mini|Arthur Eichengrün bei Bayer (ca. 1900) Ernst Arthur Eichengrün (* 13. August 1867 in Aachen; † 23. Dezember 1949 in Bad Wiessee) war ein deutscher Chemiker.
Leben Eichengrün wurde als Sohn eines jüdischen Textilhändlers und -fabrikanten geboren und besuchte das Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen. Nach dem Abitur 1885 begann er an der Technischen Hochschule Aachen ein Chemiestudium und wurde Mitglied des Akademischen Vereins der Chemiker, Berg- und Hüttenleute, des späteren Corps Montania.Franz Ludwig Neher: Das Corps Montania zu Aachen. 1872–1957. Aachen 1957, S. 117. Zum Wintersemester 1887/1888 setzte er das Studium an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg bei Carl Liebermann fort. Im Wintersemester 1888/1889 kehrte er an die Aachener Hochschule zurück und schrieb dort bis 1890 bei Alfred Einhorn seine Dissertation Über das Methoxy-dioxy-Dihydrocarbostyril (Kokain-ähnliches Lokalanästhetikum).Die Prüfung erfolgte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, da Technische Hochschulen damals noch kein Promotionsrecht besaßen. Die Ergebnisse wurden publiziert:A. Eichengrün und A. Einhorn: Ueber p-Methoxydioxydihydrochinolin und einen neuen Fall stereochemischer Isomerie. In: Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft, 23. Jahrgang 1890, S. 1489. (Digitalisat)A. Eichengrün, A. Einhorn: Ueber das B-3-Methoxy-1,3-dioxy-2,3-dihydrochinolin. In: Justus Liebig’s Annalen der Chemie, Band 262 (1891), S. 133–181. (doi:10.1002/jlac.18912620202) Danach nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bei Carl Graebe in Genf an.
1892 begann er eine Tätigkeit bei dem Unternehmen C. H. Boehringer in Ingelheim am Rhein, wo er sich mit der Reinisolierung von Kokain beschäftigte. 1893 wechselte er zum Unternehmen Balzer & Cie. in (Berlin-)Grünau und kurz danach zum Unternehmen des Apothekers Ludwig Clamor Marquart in (Bonn-)Beuel (heute Degussa AG, Werk Marquart). 1894 heiratete er in erster Ehe Elisabeth geb. Fechheimer (* 1874) und trat aus der jüdischen Gemeinde aus.Ulrich Chaussy, Christoph Püschner: Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg. 7. Auflage, Christoph Links, Berlin 2012, S. 59. (Digitalisat), Austrittsbescheinigung vom 20. September 1894 auf S. 132 (Digitalisat)
Ab 1. Oktober 1896 erhielt er im 1890 gegründeten Pharmakologischen Laboratorium der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld eine Leitungsfunktion.Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Campus, Frankfurt am Main / New York 2000, S. 53. (Digitalisat) Nach nur einem halben Jahr übernahm diese am 1. April 1897 Heinrich Dreser.Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Campus, Frankfurt am Main / New York 2000, S. 38. (Digitalisat) Seine Kollegen waren Jürgen Callsen, Otto Bonhoeffer, Karl Demeler, Rudolph Berendes, Felix Hoffmann und ein Jahr später Fritz Hofmann, der bei Bayer ab 1906 den ersten künstlichen Kautschuk entwickelte.
Zum 1. Oktober 1901 wechselte Eichengrün bei Bayer in eine neue Abteilung zur Entwicklung von Verfahren der Celluloseacetat-Herstellung und -Anwendung.
1908 verließ er das Unternehmen und gründete in Berlin das eigene Cellon-Laboratorium Dr. A. Eichengrün, das 1919 in Cellon-Werke Dr. Arthur Eichengrün umbenannt wurde. Der Name bezieht sich auf den von Eichengrün 1909 entwickelten und patentierten Kunststoff Cellon auf Celluloseacetat-Basis.
Auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden besaß Eichengrün ein Ferienhaus nahe dem späteren Anwesen von Adolf Hitler, in dem er bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein den Sommer verbrachte.
Eichengrüns Unternehmen wurde 1938 von den Nationalsozialisten „arisiert“. Aufgrund seines Ansehens und seiner einflussreichen Kontakte blieb er selbst jedoch frei und konnte seine Forschungen zu Hause fortsetzen. Nach dem Zwangsverkauf seiner Cellon-Werke 1939 siedelten Arthur und Lucia Eichengrün nach München um und wohnten dort bis 1940 im Regina-Palast-Hotel.
1943 wurde Eichengrün inhaftiert und zu vier Monaten Haft verurteilt, weil er es unterlassen hatte, in einem Brief an einen Reichsfunktionär seinem Namen den für Juden vorgeschriebenen Beinamen Israel hinzuzufügen. Im Mai 1944 wurde er aufgrund desselben Vorwurfs erneut verurteilt und in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort verbrachte er 14 Monate bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Berlin zurück. Eichengrün verließ die Stadt jedoch schon 1948 in Richtung des bayerischen Bad Wiessee. Dort starb er im folgenden Jahr im Alter von 82 Jahren. Aus seinen insgesamt drei Ehen gingen sechs Kinder hervor.
Leistungen Während seiner Tätigkeit bei L. C. Marquart entwickelte er zur Wunddesinfektion verschiedene Addukte des Iodoforms, besondere Bedeutung erlangten das Jodoformin (Addukt von Jodoform und Urotropin) und das Jodoformal (Addukt von Jodoformin mit Ethyljodid).Deutscher Apothekerverein (Hrsg.): Jahresbericht der Pharmacie, 30. Jahrgang 1895, S. 259–261. () Hierbei sicherte er sich am 8. November 1895 das Patent für Großbritannien.
Unter der Abteilungsleitung von H. Dreser gelang ihm mit den Bayer-eigenen Eiweißen Albumose und SomatosePharmazeutische Zeitung, 40. Jahrgang 1895, S. 701. (Digitalisat) am 10. August 1897 die Herstellung von Silber- und Eisenaddukten.Pharmazeutische Zeitung, 42. Jahrgang 1897, S. 672. (Stichwort Eisensomatose; Digitalisat) Silberalbumose wurde nach klinischer PrüfungAlbert Neisser in: Dermatologisches Centralblatt, 1. Jahrgang 1898, S. 3. () unter der Handelsmarke ProtargolPharmazeutische Zeitung, 42. Jahrgang 1897, S. 658. (Digitalisat) vermarktet und verschaffte ihm lange Zeit hohe Gewinnbeteiligungen im In- und Ausland.A. Eichengrün: Umgehung des Wortschutzes für pharmazeutische Präparate in der Schweiz. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 19. Jahrgang 1906, S. 708–712. (doi:10.1002/ange.19060191604) Später folgte zusammen mit R. Berendes noch ein Zinkgelatose-Präparat.
1898 befasste sich Eichengrün mit der Chlormethylierung von Salicylsäure und 1899 mit der Bildung von Ethern hieraus sowie deren pharmakologischen Bedeutung.
Ab Mitte 1898 prangerte er in einer Serie von Publikationen in der Zeitschrift für Angewandte Chemie die inflationäre Entwicklung ungeprüfter Pharmawirkstoffe an, hierbei nannte er auch zahlreiche Wirkstoffe aus der eigenen Abteilung.Arthur Eichengrün: Der Geheimmittelerlass und die chemische Industrie. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 456–463. (doi:10.1002/ange.18980112003)Arthur Eichengrün: Mittheilungen aus dem Vereine deutscher Chemiker. 12. Die Überproduction an neuen Arzneimitteln. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 892–897. (doi:10.1002/ange.18980113904)Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im ersten Semester 1898. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 900–904. (doi:10.1002/ange.18980113906) (darin genannt sein Jodoformin und Jodoformal)Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im zweiten Semester 1898. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 12. Jahrgang 1899, S. 219–226. (doi:10.1002/ange.18990121002)Arthur Eichengrün: Angebliche Curpfuscherei seitens der chemischen Industrie. Eine Abwehr. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 13. Jahrgang 1900, S. 55–60. (doi:10.1002/ange.19000130302)Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im Jahre 1900. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 14. Jahrgang 1901, S. 261–270. (doi:10.1002/ange.19010141102) (Schwerpunkt Jod-Antiseptica)Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im Jahre 1901. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 15. Jahrgang 1902, S. 217–225. (doi:10.1002/ange.19020151002)
Bis 1902 betreute er die wissenschaftliche Darstellung neuer Wirkstoffe in der Fachliteratur.Pharmazeutische Zeitung, 47. Jahrgang 1902, S. 857, S. 866–867. (Digitalisat) Die letzte PublikationArthur Eichengrün: Die amtliche Prüfungsstelle für pharmazeutisch-chemische Präparate. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 21. Jahrgang 1908, S. 1974–1978. (doi:10.1002/ange.19080213803) sowie ein privat im Jahr 1908 angemeldetes US-Patent 1175791 zur Celluloseacetatverarbeitung beendeten 1908 letztlich seine Karriere bei Bayer. Sein Doktorvater Alfred Einhorn begann zu diesem Zeitpunkt mit umfangreichen Forschungsarbeiten über Salicylsäure-Derivate.Alfred Einhorn, Alexander von Bagh: Über einige Derivate der Salicylsäure. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 43. Jahrgang 1910, S. 322–336. (doi:10.1002/cber.19100430152)
1901 entwickelte er in einer anderen Abteilung zusammen mit K. Demeler unter der Handelsmarke Edinol (griech. „klar“) auch einen neuartigen Photoentwickler, ein rauchloses Blitzpulver, und meldete die ersten Verfahren zur Celluloseacetat-Produktion an. 1905 wurde letzteres als CellitInformationen zur Marke 412799. Bayer-Wortmarke DE412799 Cellit vom 17. Juni 1929, gelöscht am 5. April 2001. Anmerkung: Die Handelsmarke Cellit wurde von Bayer bereits ab 1905 benutzt. vermarktet.
1905 entdeckte Eichengrün die dosierte Freisetzung von gasförmigem Formaldehyd bei Reaktion eines Gemischs von wässrigen Peroxiden mit festem Paraformaldehyd.Pharmazeutische Zeitung, 52. Jahrgang 1906, S. 769. (Digitalisat)Pharmazeutische Zeitung, 52. Jahrgang 1906, S. 852. (Digitalisat)Vierteljahresschrift für praktische Pharmazie, 4. Jahrgang 1907, Heft 1, S. 3 f. (Digitalisat) Dieses als Autan-VerfahrenInformationen zur Marke 75042. Markenname Autan angemeldet am 28. Oktober 1904. bekannt gewordene Desinfektionsverfahren wurde von Bayer zum Patent angemeldet.
Eichengrün war insgesamt an 47 Patenten beteiligt. Der Kunststoff Cellon wurde von ihm entwickelt. Außerdem zählen „Schallplatten aus Cellon“ zu den Erfindungen Eichengrüns, die jedoch oft über den Streit um die Erfindung des Aspirins übersehen werden.
Acetylsalicylsäure-Urheberschaft
Eichengrün wurde einem breiteren Publikum hauptsächlich bekannt durch den Streit um die Frage, wer den Syntheseprozess für reine und damit pharmakologisch geeignete Acetylsalicylsäure (ASS) entwickelte. Er war nach eigener Behauptung, aber ohne Nachweis, (und eventuell zusammen mit Felix Hoffmann) Erfinder dieses Wirkstoffs vieler Schmerztabletten. In der Standardliteratur wird die Synthese medizinisch reiner Acetylsalicylsäure im Jahr 1897 Felix Hoffmann, einem jungen Chemiker von Bayer, zugeschrieben..
In einem Brief an die I.G. Farben (als Rechtsnachfolgerin der Farbenfabriken) während der letzten Tage seiner KZ-Inhaftierung sowie in einer 1949 veröffentlichten Arbeit beanspruchte Eichengrün die Verantwortung für die Planung und Koordination Aspirins sowie einiger benötigter Hilfsstoffe. Er habe zudem die ersten heimlichen klinischen Tests mit ASS vorgenommen. Hoffmanns Arbeit sei eine rein ausführende Tätigkeit gewesen. Dessen Aufgabe sei allein die erstmalige Synthese gewesen, die auf Eichengrüns Prozess beruhte. Weitere von Nationalsozialisten propagierte ASS-Erfinder seien an der Entwicklung überhaupt nicht beteiligt gewesen.
Eichengrün behauptete zudem, er sei erst 1934 über einen Bericht über die Entdeckung des Aspirins, als Fußnote in einer „Geschichte der chemischen Technik“, auf die Urheberschafts Hoffmanns aufmerksam geworden. Dagegen hatte Eichengrün selbst Felix Hoffmann in einer Veröffentlichung 1918 als Erfinder genannt: