mini|500px|Europa zur Zeit der (durch die Reformation angestoßenen) größten Konfessionalisierung (um 1620) Die Konfessionalisierung ist die geschichtswissenschaftliche Theorie über die ineinandergreifende Entwicklung von Kirche, Staat und Gesellschaft nach der Reformation. Sie prägt bis heute die (deutschsprachige) Erforschung der frühneuzeitlichen Geschichte Europas. Die Epoche, innerhalb derer die Konfessionalisierung im Heiligen Römischen Reich stattfand (etwa 1540 bis 1648), wird im Anschluss daran in der Forschung auch als konfessionelles Zeitalter oder Zeitalter der Konfessionalisierung bezeichnet. Im traditionellen Sprachgebrauch ist sie auch als Zeitalter der Glaubensspaltung oder Zeitalter der Glaubenskämpfe bekannt.

Zu unterscheiden ist der im Nachhinein von der Forschung geprägte Begriff der Konfessionalisierung von dem aus zeitgenössischen Quellen überlieferten Begriff des Konfessionalismus. Dieser bezeichnet im engeren Sinne eine protestantische Denkschule im Deutschland des 19. Jahrhunderts, die pointiert u. a. von Rudolf Rocholl vertreten wurde und die Spaltung des Christentums in Konfessionen bejaht.Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert. 2., erweiterte Auflage. R. Brockhaus, Wuppertal/Zürich 1989, ISBN 3-417-29343-X, S. 169; Friedrich Wilhelm Graf: Art. Konfessionalismus. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4. Auflage. Bd. 4. Tübingen 2001, Sp. 1541 f. Verallgemeinert versteht man unter Konfessionalismus inzwischen eine Überbetonung der eigenen Konfession.Lemma Konfessionalismus. In: Duden.de. Zuweilen wird das konfessionelle Zeitalter – insbesondere umgangssprachlich – allerdings auch als „Zeitalter des Konfessionalismus“ bezeichnet.Thomas Kaufmann: Art. Konfessionalismus. In: Friedrich Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 6. Darmstadt 2007, Sp. 1070–1074.

Konfessionsbildung als theoretischer Vorläufer

Die Theorie der Konfessionalisierung baut auf den Arbeiten von Ernst Walter Zeeden auf, der in den 1950er Jahren als erster das Phänomen der Konfessionsbildung beschrieben hatte, wobei Zeeden mit diesem Begriff vor allem innerkirchliche Wandlungsprozesse im Zuge der Konsolidierung nach der ereignisreichen Reformationszeit angesprochen hatte: „die geistige und organisatorische Verfestigung der seit der Glaubensspaltung auseinanderstrebenden christlichen Bekenntnisse zu einem halbwegs stabilen Kirchentum nach Dogma, Verfassung und religiös sittlicher Lebensform“.Ernst Walter Zeeden, Grundlagen und Wege der Konfessionsbildung im Zeitalter der Glaubenskämpfe, in: Historische Zeitschrift 185 (1958), S. 249–299, hier S. 251 f. Außerdem spricht Zeeden bereits vom „konfessionellen Zeitalter“.

Grundzüge der Theorie

Die deutschen Historiker Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling haben die Theorie dann Ende der 1970er Jahre unabhängig voneinander parallel entwickelt. Schilling sieht in der Konfessionalisierung „einen gesellschaftlichen Fundamentalvorgang, der das öffentliche und private Leben in Europa tiefgreifend umpflügte, und zwar in meist gleichlaufender, bisweilen auch gegenläufiger Verzahnung mit der Herausbildung des frühmodernen Staates und mit der Formierung einer neuzeitlichen disziplinierten Untertanengesellschaft, die anders als die mittelalterliche Gesellschaft nicht personal und fragmentiert, sondern institutionell und flächenmäßig organisiert war“Heinz Schilling: Die Konfessionalisierung im Reich. Religiöser und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland zwischen 1555 und 1620. In: Historische Zeitschrift 246 (1988), S. 1–45, hier S. 6.. Nach dieser Auffassung hat die Spaltung der Christenheit in mehrere Konfessionen also nicht nur in der Kirche und auf religiösem Gebiet große Veränderungen bewirkt, sondern die Gesellschaft in allen Teilbereichen tiefgreifend verändert, wobei alle Konfessionen vergleichbare Entwicklungsmuster aufweisen. Die Entwicklung der drei großen Bekenntnisse verlief auch zeitlich parallel: Statt die Gegenreformation nur als Reaktion auf die Reformation zu begreifen, wird die Institutionalisierung der katholischen Reform nach dem Abschluss des Konzils von Trient in den 1560er Jahren parallelisiert mit der im Reich seit den 1560er Jahren vordringenden zweiten Reformation des reformierten (calvinistischen bzw. zwinglianischen) Bekenntnisses; zeitgleich dazu habe sich auch die lutherische Konfession erst dann zu ähnlicher institutioneller Verfestigung konsolidiert.

Diese Konzeption ist beeinflusst durch die seit den 1970er Jahren bestehende Dominanz der modernisierungstheoretisch fundierten Gesellschaftsgeschichte in der westdeutschen Geschichtswissenschaft, womit sich Wolfgang Reinhards rückblickende Einschätzung der Entdeckung erklären lässt: „Wir denken zwar, aber gleichzeitig denkt es in uns. Wie sehr aufgrund dieses überpersönlichen Trends bestimmte Schlußfolgerungen ‚in der Luft liegen‘, habe ich selbst erfahren, als Heinz Schilling zur selben Zeit mit mir, aber anscheinend völlig unabhängig von mir und auf der Basis ganz andersartigen Datenmaterials den neuen Begriff der ‚Konfessionalisierung‘ geprägt hat.“Wolfgang Reinhard: Sozialdisziplinierung – Konfessionalisierung – Modernisierung. Ein historiographischer Diskurs. In: Nada Boskova-Leimgruber (Hrsg.): Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge. Paderborn / München / Wien / Zürüch 1997, S. 39–55, hier S. 39 (RTF von der Website Heinrich Richard Schmidts; 68 kB). Im Unterschied zu dem im 19. Jahrhundert von der protestantisch-preußischen Geschichtsschreibung geprägten Begriffspaar Reformation–Gegenreformation für das Zeitalter der Glaubenskämpfe, bei dem zwischen der als fortschrittlich gewerteten Reformation und der als rückschrittlich betrachteten Gegenreformation unterschieden wurde, findet in dem von Reinhard und Schilling geprägten Begriff eine stärkere Betonung der Modernisierung der frühneuzeitlichen Gesellschaft statt. Damit wird der pejorative Zug überwunden, der dem Ausdruck Gegenreformation bislang anhaftete. Nach Reinhard haben sowohl die Reformation als auch die katholische Reform und Gegenreformation zur Modernisierung Europas beigetragen.

Somit ist durch die Konfessionalisierungsthese die Religion, die im Alltagsleben der Frühen Neuzeit eine große Rolle spielte, aber in der Forschung lange vernachlässigt wurde, durch ihre Verknüpfung mit Staatsbildung und Modernisierungsparadigma wieder ins Zentrum der historiographischen Aufmerksamkeit gerückt.Siehe Wolfgang Reinhard: Sozialdisziplinierung – Konfessionalisierung – Modernisierung. Ein historiographischer Diskurs. In: Nada Boskova-Leimgruber (Hrsg.): Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge. Paderborn / München / Wien / Zürüch 1997, S. 39–55 (RTF von der Website Heinrich Richard Schmidts; 68 kB).

Modelle

Beide Forscher haben grundlegende Modelle für die Konfessionalisierung entwickelt, Reinhard für die inhaltliche, Schilling für die zeitliche Analyse.

Wolfgang Reinhard hat die „Geschlossenheit der neuen Großgruppe Konfession“ auf folgende Punkte gestützt:

Wiedergewinnung klarer theologischer Vorstellungen, Verbreitung und Durchsetzung neuer Normen, Propaganda und Verhinderung von Gegenpropaganda, Internalisierung der neuen Ordnung durch Bildung, Disziplinierung der Anhänger (im engeren Sinn), Einsatz von Riten, Beeinflussung der Sprache.Wolfgang Reinhard: Zwang zur Konfessionalisierung? Prolegomena zu einer Theorie des konfessionellen Zeitalters. In: Zeitschrift für Historische Forschung 10 (1983), S. 257–277, hier S. 263. Das nutzend, habe die Arbeit der Gemeindepriester und lokalen Lehrer Zugriff auf die Lebensführung der Untertanen geboten; die Kirchendiener wirkten also als „wichtige Transmissionsriemen zwischen staatlich-bürokratischem Zentrum und Peripherie“.Formulierung bei Heinz Schilling: Das konfessionelle Europa. Die Konfessionalisierung der europäischen Länder seit Mitte des 16. Jahrhunderts und ihre Folgen für Kirche, Staat, Gesellschaft und Kultur. In: Joachim Bahlcke, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur. Stuttgart 1999, S. 13–62, hier S. 45. Und wenn der werdende frühneuzeitliche Staat sich dieser Ressourcen zu bedienen verstand, habe er damit eine „Disziplinierung und Homogenisierung der Untertanen“Wolfgang Reinhard: Zwang zur Konfessionalisierung? Prolegomena zu einer Theorie des konfessionellen Zeitalters. In: Zeitschrift für Historische Forschung 10 (1983), S. 257–277, hier S. 268. erreichen können. Konfessionsbilder gehörten zu den Mitteln, die diesen Entwicklungsprozess begleiteten.

Heinz Schilling liefert ein Vierphasenmodell für die Zeit der Konfessionalisierung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches:

Vorkonfessionelle Phase: späte 1540er bis frühe 1570er Jahre → funktionierender Religionsfrieden Überleitung zur konfessionellen Konfrontation in den 1570er Jahren: Verstärkte Polarisierung und Konfrontation der Konfessionen, nicht zuletzt wegen der Ausbreitung der „Zweiten Reformation“ und eines politischen Generationswechsels Höhepunkt der Konfessionalisierung: 1580er bis 1620er Jahre Abschluss der Konfessionalisierung: vor allem nach dem Westfälischen Frieden 1648 mit einem „irenischen Impuls“.Heinz Schilling: Die Konfessionalisierung im Reich. Religiöser und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland zwischen 1555 und 1620. In: Historische Zeitschrift 246 (1988), S. 1–45.

Damit wurde auch die Geschichtsepoche zwischen 1570 und 1620, die zuvor im Schatten der herausragenden Ereignisse um die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg gestanden hatte, in den Mittelpunkt der Forschungsdiskussion gerückt.

Wolfgang Reinhard sieht dagegen einen weiteren zeitlichen Rahmen der Konfessionalisierung: Begonnen habe sie bereits mit den fürstlichen Kirchenvisitationen in den 1520er Jahren (und den Reaktionen auf altgläubiger Seite), geendet erst mit den konfessionellen Homogenisierungsprozessen in Frankreich und Großbritannien 1685 bzw. 1688–1707 und mit der Vertreibung der Salzburger Lutheraner 1731.Reinhard: Zwang, 262 In letzter Zeit hat außerdem unter anderen Helga Schnabel-Schüle den Schlusspunkt durch den Westfälischen Frieden, 1648, in Frage gestellt. Auch verschiedene Forschungen zu den Konfessionsbildungen in anderen Teilen Europas haben gezeigt, dass derartige Prozesse auch in anderen Zeiträumen stattfanden.Stefan Plaggenborg: Konfessionalisierung in Osteuropa im 17. Jahrhundert. Zur Reichweite eines Forschungskonzeptes. In: Bohemia. Band 44 (2003), S. 3–28 (Digitalisat).Olaf Mörke: Die politische Bedeutung des Konfessionellen im Deutschen Reich und in der Republik der Vereinigten Niederlande. Oder: War die Konfessionalisierung ein „Fundamentalvorgang“? In: Ronald G. Asch, Heinz Duchhardt (Hrsg.): Der Absolutismus – ein Mythos? Strukturwandel monarchischer Herrschaft in West- und Mitteleuropa (ca. 1550–1700). Köln/Weimar/Wien 1996, S. 125–164. Trotzdem ist die Rede von der Konfessionalisierung inzwischen auch in die geschichtswissenschaftlichen Debatten außerhalb des deutschsprachigen Raumes eingedrungen.Heinz Schilling: Confessionalization. Historical and Scholarly Perspectives of a Comparative and Interdisciplinary Paradigm. In: John M. Headley, Hans J. Hillerbrand, Anthony J. Papalas (Hrsg.): Confessionalization in Europe, 1555–1700. Essays in Honor and Memory of Bodo Nischan. Aldershot 2004, S. 21–35; für Spanien exemplarisch José Martínez Millán: En busca de la ortodoxia. El inquisidor general Diego de Espinosa. In: derselbe (Hrsg.): La corte de Felipe II. Madrid 1994, S. 189–228, hier S. 191 f., 196–221.

Kritik und Neuausrichtung