mini|Das sogenannte Erlanger Selbstbildnis, lange Zeit als einziges authentisches Selbstporträt Grünewalds betrachtet, wird von der jüngeren Forschung zunehmend als Studie zu Johannes dem Evangelisten gesehen

Matthias Grünewald (* um 1480 vielleicht in Würzburg; † vor 1. September 1528 in Halle (Saale)) war ein bedeutender Maler, Grafiker und Wasserbauingenieur der Renaissance. Er hieß eigentlich Mathis Nithart (oder Gothart; in verschiedenen Varianten). Zeitgenössisch wurde er Mathis von Aschaffenburg (in verschiedenen Varianten) genannt. Er war vor allem Hofkünstler der Mainzer Erzbischöfe.

Biographisches Name Sandrart und die ältere Überlieferung mini|hochkant=0.8|Joachim von Sandrart, hier in einem Kupferstich von 1675, gilt als der erste „Grünewald“-Biograph Der heute geläufige Name Matthias Grünewald geht noch auf Joachim von Sandrart zurück, der ihn mit jeweils einem kurzen biographischen Abriss in sein 1675 und 1679 verlegtes, zweiteiliges kunsthistorisches Hauptwerk Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste aufnahm.Joachim von Sandrart: L'Academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste […]. Jacob von Sandrart/Mattäus Merian, Nürnberg/Frankfurt 1675; Joachim von Sandrart: Der Teutschen Academie Zweyter und letzter Haupt-Theil / Von der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste […]. Michael und Johann Friedrich Endter/Johann von Sandrart, Franckfurt am Main 1679. - Ausführlich dazu Andreas Tacke: Sandrarts Reden, Hainhofers Schweigen. Zur Provenienz von Grünewalds „Kleiner Kreuzigung“ – Mit Darlegung des Ankaufsvorschlages für das Linzer „Führermuseum“. In: Michael Wenzel, Wolfgang Augustyn, Andreas Tacke (Hrsg./ Ed.): Ekphrasis und Residenz – Höfische Kultur und das Medium des Reiseberichts im Zeitalter der Konfessionalisierung um 1600 / Ekphrasis and Court – Court culture and the travelogue in the age of confessionalization (Hainhoferiana – Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte Schwabens und Europas; Bd. 1 / Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München; Bd. 64). Petersberg 2023, S. 159–199. Wie für barocke Literatur nicht ungewöhnlich, und vielleicht eher Schriftsetzern und Druckern als Sandrart selbst zuzuschreiben, sind die bereits hier an verschiedenen Textstellen stark variierenden Schreibweisen des Künstlernamens:

Matthias von AschaffenburgSandrart 1675, I, Buch 3, S. 57 (online). GrünwaltSandrart 1675, I, Buch 3, S. 100 (online). GrünwaldSandrart 1675, I, Buch 3, S. 101 (online). Matthaei von AschaffenburgSandrart 1675, II, Buch 3, S. 231 (online). Matthaeus Grünenwald von Aschaffenburg / MahlerSandrart 1675, II, Buch 3, S. 235 (online). Matthaeus Grünewald / sonst Matthaeus von Aschaffenburg genanntSandrart 1675, II, Buch 3, S. 236 (online). Matthaei GrünwaltSandrart 1679, II, Buch 2, S. 89 (online). Matthäus Grünwald von AschaffenburgSandrart 1679, II, Buch 3, S. 68 (online). M. Grünwald berühmter Mahler von AschaffenburgSandrart 1679, II, Buch 3, S. 93 (online).

Auch wenn Sandrart im Sinne Giorgio Vasaris erstmals eine rudimentäre Biographie und Werksbeschreibung des historischen „Grünewald“ lieferte, war er nicht der erste, der ihn bei seinem vermeintlichen Namen nannte. Bereits 1573 sprach der Straßburger Drucker und Verleger Bernhard Jobin von einem Mathis von Oschnaburg, zwischen 1570 und 1586 der Basler Sammler Basilius Amerbach von einem Mathis von Aschenburg und schließlich 1620 der Verleger Vincenz Steinmeyer in der Vorrede eines Holzschnittsammelwerks von einem Matthes von Aschaffenburgk.Karl Arndt: Grünewald – Fragen um einen geläufigen Künstlernamen. In: Rainhard Riepertinger (Hrsg.): Das Rätsel Grünewald. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2002/03, Schloss Johannisburg, Aschaffenburg, 30. November 2002 bis 28. Februar 2003. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1715-7, S. 19.

Geht man bis auf die Lebzeiten „Grünewalds“ zurück, so finden sich in den historischen Dokumenten, die aus Sicht der heutigen Forschung mit ihm in Verbindung gebracht werden können, noch knappere Angaben. Meist ist nur von Mathis, Matheis, Mathes oder Mattheus die Rede, also modern von Matthias respektive Matthäus. Eher selten findet sich noch der Zusatz Maler, noch seltener von Aschaffenburg oder von Würzburg als Herkunftsangabe. Dabei zählen die genannten Vornamen in ihren Varianten zu den häufigsten ihrer Zeit an Mittel- und Oberrhein.

mini|hochkant=0.6|Auch dem Matthäus Merian war der historische „Grünewald“ als „Grün“ ein Begriff Erst im 17. Jahrhundert wurden die zeitgenössischen Bezeichnungen dann mit Grün respektive Grünewald attributiert und erweitert. Dabei muss Sandrart nicht zwangsläufig ihr Urheber gewesen sein: aus seiner teils autobiographischen Beschreibung von 1675 wird deutlich, dass er diese Bezeichnung bereits vor seiner Italienreise im Jahr 1629 gekannt haben muss und mit „Matthias von Aschaffenburg“ in Verbindung brachte. 1641 sprach aber schon lange vor Sandrarts Drucklegung Matthäus Merian von einem Matheus Grün von Aschaffenburg und 1657/67 löste der Basler Remigius Faesch das Monogramm MG in Matheß Grün von Aschaffenburg auf.

Den Weg dieser Neubildung kann die Forschung bis heute nicht zweifelsfrei aufklären: Möglicherweise kam Sandrart über den Rückentitel APOCAL. GRVNE/WALT eines holländischen Grafiksammelbandes von 1637 zu „Grünewald“. Darin enthaltene Blätter des Künstlers Matthias Gerung tragen nämlich das Monogramm MG, das jedoch sowohl Faesch als auch Sandrart dem historischen „Grünewald“ zuschlugen.

Da Sandrart jedoch wohl schon vor 1637 den von ihm geprägten Beinamen verwendete, ist eine andere Möglichkeit die Vermischung der Biographie „Grünewalds“ mit der eines in Frankfurt am Main im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts lebenden Bildschnitzers, Bildhauers und Malers namens Mathis Grün.Schedl, Michaela: Grün, Mathis. In: Frankfurter Personenlexikon (2024), [https://frankfurter-personenlexikon.de/node/13894 Onlineausgabe] Dem nahe stehen Vermutungen, dass Sandrart eigene urkundliche Forschungen anstellte und aufgrund der genannten Häufigkeit des Vornamens und seiner Varianten die Biographien mehrerer Personen miteinander vermischte.

Neuere Forschungsgeschichte Die Namensüberlieferung des 17. Jahrhunderts wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts kaum in Frage gestellt. Dies stand in krassem Gegensatz zur Wiederentdeckung des „grünewaldischen“ Werkes ab Mitte des 19. Jahrhunderts sowie den Erfolgen der kunstgeschichtlichen Forschung, ihm über das Werkverzeichnis Sandrarts hinaus mehr und mehr erhaltene Bilder zuschreiben zu können. Das immerhin auf zweien seiner Werke dreiteilige Monogramm MGN wurde dabei gerne als Nürnberg gedeutet, die zwei anderen bekannten Monogramme MG deckten sich indes weiter mit der alten Namensüberlieferung.

Der Kunsthistoriker Walther Karl Zülch, der seit 1911 aufgrund der reichen Überlieferung des Frankfurter Stadtarchivs forschte, konnte den Konflikt um den Namen Grünewald auflösen. Dies stellte eine gewaltige Herausforderung vor allem deshalb dar, weil in zeitgenössischen Dokumenten der Zeit um 1500 meist nur von Meister Mathis (Mathes) oder Mathis (Mathes) Maler die Rede ist. Hinter diesen Namen verbergen sich wegen der bereits genannten Häufung des Namens zahllose historische Persönlichkeiten, weshalb vielleicht schon Sandrart auf Irrwege geraten war.

Tatsächlich publizierte Zülch aber 1917 erstmals Forschungsergebnisse, die den Künstler auf einen Mathis Nithart oder Gothart zurückführen konnten, 1938 erschien dann seine bis heute bedeutsame Monographie Der historische Grünewald. Obwohl diese in einigen Details aus Sicht der heutigen Forschung nicht mehr haltbar ist, da auch er trotz quellenkritischer Arbeit wohl die Lebensläufe einiger nicht mit dem historischen Grünewald identischer Künstler „beimischte“, hat sich in Bezug auf seine Erkenntnisse zum Namen seitdem nur noch wenig geändert.

Demnach nannte sich der Künstler Mathis (modern: Matthias) Gothart, obwohl er wohl ein geborener Nithart war. Der Vorname ist in einer Studie, der sogenannten Oxforder Zeichnung, handschriftlich überliefert. Die häufige „Verwechslung“ des Namens mit Varianten des Namens Matthäus, vor allem in zeitgenössischen Dokumenten, ist auf dialektale Verschleifungen und den Umstand zurückzuführen, dass es keine normierte Rechtschreibung gab.

Die genannte Kombination von Künstlernamen und Familiennamen ist die schlüssigste Erklärung für sämtliche bekannten Signaturen des Künstlers, obwohl die Doppelung nicht aufgeklärt werden konnte. Obwohl Gothart und Nithart schon 1516 respektive 1526 urkundlich nachweisbar sind, erscheinen sie beide im Inventar des Nachlasses des Künstlers 1528 zusammen mit Objekten, die sie mit dem rekonstruierbaren Lebenslauf und auch Werk des historischen „Grünewald“ in Verbindung bringen.

Schon in den 1960er Jahren wurden an der von Zülch skizzierten Biographie Grünewalds verschiedentlich Korrekturen vorgenommen, wenn durch neue Dokumente oder Bilder eine Korrektur notwendig wurde. So zwang z. B. Alfred Schädler mit seinen Forschungsergebnissen von 1962 die Kunsthistoriker in einem wesentlichen Punkt zum Umdenken. Er erbrachte den Nachweis, dass der Seligenstädter Bildschnitzer Mathis nicht mit Mathis Gothardt-Neithardt identisch sein kann.Alfred Schädler: Zu den Urkunden über Mathis Gothat Neithart. In: Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst 13, 1962, S. 69–74.

Zu Beginn der 1970er Jahre legte der Historiker Hans Jürgen Rieckenberg ausführlich eine neue Theorie zum Thema Grünewald dar und stellte die bisherige kunsthistorische Forschung in Frage. Inzwischen wird diese Theorie von der Kunstwissenschaft kaum noch als zutreffend eingeschätzt.Zum Beispiel: Michaela Schedl: Grünewald, Matthias In: Frankfurter Personenlexikon (2024) Onlineausgabe Die These Rieckenbergs hat vor allem wissenschaftgeschichtliche Bedeutung.