Gossau (mit langem o; im Ostschweizer Dialekt Goosse Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band V, 1b.) ist eine Stadt und politische Gemeinde im Schweizer Kanton St. Gallen, zu dessen Wahlkreis St. Gallen sie gehört.
Geographie mini|Historisches Luftbild von Walter Mittelholzer von 1920 Gossau liegt zwischen der Stadt St. Gallen und Wil im Fürstenland. Das gesamte Gebiet der Stadt hat eine Fläche von 2751 Hektaren. St. Gallen und Gaiserwald im Osten, Waldkirch und Andwil im Norden, Niederbüren, Oberbüren und Flawil im Westen sowie Herisau im Süden haben gemeinsame Grenzen mit Gossau.
Die Stadt Gossau umfasst die Quartiere Oberdorf, Watt, Mettendorf, Zentrum, Rosenau, Gozenberg, Mooswies und Niederdorf sowie die Weiler Albertschwil, Enggetschwil, Geretschwil, Hochschoren, Hueb, Matten, Neuchlen, Rain, Rüeggetschwil, Rüti, Wilen, Zinggenhueb, Erlen, Herzenwil und Stöcklen. Zum Gemeindeteil Arnegg gehören die Weiler Hölzli, Landegg und Neuegg; Oberarnegg ist Teil der Gemeinde Andwil.
Während der Eiszeit hat ein Ausläufer des Rheingletschers eine flache Decke vor der Sitterschlucht bis gegen Wil aufgeschüttet. Beim Abschmelzen hinterliess der Gletscher eine Reihe von Wallmoränen. Deren Reste erkennt man zum Beispiel an den Hügeln, welche die drei Schulhäuser im Norden von Gossau tragen. Andere Zeugen der Eiszeit sind sogenannte Drumlins (Gletscherschutthügel); eine Reihe dieser langgestreckten rundlichen Erhebungen zieht sich von Arnegg gegen Niederbüren und Waldkirch. Im Süden flankieren die Hügel des Appenzellerlandes die langgestreckte Mulde, in der Gossau liegt.
Die Schmelzwasser der Eiszeit füllten die Gossauer Ebene mit einer gewaltigen Menge von Sand und Kies. Im Kies versickerte das Wasser. Wegen der undurchdringlichen Molasse fand es keinen Weg nach unten und bildet bis heute ein ergiebiges Grundwasservorkommen.
Die Schwellenhöhe des Bahnhofs Gossau beträgt Der tiefste Punkt des Stadtgebietes liegt bei der Henessenmühle auf 570 m. Der höchste befindet sich südlich im Roserwald in der Nähe des Schochenberges auf
Klima Das Klima in Gossau ist eher rau, bedingt durch den bereits subalpinen Charakter der Gegend und beeinflusst durch die Nähe des Alpsteingebietes. Die Winde dringen ungehindert zwischen die in West-Ost-Richtung verlaufenden Hügelzüge. Die Durchschnittstemperatur ist daher etwas niedriger als etwa am Bodensee oder im Rheintal. Die Winde bringen auch häufig Temperaturstürze. Dafür gehört das Fürstenland zu den Gebieten mit weniger als 20 jährlichen Nebeltagen. Der eher gemässigte Föhn ist nach den zunehmend schneearmen Wintertagen ein willkommener Frühlingsbote.
mini|Volksbund-Siegel im 15. Jahrhundert
Wappen Blasonierung In Gold ein grüner Lindwurm, im Rachen rotes Kleeblattstechkreuz, oben links begleitet von aufrechtem schwarzem Bären mit roter Zunge und Zeichen mit goldener Bewehrung.
Die Flaggenfarben sind Gelb und Schwarz. Das Gemeindewappen der Stadt Gossau stammt aus der Zeit der Appenzellerkriege (1401–1429). Um sich vom st. gallischen Abt Kuno von Stoffeln (1379–1401) zu lösen, schloss die Stadt St. Gallen mit anderen fürstenländischen Gemeinden am 17. Januar 1401 einen Volksbund. Dieser Vereinigung trat auch Gossau bei. Das Siegel, welches die Gemeinde zum Abschluss des Bündnisses benützte, zeigt einen aufrechten Bären, unter ihm einen Lindwurm, dem ein hohes Kreuz im Rachen steckt, ferner die Umschrift: Siegel der Gemeinde Gossau. Das heutige Gemeindewappen beruht zum grossen Teil auf diesem Siegel.
Geschichte Um 400 v. Chr. lebten wahrscheinlich Kelten in der Gegend. Im 5./7. Jahrhundert wurde die Gegend von den Alemannen besiedelt. «Gossau» geht auf althochdeutsch Gôʒʒes ouwa zurück, was «Au des Gôʒʒo» bedeutet und an den alemannischen Siedler erinnert, der hier an oder auf wasserreichem Gelände seinen Hof errichtete.Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen, hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol, Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 398. Der Ort wurde am 24. Oktober 824 erstmals als Cozesaua und Cozesouva in einer Urkunde erwähnt, in der ein Freddo seinen ererbten Besitz zu Gossau gegen lebenslangen Unterhalt dem Kloster St. Gallen schenkte.StiASG, Urk. IV 499. Online auf e-chartae, abgerufen am 19. Juni 2020.Urkundenbuch der Abtei Sankt Gallen, Teil 1: Jahr 700–840 (Digitalisat auf Archive.org).
Ab dem 8. Jahrhundert erwarb das Kloster St. Gallen umfangreiche Gebiete in Gossau und richtete dort einen Kehlhof ein, aus dem 957 das äbtische Gericht Gossau hervorging. Die Schirmvogtei über das Gericht wurde 1166 verkauft und fiel nach mehrfachem Handwechsel 1373 an das Kloster St. Gallen zurück. 744 wurde erstmals eine Kirche vermutet, die 910 als Eigenkirche des Klosters St. Gallen erwähnt wird.
Im Spätmittelalter versuchte sich die Bevölkerung vom Kloster St. Gallen zu lösen und verbündete sich mit der Stadt St. Gallen und weiteren Gemeinden des Fürstenlandes, weshalb es 1428 während des Appenzellerkrieges gebrandschatzt wurde. Fürstabt Ulrich Rösch baute die Landesherrschaft der Fürstabtei aus, vollzog 1486 die Inkorporation der Pfarrei Gossau ins Kloster St. Gallen und konnte 1487 mittels eines kaiserlichen Privilegs das Hochgericht im Kerngebiet der Fürstabtei (Alte Landschaft) an sich bringen. Das in der äbtischen Offnung von 1469 festgelegte Niedergericht bildete ab 1491 einen Teil des Oberbergeramtes.
Die Gossauer wehrten sich gegen die fürstäbtliche Herrschaft und die Erhebung des Zehnten, indem sie sich der Waldkircher Allianz und 1528–1531 der Reformation anschlossen. Der Widerstand entbrannte im 18. Jahrhundert gegen die Kriegsentschädigung nach dem Zwölferkrieg, 1746 im Bossart-Handel gegen die Glockensteuer, und führte 1793–1798 von Gossau aus zur von Johannes Künzle angeführten revolutionären Bewegung im Fürstenland. Die demokratischen Forderungen des Volkes wurden von Fürstabt Beda Angehrn durch den auf der Landsgemeinde in Gossau am 23. November 1795 ausgehandelten Gütlichen Vertrag grösstenteils erfüllt.
Während der Helvetik wurde die 1798 gegründete Republik Fürstenland mit Hauptort Gossau vorerst in den Kanton Säntis eingegliedert und die Munizipalgemeinde Gossau gegründet. Diese kam 1803 mit Napoleons Mediationsakte zum neu gegründeten Kanton St. Gallen.
Vom 13. Jahrhundert (Haslenmühle, Henessenmühle) bis 1800 wurde in Gossau vor allem Ackerbau betrieben. Ab dem 15. Jahrhundert wurde für die Stadt St. Gallen Flachs für den Leinwandhandel angebaut und später auch Leinwand gewoben. Das Zunftwesen der Handwerker entstand im 17. Jahrhundert. Wegen billigen Getreideimporten wurde im 19. Jahrhundert der Getreideanbau durch die Vieh- und Milchwirtschaft verdrängt. 1850 entstand auf dem Schloss Oberberg die erste Käserei.
Der Strassen- und Eisenbahnbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts förderte die Industrialisierung in der Textilbranche (hauptsächlich Stickereiindustrie) und später auch im Metall- und Maschinenbau. Die Auswirkungen der Stickereikrise nach dem Ersten Weltkrieg wurden von der Gossauer Schriftstellerin Elisabeth Gerter 1938 im Roman Die Sticker beschrieben. Im 20. Jahrhundert wurde Gossau zur wichtigsten Lebensmitteldrehscheibe der Ostschweiz.
Bevölkerung Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Gossau annähernd zehntausend Einwohner, erlebte dann aber einen markanten Rückgang. Ab 1950 stieg die Einwohnerzahl wieder stark an und überschritt 1961 erstmals die 10'000er-Grenze. Mit dem Autobahnbau 1969 erlebte die Gemeinde einen weiteren Schub, und bis zur Jahrtausendwende stieg die Bevölkerungszahl kontinuierlich an. Mit über 18'000 Einwohnern ist Gossau nach St. Gallen, Rapperswil-Jona und Wil die viertgrösste Stadt im Kanton St. Gallen.
+ Bevölkerungsentwicklung Jahr 1910 1930 1950 1970 1990 2010 20202025 Einwohner 8'434 7'846 8'289 12'639 15'675 17'688 17'87918'916 Quelle Stadt Gossau, Einwohneramt
Bevölkerungsstruktur: (Angaben Stand 31.12.2025)
Die Altersstruktur in Gossau deckt sich beinahe mit dem Schweizer Durchschnitt:
0–19 Jahre: 19,68 % 20–39 Jahre: 26,26 % 40–64 Jahre: 32,40 % Über 64 Jahre: 21,66 %
In Gossau sind 7215 Personen (38,14 %) als Katholiken registriert und 2823 Personen (14,9 %) als Evangelisch-Reformierte. 8878 Personen (46,9 %) gehören keiner oder einer anderen Glaubensrichtungen an.
Politik Stadtparlament Das Stadtparlament ist die Legislative von Gossau. Es zählt 30 Mitglieder und behandelt die vom Stadtrat vorgelegten Berichte und Anträge. Die Mitglieder des Parlamentes können dem Stadtrat Motionen, Postulate, Interpellationen und Einfache Anfragen zur Behandlung einreichen und werden alle vier Jahre neu gewählt. Die öffentlichen Parlamentssitzungen – je nach Geschäftslage bis zu neun pro Jahr – finden im Fürstenlandsaal statt.
Folgende Parteien sind in der Legislatur 2025–2028 im Stadtparlament vertreten: SVP: 10 Die Mitte: 8 FDP: 4 GLP FLiG (Freie Liste Gossau): 4 SP: 4
Stadtrat Die Exekutive in Gossau ist der Stadtrat mit fünf Mitgliedern. Jedes Ratsmitglied steht einem Departement vor. Hauptamtlich tätig sind der Stadtpräsident und der Schulpräsident. Mitglied mit beratender Stimme ist die Stadtschreiberin (Stadtschreiber).
Nationale Wahlen Bei den Schweizer Parlamentswahlen 2023 betrugen die Wähleranteile in Gossau: SVP 36,2 %, Die Mitte 21,7 %, FDP 14,4 %, SP 11,7 %, Grüne 6,5 %, glp 5,6 %, EVP 1,2 %, EDU 0,9 %, SD 0,1 %.
Bildung Gossau besitzt ein breites Angebot an Schulen. Die Mädchen und Knaben besuchen die Primarschule und die Oberstufe (mit Sekundarschule, Realschule und Kleinklassen) in acht Schulhäusern (sechs Primarschulhäuser und zwei Oberstufenschulhäuser). In der Schule der Stadt Gossau wird ausserdem die Oberstufenschuljugend aus dem Gemeindeteil Arnegg und aus der Nachbargemeinde Andwil unterrichtet. Für die Schulbildung der jüngeren Kinder aus Arnegg und verschiedenen Weilern ist die Primarschule Andwil-Arnegg verantwortlich. Eine private Trägerschaft führt die Katholische Mädchensekundarschule, eine Stiftung das Gymnasium Friedberg mit Untergymnasium und kantonal anerkannter Maturität. Gossau ist ausserdem einer von drei Standorten der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen mit der Ausbildung zu Oberstufenlehrpersonen, zudem noch einer Baumeister- und einer Schreinerschule.
Wirtschaft Gossau ist ein bedeutender Wirtschaftsstandort für die Ostschweiz. Die Betriebe in Gossau stellen rund 10'900 Arbeitsplätze (Vollzeitäquivalente) zur Verfügung. An erster Stelle sind die bedeutenden Betriebe der Lebensmittelindustrie zu erwähnen, z. B. die Ernst Sutter AG. Mit den grossen Verteilzentralen sind Migros und Coop präsent, die Genossenschaft Migros Ostschweiz hat dort ihren Sitz. Im 19. Jahrhundert war die Pulverfabrik Marstal in Gossau ansässig.
Im primären Wirtschaftssektor (Land- und Forstwirtschaft) bestehen (Stand 2021) 90 Betriebe, im Bereich Industrie und Bau (sekundärer Sektor) bieten 237 Betriebe Beschäftigung. Am bedeutendsten ist der Dienstleistungssektor mit 937 Betrieben.
Verkehr mini|Busse des Regiobus vor dem Bahnhof Gossau mini|Historisches Luftbild der Haslenmühle AG von Walter Mittelholzer, 1924 Der Bau der Appenzeller Bahn von Gossau nach Herisau, die Behinderung des Verkehrs auf der Herisauerstrasse durch die Bahnschranken (teils 30 von 60 Minuten geschlossen) und das Wachstum der Gemeinde führten 1913 zur Verlegung des Bahnhofs Gossau von seinem ersten Standort beim Marktplatz an den heutigen Standort.
Gossau liegt im Schnittpunkt der Verbindungsachsen St. Gallen–Zürich und Süddeutschland–Thurgau–Appenzellerland. Entsprechend gut ausgebaut sind die Strassen (A1/E60, Hauptstrasse 7) und die Bahnen (SBB und Appenzeller Bahn).