mini|François Truffaut, 1967

François Truffaut (* 6. Februar 1932 in Paris; † 21. Oktober 1984 in Neuilly-sur-Seine) war ein französischer Filmregisseur und Filmkritiker.

Er ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte, insbesondere der Nouvelle Vague und Autor von einundzwanzig Spielfilmen, die dazu beigetragen haben, die Filmgeschichte und den Französischen Film zu revolutionieren. Seine Filme zeichnen sich durch besondere Leichtigkeit und persönliche Bezüge in seinem Werk aus. Er gilt als Vorbild, Filmkunst und Unterhaltung zu verbinden.

Er wurde vom Filmkritiker André Bazin unter seine Fittiche genommen und als Autor für die von diesem gegründete Zeitschrift Cahiers du Cinéma engagiert. Sein Erstling Sie küssten und sie schlugen ihn (1959) mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des Antoine Doinel, Truffauts Alter Ego, begründete die Nouvelle Vague. Die Spielfilme Geraubte Küsse (1968), Tisch und Bett (1970) und Liebe auf der Flucht erzählten die Geschichte des Paares Antoine und Christine (Claude Jade) weiter. Zu seinen weiteren bemerkenswerten Filmen zählen Jules et Jim (1962), Die amerikanische Nacht (1973) und Die letzte Metro (1980). Er verfasste 1966 Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, ein Buch mit Interviews mit seinem Vorbild Alfred Hitchcock, das bis heute als eines der Hauptwerke der Filmliteratur gilt.

Er war von 1957 bis 1964 mit Madeleine Morgenstern verheiratet, verlobte sich 1968 mit der Hauptdarstellerin dreier seiner Filme, Claude Jade, und lebte die letzten Lebensjahre mit der Schauspielerin Fanny Ardant zusammen.

Truffaut arbeitete auch als Schauspieler und Produzent.

Leben und Werk Kindheit und Jugend François Truffaut wurde 1932 als uneheliches Kind geboren und verbrachte seine Kindheit in Paris. Seine Mutter Janine de Monferrand heiratete 1933 den Architekten und Bauzeichner Roland Truffaut, der François als seinen Sohn adoptierte. Dennoch wuchs François bei seiner Großmutter auf. Erst als diese 1942 starb, nahmen ihn die Eltern zu sich. Truffaut galt in seiner Jugend als schwer erziehbar, landete in mehreren Erziehungsheimen und schlug sich als junger Erwachsener mit Gelegenheitsjobs durch, bis er schließlich Soldat wurde. Doch auch aus der französischen Armee wurde er unehrenhaft entlassen, nachdem er vergeblich versucht hatte zu desertieren. Sowohl als Kritiker als auch später als weltweit gefeierter Regisseur war Truffaut Autodidakt. Seine Schule waren die Kinobesuche.

Vom Filmkritiker zum Regisseur Ab März 1953 schrieb Truffaut für das u. a. von André Bazin geleitete Kinomagazin Les Cahiers du cinéma. 1954 veröffentlichte er in den Cahiers seinen im Ton bewusst polemisch formulierten Artikel Eine gewisse Tendenz im französischen Film, der zur Grundlage der Auteur-Theorie wurde. Als Filmkritiker hatte er maßgeblichen Anteil an der Anerkennung des Regisseurs als Künstler bzw. Autorenfilmer. Bald hatte er sich einen Namen gemacht als einer der geistreichsten und scharfzüngigsten Kritiker. Er attackierte den Zustand der damaligen französischen Kinematografie und entlarvte deren Produkte als oberflächlich und vom Streben nach Glitter und Glamour bestimmt. Er verteidigte dagegen den Poetischen Realismus. Außerdem war Truffaut ausgesprochener Bücherliebhaber. Auf autodidaktische Weise entwickelte er sich zum großen Literaturkenner, wobei seine Vorlieben von klassischen französischen Schriftstellern wie Balzac und Proust bis zu amerikanischen Autoren der Schwarzen Serie wie Cornell Woolrich (William Irish) und David Goodis reichten. Als eine Hommage an die Bücherwelt gilt sein Film Fahrenheit 451. mini|Truffaut 1965 vor dem Amsterdamer Kino Cinétol

1956 war er Assistent von Roberto Rossellini und wurde 1957 Filmproduzent mit einer eigenen Firma. So drehte er seinen Kurzfilm Die Unverschämten. Wegen seiner kritischen Artikel erhielt er bei den Filmfestspielen in Cannes 1958 keine Akkreditierung als Journalist. Im Jahr darauf durfte er mit seinem 1959er Filmdebüt Sie küßten und sie schlugen ihn in Cannes jedoch den Preis als bester Regisseur entgegennehmen. Der Film, der als das Hauptwerk der Nouvelle Vague und so als eines der wichtigsten des Autorenfilms und in der französischen Filmgeschichte gilt, erzählt mit autobiografischen Bezügen vom jungen Antoine Doinel, gespielt von Jean-Pierre Léaud. Als Zyklus setzte er dieses Werk 1962 zunächst mit dem Kurzfilm Antoine und Colette und dann 1968 mit der Liebesgeschichte um Antoine Doinel und Christine Darbon (gespielt von Claude Jade) in Geraubte Küsse fort. Der Film wurde ein großer Erfolg. 1970 beschrieb er den Ehealltag von Antoine und Christine in Tisch und Bett. Truffaut beendete die Chronik des Paares 1979 mit Liebe auf der Flucht, in dem sie sich nach einer Affäre Antoines mit Christines Freundin Liliane scheiden lassen und Freunde bleiben. Die Doinel-Filme, von Léaud und Jade gespielt, zeigen seine eigene nur leicht verfremdete Lebensgeschichte, die in diesen Filmen durch Klarheit, Poesie, Spontaneität und Authentizität geprägt ist. Neben diesen persönlichsten Werken sind auch seine poetische Dreiecksgeschichte Jules und Jim, die Liebeserklärung ans Kino, Die amerikanische Nacht, und sein Okkupationsdrama Die letzte Metro in die Kinogeschichte eingegangen. Mit Jacques Rivette, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Agnès Varda und Éric Rohmer ist Truffaut Begründer der „Neuen Welle“.

Setzt sich seine Hommage an den Gangsterfilm der 1940er Jahre, Schießen Sie auf den Pianisten, mit einem Underdog und der drückenden Last der eigenen Vergangenheit und Verlusten auseinander, reichert er bereits diese mit Ironie an. Mit Beginn der 1960er Jahre werden Truffauts Filme leichter und beschwingter. Seine Filme gelten sowohl als große Filmkunst, erreichen durch ihre Leichtigkeit und Eleganz mit Ironie auch das große Publikum – ein Erfolg, der Godard versagt blieb. Truffaut hatte keine Scheu, seine Werke für ein breites und weniger verkopftes, deswegen jedoch künstlerisch nicht minder aufgeschlossenes Publikum zu inszenieren. Als großer Bewunderer Alfred Hitchcocks nahm er 1966 das 50-stündige Interview Hitchcock/Truffaut auf, das als Filmbuch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? als das bedeutendste Hauptwerk der Filmliteratur gilt. Sein 1967 entstandener Film Die Braut trug schwarz ist eine eindeutige Hommage an Hitchcock. 1968 nimmt Hitchcock selbst den Faden auf und besetzt Truffauts Stammschauspielerin Claude Jade für Topas. Zwischen den beiden Doinel-Komödien Geraubte Küsse und Tisch und Bett entstehen ein weiterer Kriminalfilm, der zugleich eine amour fou ist (Das Geheimnis der falschen Braut), und sein asketisches Meisterwerk Das wilde Kind über die Erziehung des Wolfsjungen Victor von Aveyron, in dem Truffaut sich als pädagogischer Regisseur zeigt.

Für Truffaut war das Prinzip des Autorenfilms wichtig, was er bereits als Kritiker vom seelenlosen Kommerzkino gefordert hatte, nicht das einzelne Filmgenre. Waren im Doinel-Zyklus sowohl Drama (Sie küssten und sie schlugen ihn) als auch die federleichte Filmkunstkomödie (Geraubte Küsse) wie die reine Komödie mit ernsten Zwischentönen (Tisch und Bett) enthalten, so beherrschte er ebenso Thriller (Die Braut trug schwarz), schwarze Komödien (Ein schönes Mädchen wie ich), Hommagen an die Schwarze Serie als Drama mit komischen Elementen (Schießen Sie auf den Pianisten) und Krimikomödien (Auf Liebe und Tod), Historiendrama (Die Geschichte der Adèle H., Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent), Filme über Kinder (Der Wolfsjunge, Taschengeld) oder persönliche Bezüge zum Umgang mit Toten mit Das grüne Zimmer.

Der Filmproduzent Marcel Berbert produzierte die meisten Filme Truffauts durch die Produktionsfirma Les Films du Carrosse. Für den Filmverleih waren unterschiedliche Unternehmen verantwortlich, unter anderem United Artists.

Häufige Zusammenarbeiten Der Schauspieler Jean-Pierre Léaud spielte neben dem Antoine-Doinel-Zyklus auch in den Filmen Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent und Die amerikanische Nacht.

Die Schauspielerin Claude Jade spielte nach Geraubte Küsse auch die Hauptrollen in Tisch und Bett und Liebe auf der Flucht. Sie war seine häufigste Hauptdarstellerin. Für Ein schönes Mädchen wie ich erschien sie ihm zu jung, und er besetzte die 10 Jahre ältere Bernadette Lafont. Neben Claude Jade waren Jeanne Moreau (Jules und Jim, Die Braut trug schwarz), Catherine Deneuve (Das Geheimnis der falschen Braut, Die letzte Metro) und Fanny Ardant (Die Frau nebenan, Auf Liebe und Tod) seine Musen.

Der Schauspieler Charles Denner wurde nach schönen Nebenrollen in Die Braut trug schwarz und Ein schönes Mädchen wie ich im Jahr 1977 Der Mann, der die Frauen liebte. Zum Stammpersonal zählte auch Gerard Depardieu, der in Die letzte Metro und Die Frau nebenan jeweils eine Hauptrolle spielte.

Marie Dubois, Hauptdarstellerin in Schießen Sie auf den Pianisten, hatte eine Nebenrolle in Jules und Jim. Und Schauspielerin Nathalie Baye hatte nach Nebenrollen in Die amerikanische Nacht und Der Mann, der die Frauen liebte 1978 eine Hauptrolle in Das grüne Zimmer an der Seite Truffauts selbst.

Die Schauspielerin Sabine Haudepin hatte als Kind Rollen in Jules und Jim als Jeanne Moreaus Tochter und in Die süße Haut als Tochter der Lachenays. In beiden Filmen hießen ihre Rollen Sabine. Als Erwachsene spielte sie eine größere Nebenrolle als ehrgeizige Schauspielerin Nadine in Die letzte Metro.

Truffaut arbeitete häufig mit den Kameramännern Raoul Coutard und Nestor Almendros zusammen.

Themen bei Truffaut Bücher und schöne Frauen – kein Regisseur hat seine Leidenschaften so unverhohlen ausgestellt wie François Truffaut. Und manchmal stehen sie sich unversöhnt gegenüber: „Du liest gegen mich“, wirft eine der Geliebten in Der Mann, der die Frauen liebte Bertrand vor und schleudert das Buch aus dem Fenster auf die Straße. Beim Aufsammeln kommt er unter die Räder; auf der anderen Straßenseite hat ein Paar Frauenbeine ihn abgelenkt. Es sind die Beine von Françoise Dorléac, die er zu elegischer Musik filmt in Die süße Haut; in der Eröffnung zu Tisch und Bett folgt die Kamera lange den Beinen von Claude Jade, und in seinem letzten Film Auf Liebe und Tod präsentiert Fanny Ardant ihre Beine, in dem sie vor dem Kellerfenster, aus dem Jean-Louis Trintignant blickt, auf und ab geht. Und die Bücher sind allgegenwärtig: Der kleine Antoine errichtet Balzac einen Altar, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud lesen im Bett. Truffauts Helden lesen, schreiben, leiden an nie abgeschickten oder nie erhaltenen Briefen. Das Buch Truffaut – Briefe zeugt von seiner Leidenschaft dafür. Das Buch und das geschriebene Wort werden zu einem Fetisch: Am Frühstückstisch am Ende von Geraubte Küsse schreiben sich Claude Jade und Jean-Pierre Léaud kleine Botschaften auf Zettel. Das Schlimmste, was einer zukünftigen Gesellschaft blühen kann, ist ein Schriftverbot. Fahrenheit 451 über den Feuerwehrmann, der Bücher verbrennt und dann beginnt, sie zu lesen, ist Truffauts einziger Science-fiction-Film. Schlimmer mochte er sich die Zukunft nicht vorstellen. Neben der Auseinandersetzung mit dem Tod wie in Das grüne Zimmer beschäftigte Truffaut zeitlebens eine andere Frage: Ist das Kino wichtiger als das Leben? Filme sehen und vor allem Filme machen war für ihn nicht eine Form von Eskapismus, sondern seine Art, das Leben zu bewältigen. Frauen sind bei Truffaut immer die stärkeren Figuren, so dass er als der Frauenregisseur der Filmgeschichte gilt.

Frauenbild bei Truffaut