. So kamen bereits während des Krieges 1870/71 erste Ideen für die Errichtung eines nationalen Denkmals zu diesem Zweck auf. Nach der Gründung des Kaiserreichs wurden von vielerlei Seiten Vorschläge gemacht.
Standortfrage mini|Das Denkmal von der anderen Seite des Rheins aus gesehen, von Bingen (2017) Der Rhein gewann dabei als Standort besondere Beachtung, da er für die Deutschen ein wichtiges Symbol darstellte. Er war seit alters her ein wichtiger Schauplatz der deutschen Geschichte und der Sagen- und Märchenwelt (Rheinromantik). Seit dem Ersten Koalitionskrieg bis zum Sturz Napoleons war er rund zwanzig Jahre lang deutsch-französischer Grenzfluss gewesen.
Viele deutsche Soldaten hatten das Lied Die Wacht am Rhein gesungen, als sie in den Krieg von 1870/1871 gezogen waren. Es wurde sogar als Hymne für das neue Deutsche Kaiserreich in Betracht gezogen. Durch die Annexion Elsass-Lothringens wurde Frankreich vom linken Rheinufer völlig verdrängt. Der Rhein war – bis auf den Ursprung und die Mündung – ein rein deutscher Fluss geworden.
Planung mini|Niederwalddenkmal um 1900 Am 13. April 1871 schlug der Schriftsteller Ferdinand Hey’l im „Rheinischen Kurier“ den konkreten Standort Niederwald bei Rüdesheim am Rhein im preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden vor. Das Denkmal liegt am Rand des heutigen Landschaftsparks Niederwald oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein. Zu seinen Füßen befinden sich die Weinlagen des Rüdesheimer Berges. Dieser Vorschlag wurde von vielen mit großer Begeisterung aufgenommen. Insbesondere der Wiesbadener Regierungspräsident Botho Graf zu Eulenburg kümmerte sich um die weitere Planung und Organisation des Denkmalbaus. Zunächst holte er die Zustimmung Kaiser Wilhelms I. und des Reichskanzlers Otto von Bismarck für das Projekt ein. Danach gründete er ein Komitee in Berlin, welches vor allem aus Mitgliedern des Reichstages bestand. Dem geschäftsführenden Ausschuss dieses Komitees saß er selbst vor.
Im November 1871 begann die Durchführung des Denkmalprojektes mit der Veröffentlichung des ersten Spendenaufrufes an das Volk. Im Februar 1872 folgte der erste Wettbewerb für Künstler, Architekten und Bildhauer, um einen geeigneten Entwurf zu ermitteln. Jedoch war keins der eingereichten Modelle in den Augen des Komitees gut genug für eine reale Umsetzung. Erst nach einer zweiten Ausschreibung konnten die Ideen des Bildhauers Johannes Schilling überzeugen. Er reichte seinen dritten und endgültigen Entwurf im April 1874 ein. Die Architektur und die Terrassenbauten des Denkmals wurden von dem Dresdner Architekten Karl Weißbach ausgearbeitet. Die Umsetzung des Projekts wurde dadurch erschwert, dass insgesamt nicht genügend Geld durch Spenden eingesammelt werden konnte. Daher musste der Reichstag einen Zuschuss leisten. So konnte der Bau des Denkmals nach drei Jahren Vorbereitungszeit beginnen.
Bau, Einweihung und Attentat Am 16. September 1877 wurde die Grundsteinlegung mit einem großen Fest gefeiert, bei dem auch Kaiser Wilhelm I. anwesend war. 1883 waren die Bauarbeiten beendet. links|mini|Aufzug des Germania-Kopfes auf das Niederwalddenkmal am 11. August 1883 (Neue Illustrierte Zeitung ebd., Zeichnung von Ferdinand Lindner) Die Figur der Germania entstand in der Königlichen Erzgießerei zu München und war bis zum 14. Juni 1883 in München ausgestellt.Rheingau Echo vom 9. Juni 2023: Aus dem Rheingauer Anzeiger - Juni 1883. Rüdesheim erwartet mit Spannung die Ankunft der „Germania“ Am 18. Juni 1883 sollte die Statue der Germania per Eisenbahn eintreffen. Der vorgesehene Reiseweg wurde vorab mit einem Probezug befahren und hatte sich - besonders hinsichtlich von Tunnels und Brücken - als machbar erwiesen. Der Transport sollte etwa acht Tage in Anspruch nehmen. Die einzelnen Teile der etwa 700 Zentner wiegenden Statue wurden auf drei Waggons verteilt, das schwerste Teil brachte 240 Zentner auf die Waage. Auf der Strecke von Aschaffenburg nach Worms wurde ein Güterschuppen „abgelegt“ und an einer Brücke „wurde die Last über deren Höhe gehoben und mittels Rollen über diese befördert“. Von Worms–Rosengarten bis Rüdesheim ging die Reise der Gussstücke auf dem Wasserweg weiter. Der Raddampfer „Bingerbrück“ schleppte die auf hölzernen Pontons längsseits gekoppelten Güterwagen zu dem Gütertrajekt unterhalb von Rüdesheim. Von da sollten die Waggons von einer Lokomotive bis zur Ausladestelle gefahren werden. Diese sollte entweder „an der Apotheke“ oder „an der Geisenheimer Chaussee“ sein. Für den Transport von dort auf den Niederwald rechnete man zwei bis drei Tage. Zur Bewältigung der starken Steigung sollten „eine ganze Reihe kräftiger Pferde“ eingesetzt werden.Rheingau Echo vom 11. Mai 2023: Aus dem Rheingauer Anzeiger - Mai 1883. Transport der Germania nach Rüdesheim Die für die damalige Zeit extrem leistungsfähigen Hebeseile für das Hinaufziehen des Germania-Kopfes lieferte die Seilereifabrik Jakob Reutlinger aus Offenbach.Alte Seilerei Reutlinger links|mini|Aufrichtung des Niederwalddenkmals am 11. August 1883 ( Neue Illustrierte Zeitung ebd., Zeichnung von Ferdinand Lindner)
Bei der Einweihungsfeier am 28. September 1883 hielt der Kaiser wieder eine Rede, die jedoch durch eine Panne gestört wurde. Weil die Geschützbedienung der Haubitze die Geste ihres Offiziers falsch deutete, feuerte sie bereits einen Salut, während der Kaiser noch sprach. Die Rheinschiffe hörten das verabredete Signal und feuerten nun auch mehrere Salutschüsse. Damit die letzten Worte trotzdem nicht verloren gingen, meißelte man sie auf dem mittleren Absatz des Treppenabgangs rund um den Denkmalssockel ein. Bei der Einweihungsfeier fand ein Attentatsversuch auf Kaiser Wilhelm I. durch eine Gruppe Anarchisten rund um August Reinsdorf und Emil Küchler statt. Dieses Attentat scheiterte aber.
Zur Zeit des deutschen Kaiserreichs galt das Niederwalddenkmal mit dem Barbarossadenkmal auf dem Kyffhäuserberg, dem Deutschen Eck in Koblenz, dem Hermannsdenkmal bei Detmold am südlichen Teutoburger Wald, dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica, dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Berlin, dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig und dem Bismarck-Denkmal in Hamburg als ein Nationaldenkmal.
Bildprogramm
Das Niederwalddenkmal hat eine Gesamthöhe von 38,18 Metern und wiegt 75 Tonnen. Das Figurenprogramm des Denkmals besteht aus mehreren unterschiedlichen Plastiken und Reliefs.
Germania mini|Die Germania
Zuoberst steht die Hauptfigur, die 12,5 Meter hohe Germania, auf einem Sockel vor einem Thron im „altdeutschen Stil“ mit Adlerwangen. Dieser symbolisiert den Kaiserthron. Obwohl das Denkmal als Ganzes gen Süden ausgerichtet wurde, ist ihr Kopf leicht nach links, also östlich gedreht. Damit schaut sie in den Rheingau, Richtung Deutschland. Mit der rechten Hand hält sie die Reichskrone lorbeerumkränzt empor. Die linke Hand umfasst dagegen ein gesenktes lorbeerumwundenes Schwert. Der Lorbeer wurde bereits in der Antike in der Form eines Kranzes als Symbol des Sieges und als Zeichen der Macht von den Imperatoren getragen und wird in entsprechender Weise auch im 19. Jahrhundert oft als triumphales Symbol verwendet.
Das Haupt der Germania ist dagegen mit Eichenlaub, dem deutschen Attribut, umkränzt und ihr langes Haar weht im Wind. Ihr Körper ist mit einem schweren, faltenreichen Gewand umhüllt, welches mit verschiedenen Ornamenten und Tieren geschmückt ist. Dabei lassen sich Adler, Hirsche, Raben, Drachen und Schwäne finden – Tiere, die in der deutschen Märchen- und Sagenwelt häufig vorkommen. Am Mantelrand sind ein Adlerfries und eine Edelsteinborte angebracht. Zum Schutz trägt die Germania einen Brustkoller mit aufgeprägtem Reichsadler. Damit sollte sie alles vereinen, was zum damaligen Deutschlandbild gehörte.
Modell für die Germania war Schillings jüngere Tochter Clara.
Sockel
Auf dem Sockel, auf dem die Germania steht, befindet sich im Südsüdosten auf der Vorderseite des Denkmals die Inschrift: „ZUM ANDENKEN / AN DIE EINMUETHIGE / SIEGREICHE ERHEBUNG / DES DEUTSCHEN VOLKES / UND AN DIE / WIEDERAUFRICHTUNG / DES DEUTSCHEN REICHES / 1870–1871“. Auf den Sockelseiten rechts und links davon sind die Namen wichtiger Schlachtfelder des Krieges 1870/71 festgehalten; so an der Westnordwest-Seite untereinander: „WEISSENBURG / WOERTH / SPICHERN / COURCELLES / MARS LA TOUR / GRAVELOTTE / BEAUMONT / SEDAN“. An der Ostnordost-Seite: „STRASSBURG / METZ / LE BOURGET / AMIENS / ORLEANS / LE MANS / ST. QUENTIN / PARIS“. Im Nordnordwesten die Gedenkinschrift: „FRIEDE ZU FRANKFURT / 10. MAI 1871“.
An den abgefasten Kanten des oberen Sockels befinden sich Palmzweige, die eigentlich nicht vorgesehen waren und erst nach der Grundsteinlegung hinzugefügt wurden. Sie dienen dem Gedenken der Gefallenen, da sie im Christentum das Symbol für Märtyrerschaft und als immergrüner Pflanzenteil das des ewigen Lebens darstellen.
Am Fuß des obersten Sockels stehen Kränze und das Eiserne Kreuz. Sie leiten zu einer Wappenreihe über, in deren Zentrum der Reichsadler mit dem preußischen Wappenschild auf der Brust sitzt. Dieser ist gerade im Begriff aufzusteigen. Die Wappenreihe beinhaltet alle Wappen der damaligen Staaten, an der Stirnseite die vier Königreiche Sachsen, Preußen, Bayern und Württemberg.
Hauptrelief mini|Das Hauptrelief
Das Hochrelief unterhalb des Sockels zeigt 133 Personen in Lebensgröße. Damit ist es das größte Bronzerelief des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum sitzt König Wilhelm von Preußen zu Pferde. Um ihn herum sammeln sich rechts die Generäle und Fürsten des Norddeutschen Bundes, links selbige aus Süddeutschland. Folglich zeigt das Relief die Aufbruchstimmung vor dem Deutsch-Französischen Krieg und nicht die Situation nach der Reichsgründung. Unter der Bundesfahne und den Fahnen der größten Städte Deutschlands sind die Personen Bismarck, Moltke, Prinz Friedrich Karl, Kronprinz Albert von Sachsen, Friedrich Franz II. Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, General Edwin von Manteuffel, ein preußischer Gardist mit Fahne und ein sächsischer Infanterist mit Trommel ganzfigurig hervorgehoben. Sie blicken mit teils verklärtem Blick in die Ferne und scharen sich um ihren Anführer König Wilhelm. Auf Wilhelms linker Seite stehen der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, die Generäle von Blumenthal, von Hartmann, Ludwig von der Tann-Rathsamhausen, August von Werder, ein hessischer Jäger und ein preußischer Kanonier. Jeder, der selbst am Krieg beteiligt gewesen war oder zumindest solcherlei Angehörige besaß, hatte sich in einem Vertreter der Truppengattungen wiederfinden können sollen. Daher lassen sich unter den Figuren sowohl Darstellungen der Heerführer als auch der Mannschaften und Truppenteile ausmachen.
mini|hochkant|links|Die Allegorie des Krieges mini|hochkant|Die Allegorie des Friedens
Allegorien