miniatur|hochkant=1.7|„Die erbitterten Kämpfe um den Besitz der Lorettohöhe“, deutsche Propagandazeichnung Die Lorettoschlacht fand im Ersten Weltkrieg vom 9. Mai bis 19. Juni 1915 an der Westfront nördlich von Arras statt. Dabei versuchte die französische Armee, die strategisch wichtige Lorettohöhe einzunehmen. Die Schlacht war Teil der übergeordneten Frühjahrsschlacht bei La Bassée und Arras (französisch Deuxième bataille de l’Artois). Benannt wurde sie nach der Kapelle Notre-Dame-de-Lorette, die sich im Kampfgebiet befindet. Wie die gleichzeitig von den Briten durchgeführte Offensive bei Aubers und Festubert nördlich von La Bassée war die Lorettoschlacht eine der typischen verlustreichen und ergebnislosen Schlachten des Ersten Weltkrieges.

Vorgeschichte Am 17. Dezember 1914 um 13:30 Uhr stürmten die Soldaten des französischen XXI. Corps gegen den Lorettoberg nördlich von Arras an, erreichten die ersten deutschen Schützengräben, blieben jedoch im heftigen Abwehrfeuer vor der zweiten Grabenlinie liegen. Am folgenden Morgen trat das XXXIII. Corps unter General Philippe Pétain gegen Carency an. Mühsam drangen die Soldaten im strömenden Regen vor, der Angriff blieb im Schlamm stecken, an ein weiteres Vorkommen war nicht zu denken. Die 10. Armee hatte 542 Offiziere und 7229 Mann verloren. Die Schlacht verlor sich in Einzelgefechten um Grabenabschnitte und Stützpunkte. General Émile Fayolle, Kommandeur der 70. Division, notierte verzweifelt: „Einmal mehr soll Carency angegriffen werden, sie lassen sich durch nichts davon abbringen. Das 3. Jägerbataillon hat nördlich von Ablain den mittleren Sporn der Anhöhe angegriffen, ist zerschlagen worden und hat zwei Gräben eingebüßt. Aber das bringt sie nicht zum Nachdenken. Ohne Zweifel bedeuten Angriffe nur sinnlose Verluste. Warum also weitermachen? […] Ich glaube, ein Epileptiker, der herumlaufen und ständig ‚Angreifen! Angreifen!‘ schreien würde, wäre heutzutage ein großer Mann“.Jean-Pierre Cartier: Der Erste Weltkrieg. Piper, München 1984, ISBN 3-492-02788-1, S. 263.

Strategische Ziele General Joseph Joffre, Oberbefehlshaber der französischen Heeresleitung, und der im Oktober 1914 eingesetzte Oberbefehlshaber der Groupe d’armées du Nord Ferdinand Foch waren die Initiatoren der großen Frühjahrsoffensive von 1915. Ein neuer Angriff der Entente sollte Bewegung in die zwischen dem flandrischen Schlamm und den bergigen Hochvogesen erstarrte Frontlinie bringen, nachdem die deutsche Offensive im April im Raum Ypern abgewiesen worden war. Bevor die deutsche Seite erneut strategische Reserven freisetzen konnte, beabsichtigte das französische Oberkommando, nun endgültig den strategischen Durchbruch zu erzielen. Hierzu eröffneten nach Auffassung des Oberbefehlshabers nur wenige Kampfgebiete die Möglichkeit: Lokale Angriffe zielten auf die Einnahme des Hartmannsweilerkopfs im Elsass sowie den Argonnerwald. Nach genauer Inspektion seiner Frontabschnitte glaubte General Foch jedoch, vor sich den entscheidenden Schwachpunkt in der deutschen Verteidigungslinie erkannt zu haben, und setzte sich vehement für eine als Entscheidungsschlacht konzipierte Offensive ein.

Der so erkannte „Schwachpunkt“ war ein deutscher Frontvorsprung nach Westen, an der strategisch wichtigen, etwa 11 Kilometer langen und bis zu 188 m hohen Vimy-Hügelkette nördlich von Arras. Die Vimy-Höhen grenzen die flandrische Tiefebene nach Süden hin ab und bildeten ein natürliches Bollwerk in der deutschen Stellung, das das weit gestreckte Steinkohlebecken des Artois (Nordfranzösisches Kohlerevier) deckte. Gelang es, diesen Höhenzug zu nehmen, so konnten von dort nicht nur Douai und das Artois beherrscht werden, vor allem war die Voraussetzung für einen weiträumigen Angriff in die Tiefe des gegnerischen Raumes geschaffen, der den rechten deutschen Flügel nach Norden abdrängen, zerschlagen und das deutsche Heer zum strategischen Rückzug zwingen würde.

General d'Urbal war am 2. April 1915 zum neuen Kommandeur der 10. Armee ernannt worden. Am rechten Flügel am östlichen Stadtrand von Arras (Saint-Laurent-Blangy bis Roclincourt) konzentrierten sich als Rückhalt das X. Corps mit der 19. und 20. Division sowie das XVII. Corps (General Noël Jean-Baptiste Dumas) mit der 34. und 33. Division. Im Zentrum der Frontlinie wurden rechts das XX. Corps (General Maurice Balfourier) gegen den südlichen Abhang der Höhen von Vimy angesetzt, während links das XXXIII. Corps mit der 70. und 77. sowie der marokkanischen Division zum frontalen Hauptstoß auf Loretto und Carency bestimmt war. Am linken Armeeflügel hatte das XXI. Corps (General Maistre) mit der 13. und 43. Division die Aufgabe, über Souchez zum Höhenzug von Vimy durchzubrechen; das IX. Corps (General Louis Amédée Curé) sollte mit der 18. und 17. Division den Angriff auf Loos führen und in Anlehnung zur britischen 1. Armee versuchen, von Norden her auf Lens durchzubrechen. Fochs Hauptziel war es, den beherrschenden Höhenzug von Vimy zu erobern und diese Höhenstellung zu konsolidieren, um zu verhindern, dass deutsche Gegenangriffe die Höhen zurückerobern konnten. Durch Verstärkungen erhöhte sich bei der 10. Armee die Menge der schweren Geschütze auf 293 und die der Feldartillerie auf 1.075 Geschütze. Foch war überzeugt, die feindlichen Stellungen mit dieser Artillerie leerfegen und überrennen zu können.„Wir werden den Feind überrennen, ihn mit Schlägen eindecken, die seine Stellungen ebenso zerstören werden wie seine Kampfmoral, ihm so zusetzen, dass er seine Nerven verliert und ihn vernichten. (...) Wir haben jetzt eine ungeheuer starke Artillerie und Sprengstoffe von furchtbarer Wirkung. (...) Ihr werdet leergefegtes Gelände besetzen.“ (General Foch an seine Soldaten, zit. nach Jean-Pierre Cartier: Der Erste Weltkrieg. Piper, München 1984, ISBN 3-492-02788-1, S. 292). Joffre teilte diese Zuversicht und sagte zu Präsident Raymond Poincaré, vielleicht noch vor dem Sommer, spätestens aber im Herbst werde der Gegner endgültig besiegt sein.

Nicht alle Divisionsführer teilten diesen Optimismus.„Wieder einmal wird angegriffen. Trotz aller Lektionen (...) wollen sie es noch einmal versuchen. Die Aufgabe ist immer die gleiche: Deutsche Truppen binden, damit sie nicht an die Ostfront geschafft werden. Außerdem hoffen sie, die Front aufzubrechen. Sie machen sich große Illusionen (...) 10.000 Mann wird es kosten, einen Kilometer weit zu kommen.“ (Tagebuch General Émile Fayolle, zit. nach Jean-Pierre Cartier: Der Erste Weltkrieg. Piper, München 1984, ISBN 3-492-02788-1, S. 292). Die frontnahen Kommandeure wussten um das gut ausgebaute Grabensystem mit beherrschenden Maschinengewehr- und Artilleriestellungen, das die deutschen Truppen inzwischen, wie überall an der Westfront, auch auf den Vimy-Höhen geschaffen hatten. Man würde starke Kräfte benötigen, um einen Durchbruch erzielen zu können.

Operationsplan mini|Die Loretto-Kapelle Der Hauptstoß des Angriffs sollte zentral auf die Vimy-Höhen gerichtet werden, rechts und links flankiert von Angriffen auf Bailleul im Süden und die Lorettokapelle im Norden. Die Führung der um sechs Korps verstärkten 10. Armee wurde General Victor d’Urbal übertragen,siehe auch französische Wikipedia. dazu erhielt Foch zwei Kavalleriekorps, die nach dem erhofften Durchbruch den Stoß in die Tiefe treiben sollten, sowie weitere Artillerie und Flieger.

Aufgrund der Erfahrungen aus den bisherigen Durchbruchsversuchen sollte nach der Einnahme der ersten Stellungen dem deutschen Gegner keine Zeit gelassen werden, sich wieder festzusetzen oder Reserven zu verschieben. Der Angriff erfolgte daher in einem sehr breiten Frontabschnitt und die Truppen der vordersten Front wurden laufend verstärkt, um die Wucht des Angriffs aufrechtzuerhalten (Offensive à outrance). Außerdem sollte die Artillerie noch viel massiver eingesetzt werden. 780 Feldgeschütze, 293 schwere Haubitzen sowie 124 schwere Mörser gingen in Stellung; für die Feldartillerie wurden rund 600.000 Schuss und für die schwere Artillerie etwa 91.000 Schuss bereitgestellt.

Die schwer zugängliche Lorettohöhe, auch als Höhe 165 bezeichnet, war seit dem Oktober 1914 in der Hand der deutschen 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht. Hier verteidigte das deutsche XIV. Armee-Korps, links nach Süden bis in den Raum von Arras flankiert vom I. Bayerische Reservekorps, rechts nördlich des La-Bassée-Kanals gedeckt vom VII. Armee-Korps. In Feindrichtung, an den südwestlichen Ausläufern des Höhenrückens, lagen die von einem gut befestigten Stellungssystem durchzogenen Ortschaften Ablain-Saint-Nazaire und das weiter vorgelagerte Carency; daran anschließend, drei Kilometer im Süden der Höhe 16, das lang gestreckte Straßendorf Neuville-St. Vaast. Dieses wiederum wurde von einem Hochplateau aus überwacht, das mit einem Netz von Gräben, MG-Nestern, Stollen und Unterständen befestigt und durchzogen war: Insgesamt ein tiefgegliedertes Stellungssystem, stacheldrahtbewehrt, mit armierten Häusern und betonierten Kellern als Stützpunkten; verbunden durch Laufgräben, die mit Gewehrauflagen versehen auch wie Schützengräben verteidigt werden konnten, dahinter in Bereitschaft starke, rasch heranführbare Reserven.

Zweite Schlacht im Artois Schlacht um die Loretto-Höhe mini|Skizze zur Lorettoschlacht mini|Das von den Franzosen erstürmte Dorf Carency

Dem im Angriffsfeld liegenden deutschen XIV. Armee-Korps (Generalleutnant Karl Heinrich von Hänisch) waren die seit April zunehmenden Bewegungen auf der französischen Seite nicht entgangen. Zudem ging dem Angriff ein fünftägiges Trommelfeuer voraus, das den Deutschen bereits ein größeres Unternehmen des Gegners ankündigte und einen möglichen Überraschungseffekt zunichtemachte.

Im Raum westlich von Lens hatte die Artillerie der französischen 10. Armee am 9. Mai um 6 Uhr morgens mit ihrem Vernichtungsfeuer den Hauptschlag der Schlacht eröffnet. Um 09:30 Uhr bezogen die französischen Truppen die Sturmausgangsstellungen, bei Carency hatten Pioniere 17 unterirdische Stollen gegen die deutschen Stellungen vorgetrieben, die mit je 300 kg Sprengstoff belegt waren und jetzt gezündet wurden. Um 09:45 Uhr wurden die Bajonette aufgepflanzt, um 10 Uhr verlegte sich die Feuerwalze der Artillerie nach hinten, die Infanteristen begannen den Sturmlauf auf einer Breite von 34 Kilometern mit 18 Divisionen. Den Hauptstoß führten das XXI., XXXIII. und XX. Corps auf zwölf Kilometern Breite mit sieben Divisionen. Gegenüber der deutschen 28. Division (Generalmajor Franz Trotta von Treyden) kam der Angriff am besten voran, wenn auch der Gegner längst nicht niedergekämpft war. Im Zentrum gelang es dem XXXIII. Corps unter General Pétain in die deutschen Stellungen einzudringen und sich bis in die zweite Linie, sogar bis auf eine Höhenkuppe mit Ausblick in die Ebene von Douai und die wichtige Eisenbahnstrecke, vorzukämpfen. Insbesondere an der nördlichen Flanken beim XXI. Corps hatten sich noch zahlreiche verborgene MG-Nester gehalten und fügten den Sturmwellen schwere Verluste zu. Die Flankenangriffe des XVII. Corps (General Dumas) im Süden zwischen Bailleul-Sir-Berthoult und Saint-Laurent-Blangy blieben gleichfalls liegen. Die Verteidigung der Loretto-Höhe oblag der deutschen 55. Infanterie-Brigade (Generalmajor von Olszewski), mit der wichtigen Höhe von Notre-Dame de Lorette. Südlicher anschließend musste die 5. Reserve-Division (Generalmajor Kreß von Kressenstein) des bayerischen I. Reserve-Korps unter General Karl von Fasbender an der Linie Roclincourt – La Targette – Carency der Hauptlast des französischen Angriffes standhalten. Die 70. Division unter General Émile Fayolle nahm Carency, zentral stürmte die marokkanische Division (Divisionsgeneral Blondlat) Givenchy und stieß über das Dorf Le-Petit-Vimy an der Höhe 140 vorbei, links davon drang die 77. Division bis nach Souchez vor. mini|rechts|Carency