mini|Graf von Saint Germain
Der Graf von Saint Germain [], auch: Graf von Aymar; Graf von Bellamare oder Belmar; Graf Soltikoff; Graf Welldone u. a. (* ca. 1710; † 27. Februar 1784 in Eckernförde), war ein Abenteurer, Hochstapler, Alchemist, Okkultist und Komponist. Um seine Person ranken sich zahlreiche Legenden, die teilweise von ihm selbst geschaffen wurden.
Leben Die erste gesicherte Meldung von einem Grafen von Saint Germain stammt aus den Briefen Walpoles 1745.Brief an Horace Mann vom 9. Dezember 1745, zitiert bei Andrew Lang: Historical mysteries.Jean Overton-Fuller verweist allerdings auf einen noch älteren Briefen des Grafen aus Den Haag an Hans Sloane von 1735, in dem er diesem eine Inkunabel anbietet. Artikel Saint Germain in Wouter Hanegraaff (Hrsg.), Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Brill 2006 Diesen zufolge hielt er sich schon zwei Jahre in London auf, besaß eine ausgesuchte Sammlung von Juwelen, komponierte und trat als exzellenter Geigenspieler auf. Außerdem ließ er in London unter anderem eine italienische Liedsammlung und Violinsonaten drucken. Im Rahmen des allgemeinen Misstrauens und der Feindseligkeiten gegen katholische Ausländer wegen des damaligen jakobitischen Aufstands in Schottland wurde Saint Germain vorübergehend verhaftet; schließlich erregte er die Neugier des Fürsten von Wales und freundete sich mit Philip Stanhope an.
Er lernte in Wien den französischen Kriegsminister Marschall von Belle-Isle (1684–1761) kennen, den er unter anderem mit Plänen einer Invasion Englands derart beeindruckte, dass dieser ihn nach Paris einlud. Die Zeit dort von 1756 bis 1760 gilt als Höhepunkt von Saint Germains Laufbahn. Casanova schildert in seinen Memoiren Histoire de ma vie anschaulich, wie der Graf Abendgesellschaften damit unterhielt, vorzugeben, Zeuge wichtiger, weit zurückliegender historischer Ereignisse gewesen zu sein, die er in genauen Einzelheiten schilderte und dabei sehr gute historische Kenntnisse durchblicken ließ. Dabei setzte Saint Germain stets eine todernste Miene auf und aß und trank außerdem nichts. Selbst die Pompadour (1721–1764) unterhielt er auf diese Weise, wie ihre Kammerfrau du Hausset berichtet.Saint Germain selbst äußerte sich gegenüber von Gleichen folgendermaßen: „diese Pariser Idioten (ces bêtes de parisiens) glauben, dass ich 500 Jahre alt bin, und ich bestätige sie in dieser Auffassung, da ich sehe, dass es ihnen Vergnügen bereitet – was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr viel älter bin, als ich erscheine“. Bald schon tauchten einige sehr populäre Imitatoren, wie ein gewisser „Milord Gowers“, auf, die seine Legende ausbauten. Stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, den König Ludwig XV. zu unterhalten, stellte sie ihm Saint Germain vor – mit vollem Erfolg: Im Trianon-Schlösschen in Versailles ließ der König ein Alchemielabor einrichten, und 1758 stellte er Saint Germain darüber hinaus Räume im Loireschloss Chambord zur Verfügung, wo dieser unter anderem an neuen Methoden für die Textilfärberei experimentierte. Saint Germain behauptete, Fehler in Edelsteinen beseitigen und Diamanten zu größeren verschmelzen zu können. Er lieferte dem König auch Proben ab, hütete sich aber, in diesem Fall Tricksereien anzuwenden. Zudem lehnte er es kategorisch ab, dem König Mittel zu verabreichen. Anscheinend war Saint Germain auch in der Pharmazie bewandert und behauptete, ein Aqua benedetta zu besitzen, das bei Damen das Altern stoppte. Dieses trug zwar sehr zur Beliebtheit des Grafen bei, jener machte aber in seiner Zeit in Paris kein Geschäft daraus.
Das enge Verhältnis zum König führte schließlich auch zu seinem Sturz in Paris. Ludwig XV. pflegte, an seinem Außenminister Choiseul vorbei und ohne dessen Wissen, diplomatische Aktivitäten zu entfalten („Secret du Roi“ genannt);vgl. Janusz Piekalkiewicz Weltgeschichte der Spionage, Weltbild Verlag 1988, S. 168ff, wo er ausführlich auf die Agenten des Secret du Roi eingeht (Casanova, d’Eon), aber Saint Germain übersehen hat. insbesondere war er 1760 der hauptsächlich von Choiseul eingefädelten Allianz mit den Österreichern im Siebenjährigen Krieg überdrüssig, der sich zu einem weltumspannenden Konflikt mit England ausgeweitet hatte. Saint Germain wurde dazu benutzt, in Den Haag über einen möglichen Friedensschluss vorzufühlen. Als der französische Botschafter Louis Augustin d’Affry von Saint Germains Aktivitäten erfuhr und diese seinem Minister Choiseul berichtete, befahl dieser sofort die Verhaftung von Saint Germain. Da sich der König unwissend stellte, sah sich Saint Germain gezwungen, nach London zu flüchten.
Saint Germain mied nun eine Weile Frankreich und hielt sich hauptsächlich in den Niederlanden und Deutschland auf, wo er gerne den Decknamen Welldone benutzte. Saint Germain soll nach den Worten von Grigori Grigorjewitsch Orlow eine Rolle beim Putsch von Katharina II. 1762 in St. Petersburg gespielt haben, Näheres ist darüber aber nicht bekannt.Entsprechende Behauptungen finden sich in vielen älteren Lexika, aber auch noch zum Beispiel in der Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 2001 (CD Ausgabe). Auch in dem Buch von Langeveld und in dem von Lhermier wird dies behauptet und St. Germain mit einem gewissen Odard identifiziert, der nach der Schilderung des Putsches von de Rulhiere dabei eine wichtige Rolle im Auftrag der Franzosen spielte. De Rulhiere berichtet allerdings auch, dass dieser sich in Nizza zur Ruhe setzte und dort verstarb, an einem Herzanfall (Coup de Tonnere), de Rulhiere: Histoire d’Anarchie de Pologne (Abdruck seiner Anecdotes Sur la Revolution de Russie, die das Datum 1773 tragen, im Anhang), Bd. 4, 1807, S. 402.Grigori Orlow nannte ihn gegenüber dem Markgrafen von Ansbach: Ein Mann, der eine große Rolle in unserer Revolution gespielt hat (Voilà un homme qui a joué un grand rôle dans notre revolution, Bülau Personnages enigmatiques, Paris, 1861, Bd. 1, S. 344, die entsprechenden Stellen sind auch bei Volz abgedruckt). Freundschaftliche Beziehungen von St. Germain zu den Orlows sind mehrfach belegt, zum Beispiel bei einem Besuch von Saint Germain bei der von Alexei Grigorjewitsch Orlow kommandierten russischen Flotte in Livorno 1770, wo sich Saint Germain Graf Saltikoff nannte. Aus den Erinnerungen von Hardenbroek, abgedruckt bei Volz, geht hervor, dass St. Germain März bis August 1762 in Holland war. Der Putsch war Ende Juni. St. Germain hatte aber Kontakte zum Umfeld von Katharina II., er verkehrte in Paris viel im Haus der Mutter der späteren Zarin. Nach Chacornac (Le Comte de Saint Germain, 1947, S. 116f), der selbst trotz intensiver Suche keine Beweise für die Teilnahme am Putsch finden konnte, war Saint Germain früher im Jahre 1762 mehrere Monate in St. Petersburg, wo er seinen Freund, den italienischen Hofmaler Pietro Rotari, besuchte. 1763 kaufte Saint Germain sich ein Gut bei Nijmegen und richtete sich ein Laboratorium ein, wobei er die reiche Brüsseler Geschäftsfrau Nettine und den Statthalter des Kaisers Graf Philipp von Cobenzl für die Gründung von Manufakturen gewinnen konnte, sodass diese große Geldsummen vorstreckten. Die Tests der Farb- und Textilproben durch den skeptischen kaiserlichen Minister Kaunitz in Wien fielen jedoch negativ aus. Im August verschwand Saint Germain aus den Niederlanden, wobei er beträchtliche Schulden hinterließ.
Über die nächsten zehn Jahre liegen wenig Quellenaussagen vor; Saint Germain scheint sich in Russland und Italien aufgehalten zu haben. 1774 hielt er sich am Hof des Markgrafen Karl Alexander von Brandenburg-Ansbach/Brandenburg-Bayreuth auf, mit dem er in seinem Schloss Triesdorf mit Farbstoffen experimentierte und den er auch im nahen Nürnberg Grigori Orlow vorstellte, der ihn als seinen Freund bezeichnete und ihm größere Geldsummen übergab. Saint Germain spielte in verschiedenen Freimaurerzirkeln, die damals im Deutschen Reich den Zugang zu einflussreichsten Kreisen ermöglichten, eine bedeutende Rolle und schuf sich so eine neue Legende: Beispielsweise war Cagliostro sehr daran gelegen, als sein Schüler zu gelten. Daneben war Saint Germain angeblich auch Rosenkreuzer und vertrat eine okkulte Variante der Freimaurerei, was ihn bei Freimaurern umstritten machte: der Herzog von Braunschweig ließ ihn 1777 überprüfen und fand, dass er entgegen seinen Angaben nicht in die höheren Grade eingeweiht sei.entsprechende Briefe bei Volz, S. 324ff. 1778 gelang es Saint Germain in Hamburg bzw. dem nahen Altona, die Freundschaft des von Alchemie und Freimaurermythen begeisterten Karl von Hessen-Kassel, Statthalter des dänischen Königs in Schleswig, zu erringen. Auf seinem Sommerschloss in Louisenlund richtete dieser dem Grafen ein Alchemistenlabor ein (der „Alchemistenturm“ ist heute abgetragen), und im nahen Eckernförde gründeten beide eine Seidenfärberei. Allerdings bekam Saint Germain das Klima nicht. Schließlich starb er laut Kirchenbucheintrag am 27. Februar 1784 in Eckernförde.Dies wird von Casanova in dessen Memoiren bestätigt. Casanova schildert ihre letzte Begegnung in Tournai, wo er 1763 mit Unterstützung des Grafen Cobenzl eine Färberei einrichtete. Saint-Germain versuchte, den skeptischen „Kollegen“ Casanova durch alchemistische Taschenspielertricks zu beeindrucken. Casanova gibt dann an, dass Saint-Germain zur Zeit der Abfassung seiner Memoiren (um 1790) schon sieben bis acht Jahre tot sei und in Schleswig – das er falsch schreibt – verstarb. Saint Germain wurde in St. Nicolai begraben – sein Grabstein fiel einer Sturmflut zum Opfer.
Herkunft Rätselhaft sind die Herkunft des Grafen von Saint Germain und die Quellen seines Reichtums. Hier die wichtigsten Hypothesen:
Er selbst gab seinerzeit in Deutschland zum Beispiel gegenüber dem Landgrafen von Hessen-Kassel an, der Sohn des transsylvanischen Fürsten Franz II. Rákóczi (1676–1735) zu sein,Das war auch ein Grund, warum sich die Wege von Saint Germain und des Markgrafen von Ansbach trennten, denn dieser stellte Nachforschungen an und bezweifelte die Abkunft von Rákóczi (Colin Wilson S. 453). konnte dies aber nicht beweisen. Auch in der okkulten und Freimaurer-Literatur wird dies zum Teil behauptet. Die beiden Söhne von Rákóczi, der in Ungarn die Kuruzenaufstände gegen Österreich anführte, aber später im Exil in Paris bzw. ab 1717 in der Türkei lebte, waren als eine Art Geiseln am Wiener Hof aufgezogen worden. Nach dieser Herkunfts-Hypothese wäre ein weiterer Sohn, Leopold Georg, geb. 1696, zwar offiziell 1700 gestorben, aber insgeheim beim letzten Medici-Herzog Gian Gastone de’ Medici der Toskana aufgezogen worden (das hatte Saint Germain ebenfalls gegenüber dem Landgrafen behauptet)Außerdem gab er nach dem Landgrafen an, Sohn von Rákóczi mit einer Thököly aus zweiter Ehe gewesen zu sein. Rákóczi war aber nur einmal verheiratet und die Thököly Linie zu seiner Zeit schon ausgestorben. Rákóczis Mutter heiratete in zweiter Ehe einen Thököly, so dass dies ein Missverständnis des Landgrafen gewesen sein könnte.. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum Rákóczi ihn nicht anerkannte bzw. warum Saint Germain seine Abkunft nicht beweisen konnte. Die These einer Verbindung zu Rákóczi vertritt auch Jean Overton-Fuller.Overton-Fuller, Artikel Saint Germain, in Wouter Hanegraaff (Hrsg.), Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Brill 2006 Nach ihr war Saint Germain ein unehelicher Sohn von Rákóczi, der sich 1693 auf seiner Kavalierstour in Italien vier Monate in Florenz aufhielt, und Violante Beatrix von Bayern, der Ehefrau von Ferdinando de Medici, dem Bruder von Gian Gastone (die Ehe war kinderlos, wahrscheinlich weil Ferdinando de Medici unfruchtbar war). Danach wäre dann Saint Germain am Hof von Gian Gastone in Florenz aufgezogen worden.