mini|Abrieb einer Grabplatte im Kreuzgang des Klosters Dobbertin (1371) Grabsteine (veraltet auch „Leichensteine“) sind bearbeitete, meist beschriftete massive monolithische Naturstein oder auch Kunststein, die auf Friedhöfen in der Regel am Kopfende eines Grabes freistehend aufgestellt sind: Sie dienen in den meisten Kulturen und allen großen Religionen zum Totengedenken sowie zur oberirdischen Kennzeichnung einer Grabstelle. Darüber hinaus haben sie aufgrund ihres sehr langlebigen Materials einen immanenten Bezug zur Ewigkeit.
Heutige Grabsteine weisen im Regelfall die Namen und Lebensdaten des oder der Verstorbenen auf, ein Kreuz oder andere Symbole und manchmal kleine Bilder oder einen Grabspruch. Die Gestaltung kann durch eine Friedhofsordnung geregelt sein. In alpinen Regionen oder kurz nach der Beisetzung eines Verstorbenen sind statt Grabsteinen auch Grabkreuze üblich (früher auch „Totenbretter“).
Geschichte mini|hochkant|Grabplatten des 17. und 18. Jahrhunderts auf dem Fußboden der Kirche St. Gommarus in Enkhuizen In der Antike wurden außerhalb von griechischen, griechisch-römischen und römischen Städten ganze Gräberstraßen angelegt (Athen, Pompeji, Via Appia bei Rom), die neben kleinen Baulichkeiten, Tempeln und Monumenten mit zahlreichen Grabsteinen (Stelen) besetzt waren. Römische Grabsteine mit Inschriften und Reliefdarstellungen fanden sich überall dort, wohin sich die römische Herrschaft und Kolonisation erstreckte.
Die christlichen Gemeinden übernahmen die römische Sitte, ihre Toten vor den Toren der Stadt (manchmal in Steinsarkophagen) beizusetzen und zur Ehrung und Erinnerung Grabsteine aufzustellen. Mit der aus der Reliquientranslation ins Innere der Kirchengebäude einhergehenden Suche nach dem fürbittenden Beistand der Heiligen entwickelte sich der Brauch, den geistlichen und weltlichen Adel, später auch wohlhabende, um die Kirche verdiente Bürger unter dem Fußboden der Kirchen, Kapellen und Kreuzgänge zu bestatten. Als äußeres Zeichen des Bestattungsortes wurden oberhalb des Fußbodens Grabplatten mit Inschriften und den Reliefbildnissen der Verstorbenen eingelassen. Diese Grabplatten wurden entweder aus Marmor, Sand-, Kalkstein, Granit, Schiefer oder auch Metall (Messing, Bronze) gefertigt. Als der Fußboden der Kirchen nicht mehr ausreichte, wurden die Grabplatten an den Wänden und Pfeilern der Kirchenschiffe und Kapellen aufrecht stehend befestigt. Im weiteren Verlauf wurden auch die in den Fußboden eingelassenen Grabplatten aufgerichtet, um sie vor der Zerstörung durch den Abrieb der Fußtritte zu schützen. Andere Gemeindemitglieder wurden außerhalb der Kirche im unmittelbar angrenzenden Terrain (Kirchhof) bestattet. Hier wurden ebenfalls Grabsteine errichtet, die oft an den Kirchenmauern befestigt wurden. Seit dem 18. Jahrhundert setzten sich aufrecht stehende Stelen durch. In der Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wurden Grabsteine in manchen Regionen mit langen biographischen Inschriften versehen. Sie werden deshalb mitunter als „redende“ oder „sprechende“ Steine bezeichnet.Walter Lüden: Redende Steine. Grabsteine auf der Insel Föhr. Hamburg 1984, ISBN 3-7672-0847-4.Wolfgang Runge: Sprechende Steine. Grabstelen im Oldenburger Land von 1600 bis 1800. Oldenburg 1979, ISBN 3-87358-110-8.
Da Grabsteine aus Granit und anderen Gesteinen teuer waren, wurden vielfach Grabmäler oder Kreuze aus Holz verwendet, die jedoch infolge der geringeren Haltbarkeit oft vergingen. Vielerorts werden in neuerer Zeit Holzkreuze als provisorische Kennzeichnung des Grabes – bis zum Setzen des endgültigen Grabsteins – benutzt. In Süddeutschland und der Alpenregion finden sich häufig Grabkreuze aus Schmiedeeisen, im 19. Jahrhundert waren zeitweise Kreuze aus Gusseisen beliebt. Auf den friesischen Inseln verwendeten die Walfänger Walknochen; insbesondere auf Vlieland sind solche Monumente noch erhalten geblieben.
Neben Grabsteinen, die die tatsächliche Ruhestätte eines Verstorbenen markieren, sind seltener auch solche zu finden, die lediglich an eine anderswo bestattete Person erinnern. So gibt es auf Familiengrabstätten Inschriften oder gesonderte Tafeln zur Erinnerung an Angehörige, die nicht im Familiengrab beerdigt werden konnten, weil sie z. B. im Krieg gefallen sind und auf einem Soldatenfriedhof bestattet wurden.
Früher wurden alte Grabsteine oft auch für andere Zwecke, wie etwa Treppenstufen, wiederverwendet. Die Weiterverwendung zeitgenössischer Grabsteine nach Ablauf der Grabnutzungsrechte ist stark umstritten. Teilweise werden vor einer Weiterverwendung für profane Zwecke die Inschriften unkenntlich gemacht, da es von den Angehörigen der verstorbenen Person meist als pietätlos empfunden wird, wenn sie den wiederverwendeten Grabstein in einem anderen Zusammenhang antreffen. Im Jahr 2017 berichteten Medien über einen solchen Fall, bei dem ein Grabstein mit Inschrift in einem Vergnügungspark als Bestandteil der Dekoration eines „Geisterhauses“ aufgestellt und dort zufällig von Angehörigen entdeckt worden war.stern.de
Während die Entfernung von Grabsteinen im Christentum bzw. auf nichtkonfessionellen Friedhöfen nach Ablauf einer gewissen Zeit allgemein üblich ist, kennt das Judentum keine zeitlich begrenzte Ruhezeit. Gräber und Grabsteine sollen möglichst „auf immer“ erhalten bleiben. Daher weisen alte jüdische Friedhöfe meist eine sehr große Zahl dicht nebeneinander stehender Steine auf. Umgekehrt ist daher die Schändung jüdischer Friedhöfe seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart ein besonders stark antijüdisch bzw. antisemitisch geprägtes Vergehen.
Viele Friedhofssatzungen enthalten die Bestimmung, dass nach Ablauf der Ruhefrist die Angehörigen eines Verstorbenen den Grabstein innerhalb einer bestimmten Frist entfernen können. Verzichten sie darauf, geht das Eigentum an dem Grabstein auf die Friedhofsverwaltung über. Diese kann den Stein dann entsorgen oder anderweitig verwenden. Letzteres geschieht wegen der verhältnismäßig hohen Kosten für einen sorgfältigen Abbau jedoch nur selten (siehe unten), Ausnahmen sind künstlerisch oder historisch wertvolle Grabsteine, die dann an anderer Stelle aufgestellt werden.
Grabsteine in verschiedenen Kulturen mini|Mazewot auf dem jüdischen Friedhof in Essingen mit segnenden Händen der Kohanim Christliche Traditionen Bei Gräbern in christlichen Kulturen werden meist der Name der Verstorbenen und das Geburts- und Todesdatum (oder nur das Jahr) angegeben. Insbesondere in katholischen Ländern sind Bilder der Verstorbenen üblich. Grabsteine werden oft mit biblischer Ornamentik versehen, im evangelischen Raum sind auch Bibelsprüche auf folgende Äußerung Luthers hin üblich:
Jüdische Grabsteine Jüdische Grabsteine heißen Mazewa (Plural: Mazevot) und sind oft mit Symbolen versehen (z. B. Segnende Priesterhände, Levitenkanne, Schofar), die auf die Bedeutung des Toten im Leben hinweisen sollen. Oft ist die Inschrift auf einer Seite hebräisch, auf der anderen in der Landessprache der Bestattung. Es ist üblich, dass die Hinterbliebenen bei einem Besuch des Grabes einen (dauerhaften) Kieselstein auf den Grabstein des Toten legen. Dafür sind (lebende, also verderbende) Blumen oder Pflanzen nicht gebräuchlich. Die Kieselsteine, die traditionell auf jüdische Grabsteine gelegt werden, heißen auf (), was „Erinnerungsstein“ bedeutet. Auf Jiddisch werden sie als „steinlekh“ bezeichnet, was einfach „Steinchen“ oder „kleine Steine“ bedeutet. Das Ablegen von Kieselsteinen auf einem Grab ist ein Akt des Gedenkens und des Respekts, der symbolisiert, dass der Besucher das Grab nicht vergessen hat. mini|Jüdischer Grabstein mit ( oder steinlekh) mini|hochkant|Osmanischer Grabstein (Istanbul, 19. Jh.)
Grabsteine im Islam Im Islam kann ein Grab nach der Beisetzung mit einem Grabstein versehen werden, der den Namen und das Alter des Verstorbenen (sowohl nach dem Lunarkalender des Islams als auch nach dem gregorianisch geprägten Solarkalender), die Namen des Vaters oder der Mutter, Blumenornamentik, Bilder der Verstorbenen, schriftliche Verweise auf ihre Todesursachen, Koranverse und Hadithe beinhalten kann. Hier gibt es teilweise Unterschiede, je nach Ethnie und Land oder nach Gesichtspunkten wie wirtschaftlicher, politischer und sozialer Status des Verstorbenen. Auf den meist ungepflegten Berberfriedhöfen finden sich namenlose, unbehauene senkrechte Steinplatten, die weniger der Erinnerung an die Toten dienen als dem Zweck der Markierung zur Vermeidung von Doppelbelegungen desselben Platzes.
Gräber in Japan In Japan werden Grabsteine üblicherweise mit Grab der Familie … beschriftet. Die einzelnen beigesetzten Familienmitglieder werden, wenn überhaupt, nur auf der Rückseite aufgelistet. Die Familienzugehörigkeit wird patrilinear bestimmt. Bräuche und Pflege variieren, jedoch besuchen viele Familienangehörige die Gräber ihrer Familie am Obon-Fest.
Grabsteinarten Ein Grabstein kann verschiedene Formen haben.
Stehender Grabstein Der stehende Grabstein ist die am weitesten verbreitete Variante des Grabsteins. Er bietet durch seine große, gut einsehbare Fläche viel Raum für Schriften und Verzierungen. Der Vorteil eines stehenden im Vergleich zu einem liegenden Grabstein ist die höhere Resistenz gegenüber Erdabsenkungen. Durch das Fundament und die damit verbundene Standfestigkeit muss der Steinmetz auch nach langer Zeit nicht nachbessern. Somit werden eventuell anfallende, nachträgliche Kosten vermieden. Andererseits kann durch Lockerung des Grabsteins auf dem Sockel auch die Gefahr des Umstürzens eintreten, die bei einem bereits flach liegenden Stein naturgemäß nicht gegeben ist.
Liegender Grabstein (oder „Grabplatte“) mini|hochkant|Grabkreuz und Grabplatte von G. F. Dasbach in Trier Liegende Grabsteine eignen sich für Sarg- und gleichermaßen für Urnengräber. Im Gegensatz zum stehenden Grabstein existieren beim liegenden Grabstein Varianten mit und ohne Fundament. Im zweiten Fall legt der Steinmetz das Grabmal ohne vorherige Fundamentierung auf das Grab und kann es durch einen Keil auf der Rückseite leicht anschrägen. So ist der Schriftzug auf dem Stein von oben gut lesbar. Die Installation des liegenden Grabsteins ist günstiger als die des stehenden Grabsteins, der eine Fundamentierung durch den Steinmetz erfordert. Durch diesen Aspekt ist der liegende Grabstein anfälliger gegenüber Erdabsenkungen und ein Steinmetz muss ihn nachträglich richten, wodurch weitere Kosten entstehen können. Des Weiteren ist der liegende Grabstein mit seiner waagerechten Ausrichtung und Nähe zum Boden anfälliger gegenüber Schmutz und Witterungseinflüsse. Daher bedarf er regelmäßiger Pflege und Säuberung, um die Grabanlage in einem ansprechenden Zustand zu erhalten. Andererseits entfallen bei einem liegenden Stein, der die gesamte Grabfläche bedeckt, die Bepflanzung und deren Pflege.
Wiesenstein Der Wiesenstein ist eine kleine Grabplatte, die ein Steinmetz ebenerdig in den Erdboden einarbeitet. Die Grabpflege ist einfach, da der Grabinhaber lediglich umliegendes Gras regelmäßig entfernen und Schmutz auf der Grabplatte beseitigen sollte. Weitere Pflanzarbeiten entfallen – umgekehrt ist ein Schmücken des Grabes mit Blumen, das Aufstellen von Kerzen usw. dann auch nicht gestattet. Aufgrund der Größe und Pflege dieser Art der Grabanlage ist der Wiesenstein eine kostengünstige Alternative im Vergleich zu stehenden oder liegenden Grabsteinen mit Einfassung. Ob und in welcher Weise ein Wiesengrab angelegt werden darf, ist durch die Friedhofsordnung bestimmt, die vor bestimmten Maßnahmen eingesehen werden sollte.
Stehende und liegende Grabsteine können mit oder ohne Einfassung eingerichtet werden. Teilweise verlangen Friedhofsordnungen jedoch eine Einfassung. Auf die Einfassung kann eine Abdeckung in verschiedenen Formen (halboffen oder geschlossen) angebracht werden.
Gestaltungsvorschriften