Hans Steinacher (* 22. Mai 1892 in Bleiberg-Kreuth in Kärnten; † 10. Januar 1971 in Miklauzhof, Sittersdorf) war ein österreichischer deutschnationaler Volkstumspolitiker. Er wirkte führend im Kärntner Abwehrkampf und als Protagonist des Kärntner Heimatdienstes sowie als geistiger Motor bei zahlreichen Grenzlandabstimmungen, im Deutschen Schulverein „Südmark“ sowie hauptsächlich an der Spitze des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland (VDA) mit Sitz in Berlin. Als VDA-Vorsitzender war er ein wichtiger Akteur der nationalsozialistischen Volkstumspolitik, der insbesondere wegen Streitigkeiten um die Südtirolpolitik des Deutschen Reichs 1937 abgelöst wurde.Leopold Steurer: Die nationalsozialistische Volkstumspolitik gegenüber Südtirol 1933–1938. In: Adam Wandruszka, Ludwig Jedlicka (Hrsg.): Innsbruck-Venedig. Österreichisch-italienische Historikertreffen 1971 und 1972. Wien 1975, S. 285–294. Seine Versuche, nach 1945 wieder in der österreichischen Politik Fuß zu fassen, stießen wegen seiner NS-Vergangenheit auf Widerstand und waren letztlich nicht erfolgreich.

Leben und Wirken Der Sohn eines Bergarbeiters und späteren Hutmanns der Bleiberger Bergwerks-Union, eines Zusammenschlusses von 6 Groß- und 80 Kleingewerken in Kärnten, wuchs in einer traditionell großdeutsch eingestellten Umgebung auf und erhielt ein Stipendium für den Besuch des 1867 gegründeten evangelischen Lehrerseminars im zu über 80 % deutschsprachigen Bielitz in Österreichisch-Schlesien, wo Professor Karl Volkmar Stoy aus Heidelberg erstmals in Österreich die Herbartsche Pädagogik lehrte und wo Lehrer aus der ganzen österreichischen Monarchie von Kärnten bis zur Bukowina ausgebildet wurden. Als Mitglied der am Lehrerseminar nicht zugelassenen Alldeutschen Burschenschaft GothiaHelge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 9: Nachträge. Koblenz 2021, S. 167 (burschenschaftsgeschichte.de PDF).Karin Gradwohl-Schlacher: international.uni-graz.at Josef Friedrich Perkonig und Hans Steinacher. Zwei Karrieren von der Kärntner Volksabstimmung bis in das Dritte Reich. S. 3, und Anm. 13. deren Wahlspruch „Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Germanias Thron“ lautete,Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten. (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 143). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-35942-X, S. 150 f. und deren Nachfolgeorganisation „Leyer und Schwert“Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 9: Nachträge. Koblenz 2021, S. 167–168 (burschenschaftsgeschichte.de PDF). gelangte er dort zur „Erkenntnis von der Eigenwertigkeit des deutschen Volkstums gegenüber anderen Völkern“, die auch in ihm ein „unverkennbares Überlegenheitsgefühl der Deutschen“Hans-Adolf Jacobsen: Hans Steinacher. Bundesleiter des VDA 1933–1937. S. XIII, zitiert nach Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 157. entstehen ließ und entwickelte sich „zum treuen und opferbereiten Patrioten seines deutschen Volkstums“.Wolfram Mallebrein: Hans Steinacher. Ein Kämpfer für Freiheit und Selbstbestimmung. Eine Biographie. Heyn, Klagenfurt 1980, ISBN 3-85366-346-X, S. 21. Als Lehrer begann er sodann in Südtirol seinen Kampf gegen die „drohende Verwelschung“, denn Volkstumskampf bedeutete für ihn „Abwehr der ‚zerstörerischen’ Arbeiten der Slawen und der Romanen“.Hans-Adolf Jacobsen: Hans Steinacher, Bundesleiter des VDA 1933–1937. Erinnerungen und Dokumente (= Schriften des Bundesarchivs. Band 19), Boldt, Boppard am Rhein 1970, S. XIV, zitiert nach Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 157.

1914 meldete sich Steinacher als Freiwilliger zum k.u. k. Infanterieregiment Nr. 7 Graf von Khevenhüller, wurde bald zum Leutnant und 1917 zum Oberleutnant befördert.Hans Steinacher: In Kärntens Freiheitskampf. Meine Erinnerungen an Kärntens Ringen um Freiheit und Einheit in den Abwehrkämpfen 1918/19 und um die Volksabstimmung 1920. Heyn, Klagenfurt 1970, S. 15.

Nach dem Ersten Weltkrieg Nach Kriegsende widmete sich Steinacher zunächst seiner Kärntner Heimat, der empfindliche Gebietsverluste drohten. Auf seine Initiative hin wurde 1919 die Landesagitationsleitung LAL gegründet und dem Nationalpolitischen Ausschuss der Kärntner Landesversammlung angegliedert.In: Geschichtsverein für Kärnten (Hrsg.): Carinthia I. Band 185, Johann Leon, Klagenfurt 1995, S. 511. Als einer der „führenden Kämpfer um Kärntens Freiheit“ sowie als „geistiger Motor“Siegmund Knaus: Ein großer Sohn Kärntens. Dr. Hans Steinacher. Eigenverlag Siegmund Knaus, Pörtschach 1962. für die Vorbereitung und Durchführung der Kärntner Volksabstimmung erwarb er sich den Ruhm als „großer Sohn Kärntens“, doch galt sein Kampf weniger Kärnten als dem Deutschtum:

Nach dem Erfolg bei der Kärntner Volksabstimmung engagierte sich Steinacher bei einer Reihe weiterer Abstimmungen im Gefolge der Friedensverträge über die künftige Gebietszugehörigkeit – Oberschlesien (1921), Tirols Anschluss ans Deutsche Reich (1921), Westungarn/Ödenburg (1921) – und agierte 1923 im Ruhrkampf gegen die französisch-belgische Ruhrbesetzung sowie gegen die Schaffung einer an Frankreich angelehnten Rheinischen Republik. In diesem Zusammenhang wurde er vom preußischen Reichsministerium des Innern mit der Leitung einer sogenannten „Abwehrzentrale“ in Köln betraut. Seine Aufgabe war die propagandistische Bekämpfung des Rheinischen Separatismus. Hierzu errichtet er eine geheimdienstartige Struktur, die darüber hinaus Sabotageaktionen und bewaffnete Konflikte im französisch besetzten Rheinland durchführte. Hans Steinacher schreckte auch vor politischem Mord nicht zurück. Er ordnete die Ermordung von Wilhelm Schlich aus Bell persönlich an.Klaus Schönberger: „… der in meinem Auftrag erfolgten Erschießung“. Hans Steinacher – ein Kärntner ‚Held‘ als Agent des völkischen Terrorismus. Online-Publikation. 2022: volksabstimmung2020.aau.at (PDF abgerufen am 24. Oktober 2014). Zunächst erschienen in slowenischer Sprache: Klaus Schönberger: „… ustretlitiv po mojem naročilu“. Hans Steinacher – koroški ‚junuk‘ kot agent nacionalega terrorizima. In: Danijel Grafenauer (ur): Koroški plebiscit – 100 let kasneje. Slovenska Matica, Ljubljana 2021, ISSN 2784-4625, S. 83–103.

Ab 1922 war Steinacher neben seinen Grenzlandaktivitäten an der Universität Frankfurt am Main immatrikuliert und wurde 1925 nach einem damals nur sechssemestrigen staatswissenschaftlich-volkswirtschaftlichen Studiengang aufgrund seiner Dissertation zum Thema „Wirtschaft und Volksabstimmungen“ zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach kurzer Geschäftsführung des Deutschen Schulvereins „Südmark“ in Wien fungierte er bis 1930 in Frankfurt als Grenzlandreferent im Rang eines Ministerialrats des preußischen Innenministeriums, als Wirtschaftsberater deutscher Volksgruppen, als Kontaktmann zur österreichischen Anschlussbewegung, aber auch für eine halbamtliche Stiftung, die deutschen Volksgruppen im Ausland finanzielle und agitatorische Unterstützung bot.Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 159. 1930 wurde er ins Außenministerium überstellt und mit der Leitung der Zentralstelle für deutsche Auslandsbüchereien in Berlin betraut. 1931 wurde er das jüngste Vorstandsmitglied des VDA, des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland, und im April 1933 formell dessen stellvertretender Vorsitzender, faktisch aber bereits der Leiter, als welcher er kurz danach auch öffentlich auftrat. „Vollständig illegal“ soll nach zeitgenössischen Quellen die Übernahme der Bundesleitung vor sich gegangen sein.Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 160, Anm. 702.

Nationalsozialismus Im Mai 1933 führte Steinacher, der sich bis 1934 als „Reichsführer“ bezeichnete, im VDA das Rassenprinzip ein, wonach nur „Deutschstämmigen“ eine Mitgliedschaft möglich war; im selben Sommer wurde der Hitlergruß zum offiziellen VDA-Gruß erklärt.Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 162.

Ab 1933 war VDA-Bundesleiter Hans Steinacher für die Koordinierung der Volksdeutschen verantwortlich.Wolfgang Freund: Volk, Reich und Westgrenze: Deutschtumswissenschaften und Politik in der Pfalz, im Saarland und im annektierten Lothringen 1925–1945 (= Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung. hg. v. Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Band 39 SDV, Saarländische Druckerei und Verlag, 2006, ISBN 3-939150-00-2, S. 66). Er erreichte auch die Gründung der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft und die Zusammenarbeit mit den drei bereits existierenden volkstumspolitischen Arbeitsgemeinschaften, der Alpenländischen, der Rheinischen und der Wiener Südostdeutschen. Sämtliche Gebiete, in denen Deutsche wohnten, vom Rheinland und der Westschweiz bis in tschechische, ungarische und kroatische Gebiete und bis ins Memelland sollten wissenschaftlich betreut werden.Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. S. 153. Ein „Frontkrieg um Wesenserhaltung und Boden“ sei gefordert.Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931–1945. Nomos, Baden-Baden 1999, ISBN 3-7890-5770-3, S. 108. In seinen unveröffentlichten Erinnerungen stellt er sich auf eine Ebene mit den zentralen NS-Größen:

Darüber hinaus: "Steinacher war 1934 einer der „Führer“ der NS-Bewegung, die im Sammelalbum „Männer im Dritten Reich“ der Orientalischen Cigaretten-Compagnie Rosma GmbH (Brinkmann, Bremen) auf einer Seite porträtiert wurden. Er zählt in dieser Sammlung zu jenen 200 ausgewählten Männern, „die dieses Deutschland führen“ und die „der deutschen Jugend“ nahegebracht werden sollen.Klaus Schönberger: Mythos Hans Steinacher. S. 219.

mini|Miklauzhof

In Kärnten unternahm Steinacher große Anstrengungen, um das dortige deutschnationale Lager des Landbundes, der Großdeutschen Volkspartei sowie der völkischen Vereine wie des Kärntner Heimatbundes oder der Wehrturner des Deutschen Turner-Bundes, denen er auch seinen 1929 erworbenen Besitz Miklauzhof als „deutsche Bastion“ im Kärntner Unterland zur Verfügung stellte, auf die Linie der NS-Österreichpolitik einzuschwören. Österreich sei auf die Dauer nicht lebensfähig und müsse an Deutschland angegliedert werden. „Einheit im deutschen Volkstum ist unsere Bestimmung für die Zukunft.“Karl Stuhlpfarrer: Deutsche Volkstumspolitik in Kärnten nach der Volksabstimmung. In: Helmut Rumpler (Hrsg.): Kärntens Volksabstimmung 1920. Kärntner Druck- und Verlagsgesellschaft, Klagenfurt 1981, ISBN 3-85391-027-0, S. 333 f. Bald vertraten weite Kreise die Meinung, Steinacher solle die Führung der NSDAP in Österreich übernehmen.Alfred Elste: Kärntens braune Elite. S. 165.

Als Vorsitzender des VDA, der sich als parteiunabhängiger und nominell unpolitischer, allein für kulturelle und soziale Aufgaben gegründeter Verein verstand, geriet Steinacher allerdings immer öfter in Konflikt mit Spitzen der Partei und der SS, zunächst durch seine laut geäußerten Überlegungen, wie man Mussolini zur Abtretung Südtirols ans Deutsche Reich bewegen könnte und dann durch seine Ablehnung jedweder Aussiedlung, was die deutsche Italienpolitik Hitlers desavouierte.

Das Konzept des Volks, das Steinacher (wie etwa auch Max Hildebert Boehm, der Leiter des Instituts für Grenz- und Auslandsstudien, das dem VDA nahestand) vertrat, setzte voraus, dass das Kernland nicht unbedingt identisch war mit den Grenzen des Raumes, in welchem deutsche Volksangehörige siedelten – im Gegenteil, es betonte geradezu einen föderalen Charakter des neu zu ordnenden Raumes von Mitteleuropa, womit sich diese Auffassung von „Volk“ und dessen Wirkungsraum jedoch in entscheidenden Punkten vom NS-Volksverständnis einer Volksgemeinschaft unterschied.Jürgen Evert: Mitteleuropa! S. 234.