mini|hochkant|Alexej Jawlensky: Mystischer Kopf: Galka (1917) Galka Scheyer, ursprünglich: Emilie Esther Scheyer (* 15. April 1889 in Braunschweig; † 13. Dezember 1945 in Hollywood), war eine deutsch-amerikanische Malerin, Kunsterzieherin, Kunsthändlerin und Kunstsammlerin. Sie war die Begründerin der Ausstellungs- und Verkaufsgemeinschaft Die Blaue Vier. Ihren Kosenamen „Galka“, russisch für Dohle, verdankte sie Alexej Jawlensky, der sie wegen ihrer schwarzen Haare so nannte. Als Scheyer 1931 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, nahm sie Galka als rechtsgültigen Vornamen an.
Leben Jugend und Ausbildung zur Malerin mini|Braunschweig Okerstraße 10: Wohnhaus der Familie Scheyer, in dem unter anderem Galka Scheyer lebte. Scheyer war die Tochter des großbürgerlichen jüdischen Braunschweiger Unternehmers Leopold Scheyer (1852–1909) und dessen Ehefrau Henriette, geb. Katzenberger (1861–1942). Ihr Vater war der Inhaber der Konservenfabrik Maseberg, die vor dem Ersten Weltkrieg als größtes Unternehmen dieser Art in Braunschweig galt und in der ihre Mutter als Prokuristin tätig war.Manfred R. W. Garzmann und Wolf-Dieter Schuegraf unter wesentlicher Mitarbeit von Norman-Mathias Pingel (Hrsg. im Auftrag der Stadt Braunschweig): Braunschweiger Stadtlexikon. Ergänzungsband. Johann Heinrich Meyer Verlag, Braunschweig, 1996, S. 116.Houstian: Minister, Kindermädchen, Little Friend: Galka Scheyer und die Blaue Vier. 1997, S. 29. Im Jahre 1905 verließ Scheyer Braunschweig, um in England, Frankreich, Belgien und in der Schweiz Malerei und Bildhauerei und Musik zu studieren. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1909 führten ihre beiden Brüder Erich (1887–1982) und Paul (1886–1956) das Geschäft weiter und unterstützten finanziell die Unternehmungen der Schwester bis 1936. Keiner in der Familie hatte vor Emilie Esther Scheyer je irgendwelche „Kunstinteressen“.Valeska: Brief an Clemens Weiler. Los Angeles 12. November 1957, S. 2. Sie jedoch erhielt Musik- und Malunterricht. Seit ihrer Schulzeit war sie mit Lette Valeska befreundet.Isabel Wünsche (Hrsg.): Galka E. Scheyer & Die Blaue Vier, Briefwechsel 1924–1945. Wabern/Bern 2006, S. 279, Anm. 169 Damals malte sie schon in freier Natur und begab sich zu diesem Zweck des Öfteren mit Freunden in den Harz.
1909/10 „ging sie nach England in Stellung, studierte aber nebenbei und machte Sprachexamina“ an der Universität in Oxford. „1910 reiste sie […] durch Italien, besuchte Museen und zeichnete.“Houstian: Minister, Kindermädchen, Little Friend: Galka Scheyer und die Blaue Vier. 1997, S. 30. Noch im gleichen Jahr „ging sie nach Paris in Stellung und studierte nebenbei.“ An der Alliance française schloss sie ihr Sprachstudium mit einem Examen ab. Ihre Ölbilder malte sie in jener Zeit auf Leinwand und signierte sie mit dem Pseudonym „Renée“.Wünsche: Galka E. Scheyer & Die Blaue Vier, Briefwechsel 1924–1945. 2006, S. 3. Stilistisch orientierte sie sich sowohl an den Neoimpressionisten wie auch an den Malern der Schule von Pont-Aven.
1912 war sie wieder in Deutschland und schloss sich dem Kreis um den Maler Gustav Lehmann (1883–1914) an, der in Braunschweig und München wirkte. 1914 folgte sie ihm nach München, wo er in der Nachfolge von Charles Palmié die neoimpressionistische Malweise praktizierte. In München besuchte Scheyer auch die Universität und hörte Vorlesungen „u. a. bei dem Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin“. Offensichtlich hat Scheyer während ihrer Münchener Zeit nicht von den Aktivitäten der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) oder der Redaktion des Blauen Reiter gehört.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbrachte Scheyer den Winter bei ihrer Freundin Lette Valeska in Brüssel, wo sie in einem Maleratelier arbeitete und weiterhin im neoimpressionistischen Stil arbeitete, sich aber auch in Bildhauerei ausbilden ließ.Wünsche: Galka E. Scheyer & Die Blaue Vier, Briefwechsel 1924–1945. 2006, S. 3. 1916Wünsche: Galka E. Scheyer & Die Blaue Vier, Briefwechsel 1924–1945. 2006, S. 361. verließ Scheyer Brüssel, um sich in der Schweiz malerisch weiterzubilden.
Die Begegnung mit Jawlensky In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jawlensky über die erste Begegnung mit der fünfundzwanzig Jahre jüngeren Malerin: „1916 lernte ich in Lausanne bei einem Besuch Fräulein Emmy Scheyer kennen. Sie kam aus Brüssel und war Malerin (impressionistisch). Sie kam ein paar Tage darauf zu uns nach St. Prex und sah dort mein Bild ‚Der Buckel‘ und meine Variationen und war so begeistert, daß sie selbst nicht mehr malen wollte, sondern sich nur noch meiner Kunst widmen. Sie sagte: Wozu will ich noch malen, da ich doch weiß, daß ich nicht so gute Kunst machen kann wie Sie. Es ist besser, ich widme mich Ihrer Kunst und werde sie anderen Menschen erklären.“Jawlensky: Lebenserinnerungen. 1970, S. 118.
Die Begegnung mit Jawlensky sollte Scheyers Leben grundlegend verändern. Fortan nahm sie Jawlenskys Geschicke in die Hand. „Nach wenigen Wochen lebte sie schon mit im Haushalt und blieb dort mit Unterbrechungen bis 1918.“Houstian: Minister, Kindermädchen, Little Friend: Galka Scheyer und die Blaue Vier. 1997, S. 30. Wenn es zu Beginn von Jawlenskys Künstlerlaufbahn eine reiche Frau, Marianne von Werefkin, war, die zeitweise ihre eigene Malerei zugunsten der von Jawlensky aufgab, um sich ausschließlich seiner Förderung widmen zu können, so wiederholte sich in Jawlenskys Leben mit Scheyer ähnliches noch einmal. Doch gab es in diesem Verhältnis einen feinen Unterschied. Wenn sich Werefkin in der Vergangenheit selbstlos, ohne Profit, für Jawlenskys Kunst eingesetzt hatte, so würde Jawlensky vertraglich geregeltJawlensky: >Ich habe meine Kunst in Ihre Hände gelegt<. Emmy Scheyer und Alexej von Jawlensky, eine Freundschaft. 1997, S. 69. künftig 45 Prozent seiner Einnahmen aus Bilderverkäufen, die Scheyer tätigen würde, an sie abgeben müssen.
1917 zogen Jawlensky und Werefkin mit ihrem Dienstmädchen Helene und deren Sohn Andreas nach Zürich. Scheyer kam nach. Durch Jawlensky lernte sie dort unter anderen die Tänzer Alexander Sacharoff und Clotilde von Derp, den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck und den Maler Arthur Segal kennen. Jawlensky stellte sie damals auf seinen sogenannten „Mystischen Köpfen“ häufig in stilisierter Form dar.
Als Werefkin und Jawlensky mit Anhang 1918 nach Ascona am Lago Maggiore zogen, hielt sich auch Scheyer häufig dort auf. Auf dem Monte Verità diktierte ihr Jawlensky seine Lebensgeschichte, die aber nie eine Drucklegung erfuhr.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 187f. mini|hochkant|Alexej Jawlensky: Galka Scheyer (1919/21) Als 1919 die finanzielle Lage für Jawlensky immer prekärer wurde, er sich aber dem Kunsthandel nicht gewachsen fühlte, sah er in Scheyer seinen Rettungsanker und schrieb ihr: „Ich bin nicht geboren zu kämpfen mit solch materiellen Sachen“.Jawlensky: Briefwechsel. Jawlensky an Scheyer, 11. Oktober 1919. Die „betont marktstrategisch“Jawlensky: >Ich habe meine Kunst in Ihre Hände gelegt<. Emmy Scheyer und Alexej von Jawlensky, eine Freundschaft. 1997, S. 68. denkende Scheyer schloss darauf mit ihm am 18. September 1919 in Ascona einen Vertrag, der sie unter anderem bevollmächtigte, mit seinen Bildern – unter bestimmten Auflagen – zu handeln.Jawlensky: >Ich habe meine Kunst in Ihre Hände gelegt<. Emmy Scheyer und Alexej von Jawlensky eine Freundschaft. 1997, S. 66. Schon einen Monat später war sie in München,Städtische Galerie im Lenbachhaus (Hrsg.): Ausst. Kat.: Alexej Jawlensky 1864–1941. München 1983, S. 110, Jawlensky an Scheyer, 20. Oktober 1919. um sich in Jawlenskys Atelier einen Eindruck über Menge und Art seiner Vorkriegsmalerei kundig zu machen.
In München kam Scheyer damals mit verschiedenen Freunden von Jawlensky zusammen und war rührig, für ihn liegengebliebene Angelegenheiten zu regeln. Adolf Erbslöh war zum Beispiel daran interessiert, als Nachmieter Jawlenskys Atelier zu übernehmen.Jawlensky: Briefwechsel. Jawlensky an Scheyer, 22. Oktober 1919. Wesentlicher war, dass sie für Jawlensky Verkäufe tätigte. So sollte sie beispielsweise bei dem Kunsthändler Hans Goltz Außenstände eintreiben. 650 Mark war er ihm noch schuldig, denn „Golz hat alle Plakate verkauft, und ich müsste für jedes 2 Mark bekommen.“Städtische Galerie im Lenbachhaus (Hrsg.): Ausst. Kat.: Alexej Jawlensky 1864–1941. München 1983, S. 111, Jawlensky an Scheyer, 22. oder 30. Oktober 1919. Im November 1919 meinte Jawlensky, trotz bestehenden Vertrags mit Scheyer, deren Tatendrang einschränken zu können: „Ich will […] im Frühjahr nach Deutschland fahren (wenn es möglich wird) und dann selbst alles sehen, wie und was“Jawlensky: Briefwechsel. Jawlensky an Scheyer, 26. November 1919. [man tun sollte].
Doch Scheyer ließ sich nicht beirren und war als Verkünderin von Jawlenskys Kunst weiterhin aktiv. Sie versuchte, in Deutschland sein altes Publikum zu reaktivieren und neues hinzuzugewinnen. Denn hier waren er und seine Malerei nach dem Krieg noch so bekannt, dass man sich auf Faschingsbällen nach den Personen seiner expressionistischen Bilder kostümierte und schminkte.Christine Brückner: Jauche und Levkojen. Frankfurt 1975, S. 141. Bestens präpariert mit einer selbst verfassten, mit vier Abbildungen versehenen Broschüre zu Jawlenskys bisherigem Werk,E. E. Scheyer: Alexej von Jawlensky. o. O., 1920/21, S. 3. organisierte sie für ihn Ausstellungen und Verkäufe. 1921 hatte sich Scheyer „monatelang“Alexander Hildebrand: Alexej Jawlensky in Wiesbaden Reflexe auf Leben und Werk (1921–1941). in Ausst. Kat.: Jawlenskys japanische Holzschnittsammlung. Eine märchenhafte Entdeckung, Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Bad Homburg v. d. H., Nr. 2, 1992, S. 69, Anm. 17. in Wiesbaden aufgehalten, um seine Teilnahme an einer Gruppenausstellung im Nassauischen Kunstverein vorzubereiten. Sie wurde für ihn ein „fabelhafter Erfolg!!! […] Geld wie Heu!“,Jawlensky: >Ich habe meine Kunst in Ihre Hände gelegt<. Emmy Scheyer und Alexej von Jawlensky eine Freundschaft. 1997, S. 70. schrieb ihm Scheyer am 16. Februar nach Ascona. Am 1. Juni 1921 war dann auch Jawlensky in der Kurstadt. „Ich begegnete dort sehr netten Menschen und das bestimmte mich, meinen Wohnsitz in Wiesbaden zu nehmen“,Jawlensky: Lebenserinnerungen. 1970, S. 119. berichtet er in seinen Lebenserinnerungen. Scheyer vermittelte auch den Kontakt zu dem reichen KunstsammlerAlexander Hildebrand, Heinrich Kirchhoff: Das kulturelle Leben Wiesbaden. 1972, S. 42 ff. Heinrich Kirchhoff,Alexander Hildebrand, Heinrich Kirchhoff: Wiesbaden International. 1983, H. 4, S. 28 ff. der nach ihrem Plan Jawlenskys Mäzen werden sollte.
Die von Scheyer organisierten Ausstellungen tourten durch ganz Deutschland und führten zu Verkäufen. Jawlensky erinnerte sich: „Sie […] vertrat einige Jahre nur meine Kunst.“ Mit seinen Bildern ging sie jedoch erbarmungslos um, wenn sie nicht in ihr verkaufsstrategisches Konzept passten: „Die Guten […] werde ich umrahmen. Ehe ich 2seitig bemalte einrahme, überstreiche ich eine Seite. – Was für ein Glück, dass das nicht in Museen ausgepackt wurde! […] Wenn diese Masse Bilder gesehen würden (die doch sehr verschiedenwertig sind) das gäbe nur die Idee von Überproduktion“,Jawlensky: >Ich habe meine Kunst in Ihre Hände gelegt<. Emmy Scheyer und Alexej von Jawlensky eine Freundschaft. 1997, S. 71. Scheyer, Brief an Jawlenky vom 21. Dezember 1921. schrieb sie ihm.
Gründung der Gruppe Die Blaue Vier